Das halbe ­Leben: Werner Tiki Küstenmacher

Am amerikanischen »National Simplicity Day« machen wir es uns einfach. Und schauen mit dem Theologen und Erfolgsautoren Werner Tiki Küstenmacher auf sein Buch »Simplify Your Life« von 2001. Dass Ordnung glücklich macht, daran glaubt der 69-Jährige noch immer. Allerdings vermutet er auch, dass die meisten nur das erste Kapitel seines Bestsellers gelesen haben.
Text Michael Köckritz
Bild Presse

Vor 21 Jahren haben Sie »Simplify Your Life« in die Welt gebracht. Wie kam es dazu?
1998 war ich in den USA in einer Buchhandlung und sah da zwei Bücher, die so hießen (lacht). Ich wusste sofort, dass es eine super Idee ist. Gerade ein Buch von Elaine St. James gefiel mir sehr, weil es wahnsinnig praktisch war. Darin stand, wie man sein Auto leer bekommt, wie man ohne Handtasche durch die Stadt laufen kann, wie man seine Schränke aufräumt und so weiter. Es ging also um die Organisation von ganz alltäglichen Dingen, die man nicht in der Schule lernt, aber können muss. Und weil ich zu der Zeit Hausmann und mit der Frage beschäftigt war, wie ich mit zwei kleinen Kindern meinen Alltag gebacken bekomme, klingelte es bei dem Satz »Simplify Your Life« bei mir. Später hielt ich in Ulm über das Thema einen Vortrag. So fing es an.

Sie trafen damit den Zeitgeist, obwohl es noch kein ­Smartphone oder Social Media gab. Sehnen wir uns heute noch stärker nach einem einfachen Leben, das uns Glück verspricht?
Das haben die Menschen meiner Ansicht nach schon immer getan. Wir denken immer, dass unsere Welt ganz besonders kompliziert und schnell ist. Es gibt aber schon von Goethe Aufsätze darüber, wie beschleunigt die Welt ist. Damals gab es noch nicht mal Züge, sondern gerade mal Postkutschen. Insofern denke ich, dass es ein menschliches Empfinden ist, wie sehr sich alles beschleunigt.

Sie haben über hundert Bücher geschrieben, richtig?
Ja, mehr noch, und ungefähr das siebzigste war »Simplify Your Life«. So viel zu dem Thema »Wie schreibt man einen Bestseller«. (lacht) Man muss einfach geduldig bleiben.

»›Simplify Your Life‹ war ungefähr mein siebzigstes Buch. So viel zu dem Thema ›Wie schreibt man einen Bestseller‹.«

Werner Tiki Küstenmacher

Sprechen wir über Luxus. Der lebt ja davon, dass die eigenen Vorstellungen von dem, was angemessen ist, überschritten werden. Und mit »Simplify Your Life« reduzieren wir ja eigentlich diese Optionen, oder?
Ich habe auch ein Buch über Luxus geschrieben. Es heißt »Jesus Luxus«, und da war die Idee, dass Jesus auf seine Weise ein sehr luxuriöses Leben geführt hat. Er hatte keine Familie, zog sich schnell mal für vierzig Tage in die Wüste zum Meditieren zurück – also auf seine Weise sicher luxuriös. Wir wissen auch nicht, was für einen Lebensstandard er hatte, dass er aber in kompletter Armut lebte, war wahrscheinlich nicht der Fall. Und um den Bogen in die Jetztzeit zu schlagen: Wenn wir heute über Luxus sprechen, geht es ja mehrheitlich um Beschränkung. Die große Kunst beim Luxusmarketing ist, dass man etwas nicht bekommt. So einfach ist das.

Also die Exklusivität.
Genau. Wenn ich mich jetzt in einen Multimillionär hineinversetze, der zehn Lamborghinis besitzt, ist das nicht mehr luxuriös. Der braucht dann wieder etwas Neues. Auf der anderen Seite erinnere ich mich noch gut an die Zeit, als wir kleine Kinder hatten. Da war eine Nacht, in der man durchschlafen konnte, der absolute Luxus. Deswegen war es mir immer von Anfang an wichtig, einfacher und glücklicher zu leben. Was nicht bedeutet, dass ich in einem ungeheizten Haus mit offenem Feuer leben und Wasser aus dem Brunnen holen möchte.

Es geht es um das Wesentliche im Leben.
Genau, Lothar Seiwert schrieb mal einen Bestseller, der hieß »Mehr Zeit für das Wesentliche«. Und auch wenn keiner so richtig sagen kann, was das Wesentliche ist, sehnen wir uns danach.

In Ihrem Buch gibt es acht Schritte, um zu sich selbst zu finden, und Sie beginnen mit der Rolle der Ordnung, mit dem Aufräumen.
Ich habe manchmal den Eindruck, »Simplify Your Life« ist ein ulkiger Bestseller, von dem die meisten nur das erste Kapitel gelesen haben. Vielleicht waren viele Menschen so begeistert von den Anleitungen zum Aufräumen und Entrümpeln, dass sie gar nicht weitergelesen haben. Zumindest wird es meistens als Aufräumbuch zitiert. Ich habe aber gemerkt, dass eben auch große spirituelle Vorhaben mit ganz schlichten Dingen beginnen. Ich bin ja gelernter evangelischer Pfarrer und habe kurze Zeit in einer Gemeinde gearbeitet. Aber ich erinnere mich noch gut, dass ich bei Predigten dachte: Mensch, jetzt erzählst Du den Leuten da was vom Reich Gottes, aber die Frau da unten fragt sich, wie sie ihre Schulden abbezahlen kann. Und der da hinten überlegt, ob er das Bügeleisen ausgeschaltet hat. (lacht) Wir beschäftigen uns doch zwangsläufig mit sehr profanen Dingen. Das war der Punkt, an dem mir klar wurde, dass es auch eine geistliche, spirituelle Aufgabe ist, sich mit diesen einfachen Dingen zu beschäftigen.

