Bugatti Bolide: What if ... ?

Von innen nach außen. Das ist Bugatti. Das Innen, das ist dieser Motor mit 16 Zylindern. Weil der bereits als ultimatives Kunstwerk verehrt und gefeiert wird, bleibt dem Rest der Angelegenheit eigentlich wenig Spielraum für Experimente. Dachten wir – bis dieser Bugatti Bolide vor uns stand. Wir haben mit Achim Anscheidt, Director of Design bei Bugatti, dazu gesprochen. Und er hat uns exklusiv auch die wichtigsten Merkmale des Bolide skizziert.
Text Michael Köckritz
Bild Philipp Rupprecht

Ohne Übertreibung lässt sich mit Blick auf den Bugatti Bolide feststellen: Wahnsinn! Wie viel Vergnügen liegt aus Sicht des Designers in einer solchen Verwirklichung?
Achim Anscheidt: Bevor ich mich an irgendwelchen stilistischen Merkmalen und Ausprägungen ergötze, ist die wichtigste Aufgabe, erst einmal zuzuhören. Zu verstehen, worum es bei einem Auto wie diesem überhaupt gehen könnte. Erst dann reagieren wir. Darin liegt meine Verantwortung und mein Anspruch an mein Team. Anders als in der Kunst muss Design immer von der Funktion her verstanden werden. Etwas, das man so mit Blick auf ein Kunstwerk als funktionslosen und eigenständigen Gegenstand nicht sagen würde. Designgegenstände – und jetzt blicke ich mal über das Auto hinaus – sind im Regelfall nicht für eine rein ästhetische Betrachtung geschaffen. Ästhetik und Gebrauch hängen hier anders zusammen als bei einem Kunstwerk.

Dennoch ist der Zusammenhang zwischen Kunst und Auto bei keiner Marke so ausgeprägt wie bei Bugatti.
Das stimmt. Aber es ist nicht richtig anzunehmen, dass der Pinselstrich die Firma definiert, weil der Begriff der Kunst in der Marke Bugatti verankert ist. Das nehmen viele Menschen an, ist aber nicht der Fall. Vor hundert Jahren wie auch heute wieder ist der Motor nach wie vor der absolute USP dieser Marke. Ich kann so viele Designpräsentation abhalten, wie ich möchte – wir wären heute nicht hier, wenn es diesen Motor nicht gäbe. Und das ist auch die Quintessenz des Projekts Bolide. Wohl wissend, und ich bin jetzt schon 16 Jahre bei Bugatti, dass wir immer um diesen Motor herumgearbeitet haben. Mit dem Bolide treiben wir das auf die Spitze, weil es eine einmalige Chance war, diesen Motor wirklich völlig frei laufen zu lassen.

»Mit dem Bolide treiben wir das auf die Spitze, weil es eine einmalige Chance war, diesen Motor wirklich völlig frei laufen zu lassen.«

Achim Anscheidt

Kein Pinselstrich?
Kein Pinselstrich. Und es ist auch nicht durch eine schöngeistige Idee definiert. Stattdessen ist da ein Künstler, der es vermag, zuzuhören. Ein Künstler, der erst mal begreifen möchte, was für ein Potenzial diese Idee birgt, um von der Idee aus seine Kunst zu verwirklichen. Das ist die Expertise von Bugatti Design: technische Zusammenhänge zu begreifen und daraus am Ende ein Kunstwerk zu schaffen. Und auch nicht zu fürchten, dass die Techniker ein Projekt übernehmen und man als Designer nicht mehr zum Zuge kommt. Nein, im Gegenteil, man muss aus den Technikern erst mal 110 Prozent herauskitzeln und dann sehen, wie man daraus in seiner Stilistik, Gestaltung und Markenwahrnehmung ein Kunstwerk kreieren kann.

Was waren die Herausforderungen?
Zu erfassen, dass das Projekt in seiner aerodynamischen Grundstruktur ganz anders funktioniert als ein Bugatti Chiron. Beim Chiron gingen wir viele Kompromisse ein, um daraus dieses interessant-ambivalente Konstrukt eines ultimativen Gran Turismos zu erschaffen. So ist es mit dem Chiron eine Wohltat, von Stuttgart nach Rom zu fahren. Nun befanden wir uns aber zum ersten Mal in der Lage, kompromisslos auf reine Funktionalität hinzuarbeiten. Das war mit Sicherheit die größte Herausforderung, da stockte mir zugegebenermaßen ab und an der Atem.

