Blitz? Donner? Egal. Der 963 gibt Gas.

Daytona war schon immer ein gutes Pflaster für Porsche. Über das Wochenende hat das Team Porsche Penske Motorsport dort seine Runden gedreht und sammelte Testkilometer mit dem 963. Der Start in eine neue Erfolgsstory? Warum nicht! ramp ist exklusiv für den deutschsprachigen Raum vor Ort dabei. Und atmet schon einmal 24-Stunden-Rennluft – nicht ohne Blick zurück.
Text Bernd Haase
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Mit einer verirrten Möwe hatte wohl keiner gerechnet, an diesem 4. Februar 1973 in Daytona. Hurley Haywood liegt beim 24-Stunden-Rennen komfortabel in Führung – am Steuer eines 911 RS. Es ist der erste Einsatz dieses Fahrzeugs, der Rennsport-Variante des 911 Carrera RS 2.7. Der Sieg scheint zum Greifen nah. Und dann kracht diese Möwe in die Windschutzscheibe und bleibt stecken. Haywood behält die Kontrolle über das Fahrzeug, fährt weiter, während die Boxencrew fieberhaft nach einer Lösung sucht. Eine Windschutzscheibe ist nämlich nicht vorrätig. Das Rennteam greift auf die Scheibe eines privaten Elfers zurück, Peter Gregg übernimmt für den letzten Stint. Um 15.03 Uhr fällt die Siegesflagge für die Startnummer 59. Der Vorsprung: 22 Runden. Die Fans jubeln. Der Motor heult. Die Crew ist aus dem Häuschen.

Auf eine lebensmüde Möwe kann das Team Porsche Penske Motorsport sicher liebend gern verzichten, wenn es Ende Januar 2023 mit zwei LMDh-Prototypen bei den 24 Stunden auf der Traditions-Rennstrecke in Florida antritt. Aber gegen einen Sieg im ersten Rennen ihres neuen Fahrzeugs hätten sie sicher nichts einzuwenden. Der erste offizielle Rennstart des 963 erfolgt fast auf den Tag genau 50 Jahre nach dem legendären ersten Auftritt des ersten 911 RS. Die Ziffernfolge deutet schon darauf hin, dass hier Großes geplant ist: In der Nummernfolge tritt der Hybrid-Hochleistungssportler das Erbe des wohl erfolgreichsten Rennwagens an.

»Wir wollen die neue Ära mit den LMDh-Prototypen fördern und prägen«, betonte Porsche-Entwicklungsvorstand Michael Steiner bei der Verkündung der Kooperation von Porsche und Penske im Mai 2021. Die erfolgreiche US-Mannschaft wird in Zusammenarbeit mit den Fachleuten aus Weissach die Werkseinsätze in der Langstrecken-Weltmeisterschaft FIA WEC und der nordamerikanischen IMSA WeatherTech SportsCar Championship (IWSC) durchführen. Unter dem Namen Porsche Penske Motorsport werden jeweils zwei der LMDh-Prototypen in der Topklasse der beiden Rennserien um Gesamtsiege fahren. Die Prototypen werden bereits im ersten Jahr auch von Kundenteams in beiden Meisterschaften eingesetzt. Für die amerikanische IMSA Rennserie bedeutet das absolutes Neuland. Hybrid-Technologie fand dort bis jetzt nämlich nicht statt. Auch hier muss viel gelernt werden.

Umso wichtiger ist es zahlreiche Testkilometer abzuspulen. Daher ist das Team bereits jetzt vor Ort. Exakt 16.599 Testkilometer sind es jetzt, 30.000 wären für die Homologation ideal. Aber: Die Ergebnisse stimmen schon jetzt zuversichtlich. Die Fahrer und Offiziellen sind »vorsichtig begeistert«. Man könnte auch sagen: der 963 ist schnell. Daneben geht es hier vor allem auch darum, die Prozesse und Abläufe zu lernen und zu verinnerlichen. Deshalb ist die Crew deutlich größer als benötigt. Die Komplexität aus der Zusammensetzung von Porsche und Kundenteam ist weiter größer als bei einem Werkseinsatz. Immerhin profitieren die Kundenteams bei Porsche Motorsport enorm von den Erfahrungen mit Hybrid-Rennwagen. Schon 2010 baute Porsche ja den 911 GT3 R Hybrid, ab 2014 sammelte man dann sehr viel Erfahrung beim Einsatz des 919. Und auch wenn der 963 insgesamt weit weniger komplex ist als der 919 Hybrid, so muss vor allem beim Umgang mit der Hochvolt-Technik im Bereich Sicherheit vieles neu gelernt werden, das es so beim Betreiben eines reinen Verbrennungsfahrzeugs nicht zu berücksichtigen gilt.

