Text: Sabine Cole
Bild: Rouven Steinke
6 min

Die große Kunst des gepflegten Sitzenbleibens

Vor dem Wettkampf gibt es noch schnell ein Gebet, das von allen Anwesenden mit einem ehrfürchtigen »Amen« quittiert wird. Aus gutem Grund. Denn Rodeo gilt als der gefährlichste Sport der Welt. Dann fliegt auch schon das Gatter auf.

Der Handschuh ist das wichtigste Arbeitsgerät des Rodeo-Cowboys. Am Handschuh hängt die gewaltige Fliehkraft, die sich aus der Tatsache entwickelt, dass ein buckelndes Pferd (500 kg) oder ein wütender Bulle (700 kg) versuchen, ihren Reiter (65 kg) so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Der Cowboy hängt in und an dem ledernen, handgefertigten Handschuh, der gleichzeitig starr und passgenau sein muss. Das Leder ist so fest, dass die Faust sich nur mit Kraft schließen lässt. Fast wie ein Boxhandschuh. Oberhalb der ersten und zweiten Fingerknöchel sind Naht-Aussparungen. Quasi Sollknickstellen. Das Leder des Handschuhs muss trocken sein, damit der Grip stimmt. Auf keinen Fall weich und geschmeidig. Aber trocken darf nicht rissig bedeuten. Dann geht der Handschuh kaputt, das Leder reißt. Die meisten Cowboys verwenden zur Pflege ein brockiges, bernsteinfarbenes Benzoe-Harz vom Amberbaum. Es hinterlässt eine pudrig aussehende, aber trocken-klebrige Schicht. Vor dem Wettbewerb schlüpft der Cowboy mit der Haltehand in den Handschuh und drückt mit der freien Hand die Finger-Gelenke zur Faust um den Griff am Sattel. Immer und immer wieder. Auf, zu, auf, zu. Bis der Griff hält, oder besser: halten würde, damit er den Ritt bestehen kann. Fast rituell, als wäre der kommende Ritt, der Schmerz, schon zu spüren, in dem Moment, wo die Hand im Handschuh steckt. Die Hand, der Arm, die Schultern haben ­einiges auszuhalten. Nicht nur die Stürze. Wenn die Männer sich vor den Wettbewerben zwischen ihren Trucks oder hinter der Zuschauertribüne fertig machen, im Staub auf dem Boden sitzend, sieht man sehnige, muskulöse Oberkörper mit Schultern, Ellenbogen und Rippen, die mit Bandagen und Tapes gesichert werden. Bevor das langärmlige, korrekte Oberhemd und die gepolsterte Lederweste die Blessuren wieder verstecken und die Rodeo Rider sich zu den Boxen begeben, in denen die Pferde kurz vor dem Start eingepfercht werden, damit der Reiter von oben draufklettern kann.»Preserve our western heritage dress code. Western hat & long sleeves« steht auf einem Schild am Gatter zur Tribüne für die teilnehmenden Cowboys. Cowboyhut und lange Ärmel. Der Stadionsprecher spricht vor Beginn des Wettbewerbs ein ­Gebet, das mit einem »Amen« aller Anwesenden quittiert wird. Den Cowboyhut in der Hand, fest an die Brust gedrückt, da wo das Herz sitzt. Das Regelwerk des Wilden Westens ist stabil in Denton, Texas.

