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Ein »Riviera Cocktail« der optisch reizvollen Art

Text
Jürgen Lewandowski

Fotos
Edward Quinn

In den Fifties hatten Stars noch Glamour, und nichts drückte deutlicher aus, dass man es geschafft hatte als ein chromglänzender neuer Wagen – das waren Zeiten! Hatte man dann als Fotograf noch das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, konnten grandiose Bilder entstehen – so wie die von Edward Quinn.

Alain Delon und Jane Fonda

Der „eiskalte Engel“ und „Barbarella“ während der Dreharbeiten zum Film „Les Félins“ („Wie Raubkatzen“).
Antibes 1964
1958-60 Ferrari 250 GT Spider California

1980 tauchte der Name Edward Quinn nach einer Zeit des Vergessens wieder auf: er stand auf einem Buch, das den verheißungsvollen Titel Riviera Cocktail trug – und der Untertitel lautete: Die goldenen Fünfziger an der Côte d’Azur. Ich war von dem Buch fasziniert: Der in dunklem Lila gehaltene Umschlag versprach Namen wie Gunter Sachs, Giovanni Agnelli, Jean Cocteau, Françoise Sagan, Peter Ustinov, Yul Brynner und natürlich Brigitte Bardot – und dazu Dutzende von weiteren Namen.

Brigitte Bardot

Auf dem Cannes Film Festival 1956. Im selben Jahr drehte sie mit Curd Jürgens „Et Dieu … créa la femme“ („Und immer lockt das Weib“).
Cannes 1956
1955 oder 56 Simca Aronde Week-end

27 Jahre gab es den Riviera Cocktail wieder. Und endlich bekam Edward Quinn das Lob und die Anerkennung, die dem Werk ein Vierteljahrhundert zuvor noch versagt geblieben waren: Endlich erkannte man den Glanz und den Glamour einer Zeit, in der sich Geld und Geist ergänzten, in der Prominenz noch nicht die Beute aufdringlicher Paparazzi war und sich Filmstars im Alltag normal bewegen konnten. Es öffnete sich ein Zeitfenster, in dem sich die große Welt an einem kleinen Küstenstrich traf, um dort Filme zu drehen, Feste zu feiern, Ferien zu genießen und sich dem süßen Leben hinzugeben, das nach Jahren des Krieges so genüsslich gelebt wurde – gelebt werden musste, denn die Dämonen des Krieges wollten sicher auf Distanz gehalten werden.

Yul Brynner

Der in Wladiwostok geborene Schauspieler nach einem Aperitif im Café „Le Bateau ivre“. Um unbemerkt zu bleiben, behielt er seinen Hut auf. Saint-Tropez 1959
1957-63 Mercedes-Benz 300 SL Roadster

Natürlich gehörte auch das Automobil zu diesem Lebensstil – es stand nicht nur für eine wieder gewonnene Mobilität und die Gewissheit, sich die Orte und Landschaften zu erobern, zu denen man sich auf der Suche nach Schönheit und Lebensfreude hingezogen fühlte; zu den In-Stätten einer Gesellschaft, die das Feiern wieder kultivieren wollte. Das Automobil stand auch – in der Tradition der 20er und 30er Jahre – als Symbol für Reichtum, zuweilen sportliche Ambitionen und hin und wieder auch für Geschmack.

Das Automobil stand für eine wieder gewonnene Mobilität – und war Symbol für Reichtum, sportliche Ambition und im Idealfall auch für Geschmack.

Und was gab es für geschmackvolle Autos: Zu ihnen gehören zweifellos die diversen Ferrari 250 GT California Spider, von denen einer im Frühjahr 1961 von dem Regisseur Roger Vadim erworben wurde, der ihn dann angeblich Brigitte Bardot schenkte – obwohl er sich mit Catherine Deneuve ablichten ließ. Alain Delon und Jane Fonda machten dann 1964 ebenfalls die Côte d’Azur mit einem California Spider mit monegassischer Zulassung unsicher. Oder man sieht einen 212 Vignale Spider (0076E) des Filmregisseurs Roberto Rossellini, der damit in Monaco einen Zwischenstopp einlegte, um den fragilen Zwölfzylinder reparieren zu lassen. Noch rarer der 375 MM (0456 AM) aus dem Jahr 1954, den sich Roberto Rossellini und Ingrid Bergman bei der Carrozzeria Pininfarina bauen ließen – und der nur drei Jahre später als Gebrauchtwagen in Cannes auftauchte, und heute als Meilenstein des Karosseriebaus und als Ikone italienischen Designs gilt.

