Das Universum: Hermès Horloger

»Das ganze Weltsystem ist in jedem seiner einzelnen Teilchen ausgedrückt.« Das schrieb der US-amerikanische Schriftsteller Ralph Waldo Emerson. Folgt man dieser Erkenntnis, schadet es nicht, jemandem sehr genau auf die Finger zu schauen, um einen Kosmos zu verstehen. Ein Besuch bei Hermès Horloger in Biel.
Text Wiebke Brauer
Bild Steffen Jahn

»Ich möchte das Universum ganz und gar verstehen«, sagte der Astrophysiker Stephen Hawking einmal. »Ich möchte wissen, warum es so ist, wie es ist, und warum es überhaupt existiert.« Das ist vielleicht ein bisschen hoch gegriffen. Aber mit einer Erkundung in Sachen Raum und Zeit könnte man beginnen: In einer Stadt namens Biel, eine Stadt im Schweizer Kanton Bern am nordöstlichen Ende des Lac de Bienne. In einem nüchternen, weißen Gebäude, das hinter einer Hecke verborgen liegt, befindet sich ein hoher Raum mit Säulen. Dazwischen sitzen Menschen an Arbeitstischen und verwandeln Leder in sorgsam gesäumte Kunstwerke. Leise Stimmen erschallen, ein Schleifen ist zu hören, ein Lachen ertönt, das Geräusch einer Stanze erklingt. Zwei Stockwerke darüber werden Zifferblätter, Uhrwerke und Gehäuse zusammengefügt  – am Ende entsteht eine Preziose, ein technisches Wunderwerk, das der Mensch am Handgelenk trägt und von Zeit zu Zeit betrachtet, um zu sehen, wie viele Sekunden, Stunden oder Minuten vergangen sind.

Wer das Gebäude in Biel betritt, sieht im Atrium als Erstes ein lebensgroßes Holzpferd und die mit feinem Leder bezogenen Wände und Möbelstücke. Durch ein paar Türen und Gänge gelangt man in den Raum, in dem die Armbänder gefertigt werden. In einem Nebenzimmer befinden sich hohe Regale, in denen das Leder gelagert wird. Verwendet werden die gleichen Ziegen-, Kalbs-, Straußen- oder Alligatorenleder, die auch zur Taschen- und Sattelherstellung genutzt werden. Die des Barénia-Kalbs sind tiefschwarz oder cognacbraun, das Leder des Swift-Kalbs gelb oder türkis. Manche Häute sind seidig glatt oder fein geprägt, einige sind matt, andere poliert wie die der Alligatoren. Jeder Millimeter wurde zuvor aufs Penibelste untersucht. Von Isabelle Rivière, Chefin der Abteilung und seit 30 Jahren bei Hermès tätig. Eine schmale Frau in Schwarz, an ihrem Handgelenk kann man zwischen unzähligen schmalen Armreifen die neue Galop d'Hermès mit ihrer zarten Steigbügelform und das typische Hermès-Armband aus Silber mit den Ankerketten-Gliedern entdecken. Isabelle Rivière stammt aus Lyon, hat einen mehr als scharfen Blick, weiß mehr über das Leder als das Tier, das es trug – und vermutlich auch so ziemlich alles über die 13 Menschen, die hier arbeiten. »Hermès ist in meinem Blut«, sagt sie und lächelt auf eine sehr französische Art. Charmant, keine Frage, aber präzise. »Wir gehen nicht den einfachen Weg«, fügt sie hinzu.

