Angela Köckritz im Gespräch: Die Entdeckung der Leichtigkeit

Die Journalistin Angela Köckritz saß im Senegal am Strand, der Strom war ausgefallen, aber der Rechner hatte noch ein bisschen Saft. Dann begann sie, ein Buch über die Freude zu schreiben. Dabei lernte sie, dass es viel mehr Facetten von Freude gibt als vermutet – und dass man sich darin üben kann, sie wahrzunehmen. Ach ja: Sie ist übrigens nicht mit unserem Chefredakteur Michael Köckritz verwandt oder verschwägert.
Text Michael Köckritz
Bild Stefanie Schweiger

Wahrscheinlich gibt es keine bessere Geschichte für einen Buchanfang als diese: dass die Journalistin Angela Köckritz beruflich im Senegal war und auf das Meer schaute, dass der Strom ausfiel und sie Lust hatte, noch ein bisschen zu schreiben. Und aus einer Fingerübung, wie sie sagt, wurde dann ein ganzes Buch. Das sich mit den verschiedenen Formen der Freude beschäftigt – aber auch damit, was in unserem Gehirn passiert, wenn wir uns freuen.

Frau Köckritz, Sie haben das Thema Freude wie ein unbekanntes Land kartografiert, dabei sollte man meinen, dass Freude als Stimmung uns doch gar nicht so unbekannt ist …?
Freude kennen wir alle. Was mich beim Schreiben faszinierte, war die Erkenntnis, dass jede Freude ihre eigene Farbe, ihre eigene Textur, ihren eigenen Geschmack hat. Es gibt so viel mehr Freuden als ich jemals gedacht hätte, das stellte ich fest, als ich begann, meine Aufmerksamkeit auf dieses Gefühl zu lenken.

Sie waren sozusagen freudig überrascht?
Ja, es ist ein Gefühl, von dem ich meinte, es sehr gut zu kennen. Als ich aber genau hinsah, merkte ich: Wow, da ist ja noch so viel mehr. Ein wenig vergleichbar damit, als ob man sich darüber Gedanken machen würde, wie viel Geschmäcker von Käse es gibt, das sind ja wahrscheinlich Hunderttausende. Auch kann die gleiche Freude ganz unterschiedlich schillern – so kann sich beispielsweise die Freude am Tanzen je nach Stimmung, Lied und Uhrzeit ganz anders anfühlen. Oft ist Freude ja etwas, das nebenher läuft, man hat irgendwas vor, erledigt Aufgaben und merkt zwischendrin: Ah, ich habe mich gerade gefreut! Durch die Arbeit an dem Buch wurde das Freuen plötzlich zu meiner Hauptbeschäftigung (lacht). Und allein dadurch, dass ich darauf achtete, stellte ich fest, dass meine Tage von viel mehr Freude erfüllt waren als mir vorher bewusst geworden war. Ja, selbst an den regnerischen und kalten Tagen, die ich früher als eher freudlos abgetan hatte, gab es immer irgendetwas, über das ich mich freute.

»Ja, es ist ein Gefühl, von dem ich meinte, es sehr gut zu kennen. Als ich aber genau hinsah, merkte ich: Wow, da ist ja noch so viel mehr.«

Angela Köckritz

Welche Facetten von Freude haben Sie besonders liebgewonnen?
Mit dem Schreiben an dem Buch begann ich bei einem Besuch im Senegal, wo ich mit meiner Familie ein paar Jahre lang gelebt hatte. Nun ist Freude ein universelles Gefühl, das alle Menschen vereint, trotzdem sind die Dinge, über die man sich freut, in jeder Kultur ein bisschen anders. Im Senegal gibt es eine wahnsinnige Freude an der Begegnung. Die senegalesische Gesellschaft ist viel stärker auf Gemeinschaft und Solidarität ausgerichtet als unsere. Wissenschaftler haben gezeigt, dass Afrikaner über viel größere Netzwerke verfügen als Menschen in anderen Teilen der Welt, ganz unabhängig von digitalen Sozialen Netzwerken. Ich würde nicht pauschal behaupten, dass dadurch alles besser ist, das hat Vorzüge und Nachteile. Jedenfalls ist die Begrüßung dort eine Art Kunstform. Man nimmt sich viel Zeit dafür, ihre Eleganz stellt einen Wert an sich dar. Das hat mir persönlich so viel Freude gemacht, dass ich versuche, es jetzt auch in Berlin zu leben.

Nun stellt man sich vor, wie man in Berlin in ein Taxi steigt oder einen Kaffee bestellt. Das ist nicht immer durch die Freude an der Begegnung geprägt.
Klar, aber man kann ja selber einen Anfang machen, egal ob beim Bäcker oder mit der Nachbarin. Es ist ja für jeden schöner, wenn er wirklich gesehen wird. Ein guter Freund von mir nennt das ein Schneeballsystem des guten Willens oder der guten Laune. Wenn man von einem Radfahrer beschimpft wird, weil man in seinen Weg gelatscht ist, wird man auch sauer und rüffelt dann vielleicht selbst den Nächsten an. Dadurch verstärkt sich bei allen das Gefühl des Ärgers. Umgekehrt wird aber auch Freude weitergetragen. Außerdem glaube ich, dass die wenigsten Menschen die Anerkennung bekommen, die sie verdienen.

