Das Tool des King of Cool

Was in eher wilden Zeiten zählt? Coolness! Zur Beweisführung beschleunigen wir kurz mal zurück in die 60er- und 70er-Jahre. Eine muntere Zeitmaschine hatten wir dafür auch rasch ausgemacht. Die Risiken und Nebenwirkungen? California Dreamin’!
Text Michael Köckritz
Bild Benjamin Tafel

USA, 1968: »It was the best of times, it was the worst of times …«. 
Amerika bombardiert Vietnam, Robert Kennedy und Martin Luther King Jr. werden ermordet. Das Musical »Hair« und Stanley Kubricks »2001: A Space Odyssey« haben Premiere. Die Beatles gründen Apple Records und Jimi Hendrix bringt »Electric Ladyland« raus. In Philadelphia wird ein Junge namens Will Smith geboren und Jackie Kennedy heiratet Aristoteles Onassis. Der Semiconductor-Riese Intel wird gegründet, der Prager Frühling blutig niedergeschlagen. In San Franciscos Viertel Haight-Ashbury wird das Zeitalter von »Love & Peace« ausgerufen, das ein Jahr später auf Max Yasgurs Farm in Woodstock seinen Höhepunkt finden wird, wenn 400.000 Hippies und Musik-Fans die bis dato größte und chaotischste Rock-Orgie aller Zeiten mit Love-Ins im Schlamm feiern, während Richie Havens auf der Bühne »Freedom« singt. Und: Steve McQueen, unbestritten »The Grandmaster of Cool« der 60er, 70er, 80er, 90er und aller Jahre überhaupt, schießt mit Faye Dunaway für den Film »The Thomas Crown Affair« in einem Dune Buggy über den Strand von Crane Beach in Massachusetts.

»Ich liebe diesen Film«, hatte Mohamed El Khnati damals gesagt, als wir ihn besuchten, acht Jahre ist das jetzt ungefähr her. Mohamed, nur Momo genannt, lebte damals in Belgien, und in seinen dunklen Augen funkelte es, als wäre er ein Kind, das an Heiligabend gerade seinen größten Wunsch erfüllt bekommt. »Ich liebe diesen Buggy einfach!«

»Ich liebe diesen Buggy einfach!«

Mohamed El Khnati

Um ehrlich zu sein, liebte Momo damals wie vermutlich heute noch alles, was auch nur annähernd mit Steve McQueen zu tun hat, seit er als kleiner Junge »Bullit« und »Le Mans« gesehen hatte, wie er sagte – und wer könnte es ihm verdenken. Er war selbst schon Rennen gefahren, besaß einen Stall voller Klassiker und Steves Original-Triumph aus »The Great Escape«. Aber »The Thomas Crown Affair« hatte es ihm ganz besonders angetan, und er hatte es sich in den Kopf gesetzt, so ein Auto wollte er auch – einen Buggy, der ihm dieses Gefühl jener Freiheit vermitteln konnte, das auf Minimalismus basiert, einer unbeschränkten Lebensfreude auf vier Rädern, nur mit einem Motor und zwei Sitzen, Sonne und Sand im Gesicht, Wind in den Haaren und Moskitos zwischen den Zähnen. Und wie Woodstock für die amerikanische Jugend war auch das Ende der Sechzigerjahre eine Zäsur in Steves Karriere. War McQueens Hit »The Great Escape« nur fünf Jahre zuvor eine Abrechnung mit den Restriktionen und Konventionen der frühen Sechziger, dann war »Thomas Crown« eine stilgerechte Umarmung der neuen Freiheit mit dem Wunsch, alle Regeln zu brechen. Der neue Hollywoodstar verkörperte zuvor schon »Cincinnati Kid« und »Nevada Smith«, der Kultfilm »Bullit« war schon abgedreht, als »Crown« in die Kinos kam – und McQueen war in der wunderbaren Lage, seine Rollen seinem Gemütszustand entsprechend wählen zu können. Ebenso wie seine fahrbaren Untersätze.

