Der den Boxer feiert: Moritz Leidel von »Flat6High5« im Interview

Achtung: Triggerwarnung! Oder präziser formuliert: das Phänomen Porsche 911. Wir haben mit einem gesprochen, der sich mit der Sportwagen-Ikone aus Zuffenhausen bestens auskennt: Moritz Leidel, Vorreiter der Deutschen Porsche-Szene und Gründer der Plattform Flat6High5. Uns hat er verraten, was die Porsche Community so besonders macht. Und wieso er beim Anblick eines Elfers auch heute noch Gänsehaut bekommt.
Text Marko Knab
Bild Flat6High5 / Max Müller

Ein Instagram-Kanal und eine Webseite mit dem Namen »Flat6High5« werfen bei uns ein paar Fragen auf. Die erste ist: Wer steckt denn hinter dem Pseudonym?
Ich möchte hier natürlich keine Fragen aufwerfen und diese unbeantwortet lassen, deshalb stelle ich uns gerne vor. Ich freue mich, dass ich es auf euren Radar geschafft habe. Flat6High5 besteht aus zwei Komponenten, die unzertrennlich verschmolzen sind. Ich, Moritz Leidel, Kreativer Tausendsassa, ein Kind der 80er und von Kindesbeinen an mit dem Auto-Virus infiziert. Zweiter Teil der Combo ist meine Frau, Kerstin, sie ist meine Supporterin, Wegbegleiterin, beste Navigatorin, Pulsgeberin, Fahrerin. Zum Glück wurde sie ebenfalls früh infiziert, übrigens vom besten Schwiegervater der Welt mit dem markanten Geräusch von Ducatis und der Formel 1 der 90er – meistens an der Rennstrecke.

»Meine Frau, Kerstin, sie ist meine Supporterin, Wegbegleiterin, beste Navigatorin, Pulsgeberin, Fahrerin.«

Moritz Leidel

Und die zweite: geht es dabei etwa um das Motorlayout eines Porsche und eine Community? Klingt zumindest so, als würde hier gemeinsam etwas kernig-blubberndes mit einem »High Five« gefeiert.
Ja, tatsächlich ist dies genau die Idee hinter unserem Pseudonym. Und was macht man, wenn man einen nicht alltäglichen Wagen fährt? Man feiert sich selber und andere, die denselben Wagen fahren mit einem respektvollen Gruß aus der Seitenscheibe.

Ich glaube, man erkennt selber, dass man in einem neuen Wagen plötzlich nur diese Wagen auf der Straße wahrnimmt. Je seltener umso mehr freut man sich eigentlich solch einem Wagen ebenfalls zu begegnen. Der Ausdruck dieser Freude eskaliert dann in einem anerkennenden Handheben und einem Augenblick der Verbundenheit, wenn dies erwidert wird. Und wenn man sich dann, wie wir, mit diesen Menschen irgendwo trifft, der Straße oder am Abend vor einem Event, dann ist es die erste wertfreie und gleichzeitig freundschaftliche Begrüßung die jeder versteht.

»Und was macht man, wenn man einen nicht alltäglichen Wagen fährt? Man feiert sich selber und andere, die denselben Wagen fahren mit einem respektvollen Gruß aus der Seitenscheibe.«

Moritz Leidel

Deine Geschichte, die dich genau dorthin gebracht hat, wo du jetzt bist?
Mein Großvater war Chauffeur und schraubte unter der Woche im Kittel am Firmenwagen auf dem Firmenhof. Samstags stand er dann im Feinripp-Unterhemd über den Wagen gebeugt, mit beiden Armen Ellenbogentief im Motorraum seines Wartburgs, auf der Straße vorm Garagentor. Genau da fing es an.

Als Kind des Ostens war die Auswahl an Fahrzeugen recht überschaubar, aber mein Vater und meine Mutter hatten schon immer „Westwagen“. Zur Einschulung mit dem Strich-Achter, an den Balaton mit dem Käfer 1303 S in Gold. Flucht im T3 Westfalia unter der Rücksitzbank. Ist doch klar, dass das an einem nicht spurlos vorbei geht.Dann kamen Jahre des Zweirads und des selber Schraubens. Mit 12 begann die MoFa-Zeit, dann Roller und Mopeds. Zum Leidwesen meiner Mutter meistens schneller als die Polizei erlaubte.

