Warum Blau das bessere Grün ist

Interview
Michael Köckritz

Fotos
Presse

Datenanalyse-Pionier Dr. Nicolas Bissantz kämpft für mehr Blau und besseres Informationsdesign – im Management und im Auto. Ein Gespräch.

Herr Bissantz, die Farbe Blau bedeutet Ihnen viel?
Allerdings. Wir haben um sie gerungen und sie gegen das Grün verteidigt und am Ende gewonnen!

Grün und Blau liegen im Kampf?
Im Auge liegen die Farbrezeptoren für Grün und Rot eng beisammen. Das macht die Unterscheidung von Grün und Rot schwer, und zwar nicht nur für Farbenblinde, sondern es erzeugt anstrengende Kontraste. Grün und Rot gleichzeitig ist schwierig. Blau und Rot dagegen ist einfach, Trotzdem sind Ampeln grün oder rot. Das »oder« hilft ein wenig. Dennoch sind grüne Ampeln in Japan, wie man hört, so blau wie es gerade geht. Dass der Mensch Rot und Grün unterscheiden kann, ist evolutionär betrachtet eine recht neue Angelegenheit. Vorher haben wir einfach nur gegessen, was krabbelte.

Weil es sich bewegte und der Mensch noch keine Farben erkennen konnte?
Ja. Die roten und reifen Beeren vor grünem Blattwerk zu erkennen, ist aufwendig. Rot ist für das Auge genau genommen nur ein anderes Grün.

Plädieren Sie dann etwa für rot-blaue Ampeln?
Nein, ich kämpfe für besseres und naturwissenschaftlich fundiertes Informationsdesign in Unternehmen, und damit auch gegen die sogenannten »Ampelsysteme« in Controlling und Management.

Ampeln und Farben haben es Ihnen angetan?
Sehr, und das schon lange. Nicht erst seitdem die Aufsichtsgremien zweier Landesbanken und die des Flughafens Berlin-­Brandenburg grandios an ihren Ampellogiken ge­schei­tert sind. Mit teuren Folgen für uns alle.

Was war passiert?
Es ist seit einiger Zeit Mode, die Performance von Projekten, Investitionen oder Ergebnisobjekten mit Farbsignalen zu kennzeichnen. Rot für »Obacht!«, Grün für »okay«, Gelb für »vielleicht«. Die Aufsichtsräte beriefen sich auf die vermeintliche Eindeutigkeit der Signale und wurden für ihre Sorglosigkeit und die Umkehr von Verantwortung von oben nach unten scharf kritisiert, zum Teil gerichtlich belangt.

Unternehmen verlassen sich auf Farben statt Daten?
Ja, und das ist menschlich. Wir haben alle mehr Daten als Zeit. Wenn dann aber die notwendige Einfachheit das Ergebnis von Übervereinfachung ist, fallen wir auf die scheinbare Entlastung herein.

Und worin bestand Ihr Sieg?
Unseren Kunden konnten wir erklären, dass im Management Rot-Blau der bessere Farbcode für Signale ist als Rot-Gelb-Grün.

Wie kann man das Gelb weglassen? Ist denn alles so eindeutig Rot oder Blau?
Dem Kaufmann ist Gelb fremd. Kaufmännisches Denken heißt, ich weiß, wovon ich mehr will und wovon weniger. Gewinn und Verlust, Einnahmen und Ausgaben, Soll und Haben, so dichotom geht es in der Betriebswirtschaft zu.

Und das ist differenziert genug?
Nicht ganz. Wir zeigen alle Daten in Intensitäten von Rot und Blau. Das drückt die Stärke des »Mehr« oder »Weniger« aus. Die Priorität ergibt sich aus den Daten automatisch. Das Auge sortiert Intensität ganz von allein, während Rot-Gelb-Grün gelernt und dechiffriert werden muss.

Sie glauben, mit Rot-Blau hätte Berlin schon einen Flughafen?
Die Probleme liegen sicher tiefer. Aber so viel ist bekannt: Die Ampelsignale für Wowereit waren nicht nur seltsam naiv, sondern überdies gefälscht. Meine Schlussfolgerung daraus ist: Wo die Methode nichts taugt, ist der Missbrauch nicht weit.

Inzwischen finden Sie Ihre Einsichten nicht nur im Büro und fürs Business. Sie fahren Rennen – mit einer Eye­­tracking-Brille auf der Nase. Sie haben den Blickverlauf von Hans-Joachim »Strietzel« Stuck auf der Nordschleife aufgezeichnet. Sie sprechen mit der Automobil­industrie über Tachodesign.
Aufmerksamkeit ist überall knapp, und wo ich hinschaue, wird der Zusammenhang zwischen Sehen und Verstehen unvollständig verstanden oder ignoriert. Gegenwärtig fällt mir das besonders bei der Digitalisierung des Armaturenbretts auf. Das aktuelle Interaktionsdesign im Auto ist eine Katastrophe. Nie nahmen sich Autos wichtiger oder heischten mehr um die Aufmerksamkeit des Fahrers.

Warum ist Sehen ein Problem? Ist der Mensch nicht ein »Augentier«?
Wir haben unsere Augen weit weniger unter Kontrolle, als uns das vorkommt. Ein Beispiel: Zierleisten neben Knöpfen lenken den Blick ab. Das Entziffern der Beschriftung wird zur Qual. Wir empfinden Stress, aber wir wissen nicht, woher er kommt.

