Car Wash: Audi-Chefdesigner Marc Lichte im Gespräch mit Michael Köckritz

Als Marc Lichte im Teenager-Alter den legendären Audi Sport quattro sah, war es um ihn geschehen. Gewaschen wird heute aber der von ihm entworfene Audi e-tron GT, währenddessen es im Gespräch unter anderem um den Audi der Zukunft geht. Und um die Schwierigkeit, Autoscheiben richtig sauber zu bekommen.
Text Michael Köckritz
Bild Dominik Gigler

Wenn man die Qualität des Neuen geschärft realisieren will, muss man nur einen Kontrast zur prägenden Erinnerung schaffen. Womit der perfekte Ort für diesen Car Wash schon einmal feststand: die heiligen Hallen der Audi Tradition in Ingolstadt. Fein zwischen den Schätzen der historischen Fahrzeugsammlung arrangiert, warten ein legendärer Audi Sport quattro und ein Audi e-tron GT mit uns auf Marc Lichte.

So ein Auto wie den e-tron GT als vollelektrischen Gran Turismo, sagt Audi, gab es noch nie. Entsprechend gespannt sind wir, was der Designer uns zu seinem Auto, dem munteren Drumherum in Bezug auf die Zukunft von Audi und natürlich auch überhaupt so sagen wird.

Herr Lichte, wie ging das mit Ihrer Autobegeisterung los?
Ich bin im Sauerland groß geworden, in Arnsberg. Das waren so zweieinhalb Stunden Fahrt nach Frankfurt. Mein Vater nahm mich alle zwei Jahre zur IAA mit, wir sind unter der Woche nach der Schule hin, weil die Straßen dann so schön leer waren. Mein Vater fuhr Porsche, BMW und besaß auch mal eine Pagode von Mercedes. Mit einem 911 Carrera RS 2.7 fuhr er sogar Bergrennen.

Guter Papa.
Stimmt, ich war oft an seiner Seite. So wuchs ich auf, und daher rührt auch meine Leidenschaft für Sportwagen. Zugegeben, Audi hatte ich als Kind nicht wirklich auf dem Schirm. Dann geschah es, 1983 mit 14 Jahren, stand ich vor einem Audi Sport quattro, fast skurril anmutend durch die Proportionen, und doch total innovativ, völlig radikal. Es gab nichts Vergleichbares. Ich war völlig geflasht.

»Es gab nichts Vergleichbares. Ich war völlig geflasht.«

Marc Lichte

Entstand in diesem Moment die Idee, Designer werden zu wollen?
Das wusste ich schon vorher. Mit zwölf Jahren sah ich einen Fernsehbericht über den neu geschaffenen Studiengang »Transportation Design« in Pforzheim. Ich fuhr mit meinem Vater hin, schaute mir alles an und wusste, okay, ich will Design studieren. Und mit Blick auf den Sport quattro am Messestand von Audi zwei Jahre später war mir klar, dass ich Designer bei den vier Ringen werden will.

Aber beim Audi Sport quattro stand die Funktion im Vordergrund, eher weniger das Design.
Genau, das gilt so bis heute. Die Funktion prägt die Marke. Das Design entsteht um die Technik herum, macht sie sichtbar. Für mich ist das der Kern von Audi. Die progressive Technologie kommt in diesem Auto in Perfektion zum Vorschein. Während der Piëch-Ära wurde Audi immer mutiger, auch mein Vater stieg auf Audi um – die Rallyeerfolge verbunden mit dem Allradantrieb waren der Ursprung für alles, was kam.

Und heute?
Den Audi e-tron GT entwarf ich vor fünf Jahren mit meinem Team. Für Design-Maßstäbe ist das eine gefühlte Ewigkeit, da wir ja immer vorausdenken müssen. Aber Stand heute ist es das attraktivste Modell, das ich bisher gestalten durfte. Die Basis für ein gutes Design ist für mich immer die Proportion, und die ist hier herausragend. Der e-tron GT ist mit 1,41 Metern Höhe flacher als unser A7. Aber wenn ich mich mit meinen 1,95 m hineinsetze, habe ich bei der Kopffreiheit immer noch fünf Zentimeter Luft. Das ist ein Meisterwerk vom Package. Das ist ein wirklicher Viersitzer, eine bessere Basis hatte ich nie.

