Der Reiz der Dunkelheit

Düstere Atmosphäre, brutale Verbrechen, gerne auch Kritik an der Gesellschaft: Der Bestseller-Autor Arne Dahl nennt viele Gründe, warum Schwedenkrimis so erfolgreich sind. Basierend auf diesen Erkenntnissen haben wir in Göteborg unseren eigenen Schwedenkrimi produziert. Unser Ermittler-Dienstfahrzeug: ein Volvo PV544.
Text Natalie Diedrichs
Bild Vince Perraud

Das Heftmotto lautet »Stille«. Halten Sie es für eine gute Idee, dass wir Sie genau in diesem Heft zum Thema Schwedenkrimis interviewen?
Dahl: Es ist sogar eine sehr gute Idee.

Warum?
Stille ist die perfekte Voraussetzung zum Schreiben. Am liebsten schreibe ich
nachts, in völliger Stille und Dunkelheit.

Würden Sie sagen, dass die Dunkelheit Ihren Geist beim Schreiben beeinflusst?
Sowohl das Licht als auch die Dunkelheit haben einen Einfluss auf meine Arbeit. Verglichen mit dem Rest Europas erleben wir Schweden die Winter und Sommer ganz anders. Im Sommer ist es die ganze Zeit über hell, während im Winter fast nie die Sonne aufgeht. Und weil ich gerne im Dunkeln arbeite, ist die Zeit zwischen November und März tatsächlich meine produktivste Zeit des Jahres.

Während manche also Winterschlaf halten …
Genau, während sich die Bären in ihre Höhlen verkriechen, schreibe ich meine Bücher.

Warum sind Schwedenkrimis so erfolgreich?
Das hat verschiedene Gründe und die Stille ist sicherlich ein wichtiger Teil davon. Oft haben diese Geschichten ja eine sehr ruhige, leise Atmosphäre. Es gibt den Ansatz, dass wir im Norden eine Art Paradies erschaffen haben – das suggeriert vor allem die so populäre Kinder- und Jugendliteratur, wie »Pippi Langstrumpf« oder »Wir Kinder aus Bullerbü«. Die Leute gehen davon aus, dass Schweden ein schöner Ort ist, wo alle nett zueinander sind. Wenn in dieser perfekten Szenerie nun ein Verbrechen stattfindet, macht es das umso spannender.

»Stille ist die perfekte Voraussetzung zum Schreiben. Am liebsten schreibe ich nachts, in völliger Stille und Dunkelheit.«

Die Zerstörung des Paradieses.
Ja, oder die Schlange im Paradies. Denn genau das macht einen Schwedenkrimi aus: Er zeigt die hässlichen Seiten einer Gesellschaft. Dazu kommt ein sehr realistischer Schreibstil, der durch die Vielzahl der schwedischen Autoren inzwischen natürlich ganz unterschiedlich interpretiert wird. Insgesamt sind wir im Schwedenkrimi ein Stück näher, unmittelbarer am Leben der Menschen dran als in anderen Krimigattungen.

Können Sie das noch ein bisschen ausführen?
Vergleichen wir mal schwedische mit amerikanischer Krimiliteratur. In amerikanischen Geschichten geht es sehr oft um das Böse an sich. Es wird nicht hinterfragt, sondern als selbstverständlich oder natürlich angesehen. Wir dagegen beschäftigen uns mit dem Warum: Warum wird jemand kriminell? Welche sozialen Umstände sind daran schuld? Wir ergründen die Dunkelheit eines Geistes.

Denken Sie, dass jeder dazu fähig ist, Verbrechen zu begehen?
Ja, das denke ich. Wir sind emotionale Wesen, und selbst wenn jemand nicht grundsätzlich böse ist, können ihn äußere Umstände in die Kriminalität treiben. So ist es ja meistens. Das simpelste Beispiel ist Rache. Wenn jemand dein Kind tötet, willst du ihn töten. Das Gesetz verbietet es, aber deine persönliche Moral rechtfertigt dieses Handeln. Was nicht bedeutet, dass jeder automatisch gleich kriminell wird, aber es kann so laufen. Und manchmal verführt einen das Verbotene ja auch regelrecht. Geld einstecken, das man gefunden hat. Oder zu schnell auf der Autobahn fahren, wenn kein anderer da ist …

Machen Sie das gelegentlich?
Das würde ich hier natürlich nicht zugeben. Aber ja, wenn man erst in Deutschland auf unbeschränkten Autobahnen unterwegs war und dann nach Schweden zurückkommt, wo die Geschwindigkeit auf 110 km/h beschränkt ist, könnte einem das durchaus passieren.

Fahren Sie gerne Auto?
Ja, sehr. Ich bin zwar kein Auto-Enthusiast, aber ich schätze es, ein eigenes Auto zu besitzen. Außerdem hilft es mir bei meiner Kreativität.

