Text: Wiebke Brauer
Bild: Oliver Nanzig
3 min

Design-Ikonen: Wenn die schöne Form der Funktion folgt

Was braucht es für eine Design-Ikone? Genau: so wenig Design wie möglich, dazu eine Philosophie, die neben Ästhetik auch Nutzerfreundlichkeit und Innovation fokussiert. Ausgerechnet der Range Rover Velar soll uns zeigen, wie so etwas funktioniert? Genau!

Am Anfang war die Funktion. Die Bestimmung, den der Gegenstand zu erfüllen hat, sein Vermögen, ein Problem des Alltags zu lösen. So weit, so funktional. Aber der Mensch gibt sich mit Zweckdienlichkeit nicht zufrieden. Er ästhetisiert das Gegenständliche und verspielt das Schlichte – je nach Epoche in unterschiedlicher Ausprägung. Und heute befinden wir uns am schmalsten Punkt eines Unendlichkeitszeichens, in dem sich die Gestaltung des Gegenstands mal aufbläht und mal bis auf das Notwendigste verschlankt, minimiert bis auf die schlichteste Form. Weniger ist mehr! Das beste aktuelle Beispiel dafür trägt den Namen Range Rover Velar.Am 17. Juni 1970 stellte Rover den Wagen vor, der heute als Mutter des SUV gilt – den Range Rover. Es waren tapfere Werkzeuge für die Oberklasse, wobei der Range Rover mehr als nur das erste Premium-SUV der Welt war: Als erstes Fahrzeug wurde er im Louvre als „Musterbeispiel für Industriedesign“ ausgestellt.Dass Gebrauchsgegenstände heute den Weg ins Museum finden, verdanken wir dem Architekten Louis Henry Sullivan und seinem Satz „Form follows function“. Nach ihm ergab sich die Schönheit eines Gegenstands oder Gebäudes aus der Benutzbarkeit – wobei man ergänzen muss, dass das Ornament für den Amerikaner die Funktion hatte, den Betrachter zu beeindrucken. In diesem Sinne gilt auch die geschwungene Form der Coca-Cola-Flasche als funktionalistisch, zumal ihre bauchige Form zur Zeit ihrer Erfindung Anfang des 20. Jahrhunderts tatsächlich eine Funktion erfüllte: Im Gegensatz zur Glasflasche mit geraden Linien war sie im Eiswasser klar zu erkennen.Zur gleichen Zeit diskutierte man in München beim Deutschen Werkbund über Sachlichkeit und Zweckform, und Oscar Barnack, Leiter der Filmkameraentwicklung bei Leitz, konstruierte für seine privaten Wanderausflüge eine Schnappschusskamera – die Ur-Leica. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwarfen Charles und Ray Eames den Plastic Arm Chair DAR, Dieter Rams gestaltete ab den 60ern mit seinem Team für Braun Objekte, die heute als Designklassiker gelten.Erst den späten 90ern wurden die Gestaltungsprinzipien des Funktionalismus wiederbelebt. Wobei man an dieser Stelle auch Philipp Starcks Zitronenpresse »Juicy Salif« von 1990 erwähnen muss, ein grotesk überteuertes Gerät, das zwar extravagant aussieht – aber eines nicht kann: Zitronen auspressen.Natürlich ist in dem Spagat zwischen Form und Funktion das Sport Utility Vehicle besonders interessant. Wie muss ein Auto gestaltet sein, dessen Funktion kaum genutzt wird? Steve Jobs sagte: »Es geht nicht nur darum, wie etwas aussieht und sich anfühlt. Design ist, wie etwas funktioniert.« Und damit wären wir bei einem neuen Verständnis von Gestaltung. Wenn wir von Firmen wie etwa Apple oder Braun reden, bedeutet Design nicht nur Ästhetik, sondern auch Nutzerfreundlichkeit und Innovation. Apple veränderte mit dem iPhone die Art, wie wir kommunizieren. First-Design-Kultur nennt man diese Herangehensweise, und der Erfolg der genannten Firmen spricht dafür, dass sie Dinge richtig machen.Vielleicht ist die Einfachheit das A und O. Einfachheit in der formalen Ästhetik und beim simplen Begreifen einer Technik. Darum ist der Range Rover Velar vom Prinzip der Minimierung geprägt, und Gerry McGovern, Chefdesigner von Land Rover, spricht von einem „unwavering belief in reductionism – einem unerschütterlichen Glauben in Reduktionismus“. Also verbannte er das Ausufernde und schaffte – pure Ästhetik. Und wenn man in den Wagen einsteigt, blickt man auf das zurzeit herrlichste Understatement des Automobildesigns: eine völlig glatte Mittelkonsole. Zwei Drehringe finden sich auf dem schwarzen Glas, mit einem lassen sich die Fahrstufen einstellen, der andere materialisiert sich erst, wenn man den Wagen in Betrieb nimmt. Bedienelemente leuchten bei Bedarf auf, ansonsten bleibt die Fläche – schier. So sieht die Zukunft aus. „Fortschritt“, sagte der Raketeningenieur Wernher von Braun, „ist der Weg vom Primitiven über das Komplizierte zum Einfachen.“

Also alles irgendwie ganz einfach. Schön einfach.

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