Die Auferstehung des Herrn Molzer

Lange Jahre hatte unser Autor dem Sportwagen abgeschworen. Bis unser Anruf kam – und der McLaren 600LT Spider bei ihm vor der Haustür stand. So kann’s gehen.
Text Kurt Molzer
Bild Andreas Riedmann

Ich muss weit ausholen, sonst ergibt die Geschichte hier keinen Sinn. Man wird sich nach ein paar Absätzen vielleicht fragen, was der Bullshit eigentlich soll und wie das alles mit diesem McLaren zusammenhängt. Tut mir leid, ich möchte wirklich niemanden absichtlich langweilen, denn wer andere langweilt, gehört gehauen, aber es führt kein Weg daran vorbei. Vorschlag: Wir können der Hinführung eine höhere Bedeutung geben, indem wir »experimentelles Feuilleton« dazu sagen. Okay?

Im Alter von zwanzig Jahren kaufte ich mir einen gebrauchten Reynard-Formel Ford 2000, eine Leiche in Wahrheit, die beim Anlassen des Motors klang, als hätte ein laotischer Wasserbüffel mächtig Dünnschiss. Egal, Hauptsache ein Monoposto mit Slicks, mich interessierte außer Racing nur eins, nämlich nichts, und ich hätte für eine Rennfahrer-Karriere meine Großmutter nach Nordkorea verkauft. Es kam nicht dazu, denn mein Lebenstraum war zu Ende, bevor er richtig begonnen hatte. Bei Testfahrten auf dem alten Österreichring brach eingangs der Jochen-Rindt-Kurve der Heckflügel. Der Reynard verlor die Bodenhaftung, ich segelte mit 180 Sachen über den Fangzaun in den Wald. Seither gehe ich mit einem verkürzten und mittelschwer deformierten linken Arm durchs Leben. Ich verstecke ihn selbst bei vierzig Grad im Schatten unter dicken Cord-Sakkos, was mich oft an den Rand der Bewusstlosigkeit bringt.

Der Rennsport hatte sich erledigt. Als Ersatzbefriedigung schaffte ich mir die Straßenversion des sechsfachen Rallye-Markenweltmeisters an, einen sehr roten Lancia Delta Integrale Evoluzione. Ich prügelte ihn über die afrikanischen Schlaglöcher Ostdeutschlands, wo ich nach dem Mauerfall als Reporter des Satans bei der »Bild«-Zeitung angeheuert hatte. Irgendwann wechselte ich ins Lifestyle-Genre, zuständig unter anderem für den Spaß auf vier Rädern. Es war eine große Zeit mit unglaublichen Storys. Ich bretterte an einem Wochenende und bei Nacht in einem Ferrari 575M Maranello von München nach Hamburg – 760 Kilometer in 3:34 Stunden, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 242 km/h entsprach. Ein paar Neider in der Redaktion wollten mir das nicht glauben. Als ich ihnen die Tankbelege mit den entsprechenden Uhrzeiten unter die Nasen hielt, blieben sie stumm und wollten nicht mehr leben. Vor ihnen stand der neue Autobahn-König von Deutschland.

Für eine Rennfahrer-Karriere meine Großmutter nach Nordkorea verkauft. Es kam nicht dazu.

