Auf einen Drink mit Basil Charles. Mindestens.

Wenn auf der Insel Mustique jemand lange die Cocktails für Princess Margaret oder Mick Jagger mixte, sollte man nach seiner Lebensgeschichte fragen. Sein Name ist Basil Charles. Zum Welttag der Barkeeper verrät uns die Ikone manche Begebenheit und Barkeeper-Weisheit.
Text Ulf Lippitz
Bild Ulf Lippitz

Die Amerikanerin fragt etwas zu laut, etwas zu schrill: Wo ist Mick Jagger? Sie nimmt noch einen Schluck, zweiter oder dritter Cocktail. Der Barkeeper von Basil’s Bar nickt, er kennt diese Fragen von Menschen, die nach Mustique kommen und behaupten, definitiv nicht auf Promi-Pirsch zu sein – um dann ihren Drink mit Scannerblick über die Terrasse runterzuspülen. Sitzt Bryan Adams dort drüben an der Tafel? Schaut Tommy Hilfiger gerade tiefenentspannt über das Meer? Wie Mick Jagger haben sie alle Häuser hier. Der Treffpunkt der sechs Quadratkilometer großen Insel ist Basil’s Bar, eine einfache Terrasse am Strand mit strohgedecktem Dach. Sie ist benannt nach dem Gründer Basil Charles, einem schlanken Mann mit grauem Haar, 75 Jahre alt, geboren auf der Insel St. Vincent, etwa dreißig Kilometer entfernt. Basil ist eine Legende der Karibik, in keiner anderen Strandhütte der Region haben mehr Adlige, Schauspieler und Popstars gefeiert. Kate Moss, Eric Clapton, Jerry Hall – und Princess Margaret, die 2002 verstorbene Schwester der Queen. Sie reiste in den 1970er- und 1980er-Jahren nach Mustique und machte die von Mücken geplagte Insel zu einem vom Jetset geliebten Ferienparadies.

Credit: Cotton Houses.

Basil, Sie waren der erste Barkeeper auf Mustique, zuerst im einzigen Hotel der Insel, im Cotton House, dann ab 1976 in Basil’s Bar. Wann wurde die Arbeit zur Berufung?
Ich war gelernter Mechaniker. Als ich 1971 angefangen habe, auf der Insel zu arbeiten, brauchte das Hotel ein Mädchen für alles. Eines Tages stand ich im Cotton House hinter der Theke, da kam ein Mann in weißem Anzug an die Bar und fragte: Weißt du, wie man einen Rum and Coke macht? Das war Colin Tennant, der Mann, der Mustique gekauft hatte.

Er stammte aus einer wohlhabenden Familie, war ein Freund von Princess Margaret und hatte die Insel 1958 für 45.000 Pfund während eines Segeltörns erworben.

Ich sagte ihm, keine Ahnung, wie Sie Ihren Drink möchten. Ich zeigte auf die sechs verschiedenen Flaschen Rum hinter mir, die unterschiedlich großen Gläser und meinte, ich könnte jetzt irgendein Glas nehmen, Rum reinschütten und Cola drauf. Mögen Sie das so? Wie widerlich, sagte er, ich will ein kleines Glas, zwei Eiswürfel, einen großen Shot Bacardi und einen Schuss Cola drauf.

»Von jetzt an bekommen Sie Ihren Drink, wie Sie ihn haben möchten, sagte ich. Das war der Moment, in dem Colin dachte: Ich habe meinen Barkeeper gefunden.«

Basil Charles

Sie auch?
Ich war ein armer Kerl, der Geld brauchte. Sehen Sie, mein Vater war Fischer, meine Mutter starb, als ich neun war. Das erste Mal kam ich mit dem Postboot von St. Vincent rüber, das ein Mal pro Woche vorbeischipperte. Ich schlug damals der Hotelmanagerin vor, ich bleibe eine Woche, und dann schauen wir, ob wir miteinander auskommen. Daraus sind nun mehr als 45 Jahre geworden.