»Nun befanden wir uns aber zum ersten Mal in der Lage, kompromisslos auf reine Funktionalität hinzuarbeiten. Das war mit Sicherheit die größte Herausforderung, da stockte mir zugegebenermaßen ab und an der Atem.«

An welchen Stellen lässt sich das konkret festmachen?
Nehmen wir den sehr offen gestalteten Vorderwagen: Der besteht eigentlich nur aus Löchern – wie ein Schweizer Käse. Aber jeder Quadratzentimeter ist in seiner Funktion bestimmt. Und sie sind ganz anders belegt als beim Chiron. Da hat keine einzige Luftanströmung mehr dieselbe Funktion wie beim Chiron. Die führt in andere Kanäle, um entweder spezielle Radiatoren zu belüften, um das Monocoque anders zu umströmen – oder um die Intercooler hinter dem Monocoque anzuströmen. Das ist schon bemerkenswert. Und die Kombination mit dieser X-Grafik, die ja sehr opulent und direkt ins Gesicht springt, unterstreicht die Attitüde dieses Experiments.

Und der Name Bolide?
Mal unter uns, am Anfang favorisierten wir den Namen »X-16« – Experiment with a W-Sixteen-Engine. Aber das war Stephan Winkelmann etwas zu militärisch und kurz. Er mag einfache, klare Namen, siehe Murciélago, Aventador, Huracán und Gallardo. Kann ich auch gut verstehen. Er gibt gerne zu: »Ich stehe auf wirkliche Namen.« Also kamen wir auf Bolide.

Das sollten wir also besser nicht schreiben?
Das ist mir egal (lacht).

Immerhin transportiert es Stephan Winkelmanns Vorstellungen sehr schön.
Schreibt es gerne so. Ich habe kein Problem damit. Was Stephan Winkelmann für Lamborghini getan hat, und jetzt sicher wieder tun wird, ist beeindruckend. Darüber hinaus bin ich ihm sehr dankbar dafür, was er mir bei Bugatti alles ermöglichte: Divo, La Voiture Noire, Centodieci, jetzt den Bolide, dazu die Derivate Pure Sport und Super Sport 300+ des Chiron, das geht alles direkt auf ihn zurück.

Eine erstaunliche Vielfalt.
Und wir gingen das sehr planvoll an. Als Stephan Winkelmann 2017 zu uns kam, hatten wir alles einmal vorgestellt, teilweise sogar schon die Namen – Divo, La Voiture Noire, die standen schon damals fest. Die anderen entwickelten wir über den Prozess. Neben den Modellen beschlossen wir, vor allem die Motorshows in Genf und Pebble Beach mit einem Highlight zu besetzen. Diesen Plan haben wir in den vergangenen Jahren abgearbeitet – und zwar zu fast 90 Prozent. Da waren wir ziemlich radikal in der Konsequenz.

Wie groß ist gerade hier die Gefahr, es zu übertreiben?
Natürlich ist das Coach-Building etwas, das bei Bugatti eine Renaissance erlebte. Aber ich glaube, dass man mit Augenmaß spielen muss. Das wissen wir auch. Wenn man nur noch Coach-Building anbietet, wird es irgendwann Standard, ist nicht mehr speziell und hat in den Sammlungen unserer Kunden keinen besonderen Wert mehr.

Zur Person: Achim Anscheidt wurde am 30. Juli 1962 in Stuttgart geboren, wuchs dort auch auf – und studierte Automobildesign an der Kunsthochschule in Pforzheim und am kalifornischen Art Center College of Design in Pasadena. Nach seinem Abschluss begann er 1993 bei der Porsche AG im Styling Center Weissach, 1996 wechselte der Vater von drei Töchtern in den Volkswagen Konzern. Seit 2004 ist Achim Anscheidt Director of Design bei Bugatti.

Bugatti Bolide
Motor W16-Motor
Hubraum 7.993 ccm
Leistung 1.850 PS (1.361 kW) bei 7.000 U/min
Max. Drehmoment 1.850 Nm bei 2.000 bis 7.025  U/min
0–500–0 km/h 33,62  s

Das gesamte Interview mit Achim Anscheidt lesen sie in der neuen ramp #52.


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