Die Grenzen des Wachstums: Professor Mojib Latif im Interview

So eine bessere Welt? Immer eine schöne Vorstellung. Für den Anfang könnte man sich ja aber schon mal auf den Entwurf eines nachhaltig lebenswerten Lebens einigen. Bereits dafür lohnt es sich, die Welt zu retten. Gespannt erkundigen wir uns bei einem Treffen mit Professor Mojib Latif, Präsident des Club of Rome Deutschland, nach dem Stand der Dinge.
Text Michael Köckritz
Bild Markus Wendler

Wenn man so will, drehte sich Ende der 1960er-Jahre einmal wieder allerhand um das Thema »Liebe«. Da waren etwa die Hippies, eine fröhliche Jugendbewegung von Blumenkindern, die sich zunächst in Haight-Ashbury, einem lebendigen Szene- und Künstlerviertel San Franciscos, gefunden hatte, um einen kompletten »Summer of Love« durchzuziehen. Und dann gab es in den 1960ern diese ausgeprägte Liebe zum Auto. Die Idee des Autos lockte als ideales Freiheitstool in eine Beziehung, mit der man sich, sich selbst verstärkend, die Welt eröffnete. Ganz besonders dann natürlich, wenn man mit einem Cabrio offen in diese Welt eintauchen konnte. Offen in einem Sportwagen – umso besser! Offen in einem Porsche – superperfekt.

Jetzt sind wir in der Gegenwart und zunächst regnet es nämlich einmal. Richtig. Wie vom Wetterbericht heute für Hamburg vorhergesagt. Nehmen Sie also eine wasserdichte Jacke mit, um bei jeglichem Wetter trocken zu bleiben, hat der Wettermann empfohlen. Überhaupt soll das Wetter in diesem Juli verrückt spielen. Für Deutschland sind enorme Unwetter angekündigt, für andere Teile Europas extreme Hitze.

Ich muss, überlege ich, mich bei Professor Latif unbedingt erkundigen, ob so ein über fünfzig Jahre alter Porsche nicht mit einer extremen Nachhaltigkeit überzeugt. Schließlich ist etwas laut Google nachhaltig, wenn es sich »dauerhaft, bewahrend, bestandhaltend, langlebig oder womöglich sogar symbiotisch« gibt. Und zur längeren Zeit-anhaltenden Wirkung so eines Targa-Klassikers addiert sich die gute Laune, die er verbreitet. Bei mir und allen anderen. Auch so etwas kann doch eine Welt wunderbar nachhaltig lebenswert machen.




Herr Professor Latif, wie sieht es um den Zustand der Menschheit und der Welt aus?
Nicht so fürchterlich gut. Es gab ja schon diverse Weckrufe. Der erste war 1972 der Club of Rome mit »Die Grenzen des Wachstums«. Nächstes Jahr ist der fünfzigste Jahrestag, und es ist genau das Gegenteil von dem passiert, was eigentlich hätte passieren müssen. Wir sind dabei, den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen. Aber ich bin noch optimistisch, dass man das irgendwie noch hinkriegen kann. Aber es müsste relativ schnell passieren, weil verschiedene Symptome zeigen, dass wir die Erde »übernutzen«.

Welche Symptome meinen Sie?
Eines ist der Klimawandel. Dann gibt es den Verlust an Artenvielfalt, der wirklich dramatisch ist. Wir sehen die Verschmutzung der Meere, Stichwort Plastikmüll. Die Zerstörung der Wälder schreitet voran, insbesondere die der Regenwälder. Die Warnzeichen sind unübersehbar.

»Die Grenzen des Wachstums« war ein Bestseller, trotzdem schien sich niemand persönlich angesprochen zu fühlen.
Das ist genau das Problem, mit dem wir in der Kommunikation zu kämpfen haben. Der Klimawandel ist immer noch sehr abstrakt. Wir haben ein Gehalt an CO2 in der Luft, wie es ihn seit Millionen von Jahren nicht gab. Eigentlich müssten die Alarmglocken schrillen, aber wir nehmen das Problem nicht wahr. Dioxid ist ein Gas, wir können es nicht sehen, schmecken, riechen, hören oder tasten. Allerdings werden die Auswirkungen immer offensichtlicher.

Aber wie schafft man es, dass die Menschen Nachhaltigkeit als ein persönliches Thema erkennen?
Man muss versuchen, von der Verzichtsdebatte hin zu einer Debatte zu kommen, die zeigt, was man gewinnen kann. Ich hätte mir gewünscht, dass man jetzt bei dem Klimaschutzgesetz eine Art Klimaprämie einführt. Jeder hätte es in der Hand, ob er am Ende des Jahres etwas übrig hat oder nicht.

»Man muss versuchen, von der Verzichtsdebatte hin zu einer Debatte zu kommen, die zeigt, was man gewinnen kann.«

Professor Mojib Latif

Also nur finanzielle Anreize?
Nicht nur. Ich denke an die armen Pendler, die häufig im Stau stehen. Wenn es eine vernünftige Bahnverbindung bis in den ländlichen Raum hinein gäbe, würde kein Mensch das Auto nehmen. Im Moment läuft es genau falsch herum. Man muss erst die Angebote schaffen und dann die CO2-Steuer erhöhen.