Inwiefern?
Um kreativ zu sein, benötige ich zwei wichtige Zutaten: die Stille und die Bewegung. Die Stille, während ich schreibe, und die Bewegung, um Ideen zu entwickeln und verschiedenste Eindrücke zu sammeln. Vorbeiziehende Landschaften sind eine hervorragende Inspirationsquelle. Und das funktioniert tatsächlich am besten, wenn ich im Auto sitze und einfach fahre.

»Die Leute gehen davon aus, dass Schweden ein schöner Ort ist, wo alle nett zueinander sind. Wenn in dieser perfekten Szenerie nun ein Verbrechen stattfindet, macht es das umso spannender.«

Was ist das Wichtigste für einen guten Krimi?
Viele denken, dass es bei einem Krimi vor allem auf die Handlung ankommt. Aber wenn die Leute die Geschichte dann gelesen haben, erinnern sie sich vor allem an die Hauptdarsteller – die Kommissare, die sie schon bald wieder in der nächsten Geschichte treffen werden. Als Schriftsteller muss man also die Protagonisten interessant machen. Und das funktioniert, indem die Leser mit ihnen sympathisieren, sich im besten Falle mit ihnen identifizieren.

Und wie erreicht man das?
Indem man dem Leser offenbart, dass er hier niemanden trifft, der durch und durch perfekt ist, sondern dass der Hauptdarsteller ebenso wie jeder andere seine Probleme hat und Fehler macht.

Haben deshalb die meisten schwedischen Kommissare einen psychischen Knacks?
Wahrscheinlich (lacht). Nein, so weit würde ich, glaube ich, nicht gehen. Aber es ist wichtig, die Protagonisten als echte, dreidimensionale Menschen darzustellen. Umso spannender wird es, wenn der Schriftsteller sie im Laufe der Handlung in die Dunkelheit wirft. Wie überleben normale Menschen – sofern es »normale« Menschen gibt – diese Dunkelheit? Wie gehen sie damit um? Wie lösen sie die Probleme? Wie machen sie alles wieder gut? Das macht meiner Meinung nach den größten Reiz bei Kriminalliteratur aus.

Sie schreiben jedes Jahr mindestens ein Buch. Wie schaffen Sie diese straffe Taktung?
Mein Ziel ist es, immer ein noch besseres Buch als das vorige zu schreiben. Ehrlich gesagt ist das ziemlich schwierig, wenn man bereits mehr als zwanzig Bücher geschrieben hat.

Wirklich? Wird es aufgrund der Erfahrung nicht leichter?
Schon, aber es kommt mir so vor, als ob ich schon alle Verbrechen auf der Welt thematisiert habe. Natürlich könnte ich bei einer erfolgreichen Krimireihe bleiben und diese immer weiterführen. Dadurch riskiere ich aber, irgendwann langweilig zu werden. Stattdessen nehme ich mir vor, ständig neue Wege des Erzählens und einen noch spannenderen Ansatz zu finden. Das ist sehr anspruchsvoll, aber auch notwendig. Sonst wird man alt und müde.

Woher holen Sie sich die neuen Ansätze?
Natürlich lese ich viele Zeitungen und recherchiere im Internet, aber ich spreche auch oft mit Polizisten und lasse mir von ihnen erzählen, was gerade sozusagen »im Trend« ist.

Und was ist aktuell »im Trend«?
In Schweden bilden sich zurzeit vielerorts neue Gangster-Milieus außerhalb der Städte. Gesetzlose Gegenden, beherrscht von Syndikaten, wo sich selbst die Polizei nicht hineintraut. Geldwäscherei, Schießereien, Bombenanschläge – alles Themen, die Stoff für Geschichten ergeben.

Dann dürfen wir uns in Zukunft ja noch auf viele spannende Bücher freuen. Haben Sie eigentlich eine Struktur, bevor Sie ein Buch beginnen, oder ergibt sich die Handlung von selbst?
Für meine »Opcop-Reihe« hatte ich zuvor immer feste Strukturen entworfen, weil die Handlungsstränge so komplex und vielfältig waren. Dort erschuf ich ja acht verschiedene Protagonisten, die in verschiedenen Ländern lebten und in einer geheimen Sondereinheit gemeinsam ermittelten. Ich sage immer: Man kann es mit Musik ­vergleichen – erst komponierte ich ein Stück und dann spielte ich es, indem ich es schrieb. In jedem Kapitel wusste ich vorher, wohin ich gehen musste, allerdings nicht, wie genau ich dort hinkam. In der aktuellen Buchreihe lasse ich meiner Kreativität während des eigentlichen Schreibens dagegen mehr Freiheit. Was mich dann ziemlich oft selbst überrascht. Plötzlich ist da eine Tür im Raum, die der Kommissar bislang übersehen hatte. Dann öffnet er sie, um herauszufinden, was sich dahinter verbirgt.