Daytona war schon immer ein gutes Pflaster für Porsche. Über das Wochenende hat das Team Porsche Penske Motorsport dort seine Runden gedreht und sammelte Testkilometer mit dem 963. Der Start in eine neue Erfolgsstory?

Die LMDh-Autos stellen ab 2023 eine neue Topklasse in der WEC als auch der IMSA. Die rund 1.000 Kilogramm leichten Rennwagen werden von einem Hybridantrieb mit rund 500 kW (680 PS) Systemleistung angetrieben. Bei der Wahl des Verbrennungsmotors als Ergänzung zu den einheitlichen und per Reglement vorgegebenen Hybridelementen setzt Porsche auf ein großvolumiges V8-Triebwerk mit doppelter Turbolaufladung. Der leistungsstarke Motor ist für den Betrieb mit erneuerbaren Kraftstoffen ausgelegt. Sie ermöglichen eine signifikante Reduzierung der CO2-Emissionen. Die Systemleistung des Hybridantriebs beträgt im Rennen rund 500 kW (680 PS). »Wir hatten bei der Auswahl des Motors die Qual der Wahl, denn die Produktpalette bietet mehrere erfolgversprechende Basisaggregate«, erklärt Thomas Laudenbach, Leiter Porsche Motorsport. »Wir haben uns für den V8-Biturbo entschieden, der aus unserer Sicht die beste Kombination im Hinblick auf Leistungscharakteristik, Gewicht und Kosten bietet.«

Das Motoren-Regelwerk für die LMDh-Fahrzeugklasse lässt in den Bereichen Hubraum, Bauform und Zylinderzahl große Freiheiten. Die Höchstdrehzahl beträgt 10.000 Umdrehungen pro Minute, das maximale Vorbeifahrgeräusch 110 Dezibel. Der Motor muss samt Luftzuführung und Abgastrakt sowie der Peripherie-Bauteile für die Kühlung ein Mindestgewicht von 180 Kilogramm auf die Waage bringen. Sofern verwendet, schließt dies auch den oder die Turbolader inklusive Ladeluftkühlung ein. Die Höchstleistung liegt laut Reglementvorgabe im Bereich zwischen 480 und 520 kW (653 bis 707 PS). Diese Bandbreite ermöglicht unter anderem Anpassungen im Rahmen der Balance of Performance (BoP), die für eine ausgeglichene Gesamt-Performance im Feld der LMDh-Rennwagen sorgen soll. Auch der Drehmomentverlauf ist klar definiert. Im Rennbetrieb liegt die Spitzenleistung der Kombination von Verbrennungsmotor und Hybridantrieb bei 500 kW (680 PS) an den Antriebswellen. Für die Rekuperation, Speicherung und Abgabe der elektrischen Energie sind Einheitsbauteile vorgeschrieben.

Hochleistungs-Hybridantriebe haben bei Porsche Motorsport eine lange und sehr erfolgreiche Tradition Auf den 911 GT3 R Hybrid von 2010 folgt zwischen 2014 und 2017 der 919 Hybrid und mit ihm drei Siege in Folge beim 24-Stunden-Klassiker in Le Mans, dazu sowohl der Hersteller- als auch der Fahrertitel in der WEC. Wenn als nächster Eintrag ein Sieg bei den 24 Stunden von Daytona 2023 folgt, hätte sicher niemand etwas dagegen einzuwenden. Aber das wird hier und heute nicht thematisiert. Das Team kennt die Tücken von Langstreckenrennen – auch ganz abseits von tierischen Störenfrieden. Das haben auch die Testfahrten gezeigt. Die konnten wegen Blitz und Donner nämlich erst mit eineinhalb Stunden Verspätung aufgenommen werden. Und trotz der verlorenen Zeit absolvierten die Fahrer an den beiden Testtagen fast 2.300 Kilometer im Renntrim. Wie gesagt: der 963 ist schnell. Sehr schnell.


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