Cool Jazz und hot topics: Till Brönners »Christmas«

Till Brönner spielt Jazz immer nach seinen Vorstellungen – zum Beispiel auch bekannte Weihnachtslieder im lässigen Gewand, die dadurch ganz anders klingen als gewohnt. So wie im Fall seines heute auf Vinyl erscheinenden Album »Christmas«. Ein mehr als guter Grund für rampstyle Chefredakteur und Herausgeber Michael Köckritz, mit Brönner zu sprechen.
Text Michael Köckritz
Bild Till Brönner

Till Brönner ist nicht nur Deutschlands unangefochtene Nummer Eins des Jazz, sondern auch sonst ein künstlerisches Multitalent: Als Trompeter, Sänger, Komponist, Produzent und Fotograf, sowie mit seiner einzigartigen Ausstrahlung und seinem unverkennbaren Sound, fasziniert er ein Publikum auf der ganzen Welt. Wir wiederum freuen uns auf jedes Treffen mit ihm, weil er sich für Dinge begeistert und engagiert, die das Wesentliche fokussieren, um es auf den Punkt zu bringen. Und dieses Mal? Bringt er mit seinem neuen Album Weihnachten auf den Punkt – und im Interview das, was uns in der kalten Jahreszeit und sonst auch gut zu Gesicht steht.



Herr Brönner, Sie haben mit „Christmas“ ein neues Album vorgelegt. Ein typisches Weihnachtsalbum, und das von Mr. Jazz?
Typisch ist es gerade nicht. Es ist ein Weihnachtsalbum, das sich durchaus das Recht herausnimmt, auf Lametta und zu viel inszenierte Glückseligkeit zum Fest der Liebe zu verzichten. Was übrig bleibt, sind Kompositionen und ein roter Faden und eine Reduziertheit, mit der ich mich persönlich sehr, sehr wohl gefühlt habe. Zumal ich die ganze Realität um uns herum in diesen letzten eineinhalb Jahren auch nicht ignorieren wollte und konnte.



Bei seinem neuen Album hat sich der Musiker und Fotograf Till Brönner gegen ein großes Orchester entschieden – und im Trio mit Pianist Frank Chastenier und Bassist Christian von Kaphengst das intime »Christmas« aufgenommen. Enthalten sind Weihnachtssongs aus unterschiedlichen Jahrzehnten und Genres, darunter »Jesus to a Child« von George Michael oder »Christmas Time Is Here« mit Sänger Max Mutzke. Till Brönner: Christmas und The Good Life. Als Download, CD, Vinyl oder im Stream erhältlich



Mitten in dieser Realität, in der Pandemie, erschien Ihr voriges Album, das ausgerechnet »On Vacation« hieß …
Ja, den Titel haben wir natürlich weit vor Corona gewählt, weil wir der Meinung waren, dass wir damit ein gutes zeitgenössisches Gefühl verbreiten können. Und als die Pandemie kam, wurde natürlich mit der Plattenfirma darüber diskutiert, ob es zynisch klingen könnte. Aber da ich Corona als etwas empfinde, das mit Kunst überhaupt nichts zu tun hat, und noch nie eine so uninspirierte, für die Kunst unergiebige Zeit erlebt habe, bin ich froh, dass wir uns entschlossen, den Titel beizubehalten. Denn es fiel auf genau den fruchtbaren Boden, den man ursprünglich ausgespäht hatte. Die Menschen haben ein bemerkenswertes, vielleicht sogar schon überhöhtes Bedürfnis nach Kunst, Kultur, Entspannung und Emotion.

Es hilft natürlich auch, cool zu bleiben. Was ist Coolness für Sie persönlich?
Coolness ist aus meiner Sicht eine Form der Unabhängigkeit. Man merkt Menschen an, ob sie über die richtige Mischung aus Sachverstand, Erfolg, aber auch Unbeeindrucktsein verfügen, um sich am Ende des Tages ihrer Wirkung sicher sein zu können. Es gibt Menschen, die etwas ausstrahlen, ohne dass sie wirklich etwas dafür tun müssen. Also ist Coolness ein Faktor für mich, der Unabhängigkeit ausstrahlt. Ich hasse das Wort Trendsetting, glaube aber, dass das einem Menschen zugeschrieben wird, der vielleicht einfach nur mal genauer hinsieht oder vielleicht nicht sofort auf jeden Zug aufspringt. Coolness ist heutzutage genauso selten, wie es immer war, weil es Unabhängigkeit von allzu tagesaktuellen Themen ausstrahlt.

»Coolness ein Faktor für mich, der Unabhängigkeit ausstrahlt.«

Till Brönner

Also so eine wunderbare Unaufgeregtheit?
Ja, auf jeden Fall. Das Wissen um die eigene Haltung, um die eigene Position, das Wissen um das, was man selber in gewisse Themen mit einzubringen hat, das, was man mit an den Tisch bringt, ist Substanz. Aber vielleicht ist es auch die Kraft, widerstehen zu können und zu sagen »Ich bin jetzt mal nicht dabei!«, oder »Mich braucht es in irgendwelchen Situationen nicht!«. Wir erleben ja medial einen sehr, sehr starken Drang, sich ständig so zu orientieren, dass man Mehrheiten begeistern kann. Zur Coolness gehört, egal ob bei Autoherstellern oder Musikern, dem allgemeinen Trend widerstehen zu können und zu sagen: »Ich bin ich.«

Lesen Sie mehr zu Till Brönner in der bald erscheinenden rampstyle #24. Sein neuestes Album als Vinyl finden sie hier:


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