Die Entfesselung des großen Atem

Freudig, Freud’sche Sternstunde aus der Gegenwart: mit dem McLaren 765LT auf dem Track in Silverstone.
Text Matthias Mederer
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Die Welt ist wirr geworden. Einerseits sind die Farben blass und matt, anderseits sind sie satt und leuchtend. Einerseits ist es noice-cancelling leise, anderseits laut und kreischend. Einerseits ist der Himmel ein loses Zelt, leer und ohne Leben, anderseits ist der Himmel ein dramatisches Ungetüm, gewaltig, mit jeder Menge Kraft. Auf scharf gespannten Fäden spielt er sein Lied. Der autoaffine Mensch hört es unter dem Titel: Aerodynamik.

Das Design des McLaren 765LT erzählt eine alte Weisheit neu. Es ist die Geschichte der rasenden Existenz, der Mensch mit seiner Maschine als Getriebener, rastlos, suchend, mit irrwitziger Geschwindigkeit gegen den Wind – aber auch allein. Mit sich. Bei sich.

Es ist die Geschichte der rasenden Existenz, der Mensch mit seiner Maschine als Getriebener, rastlos, suchend, mit irrwitziger Geschwindigkeit gegen den Wind – aber auch allein. Mit sich. Bei sich.

Dieses Auto, die Evolutionsstufe des McLaren 720S in Richtung jenseits des Fassbaren, würde so wunderbar in ein Bild von Jeff Wall passen – als Antagonist. Der McLaren 765LT wäre der ideale Bruch mit dem Geltenden. Dort, wo der Mensch offensichtlich schutzlos in die unbehauste Natur gesetzt ist, wo ihn eine namenlose Kraft herumwirbelt, schubst, taumeln lässt, ihm der große Atem die Blätter aus der Hand schlägt und den Hut vom Kopf bläst, da stünde dieser McLaren stumm und unbeteiligt im Zentrum. Teilnahmslos, gelangweilt vielleicht, lackiert in schreiendem Nardo-Orange bietet er den einzig widerstandsfähigen Rückzugsort, saugt den ewig pfeifenden, quengelnden Balg Wind in sich auf, lässt ihn kontrolliert durch sich hindurch, um ihn herum fließen, weist ihm einen Weg.

Dabei wiegt der Carbon-Fels in der Brandung keine vierzehnhundert Kilo. Und wenn es sein muss, ändert er seine Position mit bis zu 330 Kilometer pro Stunde. Von einem Hurrikan spricht man laut der Saffir-Simpson-Skala übrigens ab Windgeschwindigkeiten von 118,4 km/h. Damit ändert sich die Perspektive bereits mit dem Zuziehen der Flügeltüre: Aus dem bedrohlichen Hurrikan wird Gegenwind bei Landstraßentempo.

Es ist beim McLaren 765LT ein wenig Vorsicht geboten. Nicht, weil er bei kühleren Temperaturen mit kalten Reifen selbst bei Tempo 180 noch mühelos mit durchdrehenden Hinterreifen zwei schwarze Streifen auf den Asphalt pinselt, die man anschließend als »Street Art« in einer Galerie ausstellen könnte; vielmehr braucht es für den 765LT eine gehörige Portion gesunde Selbstwahrnehmung. Denn wer mit wohlgenährter Wampe, einem Herzschrittmacher oder als Konformist der gesellschaftlichen Erwartungshaltung durchs Leben schlendert, wird seine liebe Mühe und Not mit diesem Auto haben.

Die Sitzschalen aus Carbon sind eng und passgenau geschnitten, und die von zahlreichen Lufteinlässen und mit Carbon zerklüftete Aerodynamik tut alles dafür, nur ja nicht missverstanden zu werden – nicht auf den ersten Blick. Und für einen zweiten ist es dann meistens schon zu spät, weil: außer Sichtweite. Und das ironischerweise gerade auch wegen des Windes. Denn mag der McLaren 765LT wie kaum ein Sportwagen das aerodynamische Spiel mit dem Wind dominieren, nutzt er den Wind darüberhinaus noch, um seinem Verbrenner die nötigen Flügel zu verleihen, um im Bild zu bleiben. Stichwort: Twin-Scroll-Turbo. Er schlägt den Luftwiderstand also in der Längsbeschleunigung teilweise mit seinen eigenen Waffen, in dem er seinem V8-Verbrenner dank dem zwanghaften Zuführen von Luft im hochkomprimierten Druckzustand zusätzliche Kraft verleiht: 800 Newtonmeter sind es in der Spitze. Diese Kraft spürt der Fahrer dann in den Lungen, womit der Luftkreislauf ausgereizt und die Metaphern überstrapaziert sind.