Thomas Crowns Buggy ließ McQueen genau nach seinen Vorstellungen bauen und bestand darauf, zusammen mit den Mechanikern an den Schrauben zu drehen und die Fahrszenen selbst zu pilotieren. »Ich war ziemlich stolz auf den Buggy«, sagte McQueen in einem Interview. »Wir bauten ihn auf ein Volkswagen-Chassis mit diesen riesigen Rädern und Alufelgen, steckten einen Corvair-Motor ins Heck – und ich wollte eine halbliegende Sitzposition, so ähnlich wie in meinem Formel 1-Rennwagen. Leicht sollte er sein, wir hatten so um die 230 Pferde, und das Ding wog nicht mal 500 Kilo.«

Wer hätte so was nicht auch gern im privaten Fuhrpark, man konnte also durchaus mitfühlen mit Momo, allerdings ergaben sich einige Probleme für den guten Mann, bevor er sich über Steves Buggy in der hauseigenen Garage freuen konnte. »Ich hatte bei meinen Recherchen herausgefunden, dass es diesen Buggy nur ein einziges Mal gab«, sagt Momo, »den, den Steve McQueen damals für den Film entwickelt und designt hat.« Nach den Dreharbeiten ging der Buggy an einen Käufer in Hawaii, der ihn dummerweise wieder in die ursprüngliche Meyers Manx-Version zurückbaute. Und damit war’s aus mit dem Traum. Vorerst.

»Es gab keine Kopie davon. Nichts. Die Werkstatt, die den Buggy für Steve McQueen in Burbank hergestellt hatte, war niedergebrannt, und alle Teile, alle Zeichnungen und Entwürfe waren zerstört.« Superriesenmist!

Was Momo damals nicht wusste: dass der Original-Buggy von Steve McQueen nur wenige Jahre später aufwendig restauriert werden würde. Und gerade im März vergangenen Jahres wurde er bei Bonhams versteigert. Der Preis, der gezahlt wurde: 456.000 Dollar. Vielleicht hätte es für Momo auch gar keinen Unterschied gemacht. In jedem Fall beschloss der ehemalige Kameramann und Porsche Mechaniker, sich seinen Traum einfach in Heimarbeit zu erfüllen.

»Es war eine Menge Arbeit, und irgendwann musste ich feststellen, dass ich keine Zulassung für den Wagen bekommen hätte, weil es keine eingetragene Marke gab.« Momo gründete kurzerhand seine eigene Firma in den UK (»In den UK ist es erlaubt, eine kleine Menge an Autos produzieren zu lassen, ein sogenanntes Low Volume Manufacturing.«), nannte sie »Solar Crown« – zusammengesetzt aus dem Namen von McQueens ehemaliger Produktionsfirma »Solar Productions« und Thomas Crown – und machte sich daran, den berühmten Buggy, etwas unemotional TC300 betitelt, in Kleinstserie zu produzieren.

Das Resultat war – kurz gesagt – überwältigend. Okay, McQueens Windabweiser wurde in Momos Buggy zur halbanständigen Windschutzscheibe, die Instrumentierung konnte gerade noch als spartanisch durchgehen, die Sitze waren rudimentär, aber effektiv, das Nabenschloss der gewaltigen Felgen allein schon den Preis wert, und auch die Technik war moderner, aber sonst hätte Steve hinterm Steuer sitzen und mit mir durch die Brüsseler Außenbezirke donnern können. Simpler ging’s einfach nicht. Zugegeben, wir tobten nicht wild im Sand von Massachusetts, sondern fuhren (relativ) brav auf dem nüchternen Asphalt aus einer Vorstadt in Richtung Brüssel. Auch die Moskitos fehlten, aber das fand ich weniger schlimm. Aber wenn ich die Augen schloss, für einen kurzen Moment, erwartete ich Fayes Hand auf meinem Knie. Momos TC300 war wie ein Traum, eine Reduzierung der Notwendigkeiten, die Ausgeburt einer herrlich nostalgischen Fantasie. Es war nichts da, was bei der Fiktion hätte stören können. Der Sound war martialisch, der Schaltknüppel vibrierte in einer Art, die man fast obszön nennen konnte, die Utopie war perfekt. Das Vergnügen sowieso.

Momo gründete kurzerhand seine eigene Firma in den UK, nannte sie »Solar Crown« – zusammengesetzt aus dem Namen von McQueens ehemaliger Produktionsfirma »Solar Productions« und Thomas Crown – und machte sich daran, den berühmten Buggy, etwas unemotional TC300 betitelt, in Kleinstserie zu produzieren.

