Den nichts erschüttern kann: Ridley Scott

Der Regisseur Ridley Scott prägte mit Filmen wie »Blade Runner« oder »Gladiator« das Hollywood-Kino wie kaum ein anderer und stemmt noch mit 83 Jahren Mammut-Produktionen. So wie seinen aktuellen Blockbuster »House of Gucci«. Da wundert es nicht, dass der Brite die Coolness eines sturmfesten Kapitäns ausstrahlt.
Text Rüdiger Sturm
Bild Austin Hargrave / August

Mister Scott, Sie sind 83 und bringen unermüdlich einen Film nach dem anderen heraus …
Das sind einfach die Gene meiner Mutter. Die halten mich am Laufen.

Denken Sie überhaupt je an Ihr Alter?
Nein, Zahlen interessieren mich nicht. Ich habe ein Kraftwerk in mir, das einfach weiterläuft.

Können Sie sich noch erinnern, wie es mit diesem Kraftwerk angefangen hat?
Es fing damit an, dass ich in meiner Jugend sehr viel herumkam, weil mein Vater bei der britischen Armee war. Zwischen sieben und 15 war ich in zehn verschiedenen Schulen, was bei mir für einige Konfusion sorgte und mich ziemlich introvertiert werden ließ. Infolgedessen war ich in der Schule ziemlich schlecht. Ich galt als ein bisschen zurückgeblieben, aber das lag an den vielen Umzügen. Als ich so 16, 17 war, meinte ein Kunstlehrer zu mir: »Wenn ich an Deiner Stelle wäre, würde ich abbrechen und auf die Kunstakademie gehen.« Was ich machte. Und auf einmal hatte ich das Gefühl, als sei in mir ein Knoten geplatzt. Ich begann zu malen, fotografieren, zu lithografieren, hörte unterschiedlichste Arten von Musik. Es war eine Offenbarung. Ich kann das allen Eltern nur empfehlen: Schickt eure Kinder auf die Kunstakademie. Man lernt dort, anders zu denken und gleichzeitig zu fokussieren.



Beruflich feierten Sie dann Ihre ersten Erfolge als Werberegisseur. Was hat Ihnen das für Ihre Karriere als Filmemacher gebracht?
Ich habe gelernt, schnell zu arbeiten. In der Werbebranche herrscht ein furioses Tempo, und der Wettbewerb ist enorm. Aber das ist gleichzeitig die beste Filmschule. Denn du lernst, dass das alles ein Wettlauf gegen die Zeit ist. Es geht beim Inszenieren darum, dass du zügig anfängst und rechtzeitig aufhörst. Ich habe dabei herausgefunden, dass Schauspieler das genauso mögen. Die wollen sich schnell bewegen. Keiner sagt, »Wir haben heute nur 50 Sekunden geschafft, das ist toll«, im Gegenteil. Deshalb drehe ich auch eine Einstellung nicht 40 Mal. Meine Regel ist: so wenig Wiederholungen wie möglich, vielleicht nur zwei.

Aber was ist, wenn ein Schauspieler das nicht richtig drauf hat und viele Anläufe braucht?
Um das zu vermeiden, gehe ich beim Casting sehr sorgfältig vor. Ich versuche die Person des Schauspielers beim Vorsprechen kennenzulernen, und so verstehe ich, wie er denkt und wie entwicklungsfähig er ist. Ich bin wie ein Coach, der erkennt, wo die jeweiligen Talente eines Schauspielers liegen, und dann besetze ich sie oder ihn in der passenden Rolle.

»In der Werbebranche herrscht ein furioses Tempo, und der Wettbewerb ist enorm. Aber das ist gleichzeitig die beste Filmschule.«

Ridley Scott

Wobei es in Ihren Filmen nicht einfach nur Schauspieler zu sehen gibt. Immer inszenierten Sie aufwendige Epen und Actionspektakel, von »Gladiator« über »Black Hawk Down« bis zuletzt »The Last Duel«. Woher kommt diese Vorliebe fürs Große?
Ich liebe es, fremde Welten zu erforschen. Ich liebe es zu sagen »Können wir das bauen? Ja, das geht!«, sodass dann die Zuschauer staunen: »Oh mein Gott, so hat es damals ausgesehen.« Aber es ist ziemlich wichtig, das auch richtig hinzukriegen.

Und das dürfte auch mit ziemlich viel Stress verbunden sein.
Bei der Arbeit bin ich die Ruhe selbst. Das bringt mich nicht aus der Fassung. Wie schon gesagt, ich komme von der Kunstakademie. Und so gesehen ist ein Film zu machen für mich nichts anderes als eine große Leinwand zu bemalen. Für mich sind das auch keine Herausforderungen, ich liebe diesen Beruf. Ich genieße es schon, wenn ich anfange, nach Drehmotiven zu suchen.

»Ich liebe es, fremde Welten zu erforschen. Ich liebe es zu sagen ›Können wir das bauen? Ja, das geht!‹, sodass dann die Zuschauer staunen.«

Ridley Scott

Haben Sie dabei so ein inneres Zen-Gefühl?
Ich bin kein Zen-Mensch, auch wenn ich daran glaube. Ich finde auch Yoga im Prinzip großartig, aber ich mache das nicht, weil ich keine Zeit dafür habe. Wobei man ja sagt, dass das Ziel von Yoga und Zen ist, mehr Zeit für sich zu finden. So gesehen habe ich meine eigene Zen-Methode gefunden. Wenn ich ans Set komme, wo mich 3.000 Menschen erwarten, dann fokussiere ich mich exakt auf das, was ich tun muss. Ich steige aus dem Auto, sage »Ich will 16 Kameras dort und drei andere da drüben!«. Sofort laufen alle los, um diese Anweisungen zu erfüllen. Und ich habe dadurch die Zeit, weiter nachzudenken.

Aber macht dieser riesige Aufwand Ihren Job nicht schwieriger?
Die Größe des Films hat damit nichts zu tun. Jedes Mal ist es ein Wettrennen gegen die Zeit. Du musst (…)

→ Lesen Sie das gesamte Interview mit Ridley Scott und zahlreiche weitere Geschichten in der rampstyle #24.


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