Die Sitzschalen aus Carbon sind eng und passgenau geschnitten und die von zahlreichen Lufteinlässen und mit Carbon zerklüftete Aerodynamik tut alles dafür, nur ja nicht missverstanden zu werden.

Man kommt beim Sinnieren über diesen McLaren nicht umhin, an Sigmund Freud zu denken. Was immer man auch im Detail über seine Theorie denken mag – die Bedeutung des Trieblebens lässt sich nicht hoch genug schätzen. Das Unbewusste, das Es, in dem Realität und Fantasie, Lust und Aggression, Infantiles und Erwachsenes, Heiliges und Böses untrennbar verbunden sind, im 765LT auf der Formel 1-Rennstrecke in Silverstone sind diese Dinge immer wieder plötzlich gegenwärtig. Das etwas zu späte Anbremsen der Stowe Corner nach der irrsinnigen schnellen Hangar Straight, das Einlenken auf der Vorderachse, das Ausbrechen des leichten Hecks während zeitgleich das Getriebe mit krachender Härte die Gänge nach unten dekliniert, das instinktgesteuerte Gegenlenken – das alles erinnert unweigerlich daran, dass auch in vermeintlich klar strukturierten Feldern wie auf einer Rennstrecke jederzeit mit dem Unberechenbaren zu rechnen ist, dem Abgründigen. Oder halt zumindest mit dem Kiesbett.

Der Mensch besteht nicht nur aus Rationalität, sondern auch aus Träumen, Tränen, Gier, Hass und Liebeswahn, und man verbannt diese dunklen Seiten nicht einfach ungestraft in den Keller seiner Persönlichkeit. Je tiefer man am Steuer des 765LT in diesen Keller hinabschreitet, desto mehr macht einem der McLaren das bewusst. Einzig, er ist von einer fast göttlichen Gnade gesegnet und verzeiht auch da noch, wo andere unbarmherzig strafen. Und genau in dieser Zwischenwelt aus Scheiße-das-war-knapp! und Gerade-noch-so-gut-gegangen! liegt eine große Lust. Kurve für Kurve.

Und genau in dieser Zwischenwelt aus Scheiße-das-war-knapp! und Gerade-noch-so-gut-gegangen!, liegt eine große Lust. Kurve für Kurve.

Da lässt einen Ulf Poschardt, renommierter Chefredakteur, Buch-Autor, Porsche-Fahrer und PS-Intellektueller, nach einigen Runden im 765LT dann doch einigermaßen ratlos zurück: »Die archaische Aufgabe des Sportwagens«, so Poschardt einst, sei es, »die Grenzen der Physik vergessen zu lassen«. An dieser Stelle muss widersprochen werden. Britisch höflich zwar, weil das dem McLaren entspricht, aber ebenso energisch, weil das noch mehr dem McLaren entspricht: Die archaische Aufgabe eines Sportwagens ist es doch gerade nicht, die Grenzen der Physik vergessen zu machen, sondern sie erlebbar zu machen! Und zwar in einer Art und Weise, die der Mensch selbstfahrend mit keinem anderen Gefährt als dem reinen Sportwagen erlebt.

Leicht, agil, aktiv und süchtig danach, die Straße abzutasten wie ein hungriges Trüffelschwein den Waldboden. Ich will spüren, wie es zerrt und drückt und schiebt und hämmert! Verdammt noch eins! Excuse me. Wer die Grenzen der Physik vergessen möchte, soll im Toten Meer schwimmen gehen. Für alle anderen gilt: schneller denken! Denn was die menschliche Reaktionszeit durchschnittlich athletischer Hobby-Fahrer angeht, so katapultiert dieser McLaren seinen Fahrer in Handlungsdimension, die sich am besten mit den Abläufen nach dem Betätigen der Forward-Taste eines Videorecorders vergleichen lassen.

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Funktionsweise des menschlichen Gehirns und seiner Leistungsfähigkeit ist da unabdingbar: Im Jahr 1995 hat die amerikanische Forscherin Anna Wise ein Gehirn-Wellen-Modell beschrieben, das sie »High-Performance-Mind« nannte und dabei vier elektromagnetische Ebenen definiert, die nicht hierarchisch betrachtet werden sollen, sondern ebenbürtig sind. Im Wachzustand, der Beta-Frequenz, so das stark vereinfachte Modell, variieren die Schwingungen der Hirnaktionsströme zwischen 14 und 38 Hertz. Es ist der Zustand des logisch-rationalen Denkens. Der Zustand also, der für das Führen der allermeisten Pkw – selbst auf der Rennstrecke – völlig ausreicht und absolut empfehlenswert ist. Im 765LT werden sie in diesem Zustand aber wahrscheinlich spätestens nach der dritten Kurve ganz rational zwei Dinge analysieren, erstens: Der Bremspunkt war wohl gute 30 Meter früher. Und zweitens: So sieht sie also aus, die Welt auf der anderen Seite der Grenze der Physik.

