Der Pizzalieferdienst-GT

Ein altes englisches Sprichwort sagt ja bekanntlich: »Helfe in der Not, da hast du den McLaren New GT dazu.« Oder so ähnlich. Ein Akt selbstloser Achtzylinderliebe in Zeiten von Homeoffice und Ausgangssperren.
Text Matthias Mederer
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

»Dauert circa eine Stunde.« Eine Stunde? »Eine Stunde!« Solange werde ich auf meine Rigatoni Al Forno warten müssen. Na Bravo. Die Mittagspause verschiebt sich damit um fast 30 Minuten. Seit Jahren bestelle ich beim selben Italiener und noch nie hat er erst nach einer Stunde geliefert. Es kann sein, dass es 45 Minuten dauert, zu den Stoßzeiten am Sonntagabend, aber Mittags, unter der Woche? Corona sei Schuld, viele Menschen im Homeoffice lassen sich das Mittagessen liefern. Kurz bin ich verzweifelt, überlege, ob jetzt der Punkt ist, an dem ich gegen diesen ganze Corona-Isolationswahnsinn ins Feld ziehen soll mit einer Gegenbewegung; vielleicht mit einer Videobotschaft auf Instagram. Nur welchen Hashtag nehmen? … Ach schau, Oliver Pocher hat ein neues Video gepostet … Lustig!

Ich verschiebe meine virale Protestbewegung und überlege, was ich tun kann. Nudeln im Supermarkt kaufen ist aktuell ja eher verpönt. Schon aus Protest gegen die Hamsterkäufer weigere ich mich auch nur eine Packung zu kaufen. Das zumindest ist die offizielle Erklärung. Inoffiziell macht mir der Gedanke mit kochend-heißen Wasser in einem geschlossenen Raum zu hantieren ein bisschen Angst.

In der Garage steht aktuell ein McLaren New GT. Normalerweise würde man an der Stelle das vom Autoquartett beliebte Zahlen-Stakkato predigen: 4,0-Liter V8-Biturbo, 620 PS, 630 Newtonmeter Drehmoment, Null-auf-Hundert in 3,2 Sekunden, und wenn’s pressiert geht es mit 326 km/h voran. Weil es ein GT ist, würde ich natürlich die große Reise antreten. Auf einen Kaffee an die Cote d’Azur und abends dann eine Currywurst in Berlin. Oder ich würde ausgewählten ramp-Abonennten mit guter Anbindung an eine deutsche Autobahn die neuste Ausgabe persönlich vorbei fahren; also irgend ein an den Haaren herbei gezogener Notfall, der es offenbar legitimiert mit diesem Auto quer durch das Land zu fahren. Leider geht das momentan nicht. Der Herr Söder hat kollektiven Hausarrest verordnet und der schöne McLaren steht kalt und einsam in der Garage.

Dann fällt mir ein: Der Wagen hat doch als erster McLaren einen zweiten Kofferraum im Heck, oberhalb des V8-Motors. Eine ingeniöse Gradwanderung, denn gerade Turbomotoren erzeugen sehr viel Hitze und benötigen deshalb clevere Luftzu- und vor allem Hitzeabführung. Hier einen Deckel drüber zu machen, diesen mit feinem Leder auszustaffieren und den 470-Liter großen Platz zum Transport von Taschen, Jacken oder Speiseeis anzubieten, ist dann doch eher als gegenläufig ideal zu betrachten. Zumindest aus Sicht eines Motorenentwicklers. McLaren hat es trotzdem irgendwie geschafft, was den New GT zum idealen Pizzalieferdienst-Transportfahrzeug in Krisenzeiten macht, in denen die Nachfrage hoch und die Straßen frei sind. Die Idee ist so naheliegend, dass ich mich frage, warum mich erst ein knurrender Magen darauf bringen musste.

»Hast du wieder eine Lamborghini?«, lacht er ins Telefon. Ich verneine höflich.

