Das Idealbild 
einer Utopie

Eine ganze Automobilmarke gestalten. Von einem weißen Blatt Papier weg. Klingt nach jeder Menge Spaß. Aber auch nach verdammt viel Verantwortung. Wir haben mit Thomas Ingenlath, CEO von Polestar und Chief Design Officer von Volvo Cars, genau darüber gesprochen.
Text Michael Köckritz
Bild Polestar

Design macht den Unterschied – und das Verständnis für den Wert von Design wird für Unternehmen zum wesentlichen Erfolgsfaktor. Nur konsequent also, wenn ein Designer nicht nur das Produktportfolio, sondern auch gleich mal die komplette Welt einer Marke homogen gestaltet. Erfolgreiche Mode- und Luxusunternehmen machen es mit einem ganzheitlichen Blick und entsprechend durchgängig starken Marken- und Produkterlebnissen vor. Vom Produkt über die Werbung bis hin zu Events, Shops und Verpackung. Funktioniert prima, wie man weiß. Die Autowelt gibt sich hier noch etwas verschlafen. Bis auf Polestar.

Thomas Ingenlath, Chief Design Officer bei Volvo Cars und CEO der Tochtermarke Polestar, verantwortet hier als ästhetische und empathische Instanz eine ganze Automobilmarke.

Thomas, Sie sind CEO und Kreativdirektor. Ist das überhaupt eine gute Kombination für eine Marke?
Thomas Ingenlath: Da muss ich ein bisschen korrigieren. Das klingt mir zu sehr nach One-Man-Show, die es so nicht ist. Wir haben unter anderem mit Maximilian Missoni als Design-Chef und Pär Heyden als Brand-Chef zwei kreative Köpfe an Bord, die ebenso wie ich an die Marke glauben und daran arbeiten, diese zu entwickeln und aufzubauen. Und gerade weil es auch eine stark Design-getriebene Marke mit einem sehr hohen ästhetischen Anspruch ist, ist das so eine gute Kombination, auch weil dieses puristische Denken natürlich viel weiter in Bereiche hineinreicht, die jenseits des Designs liegen. Als CEO kann ich hier auch mal die Fahne hochhalten und bei all unseren Entscheidungen eben dann auch ganzheitlich auf die entsprechende Gewichtung achten.

Jetzt gestalten Sie als Automobildesigner heute eine ganze Marken-Unternehmenswelt. Haben Sie sich das so vorgestellt, wie es heute ist, oder wurden Sie doch in vielen Dingen überrascht?
Sagen wir so, die gestalterische Kraft und der gestalterische Wille sind noch immer Ursprung meiner Arbeit, heute genau wie vor zehn Jahren. Das ist bei einer neuen Marke wie Polestar sogar noch viel wichtiger, weil man es dort weniger erwartet. Darüber hinaus halte ich es für einen entscheidenden Vorteil, wenn Intuition, kreative Kraft und der Geistesblitz einen selbstverständlichen Platz in der Arbeit eines CEO haben. Schaffenskraft ist für jeden CEO wichtig und sehr oft wahrscheinlich sogar Triebfeder, nicht nur für mich, sondern auch bei vielen anderen CEOs, die keinen Designer-Hintergrund haben. Ich bin im Umgang mit diesen Dingen vielleicht ein bisschen vertrauter und professioneller und gehe damit wahrscheinlich auch etwas selbstverständlicher um (lacht).

»Darüber hinaus halte ich es für einen entscheidenden Vorteil, wenn Intuition, kreative Kraft und der Geistesblitz einen selbstverständlichen Platz in der Arbeit eines CEO haben.«

Thomas Ingenlath

Was macht dann in dieser doch sehr komplexen Position den konkreten Lust-Aspekt aus?
Ich glaube, es wäre etwas verrückt und käme jetzt sehr unerwartet, wenn ich behaupte, dass es den nicht gibt, oder? Denn spätestens seit Luigi Colani haben wohl viele die Verbindung des Designer-Berufs mit jeder Menge Emotionen und auch Lust an all dem, was mit dem Schaffen zu tun hat. Und Colani wurde ja auch nicht müde, immer wieder den Vergleich zwischen den menschlichen, wolllüstigen Körpern und den Objekten, die ein Designer schafft, zu ziehen. Er sprach sogar von Biodesign. Nur ist das eben auch ein extremer Gegensatz zu dem doch sehr rationalen und wissenschaftlichen Anspruch, den zum Beispiel das Bauhaus-Design formuliert. Und zwischen diesen beiden extremen Darstellungen liegt dann vielleicht die Wahrheit. Meines Erachtens liegt jeder falsch, der sich absolut für die eine oder eben für die andere Darstellung entscheidet.

Für mich als Designer – und das gilt im ungebrochenen Maße eben auch als CEO – begründet sich der Lustgewinn vor allem auch darin, dass man die Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit des Designs erkennen und nachempfinden kann. Ich muss viele Dinge anhand sehr konkreter, rationaler Überlegungen prüfen und daraus gestalten. Wenn mir das mit Leidenschaft gelingt, werde ich überzeugen. Und das ist es, was das Glück ausmacht, denn das ist die Schaffenskraft, die dem menschlichen Urbedürfnis, etwas zu kreieren, schon immer innewohnt. Und nicht nur irgendetwas zu schaffen, sondern eben auch etwas Sinnliches, etwas Schönes zu schaffen, das ansprechend und ästhetisch ist, darin liegt die Kraft von Design, und das ist meiner Meinung nach auch der wesentliche Grund, weshalb Design in den vergangenen Jahren so sehr an Bedeutung gewonnen hat.

»Ich muss viele Dinge anhand sehr konkreter, rationaler Überlegungen prüfen und daraus gestalten. Wenn mir das mit Leidenschaft gelingt, werde ich überzeugen.«

Thomas Ingenlath

Das heißt, das Schaffen als Solches ist es, was das Glück ausmacht. Und das ist nicht dem Designer alleine vorenthalten.
Absolut. Diese sinnliche Erfahrung, etwas Schönes zu kreieren, gibt es auch in der Mechanik, im Ingenieursberuf. Nur irgendwie ist es in vielen Berufen in den Hintergrund gedrängt worden. Viele Menschen denken, das Design an sich ist das Schöne, aber da muss ich widersprechen (lacht.) Natürlich kann es befriedigend sein, etwas Schönes zu zeichnen, aber das eigentlich Schöne ist, dass ich am Ende etwas sehen kann, das vorher nicht war. Und es ist schön und es ist funktional, das Idealbild dessen, was man sich unter einer Utopie vorstellt. Und das gilt für mich heute wie gestern.

Liegt darin für Sie auch die Trennschärfe zum Künstler?

→ Lesen Sie das gesamte Interview mit Gerard Butler in der rampstyle #21


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