Brad Pitt: »Ich trage mein Alter wie ein Ehrenabzeichen.«

Ist Brad Pitt glücklich? Diese Frage scheint sich bei einer solchen Karriere nicht zu stellen – allerdings wurde im Gespräch mit dem 56-Jährigen klar, welche Erkenntnisprozesse der Schauspieler durchmachte – und welchem Prinzip er folgte, um zu diesem Gefühl zu finden.
Text Rüdiger Sturm
Bild Sony Pictures

Mr. Pitt, sind Filme ein Mittel für Ihre Selbstverwirklichung?
Für mich waren sie immer ein Zugang zur Welt. Ich hatte als Jugendlicher fast nichts von ihr gesehen, kam höchstens ein bisschen in den USA herum. Und Filme zeigten mir andere Kulturen und Verhaltensweisen. Sie waren meine große Liebe. Ich hatte jedoch nie den Plan, Schauspieler zu werden. In meiner Heimat – ich komme aus Missouri – war das keine Karriereoption. Kurz vor Ende der Collegezeit begriff ich, dass ein normaler Beruf nichts für mich sein würde. Ich war nicht dazu bereit. Und so dachte ich: Warum folgst du nicht deiner Liebe und versuchst, Filme zu machen? Ich brach meine Ausbildung zwei Wochen vor Abschluss ab, verdiente ein bisschen Geld, damit ich mir einen Trip nach Kalifornien leisten konnte – und fuhr los.

Und Sie waren sofort glücklich?
Es dauerte eine Zeit. Am Anfang bekam ich ja nicht mal Termine fürs Vorsprechen. Aber irgendwann kriegte ich ersten Chancen, und ich tat alles, um sie zu nutzen. Dann brauchte ich ungefähr zehn Jahre, um zu verstehen, was ich genau wollte. Man versuchte, mich ins Fernsehen zu drängen, doch ich blieb meiner Liebe treu. Und das war der Film. Die Geschichten, die im Kino erzählt wurden – das war es, was ich wollte. Und das blieb meine Maxime.

Es ist aber nicht selbstverständlich, seinen Prinzipien treu zu bleiben.
Was mir dabei half, war, Vater zu werden. Ich bin mir absolut bewusst, dass meine Kinder eines Tages meine Filme sehen. Und ich muss daran zurückdenken, welche Filme mich prägten und inspirierten, als ich jung war. Aus diesem Grund weiß ich ganz genau – noch genauer als früher –, was ich tun möchte. Meine Leidenschaft ist sogar noch gewachsen.

Sie sagten aber, dass Sie am Anfang Ihrer Karriere nicht so happy waren. Warum eigentlich?
Ich war ziemlich durcheinander. Ich war einfach nicht darauf vorbereitet, was zu diesem Beruf alles dazugehört. Ich wollte einfach nur Filme machen – große Filme –, und mir war nicht bewusst, dass ich dadurch auch in den Fokus der Öffentlichkeit geraten würde. Ich verlor ein bisschen die Orientierung. Es gab Interviews, da musste mir der Regisseur die Hand halten, damit ich sie durchstand.

»Ich muss Brille tragen, weil ich kurzsichtig geworden bin. Aber meinen Schatz an Erfahrungen würde ich um nichts in der Welt eintauschen wollen.«

Gleichzeitig waren Sie ein Sexsymbol. Ein Kritiker bezeichnete Sie einmal als »Charakterdarsteller im Körper eines Leinwand-Idols«.
Was ein nettes Kompliment war. Ja, ich bin ein Schauspieler, der seinen Körper einsetzt. Aber für mich stehen ganz andere Aspekte an erster Stelle: nämlich die Geschichte und der Regisseur, mit dem ich sie erzähle. Und ich möchte etwas Neues entdecken, zu dem ich eine persönliche Beziehung habe. Dazu war mir bewusst, dass ich mit bestimmten Rollen in einer Schublade lande. Deshalb wollte ich mein Image ein wenig auf den Kopf stellen und spielte exzentrische Rollen wie in »Twelve Monkeys«, damit man mich nicht mehr auf einen bestimmten Figurentyp festlegt.

Das kann aber auch riskant sein. Es gibt viele Schauspieler, die mit einem bestimmten Rollentyp ihre gesamte Karriere bestritten.
Ja, klar, wenn ich an einen Cary Grant denke, stimmt das. Aber ich wäre nicht gut darin und es entspricht nicht meiner Natur. Ich halte meine Strategie nicht für riskant, sondern für smart. Sie besteht darin, dass ich mit Regisseuren zusammenarbeite, die smarter sind als ich. Denn sie entscheiden darüber, wie die Geschichte erzählt wird.

Was heißt das genau: … das entspricht nicht Ihrer Natur?
Ich bin jemand, der sich ständig vorwärtsbewegen muss und nicht das Gleiche tun kann. Als ich in der Highschool war, probierte ich alle möglichen Sportarten aus. Ich spielte Football, ich war Ringer, im nächsten Jahr spielte ich Tennis, dann Basketball. Ich beherrschte alles, aber es war mir unmöglich, mich auf eine Sache festzulegen. Die Unfähigkeit, mich zu wiederholen, zeigt sich schon in alltäglichen Dingen. Wenn ich mit dem Auto losfahre und merke, dass ich meine Brille oder meinen Führerschein vergessen habe, kehre ich trotzdem nicht um, um die Sachen zu holen. Selbst wenn es mich nur fünf Minuten kostet. Ich habe da eine Blockade.

Sie würden auch nicht in der Zeit zurückgehen wollen, um noch mal jünger zu sein?
Oh nein. Ich bin im Alter viel glücklicher. Ja, ich muss Brille tragen, weil ich kurzsichtig geworden bin. Aber meinen Schatz an Erfahrungen würde ich um nichts in der Welt eintauschen wollen. Ich trage mein Alter wie ein Ehrenabzeichen. Ich bin weiser geworden und habe gelernt, Verantwortung für andere zu übernehmen. Die Zeit, in der ich meinen Eltern die Schuld für Probleme geben konnte, ist vorbei. Das Leben ist viel besser so.

Und Sie fürchten sich auch nicht, dass Sie Ihren Status mal an jüngere Darsteller verlieren?
Wir alle haben ein Verfallsdatum. Ich nähere mich dem meinen an. Ich habe nichts dagegen, wenn die jüngere Generation das Ruder übernimmt. Aber ich möchte schon noch ein paar Dinge auf die Beine stellen, bevor ich ins Gras beiße. Die Schauspielerei macht mir zu viel Spaß. Das ist, als würdest du im Boxring stehen. Ja, du bekommst Schläge ab, aber du weißt, dass es dafür einen guten Grund gibt.

Fürchten Sie sich überhaupt vor etwas?
Meine einzige Angst ist die vor dem Tod – aber die haben wir doch alle. Sie hat zur Folge, dass ich auf meine Sicherheit achtgebe – und noch viel mehr auf die meiner Kinder. Ich will, dass alle okay sind. Diese Angst beeinflusst mich auch in meiner Arbeit. Eben weil ich Filme drehen möchte, die einen Unterschied machen und auf die meine Kinder eines Tages stolz sein können.

→ Lesen Sie das komplette Interview in der rampstyle #19


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