Ich fuhr in einem rechtsgesteuerten Porsche Turbo durch das australische Northern Territory, von Darwin Richtung Ayers Rock. Es war das Brutalste und Geistesgestörteste und Abenteuerlichste und Herrlichste, was ich je hinter einem Lenkrad erlebt hatte. Wir waren sechs aus der ganzen Welt zusammengewürfelte Journalisten. Im Konvoi glühten wir mit Tempo 300 über die schnurgeraden, aber schmalen und verdammt welligen Pisten – und dazu diese monstermäßigen Road Trains, die uns ständig entgegenkamen. Zwischen die gewaltigen Räder der Lastwagen mit ihren drei bis vier Anhängern und unsere Rückspiegel hätte kein Schokoriegel mehr gepasst, und das unausgesprochene Motto dieser irren Veranstaltung lautete von Anbeginn: »Keine Gefangenen«. Dass es keine Toten gab, will mir bis heute nicht in den Kopf, aber einen von uns erwischte es ja doch irgendwie, und zwar den Kollegen aus Hongkong. Ich fuhr hinter ihm und wurde Augenzeuge des Geschehens: Bei Top-Speed – jetzt reden wir von 310 – zerplatzte ein riesiger Vogel auf der Windschutzscheibe des 911ers. Der Hongkong-Chinese lenkte an den Straßenrand, stieg aus und hockte sich in die rote Erde des fünften Kontinents. Der starrte nur noch ins Leere, der war total fertig mit den Nerven, und ich muss ehrlich sagen, ich hab noch nie so einen weißen Chinesen gesehen, der war im Gesicht so weiß wie der Montblanc Mitte Februar. Das gibt’s doch nicht, hab ich mir gedacht, wie kann denn ein Chinese so weiß werden, und weil ich von dem Anblick so perplex war, hat’s mir regelrecht die Sprache verschlagen, obwohl ich ihn doch zumindest hätte fragen müssen, ob er in Ordnung ist. Jedenfalls wandte ich mich erst mal wortlos von ihm ab und sah mir das Auto an. Die Windschutzscheibe war komplett hinüber, ganzflächig geborsten und eingedrückt bis zum Gehtnichtmehr. Abertausende von Rissen glitzerten im Sonnenlicht wie Swarovski-Kristall. Das Blut des getöteten Vogels hatte sich auf der Fahrerseite ausgebreitet wie auf einem Schüttbild von Hermann Nitsch. Kein Wunder, dass der Hongkong-Chinese eine spontane Belastungsstörung durchmachte. Er konnte von Glück sagen, dass die Scheibe auf der allerletzten Rille gehalten hatte und nicht eingebrochen war.

Dann diese Geschichte mit Derek Bell in Le Castellet, es muss sein. Also, Derek nahm mich auf dem Circuit Paul Ricard ein paar Runden im grünen Le-Mans-Bentley mit, dem Siegerwagen von 2003. Bevor wir aus der Boxengasse rausbeschleunigten, sagte er: »Es könnte jetzt ungewohnt werden für Dich. Wenn es zu arg ist, gib mir ein Zeichen. Nicht schlimm, schäm Dich nicht.« – »Machst Du Witze?«, fragte ich ihn. Dann ging alles furchtbar schnell. Eine mir bis dahin unbekannte Gewalt katapultierte den Bentley auf die Strecke. Schon nach ein paar hundert Metern spürte ich, dass etwas nicht mit mir stimmte. Ich fühlte mich körperlich nicht mehr stabil, verlor aufgrund der perversen Querbeschleunigung sozusagen meine Mitte. Mir wurde schwindlig und ich hatte kurzzeitig auch so einen merkwürdigen Grauschleier vor Augen. Und weil ich die Befürchtung hatte, dass mir in der Kurvenorgie zwischen dem Ende der Mistral-Geraden und Virage du Pont das Hirnwasser aus den Ohren schwappt, bin ich halt über meinen Schatten gesprungen und hab Derek auf den Arm geklopft.

Worauf will ich hinaus? Ganz einfach: Ich möchte Ihnen zu verstehen geben, dass ich viel zu lange voll auf Speed war. Hoch dosiert. Ich machte grenzwertige Erfahrungen mit der Droge und kam in Bereiche, wo andere nie hingelangen. Von einem Kick zum nächsten. Ein Getriebener. Ich brauchte immer mehr, war ständig mit dem Gesetz in Konflikt. Litt unter Verfolgungswahn. Aber die Polizei war ja oft genug tatsächlich hinter mir her. Eines Tages war’s mir zu viel, ich sagte mir: »Du hast Dir genug reingezogen, hör auf damit.« Ich machte den harten Entzug. War nicht leicht, können Sie mir glauben. Irgendwann gelang es mir dann doch – endlich clean. Ich war runter von der stressigen, erschöpfenden, schlaflos machenden Überholspur, wurde nie wieder rückfällig. Und ich schwor mir, mich bis ans Ende meiner Tage nicht mehr in einen Sportwagen zu setzen. Es gab alsbald auch gar keinen Grund mehr dafür, denn heute bin ich ein alter Sack im sechsten Lebensjahrzehnt. Ich mache mir meine Haferflocken, gehe mit meinem Sohn ins Fußballstadion und mit meiner Tochter in die Konditorei, bringe den Zwergkaninchen meiner Lebensgefährtin das Hürdenspringen bei (Kaninhop) und pilgere einmal im Monat zum Grab von Niki Lauda. Alle heiligen Zeiten schreibe ich ein Buch. Auf meinem Klo hängt eine gerahmte Kunstpostkarte. Darauf halten zwei Aktionskünstler ein Transparent mit folgendem Spruch in die Kamera: »Wir sind immer sehr froh über diese Tage, wenn bei uns nichts los ist, außer dass wir morgens aufstehen und abends ins Bett gehen.« Es ist mein neues Lebensmotto.

