Anthony Kiedis: Die Kunst des Überlebens

23 Jahre ist es her, da brachten die Red Hot Chili Peppers das Album »Californication« auf den Markt. Für Fans war es eine Offenbarung, für die Bandmitglieder ein Wendepunkt. Heute feiert ihr Frontmann Anthony Kiedis seinen 59. Geburtstag. Wir gratulieren mit einem Best-of seiner Interviews.
Text Marcel Anders
Bild Richardson

Herr Kiedis, Sie scheinen kaum zu altern. Was ist Ihr Geheimnis?
(lacht) Vielen Dank! Es ist aber nicht so, dass ich viel dafür täte – oder dass ich es als Kapital erachte, weil ich diesem grotesken Jugendwahn erlegen bin. Es gibt schon genug Leute in Los Angeles, die da als abschreckendes Beispiel dienen. Sie zeigen, wo Schönheitsoperationen, Botox-Behandlungen und kleine Fehlgriffe hinführen. So weit würde ich nie gehen.

Aber Sie kümmern sich doch bestimmt sehr um Ihren Körper, oder? Es wirkt zumindest so.
Schon. Aber nichts, was mit direktem Wettkampf zu tun hat. Ich habe ein Trampolin für mich und meinen Sohn gekauft. Und darauf hüpfen wir fast täglich herum. Einfach weil es mich glücklich macht: Es lockert die Glücksmoleküle hinter den Augen. Und ich schwimme viel – meistens im Meer. Ich fahre Motorrad, was mir wahnsinnig viel Spaß macht, und schlafe viel. Ich habe erkannt, dass es mir guttut, meinem Körper längere Erholungsphasen zu gönnen. So etwas hätte ich früher nie getan, weil ich es uncool fand. Und weil ich dachte, ich würde etwas verpassen, wenn ich mir nicht die Nächte um die Ohren haue. Aber mittlerweile bin ich klüger. Ich weiß, dass ich nichts verpasse, was ich nicht schon erlebt habe – und was definitiv nicht gut für mich war.

Demnach ist das Älterwerden keine schlimme Erfahrung?
Ich habe das mittlerweile akzeptiert. Und ich freue mich darauf, die Gesetze der Schwerkraft neu zu definieren, sofern mir das gelingt (lacht). Denn ich fühle mich immer noch jung und knackig. Und ich will mit dieser Band noch einiges erreichen. Ich möchte noch richtige gute Alben aufnehmen, lange Tourneen absolvieren und an Orten auftreten, an denen wir noch nicht waren. Etwa im asiatischen Raum oder Afrika. Außerdem möchte ich mich als Mensch weiterentwickeln. Also noch viele gute Bücher lesen, tolle Filme sehen und gutes Essen genießen. Plus: Ich könnte mir vorstellen, noch ein paar neue Sportarten auszuprobieren. Vielleicht sogar etwas wie Segel- oder Gleitschirmfliegen. Was natürlich von meiner körperlichen Fitness abhängt …

In Ihrer Autobiografie »Scar Tissue« war zu lesen, dass Sie seit Weihnachten 2000 clean sind. Haben die Drogen ihren Reiz seitdem wirklich für immer verloren?
Es tauchen immer wieder Versuchungen auf – aber meistens verschwinden sie auch schnell wieder. Erst vor ein paar Tagen habe ich ein Video gesehen, in dem drei wunderschöne, aufreizend gestylte Mädels in einer Küche stehen, Joints rauchen und sich aufs Ausgehen vorbereiten. Für einen Moment habe ich gedacht: »Das sieht sehr sexy aus – wie ein großer Spaß.« Dann wurde mir klar, dass das bei mir nicht funktioniert. Ich habe es 18.000-mal probiert und es endete immer im Desaster.

»Ich möchte noch richtige gute Alben aufnehmen, lange Tourneen absolvieren und an Orten auftreten, an denen wir noch nicht waren. Etwa im asiatischen Raum oder Afrika. Außerdem möchte ich mich als Mensch weiterentwickeln.«

Anthony Kiedis

Gibt es eigentlich Männer, die Sie als Vorbild bezeichnen würden?
Steve McQueen! Ich bin ein großer Fan von ihm. Er hat ebenfalls in Malibu gelebt und stand auf Motorräder – genau wie ich. Er war ein Typ mit Fehlern, mit Schwächen und Menschlichkeit. Kein Gott, sondern ein Wesen wie du und ich. Und er hatte Charakter, Herz und Wärme. Sprich: Er war vorbildlich – in jeder Hinsicht. Was im heutigen Hollywood eine wirklich rare Qualität ist.

