Am Schmelzpunkt

Ein Griff zu Robert M. Pirsigs »Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten«, ein paar Gedanken über das Drinnen und das Draußen. Dazu ein Blick auf die brandneue BMW S 1000 R und ein paar alte Motorradhandschuhe, die in einer Schublade warten.
Text Wiebke Brauer
Bild Peter Schreiber

»Das Motorrad nimmt mühelos alle Kurven, legt sich schräg, so dass sich unser Gewicht immer senkrecht durch die Maschine auf den Boden überträgt, gleich, welchen Winkel sie zur Straße bildet. Die Route ist voller Blumen und überraschender Ausblicke, lauter enge Kurven, eine an der anderen, so dass die ganze Welt sich dreht und herumwirbelt und steigt und fällt.« Bemerkenswert, wie frisch Robert M. Pirsigs »Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten« auch heute noch erscheint, immerhin erschien das Buch 1974. Und ebenso erstaunlich, was man alles darin entdecken kann, wenn man über das Motorradfahren nachdenkt und über die letzten Monate, in denen sich die Welt in ein zwangsentschleunigtes Freiluftsanatorium verwandelte. In dieser drögen, neuen Welt bekamen das Drinnen und das Draußen eine ganz neue Qualität. Drinnen, das waren die eigenen vier Wände, in die man sich zurückzog – und sich in seinem Eremitentum sicher fühlte. Es war das Private, in das die Kollegen bei Zoom-­Konferenzen hineinblicken konnten. Draußen, das bestand aus dem Spaziergang, dem Einkauf – und der potenziellen Gefahr. Wie klein die Welt wurde!

»Man erlebt alles direkt, nichts ist auch nur einen Augenblick dem unmittelbaren Bewusstsein entzogen.«

Robert M. Pirsig

Da half und hilft nur eins: das Motorrad. Das Moped, das jede Grenze überwindet und dem Fahrer oder der Fahrerin ermöglicht, die Welt mit anderen Augen zu sehen und mit allem zu verschmelzen. Das Fahren, das jede Distinktion zwischen dem Ich und dem Asphalt, der Natur einfach in Wind auflöst. Natürlich könnte man an dieser Stelle bildungsbürgerlich mit dem holistischen Ansatz von Goethe kommen, der in dem Gedicht »Epirrhema« schrieb: »Nichts ist drinnen, nichts ist draußen; Denn was innen, das ist außen.« Oder man stöbert ein wenig auf einer dieser folkloristischen Motorradseiten im Internet, auf denen man einen solchen Spruch finden kann: »Nur ein Biker weiß, warum ein Hund seinen Kopf aus dem Autofenster hält.«

Aber wie man es auch immer beschreiben will, in den besten Momenten fühlt sich der Motorradfahrer wie ein zentaurisches Denkmal. Raum, Rausch und Zeit spielen keine Rolle mehr. Maschine und Mensch werden beim Motorradfahren eins. Das nennt man dann wohl die perfekte Symbiose, den Schmelzpunkt. Der Fahrer verschränkt sich mit der Technik, die nicht nur unter dem Hintern arbeitet, sondern bis in die Nackenwirbel vibriert. Die man auch unmittelbar hört: Man vernimmt die Explosionen in den einzelnen Brennräumen, das Klicken des Schaltvorgangs, das Schwingen des Materials und Abrollen der Reifen, das Bollern und Knurren der Auspuffanlage. Dabei stört oder lärmt nichts, weil die Geräusche nur einen akustischen Teppich für den Strom der Gedanken bieten, der ohne Hast durch den Kopf mäandert.

Nichts gegen Autos. Autos sind eine prima Sache. Aber der Blick durch die Scheibe setzt das Automobil mit einem Zugabteil gleich, da kann das Dach der Fahrzeugkabine noch so gerne »Himmel« heißen. In einem Auto ist der Mensch konserviert und die Welt gerahmt. Passiv betrachtet man das vorbeiziehende Draußen – und könnte auch auf einen Monitor blicken, auf ein Smartphone, Tablet oder ein Ölbild. Auf dem Motorrad hingegen, so schreibt Pirsig, gibt es keinen Rahmen. Stattdessen ist man ein Teil der Szenerie und könnte jederzeit den Asphalt berühren (im besten wie im schlechtesten Sinne). Nichts ist gegenwärtiger als das Motorradfahren, »nichts ist auch nur einen Augenblick dem unmittelbaren Bewusstsein entzogen«, so Pirsig.

Aber kommen wir zu guter Letzt zu dem Motorrad, das in der Garage auf freundlichere Temperaturen wartet: die BMW S 1000 R in neuem Roadster-Gewand. Nachgeschärft ist die S 1000 R auf maximale Fahrdynamik getrimmt. Der komplett neue Reihenvierzylinder basiert auf dem RR-Triebwerk und leistet unverändert 165 PS bei 11.000 Touren und maximal 114 Nm bei 9.250 U/min. Der 4., 5. und 6. Gang sind jetzt länger übersetzt und die Kupplung ist leichtgängiger. Von null auf 100 km/h braucht die S 1000 R 3,2 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei über 250 km/h. Das komplett neue Fahrwerk auf Basis der S 1000 RR wurde, wie es heißt, einer Diät unterzogen – und die Witze über den Corona-Bauch sparen wir uns an dieser Stelle. 6,5 Kilogramm leichter ist sie, das Leergewicht liegt bei 199 Kilogramm, und mit dem optionalen M-Paket samt Karbonrädern sind es noch mal 4,8 Kilogramm weniger.

»Auf dem Motorrad ist der Rahmen weg. Man ist mit allem ganz in Fühlung. Man ist mittendrin in der Szene, anstatt sie nur zu betrachten.«

Bleibt nur eines: der Blick auf die alten Motorradhandschuhe. Das Leder ist schon abgewetzt, es hat ein eigenes Gedächtnis, erinnert sich an die Fahrten der letzten Jahre und hat die Momente im Material manifestiert: So liegen die Handschuhe nicht mehr flach in der Schublade, sondern in einem ewigen Griff erstarrt – sie geben immer Gas. Nicht mehr lange, und sie werden wieder im Einsatz sein. Ach, übrigens, ein Satz aus »Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten« lautet: »Die BMW ist berühmt dafür, dass sie unterwegs keine Scherereien macht.«


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