Alpha gilt als Brücke zwischen dem Bewussten und dem Unterbewussten, wir arbeiten mit Bildern, Symbolen, Gefühlen, entwickeln Ideen und Fantasie und wir träumen. Von der Ideallinie in Silverstone, zum Beispiel.

Deshalb brauchen sie auch jene Hirnaktivitäten, die die Forscherin auf den Ebenen darunter ansiedelt, jene die – ironischerweise – langsamer schwingen, zwischen sieben und 14 Hertz, die sogenannten Alpha-Wellen. Alpha ist der Zustand, in dem die Grenze zwischen Wachen und Schlafen verschwimmt, eine Art Tagträumerei, in dem der menschliche Geist aber am effektivsten ist, weil er durch die Ratio nicht mehr gestört wird. Wir erreichen Alpha, wenn wir ganz aufmerksam ein Buch lesen oder Musik hören. Oder eben McLaren fahren.

Alpha gilt als Brücke zwischen dem Bewussten und dem Unterbewussten, wir arbeiten mit Bildern, Symbolen, Gefühlen, entwickeln Ideen und Fantasie und wir träumen. Von der Ideallinie in Silverstone, zum Beispiel. Zwischen vier und acht Hertz schwingen die Theta genannten Wellen. Sie entsprechen dem Schlaf. Theta ist die Ebene für Erinnerungen und Emotionen. Wer sich bewusst auf diese Ebene begibt, so die These, lernt seine Kreativität zu steigern und weiß spätestens in der zweiten Runde ganz automatisch, wo der korrekte Bremspunkt ist.

Wir erreichen Alpha, wenn wir ganz aufmerksam ein Buch lesen oder Musik hören. Oder eben McLaren fahren.

Die niedrigsten Hirnströme sind die Delta-Wellen, unter vier Hertz. Sie werden vor allem im Tiefschlaf gemessen und ähneln dem Zustand der Bewusstlosigkeit. In diesem Zustand komme der Mensch in Kontakt mit dem sogenannten »sechsten Sinn«. Der Trick bestehe nun darin, die unterschiedlichen Ebenen bewusst anzusteuern. Gezielte Atemtechniken können dabei helfen, und auch Übungen zur Entspannung. Nur so würde es dem Menschen gelingen, seinen Geist effektiv zu entwickeln und sein eigenes Potential besser zu nutzen. Sprich: schneller zu fahren.

Aber erklären Sie das mal dem Instruktor auf dem Beifahrersitz, der ihnen gerade zu brüllt: »Break! Break! Break!« Schon kommt das Heck. Noch runter schalten mit der Erkenntnis: »Ei, ei, ei, das wird nix mehr!« Gott sei Dank ist die Auslaufzone nach der Vale geteert. Also Lenkung auf, ein großer Bogen, ein bisschen Kiesel und Reifenabrieb knistern in den Radkästen, das Überfahren der Curbs schlägt deutlich härter ins Mark als erwartet. It’s a racer car, ganz klar. Zurück auf die Strecke und Grüße gehen raus an Sigmund, den alten Lustmolch!

Muss man das alles wissen, um mit dem McLaren 765LT in Silverstone auf die Rennstrecke zu gehen? Muss man nicht. Entscheidend ist, dass seine Entwicklung das Ergebnis eines monatelangen Prozesses ist. Nichts ist zufällig, alles ist dem Willen untertan, noch schneller, noch präziser, noch agiler, noch intelligenter, kurz: noch besser das Spiel mit dem Wind zu spielen. Dass das Ergebnis derart beeindruckend wirkt, ist der sinnigste Teil seiner 765 Qualitäten. Die Erregung bei der Beschleunigung, die schiere Unglaubwürdigkeit beim Kurvenfahren, die Atemlosigkeit, die beim Bremsen dank des ultrastarken Sechs-Punkt-Gurtes in den Brustkorb tritt, scheint die transzendentale Folge einer religiösen Erfahrung. Doch wenn die zentrale Figur am Steuer auf der Start-Ziel-Geraden dann grob gen Himmel nach oben blickt, so steht dort kein Erzengel und auch keine Jungfrau Maria oder gar der Geist von Ayrton Senna, sondern schlicht und erschütternd ein Typ mit einer Zielflagge, der signalisiert: »Cool down. Box, Box, Box!«


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