Ende der 90er dann die ersten eigenen Autos. Nach 2 Minis, 7 VW, 1 Smart, 3 Audis und 24h lang einem Grand Cherokee kam dann mit 30 endlich der langersehnte Wunsch eines Porsche. Im Jahr 2009 hat es somit mit dem Zuffenhausener Virus in einer Voll-Infektion geendet. Nach einer 7-jährigen, ausgiebigen Restauration mit vielen Höhen und Tiefen startete ich meine erste Fahrt mit dem Wagen an meinem Hochzeitstag. Das Ziel war 2016 erreicht Ehefrau und 1965er Porsche mit 0 Kilometern auf dem Tacho.

Als Idee in den Flitterwochen geboren, wollte ich mich mit einem eigenen Projekt etwas stärker ausleben – was man im beruflichen Alltag allzu häufig nicht kann. Der Instagram-Boom war dann die Initialzündung als ich unseren Channel aktivierte. Es war ein Fenster in die Welt hinaus um genau die Inhalte zu finden, die mir Freude machten.

Auf deiner Webseite beschreibt ihr euer Konzept als »Contemporary Community Creations«. Was ist damit denn gemeint?
Da es immer so einfach ist sich von anderen abzugrenzen und zu sagen was man nicht ist, fiel es uns echt schwer das was wir machen in Worte zu fassen. Aber am Ende war es dann doch recht klar. Die Porsche-Szene in der wir uns bewegen ist größtenteils modern und untypisch für viele. Es wurde einmal mit dem Ausdruck „Outlaw“ geprägt, was ich für überholt halte, aber Menschen ein Bild ermöglicht diese Szene zu kategorisieren.

Menschen jeder Altersgruppe frei von statusbehafteten Attituden sind zeitgemäß wie wir es verstehen wollen. Sie haben ein Mindset aus Kreativität, Offenheit gegenüber Anderen und dem Drang nach der Andersartigkeit im Sinne bestehender Stigmata von typischen Club-Kulturen. Das bedeutet für uns Contemporary, zeitgemäße Denkweisen und Handlungen.

Credit: Flat6High5 / Luca di Blasi / @hub_raum_
Credit: Flat6High5 / Luca di Blasi / @hub_raum_

Wir verschaffen uns dabei Ausdruck durch Aktionen die wir für und vor allem mit der Szene von Automobil-Enthusiasten umsetzen. Dabei rücken wir den Fokus immer auf die Gemeinsamkeit in einer Idee: Gemeinsam Neues erkunden, gemeinsam Helfen, gemeinsam eine gute Zeit haben oder gemeinsam über den Tellerrand schauen. Alleine kann man nicht alles schaffen, deshalb ist die Community so wichtig.

Gemeinsames Erleben steht im Fokus unsere Creations. Ob TRAX, ein Fahrtraining mit dem eigenen Klassiker am PEC in Hockenheim, CREWSN, einem Cars & Coffee Treffen der ersten Stunde, SICKALPS, der fahrfokussierten Alpentour oder den eigenen Events, bei der wir auch schon mal einen limitierten Sneaker für unseren Partner Puma im Porsche-Museum einer Hand voll Teilnehmern präsentieren oder für #BLM oder die Deutsche Krebshilfe Geld auf einem legeren Event sammeln.

»Alleine kann man nicht alles schaffen, deshalb ist die Community so wichtig. Gemeinsames Erleben steht im Fokus unsere Creations.«

Moritz Leidel

Gibt es etwas, das euch dabei besonders wichtig ist – neben der Community, die ja quasi im Namen steckt?
Echte, zu tiefst empfundene Freude. Freude die wir durch unser Handeln bei anderen herauskitzeln.

Beschreibe doch bitte mal das Lebensgefühl in der historischen Porsche-Szene. Was macht die Menschen und vor allem auch die Community aus?
Als allererstes ist es wichtig zu sagen, dass es nicht nur um den Porsche geht. Ein Porsche ist eine von vielen möglichen Gemeinsamkeiten – ob man einen besitzt oder nicht spielt dabei keine Rolle. Ich glaube, was mich an der „historischen Szene“ der Porsche-Liebhaber reizt, ist die Einfachheit der Dinge. Das Analoge in der Technik, die Intuitive Schönheit im Design und die Menschen die dies auch sehen. Menschen die sich auf derselben Wellenlänge befinden und die ihren Fokus auf Dinge lenken die sie glücklich machen. Ich spreche von wirklich tief empfundenem, echtem Glück – nicht dieses gekaufte Gefühl von „habe ich auch“.

