Carwash mit Daniele Calonaci: Der Jeep Wrangler als Scar-Car

Eine Vorwarnung am internationalen Matsch-Tag: Es wird schmutzig. Sehr schmutzig. Und Daniele Calonaci von Jeep zeigt, was es bedeutet, wenn ein Designer den ramp Carwash wörtlich nimmt.
Text Matthias Mederer
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Turin, mitten in der Stadt rollt ein Jeep Wrangler Rubicon um die Kurve. Farbe? Puh, gute Frage. Ist »Authentisch« eine Farbe? Mit ein bisschen Schwarz vielleicht? Am Steuer sitzt Daniele Calonaci, Chief Designer Jeep EMEA bei Fiat Chrysler Automobiles. Er fährt in die eigens vorbereitete Waschstraße und grinst: »Gut so?« Mit einem Sprung hüpft er vom Fahrersitz. »Es hieß doch, wir machen ein Carwash, oder? Dafür braucht man ein schmutziges Auto.« Dagegen ist zunächst mal nichts einzuwenden. Und wahrscheinlich muss ein Jeep Wrangler auch genau so aussehen. Was uns zur ersten Frage führt:

Im Designprozess, denken Sie sich da einen Jeep eigentlich sauber oder schon als schmutziges Auto?
Normalerweise denkt man ein Auto schon im sauberen Zustand mit allen Flächen und Kanten und den Proportionen. Aber bei einem Jeep berücksichtigt man natürlich immer, dass er schmutzig wird, und das wirkt sich direkt auf das Design aus, zumal sich alles vor allem auch gut und unkompliziert wieder säubern lassen muss.

Er fährt in die eigens vorbereitete Waschstraße und grinst: »Gut so?« Mit einem Sprung hüpft er vom Fahrersitz. »Es hieß doch, wir machen ein Carwash, oder? Dafür braucht man ein schmutziges Auto.«

Wie macht sich das konkret bemerkbar?
Wir stylen nichts. Zumindest kaum etwas. Der Jeep Wrangler ist ein evolutionär weiterentwickeltes Fahrzeug, es ist kein trendheischendes Retro-Design, wie es heute häufig gemacht wird. Im Grunde ist der Wrangler die darwinistische Beweisführung im Automobilbau. Mit ihm bin ich maximal gut gerüstet, um jedem natürlichen Hindernis und jeder Herausforderung entgegenzutreten. Alles am Wrangler wurde evolutionär von seiner Funktionalität fürs Gelände abgeleitet und schrittweise weiterentwickelt. Den Ursprung bildet dabei der Willys MB, der einst für das Militär entwickelt wurde. Ein simples Auto. Nehmen wir den Kühlergrill: für mich das ikonischste Merkmal, rein optisch. Dieses Element mit seinen sieben Schlitzen dient dazu, im Gelände den Kühler zu schützen. Und genau so sieht es aus. Es ist pur und schlicht von seiner Funktionalität abgeleitet. Und so können wir um das Auto herum von Punkt zu Punkt gehen.

Welche Rolle spielt dabei das Material? Kann man sagen: Im Zweifel nehmen wir eben Stahl?
Das Material spielt eine ganz entscheidende Rolle. Es aber so zu verallgemeinern, dass es immer maximal robust sein soll, würde ich nicht. Nehmen wir die Kotflügel. Würden wir hier Metall einsetzen, wäre das teurer und weniger flexibel. Plastik funktioniert hier besser und ist auch noch preiswerter. Dazu achten wir darauf, dass man die Verkleidung einfach tauschen kann. Wenn das Teil im Gelände kaputtgeht – Shit happens – tauscht man es eben einfach aus.

Daniele Calonaci greift gleich mal zum Hochdruckreiniger. In diesem Carwash geht es im wahrsten Sinne darum, Verkrustungen aufzubrechen und Schmutz und Kiesel wegzusprengen. Doch bevor Calonaci den Wasserstrahl mit maximaler Kraft auf den Rubicon feuert, wirft er noch einen prüfenden Blick unter das Auto, checkt Dämpfer, Spurstange, Aufhängung. »Das gehört für mich auch immer dazu. Ein Jeep wird bei entsprechender Nutzung natürlich beansprucht. Da beschädigt man schon mal was, und das muss geprüft werden. Das Waschen meines Jeep ist immer auch gleichzeitig ein Check.« Und den führt Calonaci einmal pro Woche durch. Heute sieht alles gut aus. Nichts beschädigt oder gar gebrochen. Auch dank entsprechender massiver Schutzteile. Bevor Calonaci die Pistole ansetzt und schon abdrücken will, fragen wir noch rasch nach:

Wie steht ein Designer eigentlich zu Kratzern im Lack?
Das sind die Spuren des Lebens. Die gehören absolut dazu. Sie sind wie Narben, Erinnerungen an ein spannendes Leben. Je mehr Erinnerungen, sprich, je mehr Kratzer mein Jeep hat, desto mehr ist es auch mein Auto. Das ist meine Form der Individualisierung. Es ist wie bei einer guten Lederjacke. Diesen Jeep hier besitze ich noch nicht lange, er hat also noch kaum Spuren. Der Jeep, den ich zuvor besaß, sah am Ende richtig gut aus. Ich hatte sogar ein Loch in der Seitenscheibe. Da haben Kinder in Marokko einen Stein nach mir geworfen.

Einen Stein?
Ja. Lustige Geschichte.

