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»Mich interessiert nicht, wer am Steuer sitzt.«

Interview
Philipp Wente / Matthias Mederer

Fotos
Philipp Wente

Daniel Simon entwickelte Concept-Cars für VW, dann ging er nach Hollywood und ließ in »Tron: Legacy« automobile Filmfantasien Leinwandrealität werden. Jetzt stellt er sich Rennfahrzeuge vor – ohne Menschen am Steuer. Und das nicht im Film, sondern ganz real.

Die Szenerie ist bekannt. Monaco, ein Ort, der für jeden Rennsportfan gleichermaßen exzentrisch wie verführerisch klingt. Wenn sich die Formel 1 hier mit nahezu 300 Stundenkilometern Topspeed an den Leitplanken entlangzoomt, dröhnen bei jedem Anbremsen in der Dunstwolke aus Benzin, Gummi und Bremsstaub Namen wie Stewart, Lauda oder Schumacher mit. Und natürlich Senna. Immer wieder Senna. Der Brasilianer sprach von seiner »intensivsten Erfahrung« im Rennsport. Hier in Monaco. 1988 war das. Auf einer Runde im Qualifying fuhr er fast eineinhalb Sekunden schneller als sein Teamkollege Alain Prost. Senna stieg damals aus dem Auto und sagte zu seinen Jungs: »Das ist das Maximum, es gibt keinen Raum, um noch schneller fahren zu können.« Jetzt, fast 30 Jahre später, sitzt Daniel Simon in Monaco beim Rennen der Formula E und sagt: »Doch, es geht sogar noch sehr viel schneller.« Er sagt das natürlich nicht, ohne auf sein neuestes Projekt zu verweisen: autonom fahrende Rennautos mit Elektroantrieb, »Roborace« genannt. Jetzt muss man über Daniel Simon wissen, dass er im Grunde ein großer Rennsportfan ist, weit davon entfernt, an der Legende Senna zu rütteln. Aber der Designer kennt auch die Gegenwart und die technologischen Möglichkeiten eines Zeitalters, in dem ein Handy die Rechenleistung der Apollo-Missionen bei Weitem übertrifft. Für Simon ist klar, dass ein Rennwagen ohne den limitierenden Faktor Mensch zu Rundenzeiten imstande ist, die unser Verständnis für Geschwindigkeit neu definieren. Die Helden am Steuer bleiben dabei auf der Strecke, oder besser gesagt: neben der Strecke. Höchste Zeit also für ein paar ernste Fragen an Daniel Simon.

»Es geht sogar noch sehr viel schneller.«

Herr Simon, Sie wollen Robotern bei einem Wettrennen zuschauen. Hand aufs Herz: Lebt Rennsport und seine Faszination nicht von den Typen am Steuer und gehen uns diese dann nicht ab?
Ich stehe dem Ganzen auch kritisch gegenüber und muss mich konstant selbst davon überzeugen, dass das wirklich spannend werden kann. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, weil ich immer wieder feststelle, dass mich gar nicht mehr interessiert, wer da am Steuer sitzt. Mich fasziniert vor allem, dass hier Objekte mit unfassbarer Geschwindigkeit über einen Kurs rasen, die sich jederzeit berühren und abfliegen können, wenn sie versuchen, einander zu überholen. NASCAR finde ich zum Beispiel hochspannend, aber ich kenne vielleicht zwei, drei der Fahrer aus dem gesamten Feld beim Namen. Bei Roborace geht es auch gar nicht so sehr darum, den Rennfahrer abzuschaffen. Es geht darum, zu versuchen, weiter zu denken. Ich schaue immer so 20 Jahre in die Zukunft.

Spielt da dann auch das Thema Mensch gegen Maschine eine Rolle?
Das ist definitiv ein sehr spannendes Thema mit großem Potenzial. Vielleicht können wir bei der nächsten Generation des Roboracers bereits eine Klappe aufmachen und da passt dann ein menschlicher Pilot rein. Das ergäbe zwei Möglichkeiten, entweder der Mensch testet sich gegen die anderen Maschinen, oder aber die Maschine wird mit den Daten einer Runde, sagen wir von Ayrton Senna, programmiert und ich kann aus der Cockpit-Perspektive erleben, wie es war, als Ayrton Senna hier durch die Straßenschluchten von Monaco gebrettert ist.

Einmal fahren wie Senna: klingt wie ein Jungentraum. Ist das auch einer Ihrer Träume gewesen?
Nein, ich gebe zu, ich habe manchmal ein bisschen die Hosen voll, wenn es nah an die Grenzen geht. Einmal habe ich mit Nikolai Iwanov beim Red Bull Airrace zusammen gearbeitet. Irgendwann meinte er: »Flieg doch mal mit und wir machen ein paar Loopings.« Da habe ich ihm gesagt, ich wolle das lieber nicht machen. Ich hatte Angst, ihm das Flugzeug schmutzig zu machen.