»Im Senegal gibt es eine wahnsinnige Freude an der Begegnung. Die senegalesische Gesellschaft ist viel stärker auf Gemeinschaft und Solidarität ausgerichtet als unsere. Wissenschaftler haben gezeigt, dass Afrikaner über viel größere Netzwerke verfügen als Menschen in anderen Teilen der Welt.«

Angela Köckritz

Wen meinen Sie damit im Speziellen?
Zum Beispiel all die Menschen, die morgens wahnsinnig früh aufstehen und versuchen, einen guten Job zu machen. Leute, die Bus fahren, Müll wegbringen oder im Supermarkt an der Kasse arbeiten. Das sind Menschen, die unser Leben jeden Tag besser machen. Und doch bekommen sie oft wenig Anerkennung, während man andererseits irgendwelche Promis damit überschüttet. Man muss ja nicht zu allen sagen, wie toll sie etwas gemacht haben, es reicht ja oft, Leute wirklich anzuschauen, mit ihnen zu plaudern oder zu scherzen.

Das heißt, Freude ist nichts Selbstverständliches, sondern ein Lerneffekt?
Ja, und das entspricht der Erkenntnis der Hirnforschung. Es geht um Neuroplastizität. Das Gehirn verändert sich messbar mit dem, was wir tun, mit den Ritualen, Aufgaben, mit der Art des Denkens. Wenn wir jetzt einen Taxifahrer als Beispiel nehmen, bei dem ist der Teil des Gehirns, der für das räumliche Denken zuständig ist, besser vernetzt. Das heißt, jede Beschäftigung, die man wiederholt, verändert auch das Gehirn. Und es ist doch schön zu wissen, dass wir selbst Einfluss darauf haben, wie wir denken, leben und fühlen.




ANGELA KÖCKRITZ wurde 1977 in München geboren, studierte Politische Wissenschaften, Sinologie und Kunstgeschichte in Berlin, München und Taiwan. Sie volontierte bei der »Süddeutschen Zeitung« und arbeitet seit 2007 für »Die Zeit«, von 2011 bis 2014 war sie China-Korrespondentin, 2015 erschien ihr Buch »Wolkenläufer – Geschichten vom Leben in China«. Von 2017 bis 2020 berichtete sie aus Dakar im Senegal. Derzeit arbeitet Angela Köckritz als freie Journalistin und Autorin in Berlin, ihr Buch »Freude – Über die Entdeckung der Leichtigkeit« ist jetzt im Februar bei Piper erschienen.



Und was passiert im Gehirn, wenn man sich freut?
Für das Glücksgefühl sorgen vor allem Hirnbotenstoffe, ein Cocktail gehirneigener Opioide, die in das zentrale Nervensystem ausgestoßen werden. Das sind insbesondere Serotonin, Dopamin und Oxytocin, die je nach dem Quell der Freude anders verteilt werden. Serotonin sorgt für Gelassenheit, Dopamin für Tatendrang, Oxytocin wird bei Zärtlichkeit ausgeschüttet. Je nach Art der Freude werden zudem unterschiedliche Teile des Gehirns stimuliert. Bei der materiellen Belohnung ist es eher das Belohnungszentrum, der Nucleus accumbens. Den entdeckten amerikanische Wissenschaftler in den Fünfzigern bei Rattenexperimenten. Sie brachten den Ratten bei, per Tastendruck diesen Bereich im Gehirn zu stimulieren. Einige betätigten ihn dann bis zur totalen Erschöpfung, vergaßen darüber sogar zu fressen. Dieser Kick hält aber nur sehr kurz an, andere Arten von Freude sind viel beständiger, zum Beispiel der Flow, den wir erleben, wenn wir völlig in einer Tätigkeit aufgehen.

Nehmen Sie durch dieses Wissen, durch die Arbeit am Buch, Freude anders wahr?
Manches ist mir bewusster geworden. So stolperte ich etwa bei der Recherche über eine sehr bekannte Untersuchung, die amerikanische Wissenschaftler 1978 durchführten und die ich nach wie vor interessant finde: Bei dem Experiment wurde geschaut, ob Lottogewinner glücklicher sind als andere Menschen. Es war zwar so, dass sich die Gewinner wahnsinnig über das Geld gefreut haben, allerdings stellten die Wissenschaftler fest, dass sich die Zufriedenheit auf lange Sicht nicht groß veränderte.

Auch nicht durch das, was sie sich leisten konnten?
Durch ihren Reichtum konnten sich die Gewinner zwar Luxus­produkte leisten, über die sie sich freuten, gleichzeitig führte der Lottogewinn aber dazu, dass ihnen die bekannten Alltagsfreuden eher schal erschienen. Sie gewannen also Freuden, verloren aber auch welche. Das ging mir in der Tat noch nach. Man wird also nicht zufriedener, indem man reicher, erfolgreicher oder schöner wird. Die Freude ist einfach da. Und das Beste ist, sie zu genießen.

Gab es noch etwas anderes, was Sie nachhaltig beeindruckte?
Ja, etwas anderes, worüber ich las, war ein Effekt (…)

→ Das gesamte Interview mit Angela Köckritz lesen Sie ab sofort in der neuen rampstyle #25!


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