Als der Club of Rome gegründet wurde, ging es nicht nur um Nachhaltigkeit, sondern auch um den freudvollen Aspekt der lebenswerten Zukunft. Das gerät immer mehr in Vergessenheit.
Genau. Ich erlebe es in Hamburg bei der Diskussion um eine autofreie Innenstadt. Man muss sich mal vorstellen, wie schön eine autofreie Innenstadt sein kann. Im Urlaub genießt man beispielsweise in Italien diese Riesenplätze, wo man flanieren kann. Hier könnten wir viel mehr Grün haben, weniger Lärm, eine sauberere Luft. In Hamburg gibt es als Alternative zum Auto den tollen öffentlichen Nahverkehr.

Hamburg entwickelt sich zur Fahrradstadt.
Ja, schon. Aber im Moment haben wir immer noch das Problem, dass man versucht, alles unter einen Hut zu kriegen, und das geht eben nicht.

Welche Rolle spielt das Auto tatsächlich in Bezug auf Umweltverschmutzung?
Das ist schwer zu sagen. Der Verkehr insgesamt trägt zu ungefähr zwanzig Prozent zu den deutschen CO2-Emissionen bei. Aber das betrifft auch den Schwerlastverkehr, die Bahn und die Flugzeuge. Die Autos befinden sich in einer Stell­vertreterrolle. Selbst wenn man kein Auto fährt, würde man seinen persönlichen CO2-Abdruck nicht so sehr verringern können, dass man zum Beispiel auf das Niveau eines Inders kommt.

Was kann man schnell umsetzen?
Es geht um die Art und Weise, wie wir Energie erzeugen. Wir benötigen mehr Strom, brauchen Wärme – und genau daher kommt der Hauptteil der CO2-Emission. Die Energiewende betrifft drei Bereiche. Einmal Strom, da sind wir schon ganz gut, die erneuerbaren Energien machen ungefähr fünfzig Prozent aus. Bei der Wärme sind wir noch ganz schlecht. Und dann ist da noch der Verkehr. Benzin ist ein fossiler Brennstoff, wenn man den verbrennt, entsteht eben CO2. Deswegen muss man auch ans Auto ran, aber ein Auto emissionsfrei zu machen ist kein Problem. Wir sehen in vielen Ländern, dass es für den Verbrennungsmotor ein Enddatum gibt. Insofern wäre die deutsche Automobilindustrie sehr gut beraten, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, so ist das auch in diesem Fall.

Ist denn Elektromobilität die Lösung für den Moment oder auch für die Zukunft?
Jetzt stellt sie die Lösung dar. Alles, was wir diskutieren – von der Elektromobilität bis zum Ausbau der Wasserstofftechnologie –, benötigt einen unglaublichen Zubau an erneuerbaren Energien. Und der stockt im Moment. Was im Moment passiert, ist viel zu langsam. Die Geschwindigkeit muss sich versechs-, versiebenfachen, sonst werden wir irgendwann sehr schnell in eine Ökostromlücke kommen. Es macht ja keinen Sinn, ein Elektroauto zu fahren und Kohle zu verbrennen, um dafür den Strom zu erzeugen. Das ist vielen Politikern wohl noch nicht bewusst.

Aufklärung ist ja eine Aufgabe für Sie und den Club of Rome.
Es ist ein Thema für mich, aber (…)

Das gesamte Interview mit Mojib Latif und mehr zum Club of Rome lesen Sie in der aktuellen ramp #54.


ramp shop


Letzte Beiträge

Goodwood Forever

Bilder vom legendären Goodwood Revival füllen gerade wieder die sozialen Medien. Mit neu entdeckten alten Autos, bekannten Akteuren und ganz viel Style. Und wir? Zeigen die Historie des einzigartigen Treffens in ungesehener Weise - nämlich als Comic.

Goodwood Revival – Der ramp Style Guide

Jedes Jahr im September trifft sich die Elite der Vintage-Car-Fans auf der Spielwiese des Earls of March zum “Goodwood Revival”. Beim Festival an der historischen Rennstrecke gehört es zum guten Ton, dass man sich im zeitgenössisch entsprechenden Stil des mitgebrachten Fahrzeugs kleidet. Unser Style-Guide zum Event am Wochenende.

Tief im Westen

Natürlich hätten wir über diese Geschichte auch »Hömma« schreiben können. Weil sie uns ins Ruhrgebiet führt, eine Region, die sich komplett neu erfand, ohne ihre Historie zu verleugnen. Aber natürlich auch, weil das Motorrad eine Harley-Davidson Sportster S war.

Der Columbo-Effekt

Am Montag erscheint die rampstyle #23 am Kiosk. Der Titel: »Ich. Mal wieder.« Stellt sich dann eigentlich nur noch die Frage, wie man sich diesem »Ich« überhaupt und ideal annähert. Wir empfehlen grundsätzlich eine entspannte Kombination aus zwei Strategien.