Ganz ehrlich: Worauf achten Sie bei einer Frau am meisten? Welche Körperteile sprechen Sie am ehesten an?
(lacht) Natürlich der Busen und der Hintern. Warum sollte ich da lügen – ich bin nicht anders als andere Männer. Aber es ist nicht das, was mir als Erstes auffällt. Meist ist es das Gesicht, besonders die Augen. In denen kann ich mich regelrecht verlieren – weil ich darin alles über eine Person erfahren kann: Ob sie glücklich oder traurig ist, stolz oder schüchtern, verwegen oder unschuldig. Augen sind der Spiegel der Seele. Und es gibt nichts Aufregenderes, als darin etwas von sich selbst zu erkennen.

Was ist besser: Sport oder Sex?
Da gibt es kein Besser oder Schlechter. Mir ist beides wichtig: Sex vom emotionalen Standpunkt aus, Sport vom physischen. Und das ergänzt sich prima – es balanciert mich komplett aus.

» Augen sind der Spiegel der Seele. Und es gibt nichts Aufregenderes, als darin etwas von sich selbst zu erkennen.«

Anthony Kiedis

Was sagen Sie eigentlich dazu, dass man Sie immer als Womanizer bezeichnet hat?
Ich habe mich nie als Womanizer gefühlt. Ich mag einfach schöne Menschen. Klar, ich habe meine Erfahrungen gemacht, aber es wäre unfair, mir deshalb den Titel eines Weiberhelden zu verpassen, denn das bin ich nicht. Und ich wehre mich dagegen, weil dem Begriff etwas sehr Negatives anhaftet. Wie einer, der Frauen be- und ausnutzt. Das tue ich nicht. Ich habe sie immer mit Respekt behandelt. Einfach, weil ich sie liebe.

Sie waren auch kurz mit Heidi Klum liiert. Darf man fragen, warum Sie nicht in Ihrem Buch auftaucht?
Weil ich unsere Beziehung nicht in der Öffentlichkeit diskutieren möchte. Nur so viel: Heidi ist ein wunderbarer Mensch, der leider nie so wahrgenommen wird, wie er wirklich ist. Die meisten sehen nur ihr Äußeres, was zugegeben sehr attraktiv ist, aber darunter ist sie sehr sensibel und unglaublich clever. Leider passen Menschen manchmal nicht so gut zusammen, auch wenn sie sich noch so lieben. Trotzdem bin ich froh, dass wir uns getroffen haben. Sie ist eine tolle Frau, und mit ihr zusammen zu sein, war eine schöne Erfahrung.

Trotz allem darf man vielleicht bemerken, dass Sie einen enormen Verschleiß an illustren Partnerinnen haben. Wie kommt’s?
Ich habe sie nie gezählt. Und das ist wie gesagt auch nichts, womit ich mich brüste. Im Gegenteil: Es steht für meine emotionalen Defizite – meine Unfähigkeit, mich binden zu können. Und das ist eigentlich eine verdammt traurige Sache.

Aber dafür sind Sie Ihrer Band treu. Ist es Ihnen nie in den Sinn gekommen, mal etwas anderes, vielleicht sogar etwas Eigenes zu machen?
Nein, es ist viel zu aufregend, in dieser Band zu sein. Ich kann mir auch nicht vorstellen, ein Solo-Album aufzunehmen. Und wenn, würde ich John bitten, die Gitarre zu übernehmen, Chad müsste Schlagzeug spielen und Flea Bass. Bis jetzt habe ich noch niemanden getroffen, mit dem ich lieber Musik machen würde als mit den Jungs. Das heißt jetzt nicht, dass ich niemals etwas anderes machen werde, aber als musikalische Einheit sind wir vier unschlagbar.

→ Lesen Sie das gesamte Interview mit Anthony Kiedis in rampstyle #23.


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