»Das ist ein Meisterwerk vom Package. Das ist ein wirklicher Viersitzer, eine bessere Basis hatte ich nie.«

Marc Lichte über den Audi e-tron GT

Steht das Auto für die Zukunft von Audi?
Erst mal steht es für die Zukunft generell, weil Elektromobilität die Zukunft ist. Aber wissen Sie, wofür das Design noch steht? Der e-tron GT sieht klassisch aus. Manche Hersteller machen skurrile, extreme Dinge, um das Elektroauto vom bisherigen Verbrenner abzugrenzen. Das ist nun gar nicht mein Weg. In ein paar Jahren werden wir sowieso darüber lachen, weil Elektro das »New Normal« sein wird. Dazu möchte ich, dass so ein Auto über Jahre hinweg Bestand hat. Ich strebe nach dem Zeitlosen.

Und schon sind wir bei dem Thema Ikone. Was macht eine Designikone aus?
Erst einmal: Gute Gestaltung kommt aus der Designabteilung, ja. Ikonen werden dann aber auf der Straße gemacht, von den Kunden, den Fans. Wie der Porsche 911. Ein Neunelfer hat etwas Zeitloses, genau wie der VW Käfer oder der Audi TT – gerade deswegen wurden sie zu einer Ikone. Die Basis bildet die Proportion, wenn die gut ist, kann man etwas Perfektes daraus machen. Der e-tron GT ist für mich gutes Design. Ob er zu einer Ikone wird, lässt sich nicht vorhersagen. Aber ich glaube, er hat die Voraussetzungen dafür.

Wie kam es zu dieser Farbe?
In diesem Oliv, wir nennen es »Taktikgrün«, steckt sehr viel Modernität. Die Lackierung sieht aus wie Uni, ist aber Metallic. Und wenn Licht darauf scheint, wird es ein richtig freundliches Grün. Vor ein paar Jahren probierte ich die Lackierung schon an meinem RS 6 aus, und die Resonanz war sehr positiv, viele Kunden haben nach der Farbe gefragt, nachdem sie mein Auto auf der Autobahn gesehen haben und sich mein Kennzeichen notierten. Da entschieden wir uns, dass wir die Farbebeim e-tron GT in Serie bringen. Ich finde, sie passt perfekt zu diesem Auto.

Welche Merkmale, welche Details sind Ihnen noch speziell wichtig, wo wir gerade beim Waschen sind?
Wenn wir uns den Audi Sport quattro einmal ansehen, der bald vierzig Jahre alt wird, erkennt man die Antwort auf die Frage schon, oder besser gesagt, immer noch, deutlich: In diesem Auto steckt ohne Ende Audi, innovative Technologie eben. Das Auto verkörpert das in Vollendung. Allrad ist für mich der beste Antrieb, den es gibt, erst recht auf Schnee und Eis. Diese DNA wollten wir in die neue Ära mitnehmen: Daraus wurde dann für den elektrischen e-tron GT ein komplett neues, markantes Design generiert, mit diesen Muskeln über allen vier Rädern. Alles ist genau ausbalanciert. Die Kabine liegt relativ zentral zwischen den Rädern, macht also quattro sichtbar. Bei dem e-tron GT wollte ich die quattro-Technologie in maximaler Ausprägung darstellen. Es ist ein extremer Kontrast zwischen der schmalen Kabine und dem kräftigen Körper.