Wieso ist uns das nicht bewusst?
Um unser Überleben zu sichern, hat die Natur unser Auge zu einem Detektor für Auffälligkeit gemacht. Bewegung, Farben, starke Kontraste zwingen das Auge unbewusst und mühelos, etwas zu inspizieren. Ist die Auffälligkeit aber irrelevant, müssen wir den Blick bewusst und mit Mühe auf das Relevante richten.

Und das haben Sie gelernt, als Sie zusammen mit Stuck und den Eyetracking-Brillen auf den Nasen über die Nordschleife gerast sind?
Dabei kam heraus, dass selbst Profis, deren Performance von einem disziplinierten und fokussierten Blickverlauf unmittelbar abhängt, es nicht gänzlich verhindern können, dass sie durch unvermeidbare oder falsch eingesetzte Kontraste abgelenkt werden.

Ist eine Rennstrecke nicht eine »Challenge by design« – gerade die Nordschleife mit ihren blinden Kuppen – und macht es dem Rennfahrer bewusst schwer?
Absolut richtig. Deswegen können wir im Rennsport so gut studieren, wie Sehen unter Extrembedingungen funktioniert. Außerdem sind Aufnahmen mit Eyetracking-Brillen dann gerade noch machbar, weil der Kopf halbwegs ruhig bleibt.

Woher kamen dann die größeren Ablenkungen, von der Strecke oder vom Innenraumdesign?
Wir waren absolut baff, Augenbewegungen zu finden, die rein gar nichts zu einer schnellen Rundenzeit beitragen. Auf der Strecke gehören sie zur Herausforderung und der Blickverlauf eines Profis stellt sich wegen der Wiederholung derselben Aufgabe beinahe perfekt darauf ein. Im Innenraum von Rennwagen würden wir tatsächlich einiges verändern.

Auch in normalen Straßenautos?
Ich finde die Bedienung oft verspielt, überladen und dadurch voller Ablenkung. Es scheint fast so, als seien die vielen Assistenzsysteme im Auto vor allem dazu nötig, dass der Fahrer trotz Bedien-Chichi nicht im Graben landet …

So schlimm?
Nein, schlimmer. Um es ganz deutlich zu sagen: Das Armaturenbrett einer zehn Jahre alten Familienkutsche chinesischer Bauart ist funktionaler und entlastender als das, was ich als Mietwagennutzer in vielen aktuellen Premiummodellen vorfinde.

Was steht bei Ihnen in der Garage?
Ein Porsche Panamera. Für die Anzahl der Knöpfe wurde er oft kritisiert, aber sie verorten die Bedienelemente klar – und das ist dem Herumsuchen in Menüs haushoch überlegen.

Welche Erkenntnisse braucht es, um das Design 
zu verbessern?
Das meiste braucht nur gesunden Menschenverstand. Warum taucht eine optionale »Sportanzeige« alles am Tacho und am Drehzahlmesser unterschiedslos in Rot? Warum doppelt man die Anzeige der Geschwindigkeit als schlecht ablesbaren Zeiger mit gut ablesbarer digitaler Anzeige, wobei die Bewegung des Zeigers dann das Auge wieder irritiert?

Zu viel Rot, zu wenig Blau?
Das Mindeste an »mitdenkender Technologie« wäre doch, dass die Geschwindigkeit erst in Rot angezeigt wird, wenn der Fahrer die Geschwindigkeitsbegrenzung überschreitet.

Die Automobilindustrie muss weltweit denken. Sehen Sie im Design kulturelle Unterschiede? In China mögen Ihre Lieblingsfarben anders gedeutet werden als etwa in Europa.
Das hat mich auch in meinem Kerngebiet, der Management­information, beschäftigt. Zum Ersten ist Wahrnehmung überindividuell und folgt biologischen Gesetzen. Zum Zweiten findet Gestaltung in einem Kontext statt. Auf vielen Gebieten ist der Kontext inzwischen global. Kaufleute auf der ganzen Welt verstehen rote Zahlen und Autofahrer rote Ampeln.

Und was sagt man in China zu Blau?
Dasselbe wie bei uns und anderswo: Das Blau des Himmels und des Meeres wird überall auf der Welt als etwas Positives verstanden. Genauso gut hat man in China verstanden, dass man für Signale in Unternehmen mit den Intensitäten von zwei Farben auskommt und weder ein Vielleicht noch ein Gelb dafür braucht. Bei unseren Kunden hat das Klarheit geschaffen. Die wünsche ich mir im Auto auch wieder.

Dr. Nicolas Bissantz

Der Experte für Visualisierung und Wahrnehmung promovierte 1992 in Nürnberg im Bereich Wirtschaftsinformatik. Anschließend forschte er zu künstlicher Intelligenz im Bayerischen Forschungszentrum für Wissensbasierte Systeme FORWISS. 1996 gründete er die Bissantz & Company GmbH, einen Thinktank im Bereich Business Intelligence und Data Mining, der in seine Forschungen auch Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Psychologie einbezieht.

Mehr über die Bedeutung der Farbe Blau gibt’s in der ramp #42

Cart Item Removed. Undo
  • No products in the cart.

Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close