Womit wir wieder bei der Faszination des Betrachters für Maschinen am Limit wären.
Richtig. Ich teile eine große Faszination für alte Autos. Auch beim Roborace sind da schließlich Radmuttern und Bremsklötze dran, das Ding läuft heiß, kommt an die Box, da gibt es Bremsstaub und Reifenabrieb, wie bei anderen Rennserien auch. Das wird erst real, wenn es sich bewegt. Und jetzt bewegt sich unser Prototyp. Das mag etwas verrückt klingen, aber ich kenne ihn zu 99 Prozent schließlich nur in der digitalen Welt. Dort ist es super einfach, etwas zu retuschieren. Aber in der Realität müssen drei bis vier Menschen richtig körperlich arbeiten.

Warum hat noch kein anderer ein autonom fahrendes Rennauto gebaut?
Es ist schon ein gewisses Risiko dabei. Das hat bisher einige abgeschreckt, denke ich. Unser Ziel ist, eine Plattform zu schaffen, die dann auch für andere interessant wird. Und wir hoffen natürlich, dass Hersteller kommen und es dann eine Version von Audi, BMW oder Mercedes gibt, die zeigt, was deren jeweilige künstliche Intelligenz imstande ist zu leisten.

Sie hatten beim Design viele Freiheiten, eigentlich sogar absolute Freiheit. Ist das Design des Robocars, wie Dieter Rams es als ideal definiert, konsequent vom Nutzwert her entwickelt? Oder haben Sie auch Styling betrieben?
Die Sache ist die, wenn wir hundert Designer beauftragt hätten und ihnen unsere sehr knappe Vorgabe – im Grunde waren es Radstand und Fahrzeugbreite – zugeworfen hätten, es wären hundert verschiedene Entwürfe entstanden. Insofern ist natürlich auch Styling dabei. Wir haben uns vorgestellt, wie das Ding wohl aussehen wird, wenn es bei der ersten Präsentation durch den Vorhang rollt. Bei einem Roboter könnte das ja auch wie ein Mondauto daherkommen, ganz ohne Hülle. Und man würde alle Kabel und Sensoren sehen und ein bisschen auch die freiliegenden Gelenke. Aber bei einem echten Rennauto braucht man einen aerodynamischen Effekt, somit zwangsläufig eine Hülle. Wir haben immer gesagt: styling matters. Da gab es dann bisweilen auch die ein oder andere kontroverse Diskussion mit den Ingenieuren. Wenn ich jetzt sage, wir haben uns völlig losgelöst vom Automobildesign, wäre das nicht richtig. Sobald Räder drankommen, muss man auf klassische Werkzeuge zurückgreifen, sonst sieht das einfach schlimm aus. In der Automobilindustrie sitzen viele clevere Leute. Um ein Rad schön zu verkleiden, haben die gewisse Tricks entwickelt, die auch wir angewandt haben.

Aber das Robocar sieht schon anders aus als alle herkömmlichen Autos. Insbesondere ist es extrem flach.
Am einfachsten lässt es sich an bestimmten Motiven festmachen, zum Beispiel an Tieren. Stellen Sie sich eine Raubkatze vor, wie sie auf dem Boden geduckt ist, um anzugreifen. Beine zum Sprung angewinkelt, Schulterblätter, die höher als der Body liegen, eine spitze Nase und insgesamt eine Kombination aus scharfen Winkeln und weichen Formen. Das sieht sehr elegant aus. Es geht schließlich um Überlebensinstinkte, wer wird Erster? Da passt die animalische Form sehr gut. Im Straßenverkehr finde ich das übrigens nicht immer passend.

Alles in allem halten wir fest: Sebastian Vettel muss sich erst mal keine Gedanken über einen anderen Job machen?
Nein, sowieso nicht. Ich kann mir in Zukunft nämlich beides vorstellen, Rennen mit Menschen am Steuer, gleichzeitig aber auch Hightech-Rennen mit Robotern, die so irre sind, weil die Maschinen technologisch Dinge machen können, die der menschliche Körper – Stichwort: g-Kräfte – nie aushalten würde. Ich denke, hier liegt großes Entertainment-Potenzial. Und wer weiß, vielleicht blicken die Menschen in 50 Jahren nostalgisch zurück und amüsieren sich über die Vorstellung, dass wir uns tatsächlich in diese Kisten gesetzt haben und Rennen gefahren sind.

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