Was Isabelle Rivière damit meint, versteht man genau, als sie beginnt, über das Leder zu sprechen. Auf Makel wie Falten oder Verletzungen in der Oberfläche reagiert man hier sensibel, wobei die Perfektion das Natürliche nicht ausschließt  – bei Hermès geht es nicht um Normen, sondern um das Spiel innerhalb von festen Regeln. Qualität ist eine Leitlinie: zum einen, was das Material angeht, zum anderen, was die jahrhundertealte Handwerkskunst betrifft. Denn so modern, wie das Gebäude und die Ledermanufaktur auf den ersten Blick wirken, so altehrwürdig ist die Historie dahinter. 1912 beginnt sie – mit einem kleinen Mädchen auf einem Foto und einer Uhr, die sie trägt. Das Mädchen ist Jacqueline Hermès, die Armbanduhr ist eine Spezialanfertigung, die der Urenkelin des Firmengründers das Reiten erlaubt. 16 Jahre später wurden im Ladengeschäft in der Pariser Rue du Faubourg 24 erstmals hauseigene Zeitmesser angeboten, die mit Uhrwerken aus den größten Schweizer Manufakturen versehen waren. 1978 ließ sich Hermès Horloger in Biel nieder, 2006 wurde auch eine der insgesamt drei Lederarmbandwerkstätten hierher verlegt.

Die Geschichte beginnt 1912. Mit einem kleinen Mädchen, das eine Armbanduhr trägt. Ihr Name: Jacqueline Hermès.

Ein bis zwei Stunden Arbeit stecken in einem Armband, das klingt wenig, aber auch nur, bis man den Prozess einmal beobachtet hat. Im ersten Arbeitsgang werden zwei Lederstücke »gepaart«. Das bedeutet, das längere Tragband, das nach der Fertigstellung an den Bandanstößen bei sechs Uhr angebracht wird, und das kürzere Schließband auszuwählen und in Form zu schneiden. Löcher werden vorgestanzt, ein Futterstoff eingefügt, dann geleimt, danach wird die Stärke des Leders durch Spalten und Schärfen reduziert, bis die Ränder fein wie ein Hauch sind. Ganz zum Schluss wird das Armband mit ­Sattlernaht gesäumt. Wobei es »zum Schluss« nicht ganz trifft, zumal die Mühe endlos erscheint.

Aline arbeitet seit 13 Jahren bei Hermès. Weil es »reell« ist, wie sie mit einem Strahlen erklärt, und sie das Ergebnis ihrer Arbeit anfassen kann. Mit einem Mal wird klar, was Laurent Dordet, CEO von Hermès Horloger, damit meinte, als er erzählte, dass er seit vier Jahren immer mehr Bewerbungen erhält. »Es hat sich herumgesprochen, dass die Menschen hier beim Arbeiten lächeln.« Über dem Arbeitstisch von Aline hängt ein Baby-Foto. Davor liegt ein kleiner Holzklotz, Schwämme, ein Glas mit Wasser, mit Farbe, mit Leim, ein Becher mit feinen Werkzeugen, Stifte, Zirkel, Spatel und ein Hammer. Viele Gerätschaften sind mit ihrem Namen versehen, weil jeder Mensch bei den Handgriffen eine Nuance anders vorgeht und jedes Werkzeug seine ganz eigenen Abnutzungsspuren erfährt. Es ist eine persönliche Arbeit. Rund 40 Arbeitsschritte benötigt Aline für ein Armband – nur für das Glätten der Lederkanten, das man »Anfasen« nennt und das Erhitzen, Polieren, Schleifen, Färben und Nachmessen umfasst. Auf die Frage, welche Eigenschaft die wichtigste für ihren Job sei, kommt keine rasche Antwort. »Geduld«, sagt Aline nach einem Moment. Mit sicherer Hand zieht sie mit zwei Nadeln die Leinenfäden durch das Leder und nimmt einen Moment später einen abgerundeten Hammer in die Hand, um den Saum mit abgezirkelten Schlägen zu glätten. »Das Material ist lebendig«, sagt Aline. Danach erzählt sie von jemandem, der mit dem Rand des Armbandes über seine Wange strich, weil sich das Leder so weich wie die Haut eines Kindes anfühlt.