Ein zweiter Anruf beim Pizzalieferdienst meines Vertrauens: »Ciao Ragazzi! Isch abe selbst eine Auto.« Seniore Orllati ist darüber nicht sonderlich verwundert, als ich ihm allerdings vorschlage für ihn arbeiten und Pizza und Pasta auszuliefern, stutzt er kurz. »Hast du wieder eine Lamborghini?«, lacht er ins Telefon. Er erinnert sich nur zu gern an den blauen Aventador S mit dem ich mal vor einiger Zeit im Winter bei Schneeregen mit Verweis auf den Allradantrieb vor der Tür stand, um eine Bestellung abzuholen. Die Fotos davon hat er immer noch auf seinem Handy. Ich verneine höflich. »Macht ja nixe.« Fast habe ich das Gefühl, er versucht mich zu trösten, weil ich keinen Lamborghini mehr habe. Ich erkläre ihm, dass der Italo-Stier auch reichlich unpraktisch wäre und ich deshalb ein anderes Auto mit einem viel größeren Kofferraum habe. »Ja, kommst du etwa mit eine SUV? Die von Lamborghini? Wie heißt die noch?« Urus heißt er. Aber das sage ich nicht. In einer ersten Reaktion will ich schon auflegen, ob dieser Unterstellung. Ich im SUV! Geht’s noch?

Dann aber denke ich kurz nach. Denn nimmt man es mal ganz genau, so ist der New GT von McLaren ein ziemlich sportliches und nützliches Fahrzeug gleichermaßen – oder auf englisch: ein sport-utility-vehicle, also ein SUV. Sogar die Schnauze ist vorne etwas höher, so dass sich damit ziemlich gedankenverloren, fast rücksichtslos über Bodenwellen fahren lässt und auch tückische Hofeinfahrten kann man Soccer-Mom-gleichgültig nehmen. »So was in der Art«, lasse ich Seniore Orllati wissen. Fünfzehn Minuten später parke ich den McLaren New GT Pizzalieferdiensttypisch mitten auf dem Gehweg. Die Strecke hätte ich eigentlich auch in drei Minuten geschafft, aber ich wollte den McLaren unbedingt anständig warm fahren vor seinem Einsatz. In dem Punkt bin ich Profi. Kofferraum und Flügeltüre ragen gen Himmel. Die Kühlventilatoren drehen fleißig Frischluft in das System und wabernde Hitze entweicht aus den Öffnungen am Heck. Seniore Orllati lacht. »Du bist ein bisschen verruckte. Aber ich mag disch.« Die erste Bestellung wartet schon. Eine Pizza Magharita und eine Speziale. Fünzehn Euro Neuzig. Seniore Orllati fragt noch, ob ich eine Warmhaltebox brauche. Ich winke ab. »Hab bereits vorgewärmt.« Seniore Orllati nickt. Er hat sofort verstanden.

Seniore Orllati fragt noch, ob ich eine Warmhaltebox brauche. Ich winke ab. »Hab bereits vorgewärmt.« Seniore Orllati nickt. Er hat sofort verstanden.

Dann geht es los. Es sind gerade mal eineinhalb Kilometer. Eine Bankfiliale. Ich brauche weder Navi noch den dritten Gang, halte das Aggregat manuell im zweiten. Mehr Drehzahl bedeutet mehr Hitze im Heck. Auch wenn die Isolation und Hitzeabführung dazu führt, dass der Kofferraum im Heck nie wärmer als Raumtemperatur wird, selbst wenn der Motor nur ein paar Zentimeter darunter mit seiner Hitze Wasser zum Kochen bringt, ein bisschen wärmer wird es dann im Heck schon bei der entsprechenden Fahrweise. Für einen Pizzalieferdienst also die perfekte, integrierte Wärmebox. Dampfend warm überreiche ich meine erste Lieferung. Die zweite Lieferung geht an eine Familie. Beide Eltern im Homeoffice, dazu zwei kleine Kinder. »Zu zweit geht es, gerade bei Konferenzen oder Telefonaten kann man sich mit der Kinderbetreuung gut abwechseln, ansonsten ist es mit den Kleinen natürlich eine Herausforderung«, sagt mir die Mama, während die Tochter bereits quengelt.