Kürzlich hat man mir meinen Frieden genommen, über Nacht.

Anfang Dezember klingelte mein Handy. Michael, der Gründer, Herausgeber und Chefredakteur dieses Magazins war dran: »Kurt! Ich such Dich überall. Wo steckst Du, was machst Du?« – »Ich atme ein und ich atme aus.« – »Prima – Du musst nämlich unbedingt wieder schreiben für mich. Pass auf, ich lass Dir einen McLaren nach Wien bringen, sagen wir für eine Woche.« – »Nein, ich …« – »Du, ich hab’s eilig, das Auto ist übermorgen bei Dir, tschüss.« Ich rief gleich zurück. Aber ich kam nicht durch, auch beim zehnten Mal nicht. Wahrscheinlich, dachte ich, hat er meine Nummer sofort blockiert, damit ich nicht absagen kann. Ich hatte Heidi im Arm, das Zwergkaninchen, und wusste nicht, wie mir geschah. Heidi hoppelte auf den Esstisch und knabberte den Adventskranz an. Ich beneidete sie um ihr Leben. Nie würde sie einen Anruf kriegen, in dem jemand aus heiterem Himmel die quasi prompte Lieferung eines McLaren androht.

Gedankenverloren blickte ich auf den Adventskranz mit den noch jungfräulichen Kerzen. Ich war trübselig. Aber nur ganz kurz – und jetzt wird’s echt kitschig: Mir ging ein Licht auf. Weihnachten stand vor der Tür. Ich dachte an Bela, meinen Sohn – ich schenke ihm einen Trip auf dem Beifahrersitz des McLaren, na klar, der springt vor Freude an die Decke! Bela ist 19 und leistet beim Arbeiter-Samariter-Bund in Salzburg den Zivildienst. Er bringt in einem Ford Transit warmes Essen in Altersheime und anderntags Nierenkranke zur Blutwäsche ins Spital. Der Bub ist herzensgut wie Jesus, aber sobald er ein Lenkrad umklammert, wird er zum Teufel. Die Hälfte seines kargen Lohns geht für Strafmandate wegen Geschwindigkeitsübertretung drauf, das Essen für die Alten wird bei seinem Fahrstil zu Brei – und die Nierenkranken müssen mit bedenklich erhöhten Adrenalinwerten jedes Mal zwei Stunden länger an der Dialyse-Maschine hängen.

Ich rief meinen Sohn an und schilderte ihm das Telefonat. Er dachte an einen Scherz.

Meine Stimmung hellte sich ob dieser Gunst des Schicksals auf. Ich rief meinen Sohn an und schilderte ihm das Telefonat. Er dachte an einen Scherz: »Das ist nicht wahr, Papa …« – »Wenn ich’s Dir sage.« – »Aber warum denn, bist Du dafür nicht schon zu …« – »Schweig!« Er wurde immer aufgeregter: »Und welchen McLaren? Den 600er, den 650er, den 720er, den, den … Senna?!« (Bela kennt wirklich jeden aktuellen Sportwagen.) »Keine Ahnung.« – »Und wohin fahren wir damit?« – »Hm …, es ist grau in Wien, vielleicht in die Sonne, nach Bagdad, drei Tage hin, drei Tage zurück.«