»Wie überleben normale Menschen – sofern es ›normale‹ Menschen gibt – die Dunkelheit? Wie gehen sie damit um? Wie lösen sie die Probleme? Wie machen sie alles wieder gut?«

Wie würden Sie sich als Menschen charakterisieren und welche Charaktereigenschaften sollte ein guter Krimiautor haben?
Nun, ich weiß nicht, ob die Antworten dieser beiden Fragen übereinstimmen. Aber eine Sache, die mir im Laufe der Jahrzehnte auffiel, ist, dass Krimiautoren im Allgemeinen ziemlich nette Menschen sind. Im Gegensatz zu anderen Gesellschaftsgruppen, die oft einen ziemlich wütenden und unzufriedenen Eindruck auf mich machen.

Und Krimiautoren sind anders?
Ja, sie sind erstaunlicherweise meistens ziemlich entspannt und zugänglich. Und zwar auf der ganzen Welt. Egal, ob ich mit amerikanischen, deutschen oder anderen skandinavischen Kollegen spreche.

Woran könnte das liegen?
Das liegt glaube ich daran, dass wir im Gegensatz zu anderen ziemlich oft in eine fiktionale Dunkelheit abtauchen. Und sobald wir wieder auftauchen, sind wir »clean«. Da ist keine reale Dunkelheit mehr übrig. Ist aber nur so eine Theorie.

Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht arbeiten?
Ich höre sehr gerne Musik, und wenn ich das tue, konzentriere ich mich voll und ganz auf sie. Dann kann ich nichts mehr nebenbei machen.

Welche Art von Musik?
Jazz, Pop, Rock. Eben die Dinge, mit denen ich in den Sechzigern und Siebzigern aufgewachsen bin.

Stones oder Beatles?
Ja, an dieser Frage kann man den Charakter eines Menschen wohl am besten festmachen. Ich bevorzuge die Beatles oder die frühen Sachen von Genesis und Queen – gerne komplexere Stücke, oder klassische Musik. Manchmal habe ich das Gefühl, dass jeder Autor ein gescheiterter Musiker ist.

Wie?
Ich kenne viele Kollegen, die so gerne Musik machen wollten, es aber leider nicht geschafft haben. Und so blieb uns dann eben nur das Schreiben. (lacht)

Vermutlich lesen Sie die Bücher Ihrer Kollegen?
Aber selbstverständlich. Neben Schreiben und Musik ist Lesen wohl meine dritte große Leidenschaft. Ich lese wirklich sehr viel, nicht nur Kriminalromane. Als Schriftsteller ist es wichtig, ständig seinen Horizont zu erweitern. Sonst bleibt man in seiner eigenen Handlung stecken. Und um jung und frisch im Kopf zu bleiben, ist es ebenso essenziell, die Werke der jüngeren Kollegen zu lesen. Nur so bleibt man selbst zeitgemäß.

Noch eine letzte Frage: Sie heißen bürgerlich Jan Arnald, schrieben aber unter dem Pseudonym Arne Dahl. Sind das zwei verschiedene Personen?
Keine Angst, ich habe keine Persönlichkeitsstörung. Früher schrieb ich unter meinem eigenen Namen, aber in den Neunzigern hatte ich dann eine Schreibblockade. Ich schaffte es einfach nicht, neue Geschichten zu entwickeln, weil meine Ansprüche an mich selbst zu hoch waren. Irgendwie musste ich da wieder rauskommen, den Weg zum Storytelling zurückfinden. Und das tat ich, indem ich eine zweite Persönlichkeit erschuf. Jemanden, der wieder Spaß am Schreiben hatte. Und das war Arne Dahl.

Jan Lennart Arnald alias Arne Dahl wurde 1963 geboren und feierte seinen Durchbruch mit seiner Reihe über die Stockholmer Sonderkommission »A-Gruppe«, die er durch die nachfolgende Krimi-Serie über die europäische Sondereinheit »Overt Police Cooperation« (kurz: Opcop) weiter ausbaute. Aktuell widmet er sich »nicht mehr den ganz großen politischen Zusammenhängen«, wie er sagt, sondern konzentriert sich auf das schwedische Ermittler-Duo Sam Berger und Molly Blom. Für seine Bücher erhielt Arnald viele Auszeichnungen, die meisten seiner Krimis wurden verfilmt. Der Autor lebt in Stockholm, fährt aber mit seinem Toyota Prius gerne mal aufs Land, um sich frische Inspiration zu holen. Arnalds neuester Krimi »Vier durch vier« erscheint im März 2020 im Piper Verlag.

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