Sir Rodney Touche, ebenfalls aus dem Kreis der Prinzessin, sagte einmal: Ich liebe Mustique für alles, was es nicht hat.
Ha ha, in den frühen Tagen hatte das Cotton House acht Zimmer, drei Häuser waren fertig gebaut …

… heute stehen etwa hundert prunkvolle Villen auf der Insel und das Hotel verfügt über 15 Zimmer …
… doch damals gab es keine Straßen, keinen Strom, kein Warmwasser und nur einen Generator. Wenn Princess Margaret im europäischen Winter mit ihrer Entourage kam, brach um sieben Uhr abends das Stromnetz zusammen, weil alle Damen sich zur selben Zeit die Haare föhnten. Manchmal lief er am nächsten Tag wieder, manchmal eine ganze Woche lang nicht. Hier in Basil’s Bar gehörte das später zur Folklore. Die Gäste hofften, dass es einen Stromausfall gäbe, wir die Kerzen auf die Tische stellen und die Atmosphäre romantischer werden würde.

Princess Margaret im Frühjahr 1972 mit ihren Freunden.

Im Hintergrund: Basil Charles.

Bis 1976 war die Insel ein gut gehütetes Geheimnis, dann erschienen Fotos von Margaret und Roddy Llewellyn – dem Mann, mit dem sie ab 1973 eine achtjährige Affäre hatte. Verheiratet war sie mit dem Fotografen Antony Armstrong-Jones.

Wann haben Sie das erste Mal Princess Margaret tatsächlich getroffen?
Im Februar meines ersten Jahres. Zuerst musste ich sie mit »Her Royal Highness« anreden, mich verbeugen, danach sprach man sie weiter mit »Mum« an. Sie war cool. Über die Jahre kamen wir gut miteinander aus. Wenn sie in der Bar des Cotton House war und ein Fremder auf sie zukam, um sie zum Tanz aufzufordern, sprang ich manchmal hoch und bat sie schnell auf die Tanzfläche. Colin hatte uns eingeschärft, sie in keine unangenehme Situation zu bringen. Dazu gehörte, aufzupassen, dass sich ihr kein Unbekannter näherte.

In einer BBC-Dokumentation über die 2002 verstorbene Schwester der Queen haben Sie gesagt: Sie war eine Vorreiterin. Was meinten Sie damit?
Es konnte nur eine Königin geben, und Princess Margaret ist mit der Vorstellung aufgewachsen, dass sie diese Rolle nie einnehmen wird. Sie hatte ein anderes Leben zu leben. Meiner Meinung nach hat sie Frauen befreit, sie hat öffentlich geraucht – das war in ihren Kreisen in den 60er-Jahren verpönt –, sie tanzte, nahm gern mal einen Drink.

Ihr Ehemann Lord Snowdon nannte Mustique auch »Mistake«, also einen Fehler.
Er hasste Mustique, weil es Margarets Insel war. Colin kannte sie ziemlich gut aus den 50er-Jahren, sie gingen eine Zeit lang miteinander aus. Als Princess Margaret 1960 heiratete, fragte er sie: Willst Du lieber einen Cocktail-Shaker von Asprey oder ein Stück Land auf meiner Insel haben? Sie entschied sich für das Grundstück, und Lord Snowdon verstand, dass es ein Geschenk nur für sie war. Ab den 70er-Jahren begann er Affären mit anderen Frauen. In jeder anderen Ehe würde die Frau sich scheiden lassen, doch das wollte Princess Margaret lange nicht. Die Queen hätte ihr das auch nicht gestattet, denke ich. Und so kam die Prinzessin nach Mustique, manchmal mit einem jüngeren Mann, mit dem sie vielleicht auch ausging. Auf der Insel konnte sie frei sein, wie sie wollte, es gab keine Presse hier.

Nie Probleme mit Paparazzi?
Wir erlaubten keine Reporter auf der Insel. Wenn wir wussten, dass Mum zu Basil’s Bar kommen würde, sagten wir jedem Gast mit Kamera: Sie können bleiben, wenn Sie damit einverstanden sind, dass wir Ihnen den Fotoapparat abnehmen, hinter der Bar einschließen und nachher wieder zurückgeben. Niemand hat das abgelehnt.

Colin Tennant hatte einen Narren an Ihnen gefressen. 1974 lud er Sie sogar auf seinen Familienstammsitz nach Schottland ein.
Das erste Mal, dass ich aus dem Land kam. Auf dem Anwesen veranstaltete man Jagden, seine Freunde kamen, um Rebhühner und Fasane zu schießen, zum Mittag- und Abendessen gab es eine strenge Kleiderordnung. Hemden, Sakkos, lange Hosen.