Nach der vierten Lieferung fragt mich Seniore Orllati, wieso ich trotz dieses schnellen Autos länger brauche als die Kollegen mit den traditionellen kleinen Stadtflitzern, die nicht mal ein Fünftel der Leistung des McLaren hätten. Ich muss zugeben, dass so ein McLaren zwar als Pizzalieferdienst-Spezialfahrzeug ziemlich perfekt funktioniert, leider aber auch für reichlich Aufmerksamkeit sorgt. Ungläubige Überraschung und ehrliche Neugierde sind nicht nur bei Kunden, sondern auch bei zufällig vorbei gehenden Passanten so stark, dass selbst guter Hunger für einen kleinen Plausch unterdrückt wird. Und natürlich werden reichlich Fotos gemacht und Fragen gestellt. Als rasender aber freundlicher Pizzabote von ramp kann ich da nicht einfach ins Auto springen und davon brausen. Also erkläre ich immer wieder das Prinzip dieses gleichermaßen sportlichen und nützlichen Fahrzeugs. Eine Frau mittleren Alters macht Fotos vom McLaren für ihre Tochter und lacht laut auf, als ich mit dieser Erklärung komme. Als sie dann im Kofferraum drei Familienpizzen für eine Arztpraxis sieht, bleibt ihr das Lachen kurz im Halse stecken: »Da ist ja wirklich Pizza drin!« Die Frau ist so perplex, dass ich mich spontan verabschiede mit der Aussage, ich müsse jetzt noch zum US-Truppenübungsplatz Hohenfels und einen Sternegeneral zu einer Krisensitzung nach Rammstein fahren. Mit den Worten, »jeden Tag eine gute Tat«, verabschiede ich mich und lasse die Frau zurück. So hat sie zuhause auf jeden Fall eine Geschichte zu erzählen.

Ich muss zugeben, dass so ein McLaren zwar als Pizzalieferdienst-Spezialfahrzeug ziemlich perfekt funktioniert, leider aber auch für reichlich Aufmerksamkeit sorgt.

Zufälligerweise treffe ich wenig später bei einer weiteren Lieferung noch einen guten Freund: »Mensch, wir haben uns ja ewig nicht mehr getroffen«, begrüße ich ihn scherzhaft. »Halt die Klappe, du Trottel. Ist das deine Form von Homeoffice?« Ich erkläre ihm, dass ich aufrichtig helfen will und deshalb Pizza ausfahre. »Wir müssen alle unseren Beitrag leisten in dieser schweren Zeit.« - »Schon klar«, meint mein Freund. Eine Polizeistreife fährt mit heruntergelassenen Fenstern vorbei, verringert deutlich die Geschwindigkeit, eine Beamtin am Steuer und ihr Kollege schauen interessiert rüber zu dem flachen, breiten McLaren. In Bayern herrschen mit die strengsten Vorschriften in ganz Deutschland was die Regelungen für das Verlassen des Hauses angeht. McLaren fahren, noch dazu mit englischem Kennzeichen, gehört nicht zu den triftigen Gründen, die eine Ausnahme rechtfertigen. Und die Gesetzeshüter nehmen ihren Job in dieser Sache ernst. Erst heute morgen habe ich in der Zeitung gelesen, dass drei junge Männer eine Anzeige erhalten haben, da sie zusammen in einem Auto unterwegs waren. Ihre Ausrede, sie würden eine homosexuelle Dreiecksbeziehung führen, wollten die Beamten nicht gelten lassen. Ich frage mich, ob die Exekutive mir die Pizzabotennummer abkauft? Und falls nicht, kann ich mich auf die Presse- und Recherchefreiheit berufen? Oder zumindest auf ein paar unterhaltsame Drehzahlsalven des V8? Bei einem Lamborghini Huracán und einer Kontrolle wegen Telefonieren am Steuer hat das schon mal funktioniert. Die Beamten belassen es bei einem strengen Blick in meine Richtung, rollen dann ruhig weiter. Und auch ich verabschiede mich von meinen Freund. »Bin ja nicht zum Spaß unterwegs.«

Insgesamt schaffe ich den knapp zwei Stunden gerade mal acht Lieferungen. Das ist nicht wirklich beeindruckend. Um 14 Uhr ist die Mittagsschicht zu Ende. Seniore Orllati wartet mit meinen Rigatoni. »Geht auf’s Haus«, lacht er. »Um 17 Uhr beginnt die Abendschicht!«, ruft er mir noch hinter her. Ich winke zum Abschied, starte den V8-Biturbo, schließe die Türe. Ein Anruf vom Chefredakteur, irgendein dringender Notfall. In Hamburg. Ich mach mich natürlich sofort auf den Weg.



McLaren New GT

Motor: V8-Biturbo
Hubraum: 3.994 ccm
Leistung: 456 kW (620 PS)
Drehmoment: 630 Nm @ 5.500-6.500 u/min
Beschleunigung: 0-100 km/h in 3,2 s
Vmax: 326 km/h


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