Christian Ankowitsch über die Kunst, einfache Lösungen zu finden

Christian Ankowitsch schrieb das Buch »Die Kunst, einfache Lösungen zu finden«, daher riefen wir ihn schnell mal an. Das Gespräch mit ihm wurde dann komplizierter als gedacht. Und so unterhaltsam wie vermutet.
Text Michael Köckritz
Bild Josef Fischnaller

Unsere Welt ist ja nicht nur kompliziert, sondern auch dummerweise sehr komplex. Gibt es so etwas wie einfache Lösungen?
Ich würde vorschlagen, streng zwischen den Begriffen »kompliziert« und »komplex« zu trennen. Kompliziert sind Maschinen, bei denen ein Rädchen ins andere greift. Lebendige Systeme wie Menschen und Gesellschaften hingegen – und da folge ich der Systemtheorie – sind und bleiben letztlich undurchschaubar. Das beste Beispiel dafür ist unser Hirn. Wir können den Input beschreiben und den Output, aber was unser Gehirn wirklich tut, bleibt eine Black Box. Genauso verhält es sich bei unseren Mitmenschen: Wir sehen, wie sie auf etwas reagieren, aber warum sie das tun, bleibt ihr Geheimnis; Gedankenlesen ist bekanntlich ein ungelöstes Problem.

Sie haben einmal gesagt, dass die Menschen die Großmeister der Vereinfachung sind.
Genau. Nicht unbedingt freiwillig, denn angesichts der undurchschaubaren Welt können wir ja nicht unsere Geschäftstätigkeit einstellen. Wir müssen uns irgendwie durchschlagen, und das geht nur, indem wir uns in jeder Sekunde des Lebens einen einfachen Reim auf undurchschaubare Verhältnisse zu machen versuchen. Das ist einerseits gemeingefährlich, weil wir Wichtiges ausblenden, andererseits aber lebensnotwendig, weil wir sonst irre würden oder tot umfielen. Aus diesem Zwiespalt können wir uns unser Leben lang nicht befreien. Es geht also bei der Suche nach einfachen Antworten darum, welche uns helfen – und nicht, ob Vereinfachung legitim ist. Das ist sie notgedrungen.

Helfen denn Erfahrungen bei der Lösung von Problemen?
Ja und nein. Was wir Erfahrungen oder Bauchgefühl nennen, sind Regeln, von denen wir glauben, sie würden uns helfen, das Leben meistern zu können – weil uns diese Regeln bereits gute Dienste geleistet haben, weil man uns das so gesagt hat und so weiter. Erfahrungen sind eine zweischneidige Sache: Zum einen helfen sie uns, Probleme zu bewältigen, zum anderen verführen sie uns dazu, auf neue Situationen mit untauglichen, weil alten Strategien zu reagieren. Eine Sonderform sind Bauchgefühle: Wenn Sie von einer Sache Ahnung haben, dann sind Bauchgefühle – eine klassische Komplexitätsreduktionsstrategie – eine gute Sache. Wenn Sie hingegen ahnungslos sind, dann sollten Sie nichts darauf geben. So nach dem Motto: »Ich brauche immer nur eins und eins zusammenzuzählen«. Wenn Sie das immer tun, werden Sie auf die Schnauze fliegen, so schnell können Sie gar nicht schauen.

»Es spricht vieles dafür, Probleme zu lieben – und sie erst dann zu lösen, wenn sie uns richtig auf die Nerven gehen.«

Christian Ankowitsch

Es gibt ja eine Methode namens First Principle Thinking, nach der man ein Problem dekonstruiert und neu zusammensetzt. Wie wäre es damit?
Klingt erst mal gut, kann aber nur klappen, wenn Sie etwas sehr Grundsätzliches bedenken – ich halte mich da an die Konstruktivisten: Probleme lassen sich nicht objektiv beschreiben, außer Sie stehen vor einem kaputten Motor, bei dem sich genau analysieren lässt, warum unten das Öl herausrinnt. Bei gesellschaftlichen oder psychischen Problemen klappt das nicht; vielmehr liegt deren Beschreibung ganz im Auge der Betrachtenden. Das beginnt schon damit, dass für die einen etwas als Problem erscheint, was die anderen nicht mal wahrnehmen. Der Grund: Unser Blick auf die Welt ist bekanntlich hoch subjektiv. Jeder von uns verfertigt seine private Landkarte von der Realität. Das Blöde: Es gibt keine objektive Landkarte, die als Maßstab dienen könnte. Nur der Abgleich unserer Landkarten ergibt so etwas wie eine Ahnung davon, was da draußen wirklich geschieht. Unsere einzige Chance besteht darin, uns selber immer daran zu erinnern, was wir da machen. Wenn nicht, enden Sie als Verschwörungstheoretiker: Die halten ihre Annahmen für die Realität und dementsprechend irre agieren sie auch. Es gibt eine schöne Metapher aus der systemischen Therapie: »Die Realität ist das Essen und unsere Beschreibungen die Speisekarte.«

Das ist hübsch.
Finde ich auch, weil man das Bild weiterspinnen kann: Wer seine Weltbeschreibung mit der Welt verwechselt, versucht nichts anderes, als die Speisekarte zu essen. Und wundert sich dann, dass sie grauenhaft schmeckt. Das ist auch der Grund, warum ich mich unter Schmerzen von Facebook und Twitter verabschiedet habe.

Wieso das?
All diese Sozialen Medien sind Speisekarten, was aber viele ihrer Nutzer und Co-Produzenten vergessen. Sie halten Facebook und Twitter für das Essen. Das bedeutet: Die Menschen bekriegen sich bei Twitter und Facebook, weil sie glauben, es gehe um die Wahrheit, die objektive Beschreibung der Realität und nicht um deren subjektives Verständnis eben dieser Realität. Diese Vertauschung macht viele wütend und unglücklich, ich glaube, das aus eigener Erfahrung zu wissen. Es ist aber anders: Was Sie persönlich für ein Problem halten, ist Ihre subjektive Konstruktion; ob andere das ähnlich sehen, entscheidet sich anhand der Anschlussfähigkeit einer Aussage. Wobei Sie – um’s noch schwieriger zu machen – nie sagen können, ob die anderen das wirklich so verstehen wie Sie oder ob es Ihnen bloß so erscheint, dass Sie verstanden werden.

→ Das gesamte Interview mit Christian Ankowitsch lesen Sie exklusiv in der rampstyle #25!


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