Auf einem Dinner setzte Tennant Sie neben die »blasseste Person im Raum«, so seine Worte. Fühlten Sie sich nicht vorgeführt?
Er war ein kolonialistischer Exzentriker, das stimmt wohl. Aber ohne ihn hätte ich kein Stück dieser Bar pachten und später kaufen dürfen. Er hat sich dafür eingesetzt. Und er hat mich ja nicht neben die weißeste, sondern neben die hochnäsigste Person gesetzt. Er wollte sehen, was passiert. Für ihn war das ein Gesellschaftsexperiment.

Sie saßen neben der Countess of Dartmore, später bekannt als Stiefmutter von Lady Di.
Sie war so steif, trainiert darauf, immer höflich zu sein. Was halten Sie vom Wetter?, fragte sie. Man, it’s shit, antwortete ich, mitten im Sommer, und draußen gibt es die ganze Zeit Nebel. Sie sah aus wie jemand, der in einem Friseursalon lebt. Das Haar klebte voller Haarspray, jedes Mal, wenn man einen neuen Gang servierte, nahm sie einen Löffel in die Hand und schaute nach, ob alle Strähnen richtig saßen. Ich betete zu Gott, dass das Essen schnell vorübergeht.

»Einige Snobs wollten ja, dass nur die Reichen hier ihr Bier trinken sollten, dass der Fischer, der Butler, die Putzfrau nicht in derselben Bar sitzen dürfen. Keine Diskussion, ich habe mich durchgesetzt.«

Basil Charles

Tennant hat Ihnen die Welt gezeigt. Was konnten Sie ihm beibringen?
Er hasste Buchhaltung. Wir haben zusammen die Bar eröffnet, er sagte damals, Basil, diese Bar wird nie Geld einbringen. Ich habe ihn eines Besseren belehrt. Vom ersten Tag an machten wir Gewinn. Ich passte auf, wie viel wir jeden Abend verkauften, wie viel wir auf Lager hatten, wie viel Bargeld hinter dem Tresen herumlag. Ich ließ hinter der Theke einen Safe einbauen, den ich im Boden versenken ließ. Nur ich kannte die Kombination.

Wie haben Sie Ihr Handwerk verfeinert?
Ich habe mir die Bücher der besten Bartender gekauft, gelernt, wie man Cocktails mischt. Und über die Jahre eigene Drinks kreiert. Zum Beispiel den »Hurricane David«, der heute noch auf der Karte steht. Er erinnert an einen Sturm, der 1979 über Mustique zog. Er hat uns nicht mit voller Wucht erwischt, aber uns ordentlich Angst eingejagt. Eine Unze dunkler Rum, eine von hellem Rum, eineinhalb Unzen Wodka, ein Schuss Creme de Cacao, viel Eis, etwas Limettensaft obendrauf. Ein starker Drink wie ein tropischer Wirbelsturm.

Credit: Cotton Houses.

Tennant ging beinahe pleite und musste Ende der 70er-Jahre Anteile der Insel verkaufen. Er wollte nie, dass sich Gäste in die Villen einmieten können. Heute geht das problemlos.
Andere seiner Ideen leben allerdings nach wie vor fort. Keine Marina, keine Ausflugsboote, kein großes Hotel. Die Insel brauchte eben Geld, um weiterzubestehen, damit die ganzen Straßen und Leitungen gebaut werden konnten. Die Schule, die Kirche, das Dorf für die Einheimischen.

Kommen die auch in die Bar?
Das war mir von Anfang an wichtig. Einige Snobs wollten ja, dass nur die Reichen hier ihr Bier trinken sollten, dass der Fischer, der Butler, die Putzfrau nicht in derselben Bar sitzen dürfen. Keine Diskussion, ich habe mich durchgesetzt.

Einer Ihrer Gäste war auch David Bowie. Angeblich dauerten die Bauarbeiten für seine Villa fünf Jahre. Finden Sie gelegentlich: Die spinnen, die Reichen?
(…)

Was Basil Charles über die Villen denkt, wie gut er manche (weiblichen) Gäste kennenlernte und wie er beim Tennis gegen Prince Williams gewann, lesen sie in der rampstyle #24.


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