Bryan Ferry: More Than This

Es heißt, dass Bryan Ferrys Timbre so weich sei, dass Besitzer exklusiver Nachtclubs sich den Innenarchitekten sparen könnten. Nicht ganz falsch. Spricht man mit dem 76-Jährigen, lauscht man natürlich der einmaligen Stimme. Aber man erfährt auch, dass seiner Ansicht nach Grace Jones mal einen seiner Songs besser hinbekam als er selbst. Tja. Der Mann hat einfach Stil.
Text Dave Simpson / »The Guardian«
Bild Michael Roberts / Neil Kirk / Trunk Archive

Mister Ferry, erst einmal herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag des ersten Roxy Music Albums! Was bedeutet die Band heute für Sie?
Sehr viel. Roxy Music steht für die ersten zehn Jahre meiner Karriere, die Band ist also ein großer Teil meines Lebens. Einige meiner besten Arbeiten sind auf diesen Alben. Ich hatte wirklich Glück, zu einer so einzigartigen Truppe zu gehören. Andy Mackay hatte einen klassischen Hintergrund, Brian Eno einen elektronischen, Phil Manzanera war ein Gitarrist mit lateinamerikanischen Wurzeln, Paul Thompson ein großartiger Schlagzeuger und der Bassist Graham Simpson war Jazzliebhaber. Jeder von ihnen brachte etwas Besonderes mit, es herrschte ein starkes Gefühl der Kameradschaft – man kommt den Leuten beim Musizieren sehr nahe – und wir haben wahnsinnig viel gelacht.

Wie kann man sich die Anfangszeit vorstellen?
Die war sehr aufregend, allerdings hatten wir es immer eilig, Songs oder Alben fertigzustellen. Wir produzierten in zehn Jahren eine Menge. Antony Price stammte aus Yorkshire und half mir bei den Albumcovern, außerdem entwarf er ein paar wirklich interessante Outfits für uns, die ihrer Zeit weit voraus waren. Neulich arbeitete ich an meinem Buch mit Lyrics und erinnerte mich an die Roxy-Songs, das war toll. Ich freue mich darauf, in diesem Jahr mit der Band auf Tournee zu gehen.

Bryan Ferry wurde am 26. September 1945 in Washington, Großbritannien, geboren und studierte Kunst an der Newcastle University. 1971 gründete er unter anderem zusammen mit Brian Eno die Band Roxy Music. Das erste Album »Roxy Music« erschien 1972. Vier Jahre später trennte sich Ferry vorübergehend von Roxy Music, arbeitete an verschiedenen Soloalben und spezialisierte sich auf Coverversionen. 1983 löste sich die Band auf, um zwanzig Jahre später wieder ihr Comeback zu feiern. Mit Lucy Helmore, mit der er von 1982 bis 2003 verheiratet war, hat er vier Söhne. Credit: Neil Kirk / Trunk Archive.

Gibt es ein Album, auf das Sie besonders stolz sind?
Das erste Album war interessant, wies aber offensichtlich in verschiedene Richtungen. Für mich war »For Your Pleasure« wichtiger. Wir waren bereits viel getourt, hatten mehr Erfahrung und ein besseres Standing. Aufgenommen wurde es in den Air Studios mit Toningenieuren in Laborkitteln, hoch über der Oxford Street, während unten die Leute herumliefen. Es fühlte sich an, als wäre es der Nabel der Welt. Das Album war erwachsener, dunkler, mit besserem Gesang. Heute habe ich allerdings einen anderen Favoriten: »Avalon«. Zehn Jahre später, ganz anders, ein sehr stimmungsvolles Album, sehr atmosphärisch. »Manifesto« ist im Vergleich zu den beiden anderen nicht ganz so stark. Natürlich ist darauf »Dance Away«, aber es gibt auch Songs – »Trash«, »My Little Girl«, »Cry, Cry, Cry« –, die ich mir heute nicht mehr anhören würde.