Ich erwartete die Ankunft des McLaren mit zwiespältigen Gefühlen. Für meinen Sohn freute ich mich natürlich, aber mich selbst tangierte der Engländer nach wie vor nur peripher. Dann kam er, in einem Transporter direkt vor meine Haustür. Es war ein 600LT Spider in der edlen Farbe Sagrian Quarz. Der Kampfzwerg ging mir nur bis zur vierten Rippe. Das Erste, was ich von ihm sah, war der Hintern – Heckspoiler, McLaren Logo, englisches Kennzeichen, Diffusor. Und das reichte. Ich war fassungslos. Reglos. Verstört. Überwältigt. Berührt. Geschockt. Entgeistert. Erschüttert. Erschossen. Mir brannten von einer Sekunde zur anderen die Sicherungen durch. Ich wusste, ich war verloren. Irgendein biochemischer Mechanismus – oder was weiß ich, wie man dazu sagt – führte zu einer höchst unangenehmen körperlichen Anspannung, die leider auf meinen empfindlichen Magen schlug. Ich sehnte mich nach einer 40-Milligramm-Pantoprazol-Tablette, mit der ich in letzter Zeit gegen meine Gastritis ankämpfe. Was für ein exorbitantes Hinterteil! Stellt für mich alles bisher Dagewesene in den Schatten, selbst den Arsch des Lamborghini Murciélago, bei dessen Anblick – es war vor vielen Jahren während der internationalen Pressevorstellung auf Sizilien – ich so vor mich hinsagte: »Du Drecksau Du, na warte, Dir geb ich’s gleich!« Ich fühlte mich unbeobachtet, merkte dann aber zu meinem nicht geringen Entsetzen, dass wohl doch jemand hinter mir stand, und als ich mich langsam umdrehte, erkannte ich den piekfein mit Anzug und Krawatte bekleideten deutschen Oberboss des italienischen Sportwagenherstellers. Bis heute weiß ich nicht, ob mein Dirty Talk Eingang in sein Gehör gefunden hatte, jedenfalls sagte er mit einem Blick auf mein Namenskärtchen: »Da kann man schon ins Schwärmen geraten, was, Herr Molzer?«

Das Erste, was ich von ihm sah, war der Hintern – Heckspoiler, McLaren Logo, englisches Kennzeichen, Diffusor. Und das reichte.

Allein das Logo von McLaren, diese pure Assoziation zum Motorsport; wer einen McLaren sieht, denkt a) erst mal nur an die Formel 1 und wundert sich b), dass es den überhaupt für die Straße gibt. Ich fixierte den Schriftzug und dachte an Bruce (für alle Nicht-Motorsportfreaks: Herr McLaren, Herr Bruce McLaren, wenn ich bitten darf), den neuseeländischen Gründer des Rennstalls, der in seiner eigenen Can-Am-Konstruktion am 2. Juni 1970 in Goodwood tödlich verunglückte. Gehörte der 600LT Spider mir, würde ich Bruce zu Ehren – wie türkische Taxifahrer das mit den Fotos ihrer Frauen und Kinder auf dem Handschuhfach praktizieren – ein cooles Porträt von ihm irgendwo vorn mit einem Magnet befestigen, und zwar jenes, auf dem er mit ölverschmiertem Gesicht im Cockpit seines M2B-Formel 1 sitzt. Das und kein anderes.

Ich öffnete die Flügeltür und bestieg den 600er. Es kam mir so vertraut vor, als hätte ich erst letzte Woche in so einem Auto gesessen. Dieser Leder-Alcantara-Mix – ergiebige Momente haptischer und olfaktorischer Wahrnehmung. Absolute Stille. Und jähe Ernüchterung. Was, so fragte ich mich, fange ich in einem Land wie Österreich (Tempolimit 130) mit einem Straße­nrennwagen an? Ich sag nur: 3,8-Liter-V8-Doppelturbo, 600 PS, 324 km/h Spitze, in 8,4 Sekunden von 0 auf 200, Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe. Wozu? Die Polizei lauert hinter jedem Himbeerstrauch, und wenn du mit 200 geblitzt wirst, stehst du am nächsten Tag groß wie ein Doppelmörder in der Zeitung. Ich war unschlüssig, was ich tun sollte. In vier Stunden wollten wir mit den Fotoaufnahmen beginnen. Mein Sohn würde erst am Wochenende kommen, der Arbeiter-­Samariter-Bund hatte ihm nur zwei freie Tage genehmigt, er spuckte Gift und Galle. Bagdad konnten wir uns in die Haare schmieren. Ich überdachte die Lage und sprach zu mir selbst wie mein eigener Therapeut: »Du lässt den McLaren geparkt, Du bist viel zu aufgewühlt. Gehst hinauf in die Wohnung – Kamillentee und Magentablette. Fährst dann gemächlich zum Shooting, anschließend von dort wieder nach Hause. Und dann lässt Du den Wagen wieder so lange geparkt, bis Dein Sohn kommt. Alles andere stürzt Dich nur ins Unglück.« Eins konnte ich mir nicht verwehren: Ich startete nur kurz den Motor, ließ die kleine Scheibe in meinem Nacken per Knopfdruck hinunter und trat drei Mal kräftig aufs Gaspedal. Es war der Höllenhund von Baskerville, der mir mit seinem kehligen Gebrüll antwortete. Er wollte mir Angst machen, aber ich sagte ihm: »Ich fürchte mich nicht vor Dir, denn selbst einen wie Dich hätte ich früher im Handumdrehen gezähmt, Du hättest nur noch gewinselt und mir aus der Hand gefressen, das schwör ich Dir. Jedoch habe ich großen Respekt vor Dir, das schon, denn ich fuhr ja hauptsächlich U-Bahn in den letzten Jahren. Komm, mach Dich lustig über mich, reiß noch mal auf Dein verruchtes, bestialisches Maul auf.« Da trat ich ein viertes Mal aufs Gas. Das Gebrüll war gar fürchterlich.