»Weil ich zu der Zeit Hausmann und mit der Frage beschäftigt war, wie ich mit zwei kleinen Kindern meinen Alltag gebacken bekomme, klingelte es bei dem Satz "Simplify Your Life" bei mir. Später hielt ich in Ulm über das Thema einen Vortrag. So fing es an.«

Werner Tiki Küstenmacher

Das heißt, der äußeren Ordnung folgt die innere Ordnung.
Genau, diesem Ordnungsprinzip folgte auch Sebastian Kneipp. Für den war eine Krankheit eine Unordnung im Körper. Und die Kneipp-Kuren waren früher sehr lang, die Menschen kamen nach sechs, acht Wochen wieder nach Hause, haben dann ihren Hausstand und die Verhältnisse geordnet, damit sie wieder gesund werden.

Und wie erkenne ich das Ziel der Ordnung? Wie erkenne ich, was ich brauche und was nicht?
Ich habe immer die Erfahrung gemacht, dass die Leute sehr genau spüren, wo sie genervt sind. Manche haben zu viel vor, andere besitzen zu viele Sachen, haben zu viele Baustellen in ihrem Leben, auf denen es nicht vorangeht. Ich sage dann immer: Fangt das an zu entrümpeln, was am meisten nervt. Und das ist sehr häufig einfach erst mal die Umwelt, der volle Schreibtisch, das unordentliche Schlafzimmer. Wir haben eine Tochter, die wird jetzt 24 und lebt in Wohngemeinschaften. Dort findet man immer wieder Anschauungsmaterial.

»Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Leute genau spüren, wo sie genervt sind. Manche haben zu viel vor, andere besitzen zu viele Sachen.«

Werner Tiki Küstenmacher

Zum Beispiel?
Meine Tochter zeigte mir ein Zimmer eines Mitbewohners und sagte, dass der Diplomat werden will. Und ich meinte nur: »Das kann ich Dir jetzt schon sagen, dass der nie Diplomat wird.« In dem Zimmer herrschte das vollkommene Chaos. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so jemand strukturiert lernt oder strukturiert mit anderen Leuten umgeht. Ein bewährtes Extremverfahren zum Entrümpeln ist übrigens das Umziehen, da löst sich vieles von selber. Unsere Tochter wird mit jedem Umzug ordentlicher und strukturierter.

Wenn Sie das einfache Leben einfordern – stellen Sie dann den technischen Fortschritt eigentlich in Frage?
Nein, überhaupt nicht. Unsere Kinder sind 15 Jahre auseinander, der Älteste hat noch eine Festplatte, unsere Jüngste lacht sich darüber kaputt und sagt: »Was willst Du denn mit der Festplatte? Ich habe alles in der Cloud.« Und die Tatsache, dass alles virtueller wird, man alles einscannen kann und kein Papier mehr braucht, das ist schon eine tolle Entwicklung.

Auf der anderen Seite gibt es Social Media.
Ja, genau. Und damit den digitalen Müll.

Und wie geht man damit bewusster um?
Da erwischen Sie mich, darauf habe ich noch keine Antwort. Meinen Facebook-Account habe ich gelöscht, weil ich gemerkt habe, dass mich der unglücklich macht.

»Meinen Facebook-Account habe ich gelöscht, weil ich gemerkt habe, dass mich der unglücklich macht.«

Werner Tiki Küstenmacher

Warum?
Es war weniger meine Person, aber Menschen schrieben mir über Facebook – ich habe nicht geantwortet, und dann waren sie unglücklich. Bei meiner Tochter merkte ich, wie Instagram sie unglücklich macht, weil sie sich ständig mit anderen vergleicht, die schöner sind oder tollere Sachen machen. Das lässt sich gar nicht vermeiden, dass man sich dann seiner schämt. Insofern bin ich in Bezug auf soziale Medien tatsächlich sehr skeptisch, ob uns das wirklich voranbringt.

Letzte, ganz einfache Frage. Warum fällt Aufräumen so schwer?
Es hat viel mit Zeit zu tun. Viele Leute – ich auch – sagen, dass sie gerne mal Ordnung machen würden, aber zu viel anderes zu tun haben. Beruflich wie privat. Dazu kommt, dass ich mich nicht langweilen will und mir immer wieder etwas aufhalse. Und genauso ist es mit den Sachen. Es ist schwierig, das Maß zu finden. Und viele Sachen, konkret Bücher, die ich besitze, habe ich auch nicht nur für mich, sondern um mir Wissen anzulesen, das ich weitergeben und mit dem ich anderen etwas Gutes tun kann. So gesehen gibt es für mich kein Ideal der Besitzlosigkeit. Dazu bin ich noch zu sehr in der Gemeinschaft eingebunden. Ich bin einfach kein Mönch. (lacht)


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