Alain Delon und Romy Schneider

Als Ehrengäste von Grace Kelly – Fürstin Gracia Patricia – bei der Gala de Pâques im International Sporting Club.
Monte Carlo 1959

Damals hatte man ein anderes Verhältnis zu Automobilen. Das beweist schon das Foto von Peter Ustinov und seinem Aston Martin DB 2 Drophead Coupé. Der später zu Sir Peter Geadelte nutzte das edle Gefährt als Alltagswagen – zu jeder Zeit und in jedem Outfit, wie die praktischen Sandalen zeigen, in denen der spätere Weltstar und Hispano-Suiza- und Maserati-Besitzer neben seinem Aston Martin zu bewundern ist. Die wenigen Fotos, auf denen die Prominenz gewöhnliche Automobile besteigt, wie der ausgewiesene Ferrarista Roberto Rossellini beispielsweise den Panhard Dyna oder der monegassische Grand Prix-Fahrer Louis Chiron, der seine Frau in deren Renault 4 CV betrachtet, sind die Ausnahme. Doch natürlich zeigen auch diese beeindruckenden Bilder nicht die volle Realität: Sophia Loren neben einem Peugeot 203? Brigitte Bardot, die gerade dabei ist, aus einem Citroën 2CV zu steigen? Es musste schon eine wichtige Persönlichkeit sein, die auch neben einem Alltagsauto fotografiert wurde – das ganz normale Alltagsleben findet in dem Œuvre von Edward Quinn nur begrenzt statt. Denn das einfache Leben wurde in den 50er Jahren ausgegrenzt – wer Fotos von der Côte d’Azur sehen wollte, erwartete Glamour und Stars.

Brigitte Bardot und Sacha Distel

Das spätere Gesangsduo („Le soleil de ma vie“) auf dem Weg zur Hochzeit des Jazzmusikers Moustache.
Antibes 1958
1953-55 Austin Healey 100-4

Rainier III.

Autoliebhaber Fürst Rainier von Monaco vor seiner Villa „Iberia“. Er nahm unter dem Pseudonym Louis Carladès an der Tour de France de l’automobile teil und fuhr gegen einen Baum.
Saint-Jean-Cap-Ferrat 1954
1953-54 Lancia Aurelia B20 Gran Turismo 2500

Lincoln, Benz, Lancia, Ford

Die Autos von Fürst Rainier.
Monaco 1954
1950 Lincoln Cosmopolitan; Mercedes-Benz 300 Limousine; Lancia Aurelia B20 Gran Turismo 2500; 1953 Ford Vedette (von links)

Und deshalb finden sich unter diesen Erinnerungen an eine große Zeit auch die großen amerikanischen Straßenkreuzer, britische Limousinen und die beinahe unvermeidbaren Staatskarossen des Hauses Rolls-Royce, die von der Bedeutung und dem Reichtum ihrer Besitzer erzählen. Wer es etwas sportlicher mochte, griff gerne zu dem Ford Thunderbird, jener pseudo-sportlichen Antwort des Hauses Ford auf die Corvette. Später kamen dann, neben den erwähnten Ferrari-, Jaguar- und Aston-Martin-Modellen auch ein paar Porsche und vor allem der Mercedes-Benz 300 SL hinzu. Dieser gab mit seiner einzigartigen Melange aus aggressiven Formen (Flügeltüren!), avantgardistischer Technik (Rohrrahmen! Benzineinspritzung!) und sportlichen Erfolgen (Siege in Le Mans, am Nürburgring und bei der Carrera Panamericana!) jedem einigermaßen vermögenden Macho das Gefühl, den ultimativen Sportwagen zu besitzen. Und man muss sich nur die wissenden Gesichter eines Karim Aga Khan, eines Yul Brynner oder des Schah von Persien ansehen, um zu wissen, dass sie den Jackpot gewonnen hatten: Mehr Status ging nicht mehr.

Yasmina Khan

Die Tochter von Prinz Aly Khan und Schauspielerin Rita Hayworth mit ihrem treuen Begleiter Harvey.
Nizza Flughafen 1956
1956 Nash Rambler Cross Country Custom

Natürlich war die Côte d’Azur ein Biotop: perfektes Wetter für perfekte Filme; eine Landschaft, der man – wenn man den Touristenströmen auszuweichen vermag – noch heute verfallen kann, dazu perfektes Essen, gute Weine, reichlich Champagner und derart schöne Frauen, dass die reichen und die attraktiven Männer angezogen wurden wie die Motten vom Licht. Dazu kam, dass das Leben hier für die amerikanischen Filmproduzenten und deren Entourage dank des harten Dollars spottbillig war; und da die wunderbaren Grand Hotels an der Küste den idealen Background boten und das Fürstentum Monaco auch noch den Charme eines Operettenstaats samt eines echten Fürsten zu versprühen wusste, ging von der Côte d’Azur eine immense Anziehungskraft aus.

Audrey Hepburn und Ehemann Mel Ferrer

Einige Jahre zuvor hatte Audrey – als einer der ersten Stars – in Edward Quinns Mathis gesessen.
Eden Roc Hotel, Cap d’Antibes 1956
1956 Ford Thunderbird Hardtop

Was fasziniert uns heute so an diesen Aufnahmen?