Bela kam am Samstagmorgen mit dem ersten Zug aus Salzburg, ich holte ihn vom Bahnhof ab. »Ich pack’s nicht«, sagte er zur Begrüßung und wie in Zeitlupe den Kopf schüttelnd. Er war richtig geplättet, zückte dann sein Handy und startete eine Video-live-Schaltung mit drei Freunden, deren Gesichter nacheinander auf dem Display erschienen. »Na, ihr Schwachköpfe«, fing er grinsend an, »glaubt ihr’s mir jetzt? Hier seht ihr einen McLaren 600LT, und in den werde ich gleich einsteigen. Viel Spaß in euren verschrumpelten Rostlauben!« – »Übel geil!« – »Bela im Mäc!« – »Mega Abschleppkiste!« Er filmte dann mich: »Und das ist mein Vater, der war Rennfahrer.« – »Gib nicht so an«, bremste ich ihn ein, »wir sind einfache Leute, auch wenn man uns das im Moment nicht ansieht.«

Bela wollte auf die Autobahn. Sofort. Ich hatte nichts anderes erwartet. Auch ich hielt es nicht mehr länger aus, den McLaren mit höchstens 60 km/h durch die Stadt zu kurven. Die reinste Qual, sinnloser als sinnlos. Ich war längst schon am Überkochen, der McLaren bestimmte mein ganzes Denken, ich hatte keinen Appetit mehr, schlief wieder schlecht. Zur A1 waren es nur ein paar Kilometer. Das erste Stück führte bergauf durch den Wienerwald, und als wir da schon mir nix dir nix 200 draufhatten, schrie mein Sohn: »Pauuuuuuuhhhhhhh, abartig, pauuuuuuuh! Ich hab so was noch nicht erlebt! Wie abartig ist das denn! Holy Shit!« Ich musste ihm beipflichten: An einen derartigen Schub nach vorn bei einem straßenzugelassenen Auto kann ich mich nicht erinnern. Gefühlsmäßig fuhr uns der McLaren unterm Hintern davon, während ich im Rückspiegel die Flammen durch die nach oben mündende Auspuffanlage hinausschießen sah. Die Außenwelt flog, wie im Zeitraffer gefilmt, auf uns zu – Himmel und Straßen und Bäume gar nicht mehr wirklich klar voneinander abgegrenzt, sondern, im Gegenteil, fast ein wenig konturlos ineinander übergehend. Völlig abnormal.

Gottlob kamen bald die langen dreispurigen Geraden, wo jeder Depp Stoff geben kann. Null Verkehr, das Land in Corona-Agonie. Mühelos schafften wir 317.