Mein Gott, wie schön kann unpraktisch sein. Ich fühlte mich wie Alice, die im Wunderland in den Kaninchenbau stürzt. Mit der Ausnahme, dass ich mir wünschte, der Fall würde nicht enden. Alles echt, alles pur. Momos Vehikel war eine veritable Zeitmaschine, eine, die unmittelbar Erinnerungen abrief und mich spontan in eine Epoche beschleunigte, in der Leben scheinbar einfach war und Glücksmomente auch gerne mal übermütig quer daherdriften durften. Allerdings auch eine, die einem den Atem raubte. Ich konnte mich nicht an Sechzigerjahre erinnern, die so ins Kreuz hauen, wenn der rechte Fuß sich senkt, die dich so einschüchtern, wenn am Kreisverkehr gerade mal kein anderes Auto weit und breit zu sehen ist. Die dich so gnadenlos durchschütteln, dass du fast froh bist, wenn die Ampel auf Rot schaltet. Das Ein- und Aussteigen funktionierte vermutlich am besten, wenn die Vierzig noch nicht überschritten war, und ein kurzer Trip zum Supermarkt absolvierte man ohnehin besser mit dem Zweitwagen.

Und plötzlich merkte man, dass sich nichts wirklich verändert hatte. Die Langweiler schüttelten immer noch den Kopf und erinnerten dich daran, dass du dieses Car doch besser nicht im Parkverbot parkst, ach, und dein Telefon solltest du vielleicht auch nicht in der Ablage (ja, die gab’s) liegen lassen. Die Girls lächelten immer noch. Die pakistanischen Rapper an der Ampel neben dir mutierten zurück zu Halbstarken, mit dem Unterkiefer auf Halbmast.

Und dann gab man Gas.

Aber ehrlich, die Beschleunigung war auf einmal nicht mehr so wichtig, halbgare Ampelgegner oder nicht. Es war nur wichtig, dass dein Erinnerungsvermögen mit einem Mal Vollgas fuhr. Ich sehnte mich nach einem Strand, irgendeinem, Brüssel und seine Suburbs mochten ihren Charme haben, aber das Ding gehörte nicht in die Stadt. Eine Traumlandschaft hätte es sein müssen, dazu der Duft des Meeres, und Sand hätte aus dem Heck in epischen Fontänen schießen sollen, ich hätte – wie Steve – eine Düne in eine Steilkurve verwandeln können, die linke Hand am Lenkrad, die rechte auf Fayes Schulter, cool. Endless-Summer-Feeling.

Und Faye hätte natürlich schon während der Fahrt gelächelt – und nicht erst, wenn ich dann irgendwann versuche, irgendwie wieder aus dem Auto zu kommen.

→ Diese und viele weitere Geschichten lesen sie in der ramp #53, die am 26. März 2021 erscheint.


Letzte Beiträge

Mister Nice Guy: ein Gespräch mit Matt Damon

Kein anderer spielt so virtuos den Biedermann und kaum einer ist in Hollywood erfolgreicher. Außerdem gilt Matt Damon als einer der nettesten Kerle der Welt. Im Interview sprechen wir mit dem 49-Jährigen über Rückschläge, echte Tränen und die Frauen in seinem Leben.

Siegertyp: »Red Dot Award« für den CUPRA Formentor

Streng genommen ist es ja so, dass man laut Straßenverkehrsordnung links überholen muss. Trotzdem gibt es die, die einfach mal so rechts überholen. Wie der CUPRA Formentor.

Polestar: Big Air mit Caja Schöpf

Rebellion kann politisch sein, persönlich – oder aber sportlich motiviert. Immer bewegt man sich im Grenzbereich, bricht Grenzen auf. Neuland. Caja Schöpf, eine der bekanntesten deutschen Ex-Profi-Freestyle-Skifahrinnen, betreut heute als Sportpsychologin andere Athleten. Weil Gewinnen immer im Kopf beginnt. Neues sowieso.

Hans Küng: Rebell aus Überzeugung

Hans Küng war Theologe – und Rebell. Mit seinen bisweilen provokanten Thesen hatte er sich die Versöhnung der gespaltenen Kirche seit der Reformation zur Lebensaufgabe gemacht. Dann gab es da noch seine Affinität zu Autos, konkret: seine Begeisterung für die Giulia aus dem Hause Alfa Romeo. Am 6. April ist Hans Küng im Alter von 93 Jahren in Tübingen verstorben.