Setzt sich diese Kraft im Innenraum fort?
Kann man so sagen. Alles zielt nach vorn, wie bei der Straße. Je schneller man fährt, desto enger wird sie, weil sie auf einen Punkt hin flüchtet. Bei diesem Innenraum fährt man schon im Stand gefühlte 250 km/h. Das haben wir so noch nie gemacht, alles wirkt skulptural. Autos werden sich sowieso radikal verändern.

Warum?
E-Mobilität bedeutet, dass Proportionen möglich sind, von denen ich immer geträumt habe. Früher als Kind oder heute bei Skizzen zeichne ich immer große Räder und kleine Überhänge. Bei einem Fahrzeug mit klassischem Verbrennungsmotor müssen mein Team und ich die langen Überhänge kaschieren. Dieses Kaschieren entfällt in der E-Welt komplett: Wir haben den langen Radstand, um Platz für die große Batterie zu schaffen. Wir brauchen große Räder, weil die Batterie mehr Gewicht mit sich bringt. Ohne Verbrennungsmotor lassen sich jedoch die Überhänge reduzieren und ein luftiger Innenraum realisieren, weil der Getriebetunnel entfällt. Das gibt Traumproportionen und Freiheiten in der Gestaltung. Aber der eigentliche Gamechanger kommt erst noch. Über 110 Jahren hinweg hat der Fahrer das Lenkrad immer in der Hand gehalten. Jetzt entwickeln wir Technologien, die uns das automatisierte Fahren erlauben. Und dann denkt man ein Auto komplett neu.

Bedeutet das auch, dass sich die Nutzung des Autos stark verändern wird?
Ja, das Auto wird zum dritten Lebensraum. In der Phase befinde ich mich gerade mit meinem Team. Wir gestalten solche Autos bereits, das ist eigentlich total Science-Fiction. Wenn man nicht mehr hundert Prozent der Zeit selbst fährt, dürfen wir uns noch nie gestellten Fragen widmen, auf die wir Antworten finden können. Fragen wie diese: Was möchte ich im Auto machen? Wie will ich mich darin bewegen können? Was für Rückhaltesysteme benötige ich? Wenn man nicht mehr am Lenkrad sitzt, macht der Airbag dort keinen Sinn – und der in der A-Säule ebenso wenig. Sowohl im Design als auch in der Entwicklung wird komplett anderes Denken erforderlich – ich möchte diese spannende Transformation bei Audi maßgeblich begleiten und gestalten.

Was heißt das für die Designer?
In meiner Karriere prägte ich um die 150 Autos. Im Prinzip war das Vorgehen immer gleich: Ausgangspunkt war die technische Basis, dann wurde das Package festgelegt, also wie viele Passagiere im Fahrzeug Platz finden sollen. Im Anschluss wurde dann dazu passend ein schönes Interieur gestaltet. Heute denken wir das Auto von innen nach außen. Die Rolle verändert sich, wir befassen uns nicht nur mit der Hardware, sondern gestalten ein holistisches Markenerlebnis. Apple ist das bereits vor langer Zeit gelungen. Überall auf der Welt überzeugen sie mit cleanem Design und einer User Experience, die einfach, intuitiv und elegant ist – das Vorbild von Apple Chefdesigner Jonathan Ive ist übrigens Dieter Rams, bekannt als revolutionärer Industriedesigner von Braun.

Man merkt für mein Empfinden, dass Form und Funktion bei Apple perfekt zusammengehen: Eine schöne Gestaltung ohne eine elegante Technologie funktioniert nicht. Aber clevere technische Lösungen ohne eine formschöne Gestaltung werden auf Dauer auch nicht akzeptiert. Apple kann für uns also in vielen Bereichen ein Vorbild sein. Wir bei Audi sind noch lange nicht am Ziel, aber immerhin schon auf dem Weg dorthin. Beim Design kommt alles zusammen – wie man sich darin bewegt, wie man es bedient und wie man das Auto erlebt.

→ Das gesamte Gespräch zwischen Michael Köckritz und Marc Lichte lesen Sie im »Car Wash« der ramp #59 »Morgen ist gestern«.


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