Hermès ist nicht nur das einzige Uhrenhaus, das seit 1912 seine eigenen Armbänder herstellt – es ist auch die einzige Firma, die einen solchen Aufwand betreibt. Alleine die kleinen Schlaufen werden mit sechs Stichen zusammengefügt, maschinell ist das nicht möglich – nur die Hand eines Menschen ist dazu fähig. Auf der Innenseite ist ein kleines »H« zu sehen, auf das Aline weist. Dazu wird jedes Armband mit einem Buchstaben für das Herstellungsjahr, einem geometrischen Symbol als Auszeichnung für kostbarstes Leder und dem Hermès-Logo versehen. Direkt auf der Haut getragen, von außen unsichtbar. Wie passend, dass man den Buchstaben »H« im Französischen nicht ausspricht.

Der Mythos der Marke muss nicht extra betont werden – aber fühlen kann man ihn sehr genau.

»Als ich bei meinem letzten Arbeitgeber gekündigt habe«, erzählt Hermès-Designer Philippe Delhotal etwas später, »habe ich eine Marke gegen ein Universum getauscht.« Er kann sich noch genau erinnern, als er das erste Mal damit in Berührung kam. »Ich war 13. Und ich besuchte das erste Mal mit meinen Eltern Paris. Wir gingen durch die Rue du Faubourg.« Sie blieben vor dem legendären Geschäft in Saint-Honoré stehen. »Ich war davon fasziniert, wie die Objekte im Schaufenster präsentiert wurden«, erzählt Delhotal. Offenbar ist die Faszination ungebrochen. Nicht wegen der Außendarstellung der Marke, sondern weil der französische Spieltrieb in dem sehr ernsthaften Uhrengeschäft ungebrochen ist. »Es gibt so viele Möglichkeiten, Farben, Formen und Energien hier«, sagt Delhotal. Und freut sich sichtlich, wenn er von der »Arceau l’heure de la lune« erzählt. Es gibt die Uhr in zwei Versionen, in einem mit Leder bezogenen Kasten liegen beide Varianten – eine mit Aventurin- und eine mit Meteorit-Zifferblatt. Auf den Zifferblättern befinden sich zwei Scheiben, die Uhrzeit und Datum anzeigen, darunter sind die Mondphasen der südlichen und der nördlichen Hemisphäre gleichzeitig zu sehen – eine Besonderheit. »Die Tatsache, dass die beweglichen Zeit- und Datumsanzeigen sich, ohne eine einzige Verbindung der Zeiger in der Mitte zu haben, wie Satelliten um die Monde drehen, ist eine technische Entwicklung der Mechanik, die zwei bis drei Jahre in Anspruch genommen hat«, hatte CEO Dordet einmal über die Uhr gesagt.

Die Monde bestehen aus Perlmutt-Intarsien, die in das Zifferblatt eingelassen sind. Die der nördlichen Hemisphäre zeigt die natürliche Mondoberfläche, die der südlichen Hemisphäre wird von einem galoppierenden Pegasus geziert. Das geflügelte Pferd sei eine Reminiszenz an die Herkunft der Marke, erläutert der Kreativdirektor. »Wenn man zum Mond blickt, versucht man ja immer, etwas zu erkennen, vielleicht eine Nase oder Augen. Und bei Hermès? Sehen wir natürlich ein Pferd auf dem Mond«, so Philippe Delhotal.

Man merkt: Zeitmesser sind bei Hermès alles andere als eine langweilige Angelegenheit. Nichtsdestotrotz eine langwierige. Weil man auf eine über ein Jahrhundert andauernde Zusammenarbeit zwischen Hermès und der Uhrmacherei zurückblicken kann. Weil die Arbeit an einem einzigen Armband einen scharfen Blick, ungeheures Wissen, eine ruhige Hand und sehr viel Langmut benötigt. Aber wie heißt die lateinische Redewendung des römischen Philosophen Seneca so schön? »Per aspera ad astra.« Der Weg zu den Sternen ist kein leichter. Aber dafür ist das Ergebnis umso betörender.


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