Wahrscheinlich ist es zuerst einmal die Leichtigkeit, die diese Fotos versprühen. Die Lebensfreude und – ja, auch das: die Freude daran, zu zeigen, was man hat. Während man sich heute gerne dafür schämt, dass man es zu etwas gebracht hat. Hatten die Phantasie, die Kreativität und die in sie investierte Arbeit Erfolg und Status gebracht, war es damals keine Frage, dass die Träume verwirklicht und ausgelebt werden wollten.

Ein Blick in ihre Gesichter und es ist klar: Sie wussten, dass sie den Jackpot geknackt hatten – mehr Status ging nicht mehr.

Edward Quinn lebte in einem Shangri-La, das voll von Cabriolets und schönen Menschen war. Ein Land, in dem Geld und Reichtum besessen und gezeigt wurden – und in dem die Automobile ein zentraler Bestandteil dieser Selbstinszenierung waren; noch eilte man nicht per Hubschrauber von Party zu Party, noch war die Fahrt das Ziel. Die Automobile durften Ihre Aufgaben zeigen: Repräsentation, Sportlichkeit, Noblesse und zuweilen auch etwas Hedonismus. Darüber hinaus herrschte noch nicht das Diktat des Windkanals und die Lust am Chrom war ungebrochen, woraus eine Vielfalt an Formen erwuchs, die uns heute nahezu atemlos macht.

Der Blick auf Quinns Fotos vermittelt aber auch eine weitere Erkenntnis: Es gab zur damaligen Zeit eine größere Zahl an Autoherstellern. So existierte in Frankreich von Simca über Facel-Vega, Talbot, Bugatti und Panhard bis hin zu Peugeot, Citroën und Renault eine stattliche Reihe von Marken. In Großbritannien wurden Autos unter den Namen Bristol, MG, Hillman, Sunbeam, Austin Healey, Aston Martin, Jaguar, Rolls-Royce und Bentley produziert. Vollends überwältigend war die Vielfalt unter den Amerikanern – hier gab es Marken wie Nash, Buick, Packard, Dodge, Studebaker, Oldsmobile, Kaiser, Hudson, Ford, Lincoln, Chevrolet und Chrysler – und natürlich die überladenen, aber beeindruckenden Cadillac, in denen sich die Filmstars so gerne sehen ließen.

Dagegen war Deutschland mit Mercedes-Benz, BMW und Porsche geradezu dürftig vertreten. Das erklärt sich aus dem relativ kleinen Angebot an Top-Modellen: da gab es letztlich nur die Mercedes-Benz 300er-Modelle und den BMW 503 und 507. Ähnlich auch die Lage in Italien: Es bedurfte schon eines Beach-Buggies wie dem Jolly, um einen Prominenten in einen Fiat zu lotsen – sie begeisterten sich mehr für die Design und Technik verbindenden Modelle von Ferrari, Maserati, Alfa-Romeo und Lancia. So wundert es auch nicht weiter, dass Fürst Rainier von Monaco in seiner gut sortierten Garage besonders gerne in die Fahrzeuge aus dem Hause Lancia stieg: einen B20 Aurelia Gran Turismo und einen hinreißenden Lancia Aurelia B24 Spider America.

Grace Kelly und Rainier III.

Nach der Hochzeitsfeier fahren Fürst Rainier und Fürstin Gracia Patricia in einem Rolls-Royce davon.
Monaco-Ville 1956
1953 Rolls-Royce Silver Wraith DHC Hooper, Chassis-Nummer WVH74

Grace Kelly

Noch ohne Fürstentitel. Vor ihrem ersten Besuch des Royal Palace, wo sie Prince Rainier traf.
Monaco 1955
1955 Studebaker Commander

Eine Reise durch die Welten von Edward Quinn ist eine Reise durch eine Zeit, die es so nie wieder geben wird – natürlich ist die Côte d’Azur auch heute noch hinreißend: Wenn man zur richtigen Jahreszeit an den richtigen Orten ist. Ansonsten ist sie zu einer Art Disneyland mutiert und entsprechend überlaufen und überteuert. Sehen wir die Bilder also als das, was sie sind: eine wunderbare Erinnerung an eine Zeit, in der bei Gott nicht alles besser war, aber die Menschen die feste Überzeugung besaßen, dass alles besser werden könnte. Wahrscheinlich ist es dieser Optimismus, der diese Fotos zu etwas Besonderem macht. Und erfreuen wir uns auch an der Pracht und an der Vielfalt dieser Automobile – auch die wird es so nie wieder geben.

Edward Quinn, Stars and Cars of the ‘50s.

Erschienen im teNeues Verlag.
256 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag.
Format: 28,5 x 35 cm.
Rund 150 Duplexabbildungen.
Text in Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch.

© Stars and Cars of the ’50s by Edward Quinn, erschienen im September 2008 bei teNeues, € 79,90, www.teneues.com, Photo © edwardquinn.com. All rights reserved.

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