Das Gatter fliegt auf und das Rodeo-Pferd schießt heraus. »Shoot« nennt sich dieser Moment dementsprechend. Und er markiert die erste von acht Sekunden Höllen­kommando, das man »Bareback bronc riding«, also Reiten ohne Sattel auf einem ungezähmten Mustang nennt. Acht Sekunden. In diesen paar Wimpernschlägen schafft es ein Bronco 13–14-mal zu buckeln. Das gleiche Spiel gibt es auch mit Stieren. Beim »Bull riding« wird nicht nur gebuckelt, sondern auch geschleudert. Die mächtigen Tiere entwickeln eine seitliche Rotation, die an einen rasenden Pitbull erinnert. Bronco und Bulle setzen alles daran, den Reiter, der sich nur mit seiner Handschuh-Hand an einem Griff namens »Leather riggin« festhält, in die Arena zu schleudern. Mit maximalem Verletzungsrisiko. Rodeo gilt als der gefährlichste Sport der Welt. Wobei beim Rodeo zwischen insgesamt sieben verschiedenen Disziplinen unterschieden werden muss. »Bareback bronc ­riding« und »Bull riding« sind die Kamikaze-Disziplinen. Beziehungsweise die Wettkämpfe für die »Fearless«, wie eine neue Netflix-Serie gerade titelt, also die Männer ohne Angst. Fragt man einen alten Hasen wie Johnny Hammond, Rodeo-Organisator, Cowboy und ehemaliger Rodeoreiter, welches Tier er mehr fürchtet, antwortet er ohne zu zögern: »Auf jeden Fall das Pferd. Broncos sind schneller. Das ist eine unglaubliche Dynamik!«Während Johnny für das Pferd als den härteren Gegner plädiert, wird ein Cowboy von einem Bullen in die schlammige Arena geschleudert. Er bleibt still liegen, keine Regung. Das Publikum erstarrt. Die als Clowns verkleideten Cowboys, deren Job es ist, die Kolosse abzulenken, wenn der Bull rider in Gefahr gerät, springen in die Arena und versuchen, das massige Tier zum Gatter zu treiben. Anders als ein Pferd will ein Bulle nicht freiwillig fliehen. Erst als der wutschnaubende Muskelberg durchs Gatter in die dahinterliegenden Corrals läuft, kann der Physiotherapeut in die Arena und dem benommenen Gladiator aufhelfen. Noch mal gutgegangen. Nur ein paar Rippen gebrochen, heißt es hinterher.Beim »Bareback bronc riding« muss das Pferd so schnell, hoch und wild wie möglich buckeln. Die Pferde werden den Reitern zugelost. Zwei, drei Stunden vor dem Start gehen die Cowboys ins Rodeobüro und erfahren auf einer Liste, mit welchem Pferd sie es zu tun haben. Jeder Cowboy hofft auf ein möglichst wildes Pferd, denn damit macht man die meisten Punkte. Sowohl Reiter als auch Pferd können jeweils bis zu 50 Punkte erreichen. Je härter das Pferd buckelt, desto mehr Punkte kriegt der Cowboy, denn seine Performance und die des Pferdes werden zusammengerechnet. Je härter das Pferd buckelt, desto größer ist aber auch die Chance, dass der Cowboy die acht Sekunden bis zum Buzzer gar nicht durchsteht oder sich beim Runterfallen schwer verletzt. In dieser Ambivalenz liegt der Reiz des Sports, der in Nordamerika 35 Millionen Fans hat. Die Performance des Cowboys wird daran gemessen, ­­­ob und wie er sich mit nur einer Hand festhält. Die andere Hand darf nie das Pferd oder den eigenen Körper berühren und die Stiefel müssen stets oberhalb der Schulter des Pferdes sein – und natürlich muss der Cowboy mindestens acht Sekunden auf dem Pferd bleiben. Sonst gibt’s gar nichts. Keine Punkte. Kein Geld. Die meisten Cowboys schaffen es über die Saison ­gerade so, die selbst ­bezahlten Startgelder wieder einzufahren. Nur wer am Ende einer langen Rodeo-Saison als einer der 15 besten seiner ­jeweiligen Disziplin am Finale der Professional ­Rodeo Cowboys Association (PRCA) in Las Vegas teilnimmt, hat eine Chance auf die großen Siegprämien und Sponsorengelder. Jede neue Saison aufs Neue die Hoffnung, belohnt zu werden für den ungebrochenen Willen, sich trotz aller Verletzungen als »unbreakable« zu deklarieren.»Rodeo ist ein Sport des Willens. Hast du den Willen und die Kraft, deine Angst zu überwinden? Deine Angst davor, dich zu verletzen, die Angst vor diesem starken, wilden Wesen, das dir physisch so überlegen ist. Der Rodeo-Reiter muss einen Rhythmus mit dem Pferd finden. Er kann das Tier nicht reiten oder zähmen, er kann nur versuchen, eins mit der Kraft und der Bewegung zu werden. Jeder Ritt ist eine Herausforderung«, sagt Allan Watt, Rodeo Judge und Besitzer der Oak Meadow Ranch in Valley View, Texas. Allan ist einer der Juroren, die die Punkte vergeben, für die der Rodeo-Reiter aufs Pferd steigt. Warum die Männer sich das antun? Allan zuckt mit der Schulter. »Das sind Gypsies. Sie ziehen herum. Die Freiheit ist ihnen wichtiger als alles andere. Sie lieben dieses Leben.« Er muss es wissen. Er war Rodeo-Reiter. Sein Sohn ist Rodeo-Reiter. Seine Tochter tritt beim »Barrell Racing« an, einer Disziplin, bei der es darum geht, im gestreckten Galopp mit dem Pferd die Arena zu durchqueren, zwei Ölfässer zu umrunden und die schnellste Zeit einzusacken. Eine Disziplin, in der man reiten können muss. Nicht fliegen oder fallen.Wirklich mit Pferden umgehen können, das müssen auch die »Pickup Men«. Sie arbeiten beim Rodeo und reiten sozusagen außer Konkurrenz. Es sind nervenstarke, erfahrene Cowboys auf gut ausgebildeten und athletischen Pferden. Die Pickup Men klauben die Cowboys vom buckelnden Bronco, nachdem der Buzzer das Ende der acht Sekunden markiert hat. Sie setzen den Rodeo-Reiter ab, »fangen« den weiterhin wild um sich tretenden Bronco und nehmen ihm im Galopp den Gurt ab, der die Haut an den hinteren Flanken berührt. Die Haut, nicht den Hoden. Der Gurt ist weich, sitzt locker und steigert die Neigung des Pferdes zu bocken, weil es den Fremdkörper loswerden will. Ist der Flankengurt abgenommen, begleitet der Pickup Man das Tier aus der Arena zurück in den Corral. Der Blick dieser Cowboys aufs Pferd ist naturgemäß ein anderer. Für sie ist es kein Gegner oder Sportpartner. Die Pickup Men arbeiten mit den Tieren. Sie sind die Alphas unter den Broncos. »I can stare them down«, erklärt James Hajek, und man ­zögert keine Sekunde, ihm zu glauben, dass es kein Pferd wagen würde, sich ihm zu widersetzen. Die Pferde, mit denen er auf der Ranch und beim Rodeo arbeitet, hat er selbst ausgebildet. Dass sein Lieblingspferd ein ganz besonderes ist, hat er sofort erkannt. »Es ist stark und schlau. Es hat sich von Anfang an geweigert zu buckeln.«

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