Ich war schon wieder voll drauf, durchfuhr die anschließenden Kurven an den Ausläufern des Wienerwalds aber voller Ehrfurcht und Sensibilität für die potenzielle Gefährlichkeit eines 600 PS starken Supersportwagens. Blablabla – das war jetzt die elegant-verlogen-selbstbetrügerische Formulierung. In aller Deutlichkeit müsste der Satz so lauten: Die Kurven an den Ausläufern des Wienerwalds durchfuhr ich wie der erste Mensch, weil ich aufgrund der jahrelangen Speed-Abstinenz jegliches Vertrauen in meine Fahrkünste verloren habe. Gottlob kamen bald die langen dreispurigen Geraden, wo jeder Depp Stoff geben kann. Null Verkehr, das Land in Corona-Agonie. Mühelos schafften wir 317. Mein Sohn blickte entgeistert auf den Tacho und sagte sichtlich bewegt, das sei der Höhepunkt seines Lebens. Er wisse nicht, was nach 317 noch groß kommen sollte. »318«, sprach ich ihm Mut zu. Er strahlte und sagte etwas sehr Richtiges: »Wenn die Bullen uns kriegen wollen, müssen sie schon einen Eurofighter vom Bundesheer anfordern.« Apropos: Sollte ein Polizist, der diesen Text liest und dem generell vielleicht ein bisserl fad ist, auf die Idee kommen, mich anzuzeigen (was tatsächlich schon einmal geschah), so werde ich wie damals behaupten: »Ich bin Baron Münchhausen VIII. und habe das alles nur erfunden.«

Wir fuhren bei Tag und Nacht und in alle Himmelsrichtungen. Wohin wir auch in unserem McLaren 600LT Spider mit dem englischen Kennzeichen kamen – wir waren nicht Vater und Sohn, sondern die von einem anderen Planeten gelandeten Außerirdischen.

Besonders wegen der bei Bela hoch im Kurs stehenden Tunneldurchquerungen (»Runterschalten, Papa, bitte, noch einen Gang, noch einen!«) fuhren wir den Spider trotz vorweihnachtlicher Temperaturen auch offen. Nach dem x-ten stinkenden Tunnel hielten wir in der Steiermark an einer Tankstelle. Wir gaben dem durstigen Engländer sein Feuerwasser, kauften uns Cola und Wurstsemmeln, aßen und tranken im Stehen, versorgten unsere schadstoffbelasteten Lungen mit frischer Bergluft. Bela stellte mir die Frage, auf die ich schon die ganze Zeit gewartet hatte: »Lässt Du mich eigentlich auch mal fahren?« Es tat mir weh, ihm sagen zu müssen: »Das ist leider nicht möglich. In dem Leihvertrag, den ich mit McLaren abgeschlossen habe, heißt es ausdrücklich, dass Personen unter 25 Jahren die Fahrt nicht gestattet ist.« Er nahm es gelassen: »Okay, ich kauf mir sowieso bald meinen eigenen McLaren.« – »Darf ich fragen, mit welchem Geld?« – »Als Investmentbanker in London werde ich früh ausgesorgt haben.« – »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Du Invest­mentbanker wirst. Noch dazu bei den schlimmsten Haien in London.« – »Doch, sicher, warum denn nicht?« – »Weil Du dann nicht beim Samariter-Bund wärst, sondern bei den Panzerfahrern in der Hessenkaserne.« Er machte einen Blick, als hätte ich ihn bei irgendwas ertappt, kam aber schnell wieder zur Sache: »Und ob ich mir den McLaren kaufe. Was anderes kommt gar nicht mehr infrage.«

Am Ende unserer Tour dröhnte mir schon der Schädel vom ewigen Gebrüll des Höllenhundes. Sohnemann war symptomfrei und wollte die Erde umrunden. Fünfzig Kilometer vor Wien bat er mich, noch ein letztes Mal voll durchzudrücken. Ich lehnte dies mit der Begründung ab, so kurz vor dem Ziel nicht noch eine Strafe riskieren zu wollen. Wissentlich wurden wir kein einziges Mal geblitzt. »Welches Auto kriegst Du als Nächstes?«, fragte er mich, wie um bei todsterbenslangweiligen und vorschriftsmäßigen 130 km/h in einer hoffentlich befriedigenden Antwort Trost zu finden. Aber die konnte ich ihm nicht geben: »Wer sagt, dass es ein nächstes Auto gibt?« – »Willst Du denn keins mehr?« – »Ich muss zuerst mal diese Geschichte schreiben und dann alles überschlafen und wieder regelmäßig meine Magentabletten nehmen.« Er überhörte mein seniles Geschwätz: »Bugatti Chiron Pur Sport wäre cool. Ferrari SF90 auch. Zur Not Porsche 918 Spyder.«


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