Selbsterfahrung: BMW Bank Classic Rallye

In einer Zeit, in der das Reisen oft als notwendiges Übel und Fliegen als uncool erachtet wird, sollte man in ein Auto mit Charakter steigen. Weil es den Horizont erweitert. Und wenn alles gut läuft, trinkt man am Ende guten Rotwein.
Text Wladimir Kaminer
Bild David Breun

Im Anfang war das Wort, so steht es in der Bibel, und auch die Atheisten wissen, dass wir in einer Welt leben, die sich mit und durch Texte manifestiert. Und weil es inzwischen mehr Bücher als Menschen gibt, kann jeder von uns, rein theoretisch gesehen, das Buch seines Lebens, seine Zukunft und seine Vergangenheit aufgeschrieben finden, sorgfältig von jemand anderem zusammengefasst, bereits tausendfach gedruckt und von vielen auch gelesen. Die Frage ist nur, wie findet man das richtige Buch, den richtigen Text? Nichts leichter als das. Es gibt nämlich gar nicht viele Sujets, die uns zur Verfügung stehen.

»In einem Oldtimer fährt man nicht nur durch die Landschaft, man reist gleichzeitig durch die Zeit.«

Wladimir Kaminer

Der Erfinder des magischen Realismus, ein großer Geschichtenerzähler, der Argentinier Jorge Luis Borges, unterteilte die gesamte Weltliteratur in drei Haupthandlungen: Krieg, Liebe und die große Reise. Im Gegensatz zu Borges’ Zeiten finden die heutigen Kriege ohne Völkerschlachten statt, es geht um Hackerattacken und wirtschaftliche Sanktionen, um Rüstungsaufträge, um Rennen im Weltall, da sind die meisten von uns zum Glück nicht dabei. Die Liebe wiederum wird permanent neu definiert, niemand weiß inzwischen, was Liebe ist. Was uns also als Erlebnis bleibt, ist die Reise, die entspannte Wanderung durch die Welt, die Odyssee des kleinen Mannes. Sie gibt uns die Möglichkeit, unsere gewohnte Umgebung zu verlassen, sich selbst auf die Probe zu stellen, die Zukunft und vielleicht sogar die Liebe zu erfahren, Neues kennenzulernen. Die Reise bringt uns dazu, die Welt draußen ein wenig besser zu verstehen.

Die interessantesten Menschen der vorigen Jahrhunderte, die Entdecker, die Ritter und die Forscher, waren große Reisende, dabei spielte es kaum eine Rolle, in welche Richtung sie sich fortbewegten, der Weg war das Ziel – und die Wahl des richtigen Fortbewegungsmittels konnte entscheidend für den Erfolg der Reise sein.

Das ist auch heute nicht anders. In unserer modernen Welt ist das Reisen zur bloßen Mobilitätsfrage degradiert, wie man am schnellsten und günstigsten von einem Ort zum anderen kommt. Mit dem Zug oder noch schneller, in einem Flieger? Solche Reisen bilden nicht, deswegen sitzen die meisten Passagiere mit geschlossenen Augen im Flugzeug, sie nippen an ihrem Tomatensaft und warten auf die Landung. Auch im Zug schauen die Menschen mehr auf ihre Smartphones als aus dem Fenster, sie gehen die Nachrichten durch, die Reisezeit wird als verlorene Zeit, als notwendiges Übel wahrgenommen. Nur das Auto kann uns das wahre Reiseerlebnis bieten, natürlich muss das ein richtiges Auto sein.

»Es waren Autos mit Charakter. Man merkte, dass sie zu lange im Museum gestanden hatten. Sie wollten raus.«

Der Gerechtigkeit halber muss an dieser Stelle allen Freunden des Fahrradfahrens gesagt werden: Ja, natürlich kann man auch mit einem Fahrrad wunderbar auf Reisen gehen, man kommt aber nicht wirklich weit.

Welches Auto wählen wir also für unsere Reise? Richtig großen Spaß machen mir Oldtimer. In einem Oldtimer fährt man nicht nur durch die Landschaft, man reist gleichzeitig durch die Zeit. Umso mehr freute ich mich auf die Einladung der BMW Bank, an einer Rallye mit den Oldies aus der BMW Group Classic Sammlung teilzunehmen.

Es waren Fahrzeuge aus den 50er- bis 90er-Jahren, Cabrios wie aus alten Filmen, schnelle Schlitten, die unsere Großväter zum Rasen brachten, solide Gefährte, in denen man den Aschenbecher leichter als den Rückwärtsgang finden konnte. Autos aus einer Zeit, in der die Form des Außenspiegels mehr als die Sicherheit des Fahrers geschätzt wurde und das Lenken noch richtig Arbeit bedeutete, das Fahren Muskelkraft und schnelle Reaktionen erforderte. Die modernen Autos unterscheiden sich hauptsächlich im Preis, sie werden als sportlich oder leger markiert, doch in der gleichen Preisklasse weiß man in der Regel, was man hat, die Unterschiede sind gering.

Ganz anders bei den Oldies. Ich wechselte während der Rallye zwischen drei Autos, die unterschiedlicher nicht sein können. Das erste war ein viertüriges BMW 502 Cabriolet – das coolste und älteste Auto in der Runde, soweit ich das beurteilen kann. Es war die erste Einladung in der Nachkriegszeit, Freude am Leben und am Fahren haben zu dürfen. Danach fuhr ich einen M3 aus den 80ern und einen BMW 3200 CS. Ich glaube, damals, im vorigen Jahrhundert, waren die Autos für die Hersteller wichtiger als die Fahrer. Der Fahrer war nebensächlich, Hauptsache, dem Auto ging es gut. Wie ein launisches Pferd musste jedes dieser Fahrzeuge kennengelernt, gezähmt und beherrscht werden. Es waren Autos mit Charakter. Man merkte, dass sie zu lange im Museum gestanden hatten. Sie wollten raus.

