Art. Déco. Racer. Der Bugatti Type 59/50 BIII

Es gibt seltene und legendäre Autos. Und dann gibt es den Bugatti Type 59/50 BIII, der unter Kennern auch als »Cork-Rennwagen« bekannt ist. Und nein, nicht nur seine elegante Karosserie macht ihn besonders. Vielmehr seine gesamte Geschichte ist unglaublich – und unglaublich spannend. Auch für die Molsheimer Marke selbst.
Text Marko Knab
Bild Bugatti Automobiles S.A.S.

Rennwagen haben für gewöhnlich schon eine ausgesprochen bewegte Historie – was in der Natur ihrer Einsatzorte rund um die Welt liegt. Aber selbst unter Grand-Prix-Boliden gibt es Fahrzeuge, die eine absolut außergewöhnliche Geschichte haben. So wie der Bugatti Type 59/50 BIII. Denn er kann ohne Zweifel als der Letzte seiner Art gelten: Begründet wurde die Epoche der eleganten Grand-Prix-Rennwagen aus dem Elsass 1924 vom Type 35, mehr als zehn Jahre waren die Sportwagen aus Molsheim im Motorsport präsent.

Der Type 59 startete erstmals beim Großen Preis von Frankreich in Montlhéry im Juni 1935. Ein fast fünf Liter großer Achtzylinder-Kompressor-Motor ist in dem Fahrzeugrahmen verbaut, der die Nummer »Sechs« trägt. Es wird aber das einzige Rennen mit diesem Antrieb bleiben. Denn nur ein Jahr später erhält das Chassis »Sechs« einen neuen, stärkeren 4,7-Liter-50-BI-Motor mit Leichtmetallblock und einen größeren Kompressor, der mehr als 400 PS leistet. Ettore Bugatti schickt es mit geringfügigen Änderungen im selben Jahr noch beim Großen Preis der Schweiz und beim Vanderbilt Cup auf Long Island, New York, an den Start – pilotiert von Jean-Pierre Wimille erreicht es die Ziellinie als Zweiter – nur der legendäre Tazio Nuvolari war schneller.

Mindestens so bedeutsam wie das konstante Streben nach besseren Fahrleistungen sind dabei der Design-Hintergrund und der Kunstgedanke, der die Bugatti-Fahrzeuge auszeichnet. Ettores Sohn Jean Bugatti konzipiert konzipziert das Fahrzeug als die die finale Evolution des Gedanken, den bereits der Type 35 prägte mit perfekten Proportionen und innovativen Detials wie die Klaviersaiten-Speichenräder. Manche sehen darin ein fahrendes Kunstwerk. Andere verweisen auf die Familientradition: Bereits Jean Bugattis Großvater studierte Architektur und schafft später als Kunstschreiner, Maler und Architekt einzigartige Werke. Mit seiner Interpretation des Jugendstils entwarf er extravagante Möbelstücke, häufig inspiriert von türkischen und japanischen Ornamenten und Schriftzeichen. Rembrandt Bugatti, der Onkel von Jean wiederum, modellierte als Bildhauer neben dem aufrechtstehenden Elefanten als Kühlerfigur des Type 41 Royal weitere Tierplastiken und gilt heute als einer der Wegbereiter des Art déco. Diesen kreativen Geist auf die technischen Möglichkeiten anzuwenden, zeichnet schließlich auch die Fahrzeuge aus.

Seine letzte Entwicklungsstufe erreicht der Type 59/50 im April 1938 – an diesem Tagen erhält er auch seinen Beinamen: Beim Grand Prix von Cork geht das Fahrzeug erstmals mit einer neuen und leichteren Einsitzer-Karosserie sowie einem völlig neu entwickelten 3,0-Liter-Motor – dem 50 BIII mit zwei obenliegenden Nockenwellen und Kompressor – an den Start.

Keine drei Monate später wartet bereits das große Finale: am 3. Juli 1938 beim Großen Preis von Frankreich in Reims. Es soll das Ende einer Ära werden: Wieder sitzt Jean-Pierre Wimille am Steuer. Allerdings erscheint er zu spät zum Training. Daher muss der spätere Résistance-Aktivist von hinten starten – und zeigt großen Kampfgeist. Nach dem Start arbeitet er sich mit dem Type 59/50 BIII Platz um Platz nach vorne, bis ihm der Auto-Union-Fahrer Rudolf Hasse in die Quere kommt: Direkt vor Wimille fahrend dreht sich Hasse, der Bugatti-Pilot reagiert zwar blitzschnell und weicht aus, kann das Auto aber nicht mehr auf der Strecke halten. Der Wagen streift eine Böschung, eine Ölleitung wird beschädigt, Wimille fällt aus. Es wird nicht nur das letzte Rennen des Type 59/50 BIII sein – sondern auch das letzte von Bugatti bei einem Grand Prix vor dem Zweiten Weltkrieg sowie in der Ära von Ettore und Jean Bugatti.

Seine letzte Entwicklungsstufe erreicht der Type 59/50 im April 1938 – an diesem Tagen erhält er auch seinen Beinamen: Beim Grand Prix von Cork geht das Fahrzeug erstmals mit einer neuen und leichteren Einsitzer-Karosserie sowie einem völlig neu entwickelten 3,0-Liter-Motor – dem 50 BIII mit zwei obenliegenden Nockenwellen und Kompressor – an den Start.

Im Jahr darauf bricht der Zweite Weltkrieg aus. Bugatti verlegt daraufhin all sein Inventar vom grenznahen Elsass nach Bordeaux. Das Material soll nicht in die Hände der deutschen Truppen fallen. Der Type 59/50 BIII? Verschwindet von der Bildfläche. Es scheint, als sei es dem ultimativen Art Déco Racer so ergangen wie vielen anderen Kunst- & Kulturgütern ebenso: vom Krieg verschlungen.

Dem ist aber zum Glück nicht so: In den 1950er-Jahren taucht der Type 59/50 BIII wieder auf: als Rolling Chassis. Von der kunstvollen Karosserie: keine Spur. Bis der Bugatti-Enthusiast Ray Jones auf den Plan tritt. 1964 kauft der Amerikaner den Wagen und macht es sich zur Lebensaufgabe, neben dem weiterentwickelten 3,0-Liter-Type-50-BIII-Motor mit Kompressor auch alle anderen Teile zu finden. Jones sucht und sammelt fast vier Jahrzehnte, bis er alle Komponenten des Autos zusammen hat. 1995 ist der nun fertige Bugatti Type 59/50 BIII mit einer umfangreichen Dokumentation erstmals seit 1938 wieder in seiner ursprünglichen Eleganz öffentlich zu sehen. Heute zählt der Type 59/50 BIII mit seinem 3,0-Liter-Motor zu den seltenen, echten Grand-Prix-Werkswagen aus den 1930er-Jahren.

Obendrein ist er dabei einer der am besten dokumentierten Bugatti-Sportwagen der Welt und der leistungsstärkste Grand-Prix-Rennwagen aus Molsheim, der sich im historischen Motorsport je bewährte. Oder um es in anderen Worten zu sagen: hier sehen Sie die lebendige Historie einer der legendärsten Automarken überhaupt.


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