Was ist daran lustig?
Es ist nur Spaß. Die Kinder signalisieren damit ihre Anerkennung. Wenn du bei ihnen vorbeikommst, werfen sie eben einen Stein nach dir. Also Fenster geschlossen halten. Kleiner Tipp am Rande.

Muss ein Designer für einen Jeep eigentlich auch ein Offroad-Fahrer sein?
Absolut. Viele Designelemente versteht man ja erst, wenn man offroad fährt. Zum Beispiel ist die Schulterlinie bei einem gewöhnlichen Auto höher – aus Sicherheitsgründen. Für einen Offroader braucht man eine niedrigere Schulterlinie, damit man sich im Gelände besser aus dem Fenster lehnen und sehen kann, was direkt unter dem Auto vor sich geht. Das ist auch der Grund, warum man die Türen einfach mit zwei Handgriffen rausnehmen kann und den maximalen Rundumblick hat.

»Der Jeep, den ich zuvor besaß, sah am Ende richtig gut aus. Ich hatte sogar ein Loch in der Seitenscheibe. Da haben Kinder in Marokko einen Stein nach mir geworfen. «
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Daniele Calonaci

Wie stehen Sie hier zu technischen Features wie Kamerasystemen, die den perfekten Rundumblick auf ein Display liefern?
Hmm. Es stimmt, eine Kamera, die mir einen direkten Blick vor und hinter das Fahrzeug liefert, wäre vielleicht hilfreich, aber wenn ich offroad fahre, ist die Kamera mit das Erste, das von Schmutz verdreckt oder von einem Stein zerstört wird.

Okay. Dumme Frage.
Das würde ich so nicht sagen. Es geht bei einem Jeep immer um Funktionen in allen Lebensbereichen. Und alle Lebensbereiche sind im Sinne von Jeep gedacht ein sehr weites Feld. Ein Jeep ist dazu gemacht, Probleme zu lösen. Das ist eben ein sehr hoher Anspruch an jedes Teil. Dieser Anspruch führt zwangsläufig dazu, dass man Dinge, die den Ansprüchen nicht genügen, eben auch nicht einbaut, sondern stattdessen weglässt, was wiederum zu einer sehr puren Idee von einem Auto führt.

Die Reduktion auf das Wesentliche?
Kann man so sagen. Vielleicht ist es aber mehr die Reduktion auf das absolut Funktionale. Also weniger ein asketischer Verzicht auf alles, was nicht zwangsläufig notwendig ist, sondern vielmehr eine Konzentration auf die Dinge, auf die man sich unter allen Umständen verlassen kann – oder zur Not die Dinge, die sich unter allen Umständen auch mit einfachen Mitteln wieder reparieren lassen. Das lässt sich durchaus mit einem gewissen Komfort vereinen. Ich habe mir den Rubicon gekauft, weil ich seit Kurzem Vater bin und ein Familienauto brauchte, das vor allem sicher ist. Ich gehe mit meiner Familie gerne auf Offroad-Tour, und da bietet der Rubicon einfach alles, was wir für ein längeres Abenteuer in der Natur brauchen.

Ein Offroader als perfektes Familienauto?
Klar! Wir haben alles an Bord, was wir brauchen. Wir können mit maximaler Sicherheit überall hinfahren, schlafen und kochen.

»Viele Designelemente versteht man ja erst, wenn man offroad fährt. Zum Beispiel ist die Schulterlinie bei einem gewöhnlichen Auto höher – aus Sicherheitsgründen.«

Daniele Calonaci

Für viele ist das ein sehr modernes Verständnis von Luxus.
Absolut. Wobei ja schon die Zeit mit der Familie alleine den großen Anteil meines Luxusverständnisses ausmacht. Und diesen Luxus kann ich auch im Garten meines Hauses haben. Wenn ich diese Zeit dann zusätzlich mit einem Offroad-­Abenteuer verbinden kann, also mit etwas, das unvergessliche Erinnerungen schafft, ist das die höchste Form von Luxus für mich.

Tropfend steht der nasse Jeep in der Halle. Unter ihm auf dem Boden zeichnet sich ein braun-gelber Rand aus Sand und Stein ab. Alles, was am Rubicon vorher matt und schmutzig war, strahlt jetzt und glänzt. Und es lassen sich auch ein paar deutliche Kratzspuren entdecken. Daniele Calonaci entdeckt sie mit einem kindlichen Stolz. Er streicht darüber, als ob er sich gerade an die Situation erinnert, in der er sich diese Narben eingefahren hat. Ein bisschen absurd wirkt das schon. Man stelle sich das mal bei einem Ferrari-Fahrer vor …

Ein Tipp zum Abschluss, wo erlebt man die besten Offroad-Abenteuer?
Schwierige Frage. Es kommt ja immer ein bisschen auf die eigenen Vorlieben an. Ich persönlich fahre im Winter ganz gerne direkt hier in den Bergen hinter Turin. Die meisten Straßen sind dann gesperrt und man hat das Gelände für sich. Spannend ist auch Tunesien. Die Franzosen nennen es »Das Meer aus Sand«, sehr anspruchsvoll, man muss technisch sehr sauber fahren. Oder natürlich die roten Felsen von Moab in Utah in den USA. Der Stein ist dort wie Schmirgelpapier – mit unglaublich viel Grip. Hier lassen sich Steigungen fahren, die fast unvorstellbar sind.

Am Ende greift Calonaci dann doch noch zum Tuch und trocknet seinen Rubicon. Fast so, wie jeder Familienpapa, der am Samstagnachmittag sein Auto wäscht. Aber eben nur fast.


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