Unser Gastgeber, die BMW Bank, ließ sich ein großartiges Programm einfallen. Mit 18 Autos fuhren wir von München über den Ammersee und zu ALPINA in Buchloe bis zum Schloss Neuschwanstein, vor wenigen Monaten war ich schon dort, ich durfte mitten in der Pandemie in den Gemächern des bayerischen Königs einen Film drehen, über die Restaurierung des Schlosses. Damals war ich allein im Schloss, ich saß im königlichen Arbeitszimmer und in seinem Lese-Erker, ich durfte sogar die königliche Toilette besuchen, die erste in Europa mit automatischer Spülung. Diesmal war das Schloss voll mit Touristen, wie in alten Zeiten. Und ich muss sagen, unsere 18 Fahrzeuge, vor dem Schloss geparkt, zogen nicht weniger Schaulustige an als das Bauwerk des bayerischen Königs. Sicher hätte auch Ludwig als großer Technikfan seinen Spaß an einem BMW gehabt. Eine Fahrt mit der ALPINA Roadster Limited Edition hätte ihm bestimmt gutgetan.

Von Neuschwanstein fuhren wir zum Boutique-Hotel Lartor in Unterammergau, dort im Restaurant Hieronymus wartete bereits ein Winzer aus dem Rheingau auf uns, der Rieslinge und Pinot Noirs produziert, die angeblich besten Rotweine Deutschlands. Er gab für uns den Sommelier und behauptete, seine Weine hätten den Weingeschmack der Deutschen verändert. Früher, in den harten Zeiten nach dem Krieg während des Wiederaufbaus, schätzten die Männer vor allem Hochprozentiges, während die Frauen auf süße Weine standen. Die einen wollten sich für eine Weile vergessen, die anderen ihr schweres Los ein wenig versüßen. Heute trinken nur noch Omas süße, halbtrockene Weine und die Schnäpse werden als Digestif serviert. Vor diesem Hintergrund hat sich in Deutschland eine aus Frankreich eingewanderte Weinkultur etabliert. Der richtige deutsche Wein ist, von außen betrachtet, bescheiden, kommt er aber in den Menschen hinein, kann er erstaunliche Qualitäten entfalten, meinte der Winzer. Seine Weine schmeckten tatsächlich gut, das Blöde am Wein ist bloß, dass man betrunken kein Auto mehr fahren kann. Also übernachteten wir in Unterammergau. Die Dorfbewohner bestaunten unsere Autos, als wäre die Weltautoausstellung aus dem vorigen Jahrhundert im Dorf zu Besuch und hätte ihre Schätze unter freiem Himmel ausgestellt. Zu später Stunde saß ich noch mit dem Winzer bei der Verkostung. Draußen leuchteten die Sterne.

»Die Dorfbewohner bestaunten unsere Autos, als wäre die Weltautoausstellung aus dem vorigen Jahrhundert im Dorf zu Besuch und hätte ihre Schätze unter freiem Himmel ausgestellt. «

Ich wollte von ihm wissen, was wohl die nächste Generation, die ganzen Rapper und Yoga-Menschen, gerne trinken würde. Die Neuen sind anders, sie mögen keine Autos, sie essen gern Spinat und wollen mit einem Elektroroller durchs Leben kommen.

Pass auf, sagte unser Winzer, der Sommelier: Die Jugend, die Rapper und Yoga-Menschen essen gern scharf, die asiatische Küche ist im Anmarsch, und zu Scharfem passt Süßes.

Also werden sie wahrscheinlich Omas Geschmack haben und gerne Süßweine trinken. Denn das Süße löscht am besten den Durst. Wir tranken aber gerne edle Rotweine und stießen an: auf die Rapper, die Spinat mögen, auf die Zukunft, die ungewiss bleibt, und auf entspannte Reisen mit coolen Fahrzeugen, die uns das Geheime der Welt aufschließen.

Unsere wilde Abenteuer-Ausfahrt im Rahmen der BMW Bank Classic Rallye gibt's übrigens auch als Podcast-Folge. Jetzt reinhören!



ramp shop


Letzte Beiträge

It’s cool, men: Steiner Architecture f/f und der Ice Race Pavillon

Der sommerlichen Hitze begegnet man am besten wie die beiden Macher von Steiner Architecture f/f: mit kühl gedachten und gut umgesetzten Ideen. Wie zum Beispiel dem Ice-Race-Pavillon. Aber Flo Oberschneider und Ferdi Porsche hinterlassen mit ihrem gemeinsamen Architekturbüro auch sonst nachhaltig Eindruck.

Corvette Stingray: Abhängigkeitserklärung

Die große Freiheit? Genießt man nicht in vollen Zügen. Sondern im amerikanischen Sportwagentraum schlechthin: der Corvette Stingray. Ein hochfrequenter Roadtrip zum Unabhängigkeitstag. Einfach nur... perfekt!

Asket: Mode radikal neu gedacht

Eigentlich träumten August Bard Bringéus und Jakob Dworsky nur von dem perfekten weißen T-Shirt. Dann gründeten die beiden Schweden, die sich an der Stockholm School of Economics kennenlernten, das Fashionlabel Asket und begannen, das Thema Mode radikal neu zu denken.

Internationaler Matsch-Tag: ein Carwash mit dem Jeep Wrangler und Daniele Calonaci

Eine Vorwarnung am internationalen Matsch-Tag: Es wird schmutzig. Sehr schmutzig. Und Daniele Calonaci von Jeep zeigt, was es bedeutet, wenn ein Designer den ramp Carwash wörtlich nimmt.