Die Futuristen: Steve und Nick Tidball von Vollebak

Na, wenn das keine gute Nachricht ist: Sollte die Welt untergehen, hat das von den Brüdern Steve und Nick Tidball gegründete Label etwas Passendes: Mode für Extreme. Ein Gespräch mit Steve Tidball über Milliardäre auf dem Mars und die Frage, was ein Hund am Ende aller Tage trägt. Spoiler: Natürlich trägt er die Apocalypse Jacket von Vollebak.
Text Patricia Jell
Bild Vollebak

Herr Tidball, das Motto Ihrer Marke ist »Kleidung aus der Zukunft«. Sie entwerfen mit Ihrem Bruder besondere Kleidungsstücke wie Arbeitskleidung für Weltraumreisen. Wie kommt man auf so eine Idee?
Es ist nicht so, dass wir einen verrückten Geistesblitz hatten, es fing eigentlich relativ langsam an und entwickelte sich mit der Zeit. Wir nahmen an Ultramarathonläufen durch die Namib-Wüste, den Amazonas und über die Alpen teil. Unsere Sponsoren gaben uns dafür Kleidung, die gut aussah. Aber wir lernten: Für Menschen, die extremen Bedingungen ausgesetzt sind, ist so was nicht das Richtige. Man hatte im Grunde die gleichen Sachen an, die jemand in Berlin oder London auf der Straße trägt – nichts, mit dem man durch eine Wüste oder den Urwald oder über die Alpen rennt. Die Kleidung half nicht und hielt nicht, was ihr Marketing versprach. Damals fragte mich mein Bruder: »Was wäre, wenn wir Kleidung herstellen würden, die ganz anders ist, und diese Geschichte auf eine wirklich coole Art und Weise erzählen würden?« Und das war dann die Idee.

Leicht gesagt – aber auch leicht getan?
Richtig, dann muss die Idee natürlich auch umgesetzt werden. Was extrem schwierig ist. Denn es gibt einen Grund, warum noch niemand so etwas entworfen hat. Der Ansatz, den wir zu Beginn verfolgten, war: Können wir Kleidung herstellen, die Dinge kann, die keine andere Kleidung zuvor getan hat? Im Laufe der letzten sechs Jahre wurden wir darin immer besser.

Sie gaben dafür Ihre Jobs in der Werbung auf. Gibt es ein zentrales Thema, das die Karrierewege verbindet?
Ja, auf jeden Fall. Wichtig war zum einen das Studium meines Bruders an der Bartlett School of Architecture am University College in London. Dort entwirft man keine Gebäude. Man schreibt Märchen oder Geschichte neu. Was er dort erhielt, war eine echte Ausbildung im Fach Materialien. Das zweite Bindeglied ist die Werbung. Man kann die beste Idee der Welt haben, aber wenn es niemanden interessiert, ist es eben doch keine so gute Idee. Deshalb bieten wir heute Kleidungsstücke an, deren Herstellung sehr kompliziert ist und die Namen wie Apocalypse Jacket oder 100-year Hoodie oder Solar-charged Jacket tragen – Namen, die sehr einfach sind und genau beschreiben, worum es geht.

Sie waren also wirklich überzeugt, dass die Welt eine weitere Bekleidungsmarke braucht?
Als wir anfingen, meinten viele Leute genau das: dass niemand auf uns warten würde, weil es schon alles gäbe. Und wir antworteten: »Das stimmt nicht. Es ist einfach nicht wahr.« Als Elon Musk Tesla gründete, gab es auch schon viele Automarken. Dennoch ist es möglich, etwas Neues zu machen. Die Leute verwechseln oft Marktsättigung und die Fähigkeit, etwas neu und anders zu machen. Marktsättigung kann auch bedeuten, dass es viele Leute gibt, die alle dasselbe tun.

»Wir bieten heute Kleidungsstücke an, deren Herstellung sehr kompliziert ist und die Namen wie Apocalypse Jacket oder 100-year Hoodie oder Solar-charged Jacket tragen – Namen, die sehr einfach sind und genau beschreiben, worum es geht.«

Jetzt machen Sie die Dinge anders. Nehmen wir die Mars-Jacke, sie hat sogar eine Antischwerkraft-Tasche. Aber warum sollte ich die kaufen? Man fliegt ja eher seltener zum Mars.
Das ist interessant, dass Sie die Mars Jacket erwähnen. Eine der ersten Personen, die sie trugen, war der Regisseur Christopher Nolan. Bjarke Ingels, der Architekt, der die neue Google-Zentrale entwarf, besitzt unsere Full Metal Jacket. Unter unseren Kunden sind sowohl reiche Anwälte als auch junge Designer, aber was sie verbindet, ist: Sie sind alle von der Zukunft fasziniert. Und wenn man das mit seiner Kleidung zum Ausdruck bringen will, ist die Auswahl nicht sonderlich groß. In gewisser Weise fungieren wir also als eine Art Kommunikationsmechanismus.

Was treibt Sie beim Entwerfen an?
Der Antrieb für mich ist: Wie sehen die nächsten hundert Jahre für die Menschheit aus? Und wie können wir uns darauf einstellen? Klimawandel, Nachhaltigkeit, Raumfahrt und Gesundheit – das sind die wirklich großen Dinge, die Kleidung beeinflussen kann. Wir entwerfen also ganz gezielt mit diesen Themen im Hinterkopf.

»Unter unseren Kunden sind sowohl reiche Anwälte als auch junge Designer, aber was sie verbindet, ist: Sie sind alle von der Zukunft fasziniert.«

Sind Sie ein Futurist?
Man darf sich nicht selbst als Futurist bezeichnen, oder? Jemand anderes muss dich Futurist nennen. Aber ich interessiere mich für die Zukunft und für die Frage, wie die nächsten hundert Jahre aussehen werden. Und wissen Sie, Sie und ich, wir sind beide keine Wissenschaftler. Aber wir können definitiv sagen, dass die Zahl der Brände und Überschwemmungen in den nächsten hundert Jahren zunehmen wird, dass uns die Ressourcen ausgehen werden, dass wir – ob wir wollen oder nicht – in den Weltraum fliegen und einen anderen Planeten besiedeln werden und dass sich Krankheiten viel schneller auf der Erde ausbreiten werden. Und wenn ich all diese Dinge weiß, weiß ich, worauf ich mich einstellen muss. Das ist eine wirklich interessante Art der Gestaltung, sie ist komplex, und deshalb hat das noch niemand gemacht.

Wie schwer ist es, in der Modeindustrie innovativ zu sein?
Es war hilfreich, von außerhalb der Branche zu kommen, so wussten wir nicht, wie lange die Dinge dauern, wie man einen Prototyp herstellt, wie man mit Fabriken zusammenarbeitet. Folglich (…)

→ Wie sich Vollebak noch von anderen Marken unterscheidet, was »nachhaltiger Hedonismus« damit zu tun hat und warum Elon Musk auf dem Mars Vollebak tragen sollte, lesen sie im Interview in rampstyle #26.

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