Credit: Flat6High5 / Luca di Blasi / @hub_raum_

Die Faszination rund um den Porsche 911 und alle Derivate und Varianten?
Ich kann es nicht sagen. Es triggert mich einfach und es sorgt für Gänsehaut, wenn es ein stimmiges Fahrzeug ist.

Ein Event, dass ihr nie vergessen werdet?
Ihr müsst beim Festival of Speed dabei gewesen sein! Das ist das Woodstock der Autoverrückten. Ansonsten unsere Sickalps-Tour 2020, der Grundstein vieler Freundschaften.

Verrat uns doch auch bitte noch deine ganz persönliche Lieblingsstrecke – egal wo auf der Welt? Und vor allem: warum?
Unser kleiner Grauer SWB von 1965 liebt enge kurvige Strecken, deshalb sind enge Bergpässe grundsätzlich empfehlenswert. Um es mit den Worten eines Freundes zu sagen: „Sackschnell aus den Kurven raus“ ist mir am liebsten. Deshalb würde ich sagen, der obere Teil vom Umbrailpass in Richtung Ofenpass, also nach Val Münstair runter.

Wie lief das erste halbe Jahr für euch? Und welche Events habt ihr schon ausgerichtet?
2022 ist ein super Jahr bisher. Wir haben unser erstes 24h-Rennen am Nürburgring bei unserem Reifenpartner Falken Tyre Europe erleben dürfen, unglaublich was hier hinter den Kulissen stattfindet, während ihre GT-Elfer eine Runde nach der anderen drehen. Ein bereits erwähnter Sneaker-Release zum 50. Porsche RS 2.7 Jubiläum für Puma im Museum mit einer Hand voll echter Petrolheads und vier Sickalps-Touren mit 5.572 km haben wir bereits hinter uns gebracht. Und in drei Wochen fahren wir mit 14 Wagen die Route des Grand Alpes, dann gönnen wir dem Wagen ein wenig Ruhe und beginnen die Planungen für 2023.

Last but not least: euer nächstes Event, bei dem Interessierte vorbeischauen können?
Wir dürfen leider noch nicht zu viel verraten, aber im nächsten Jahr sind wieder ein paar Strecken-Events und natürlich Touren geplant. Vorbeischauen kann jeder, jeden Tag – auf unseren Instagram-Accounts: @Flat6High5 und @Sickalps.


ramp shop


Letzte Beiträge

Fortsetzung folgt: die Jaguar Continuation Cars

Am Weltkatzentag schauen wir standesgemäß nach England - wo Jaguar mit dem C-Type das nächste seiner Continuation Cars vor kurzem enthüllt hat. Sie zu fahren ist ein Abenteuer der unvergesslichen Art. Was unter anderem daran liegt, wie unfassbar unbequem man in so einem Jaguar C-Type oder E-Type Lightweight sitzt. Aber eben nicht nur. Es ist außerdem ein Riesenspaß.

Sonnenklar: Coole Produkte für heiße Tage

Der Sommer läuft derzeit zur Hochform auf - und wir tun es ihm gleich. Mit den besten Gadgets und Must-haves für die schönste Zeit des Jahres. Unser Guide für alle, denen noch die richtige Badehose fehlt - oder die auf der Suche nach der perfekten Sonnenbrille und dem idealen Transportmittel sind.

Art. Déco. Racer. Der Bugatti Type 59/50 BIII

Es gibt seltene und legendäre Autos. Und dann gibt es den Bugatti Type 59/50 BIII, der unter Kennern auch als »Cork-Rennwagen« bekannt ist. Und nein, nicht nur seine elegante Karosserie macht ihn besonders. Vielmehr seine gesamte Geschichte ist unglaublich – und unglaublich spannend. Auch für die Molsheimer Marke selbst.

Brad Pitt: »Ich trage mein Alter wie ein Ehrenabzeichen.«

In seinem neuesten Film »Bulett Train« spielt Brad Pitt einen Auftragskiller, der in eine ausgesprochen wilde Zugfahrt mit glücklichem Ende verwickelt wird. Was uns zur Frage brachte: Ist Brad Pitt glücklich? Im Gespräch mit dem 58-Jährigen klar, welche Erkenntnisprozesse der Schauspieler durchmachte – und welchem Prinzip er folgte, um zu diesem Gefühl zu finden.