»Jeder bei Roxy Music brachte etwas Besonderes mit, es herrschte ein starkes Gefühl der Kameradschaft – und wir haben wahnsinnig viel gelacht.«

Bryan Ferry

Um noch einmal auf »Avalon« zurückzukommen, das Album markierte damals einen grundlegenden Wandel des Sounds. Haben Sie den Wechsel bedauert?
Ich war ja in der glücklichen Position, sowohl mit einer Band als auch als Solokünstler Musik zu machen. Arbeitet man in einer Gruppe, führt das manchmal zu Einschränkungen, die wiederum zu einem raueren, direkteren Sound führen können. Mit Roxy Music hatten wir das Beste aus beiden Welten. Es gab eine große Bandbreite an Sounds, mit denen wir spielen konnten, und es machte Spaß, mit ihnen zu experimentieren. Arbeitet man als Solokünstler, hat man manchmal zu viele Möglichkeiten, und dann besteht die Gefahr, dass man überproduziert. Niemand will jedes Mal die gleiche Platte machen, also probiert man verschiedene Dinge aus, und manche funktionieren besser als andere. Es ist eine musikalische Reise, die an unerwartete Orte führen kann. Es gibt immer unterschiedliche Ziele, die man ansteuern kann.

Sprechen wir über die Outfits von Roxy Music. Sie sahen gefährlich dekadent und androgyn aus. Hatten Sie eigentlich mal selbst so etwas wie ein visuelles Schlüsselerlebnis?
Ja, das war 1967, als ich von Newcastle nach London trampte. Ich wollte dort die Stax/Volt Revue Tour sehen. Geld besaß ich keins, aber man fand immer irgendjemanden, der einen fünfzig Meilen mitnehmen konnte … Das war eine Pilgerfahrt und eine beeindruckende Erfahrung. Ein unglaublicher Musiker nach dem anderen trat auf, Eddie Floyd, Steve Cropper … Die Stimmen waren kraftvoll, und es war auch visuell überwältigend. Sam & Dave traten in kanariengelben Outfits auf. Otis Redding schritt in einem knallroten Anzug über die Bühne, und das Publikum war vom ersten Ton an gebannt. Es war, als würden all diese wunderbaren Alben zum Leben erweckt. Ich sang ja auf der Universität ein paar Jahre und hatte mich sozusagen zur Ruhe gesetzt, um mich auf mein Kunststudium zu konzentrieren (lacht). Aber diese Show veränderte mein Leben. Ich dachte: »Das würde ich gerne machen.«

»Das gepfiffene Solo auf ›Jealous Guy‹ kam spontan, glaube ich. Ich jobbte als Junge mal als Zeitungsausträger, dabei muss ich ziemlich viel gepfiffen haben.«

Bryan Ferry

Mussten Sie eigentlich lange für das gepfiffene Solo auf »Jealous Guy« üben?
Wenn ich mich recht erinnere, kam das spontan. Ich jobbte als Junge mal als Zeitungsausträger in Washington – das ist in Nordostengland – und dabei muss ich ziemlich viel gepfiffen haben. Ich fuhr eine Runde morgens vor der Schule und dann noch mal am Abend, samstags außerdem nach meiner Arbeit bei einem Schneider. Ich trug damals die Fußballzeitung aus. Je nachdem, ob es Newcastle- oder Sunderland-Fans waren, bekamen sie eine schwarze oder eine rosa Zeitung. Ich hatte die beste Runde: die schwerste Tasche, die aber das meiste Geld brachte. Dreißig Schilling pro Woche, das sind umgerechnet eineinhalb Pfund.

Wenn Sie heute einem talentierten Musiker einen Rat geben müssten, wie er seine Karriere voranbringt, was wäre das?

(…)

→ Lesen Sie das gesamte Interview mit Bryan Ferry in der rampstyle #26.


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