Andy Wallace: Alles entspannt bis Tempo 450

Andy Wallace ist der schnellste Autofahrer der Welt. Er hält den Rekord für straßenzugelassene Serienfahrzeuge mit beinahe 500 km/h in einem Bugatti Chiron Super Sport 300+. Also nähern wir uns in einem Gespräch mit ihm den Phänomenen höherer Geschwindigkeiten. Selbstverständlich in einem Chiron Super Sport. Und selbstverständlich passt dann auch der Ort so was von perfekt.
Text Michael Köckritz
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Berlin im August. Potsdamer Platz, bisweilen leichter Nieselregen. Rushhour. Ein Transporter zieht rüber, Fußgänger kreuzen, Fahrradfahrer auf der Suche nach dem nächsten Adrenalinkick beim Abbiegen. Ein Motorradfahrer sucht und findet eine Lücke. So ein Mietwagen wäre sicherlich die vernünftige Wahl des Augenblicks, kein besonderer, nur halbwegs gut motorisiert und möglichst robust, so nach dem Motto: Don’t be gentle it’s a rental!

Wir haben einen Bugatti. Einen Bugatti Chiron Super Sport. 1.600 PS, 440 km/h Topspeed, das maximale Drehmoment von 1.600 Nm sagt sich bei niedrigen 2.250 U/min an. Das aktuell schnellste Serienauto der Welt. Okay, unser Chiron ist nur ein »normaler« Super Sport, keines der auf 30 Exemplare limitierten Sondermodelle auf der Basis des Prototypen, mit dem Le Mans-Gewinner und BugattiTestfahrer Andy Wallace vor ziemlich genau drei Jahren Weltrekordgeschichte in den Asphalt gebrannt hat. Mit einem Topspeed von exakt 490,484 km/h (304,773 mph) waren dann die magischen 300 Meilen pro Stunde fällig. Zur Belohnung eben diese Sonderserie, alle Renner in schwarzem Sichtcarbon, mit orangen Streifen und mit einem stolzen »+« am Ende der Modellkennung. Schlimmer geht eben immer. Apropos: Bugatti regelt den Chiron Super Sport brav bei 440 km/h ab– aus Sicherheitsgründen, heißt es.

Na ja, aber weil sich Chiron Super Sport und Chiron Super Sport 300+ letztlich nur in der geschärften Konfiguration unterscheiden, bleiben wir im Moment einfach mal munter dabei: Wir sind im schnellsten Serienauto der Welt unterwegs. Außerdem ist es auch schwarz. Carbonschwarz. Gefährlich unauffällig für ein Auto im Wert von deutlichen drei Millionen Euro, das ein wildes Rushhour-Berlin-Gewusel möglichst angemessen überstehen sollte. Irgendwie zumindest.

Um zu sehen, ob alle Bedingungen passen, tastete sich Andy Wallace für seinen Weltrekord 2019 ab 300 km/h in 50-km/h-Schritten an den Topspeed heran. Jetzt taste ich mich gerade mutig an 50 km/h heran. Das wäre dann auch meine bisherige Tages-Höchstgeschwindigkeit. Sehr viel mehr wird heute vermutlich nicht gehen. Wenigstens sitzt ein freundlich-entspannter Andy Wallace neben mir. Links hinten hupt ein Taxi, rechts vorne überholt uns ein Mountainbike mit einem halben Meter Sicherheitsabstand. Super Setting, um sich einmal über Hochgeschwindigkeitserfahrungen zu unterhalten.

Wir sind im schnellsten Serienauto der Welt unterwegs. Es ist schwarz. Gefährlich unauffällig für ein Auto im Wert von deutlichen drei Millionen Euro, das eine Rushhour in Berlin möglichst angemessen überstehen sollte. Irgendwie zumindest.

Der Bugatti Chiron macht es einem sehr einfach, sehr schnell zu fahren. Gehen Sie morgens zur Arbeit und denken sich: »So, heute Vormittag steht gerade nichts an, ich fahre mal eben 500 km/h auf der Teststrecke?«
Nicht ganz. Und im Ernst, es ist eine komplett andere Herangehensweise. Jeder neue Geschwindigkeitsrekord beginnt mit den Rädern und Reifen. Man muss sich dazu vor allem die Physik hinter den Geschwindigkeiten ins Bewusstsein rufen. Das Rad dreht sich, und das erzeugt Kräfte. Bei 420 km/h zerren 3.000 g am Reifen nach außen. Diese Kräfte wirken auf alles, also zum Beispiel auch auf den Temperatur- und Reifendruckfühler. Der wiegt 40,4 Gramm. Hochgerechnet auf 3.000 g sind das rund 130 Kilogramm, die nach außen drücken. Das Erste, was wir machen, ist in die USA zu einer Firma zu gehen, die unter anderem die Reifen für das Space Shuttle testet, denn nur die können diese Geschwindigkeiten in der Form simulieren, die wir brauchen. Sie spulen da ein relativ kompliziertes Programm aus verschiedenen Geschwindigkeiten bis über 500 km/h ab.

»Bei 420 km/h zerren 3.000 g am Reifen nach außen. Diese Kräfte wirken auf alles, also zum Beispiel auch auf den Temperatur- und Reifendruckfühler. Der wiegt 40,4 Gramm. Hochgerechnet auf 3.000 g sind das rund 130 Kilogramm, die nach außen drücken.«

Andy Wallace

Und?
Wir fanden heraus, dass der Michelin-Reifen für den Bugatti Chiron im Grunde bis 500 km/h ganz gut funktioniert. Jetzt ist es aber so, das wir bei Bugatti nicht damit zufrieden sind, ein Auto zu bauen, dass beinahe 500 km/h läuft, und alles drum herum ist dafür gerade noch so ausgelegt. Wir wollen das so sicher wie möglich gestalten. Also, was haben sie gemacht? Bevor die letzte Schicht Gummi aufgetragen wird, werden hauchdünne Nickelfäden in Laufrichtung um den Reifen gewickelt. Es ist immer noch ein Pilot Cup, aber ein sogenannter BG2 Tyre. Das ist dann der homologierte Standardreifen für den Bugatti Chiron Super Sport. Für eine Rekordfahrt bringt Michelin elf Sets dieser Reifen mit.

Neben den Reifen spielt die Aerodynamik sicher eine große Rolle.
Absolut. Das ist der zweite entscheidende Punkt bei so einem Geschwindigkeitsversuch. Um die maximal höchste Geschwindigkeit zu erreichen, müssen wir mit so wenig Downforce wie möglich fahren. Nahezu null. Oder anders gesagt: Der Bugatti wiegt rund 2,5 Tonnen, die Aerodynamik bei Topspeed zieht ihn mit nahezu derselben Kraft nach oben, sodass der Wagen also mehr oder weniger schwerelos ist. Würden wir (…)

→ Lesen Sie das gesamte Interview mit Andy Wallace in der ramp #59.


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