Die Kontrollver-Lust: Unterwegs mit den besten Freeskiern der Welt

Auf den Gletscherhalden des Titlis in der Zentralschweiz geben die besten Freeskier der Welt die Kontrolle ab. Wieso? Weil sie etwas über sich und das Leben erfahren wollen. Und zum Glück teilen Sie ihre Erfahrungen dann auch noch mit uns.
Text Werner Jessner
Bild Oskar Enander

Kein Powder, dafür Gletscher, abgewehte Hänge – und ein Bündel Fragen: Kann man Eisfelder von Gletschern mit Skiern befahren? Wo es keinen Grip gibt, wo man weder steuern noch bremsen kann? Wo man beschleunigt wie im freien Fall? Ist es möglich, für ein paar Sekunden die Kontrolle abzugeben, sich der Natur auszuliefern und heil davonzukommen? Wie bereitet man sich auf etwas vor, was man nicht trainieren kann, dessen Wucht man erst spürt, wenn man mittendrin ist?

Der Fotograf Oskar Enander und eine Handvoll der weltbesten Freeskier haben es ausprobiert. »Es war noch steiler als erwartet, noch ärger«, erzählt Henrik Windstedt. »Das Eis fühlte sich an wie Stahl unter den Füßen, und der Kantengrip war tatsächlich null.«

Trotz perfekter Visualisierung, trotz Routine und Können blieb das Unternehmen zu einem Gutteil unsicher. »Für ein paar Augenblicke vertraust du dich den Naturgewalten an, so wie Big-Wave-Surfer. Diese Erfahrung macht dich bescheiden und klein. Sie gibt dir Respekt vor der Umwelt«, fasst Piers Solomon zusammen. »Totale Kontrolle ist eine Illusion. Es tut gut, sich das bisweilen vor Augen zu halten.«





1. Erfahrung: Im Zweifelsfall geradeaus.

»Klarer Fall. Dieser Hang ist nicht fahrbar«, sagte Oskar Enander, der Fotograf der Aufnahme, als er Johan Jonsson und Henrik Windstedt auf dieses Eisfeld zufahren sah. »Die Skier schlugen, bam-bam-bam!, richtig laut, dann waren sie auch schon unten. Es ging also doch.« Wie? Sie wählten den direkten Weg. Im Zweifelsfall geradeaus. Das gilt auf Eis (und bei heiklen Entscheidungen im Alltag).

2. Erfahrung: Plane Anfang und Ende. Verliere dazwischen die Kontrolle. Das ist okay.

Die Athleten wandten viel Zeit dafür auf, den perfekten Winkel für die Einfahrten in die Eisfelder zu finden – und Auslaufzonen auf Schnee zum Bremsen. Dazwischen war praktisch freier Fall. »Die Beschleunigung auf den Eisplatten war mega«, sagt Henrik Windstedt.

3. Erfahrung : Das erste Mal befriedigt Dich am meisten.

Seine Eltern sind Skilehrer, er steht seit Kindesbeinen auf Skiern, er ist der beste Freerider Argentiniens. Aber die Eiswände der Schweiz zwangen selbst Santiago Guzman in die Knie – und entließen ihn am Ende mit einem breiten Grinsen aus dem Abenteuer.

4. Erfahrung: Angst? Sehr gut. Genau darauf wirst Du später stolz sein.

Extrem-Skifahrer Piers Solomon bezwingt ein gigantisches Eisfeld am Nordwesthang des Steinbergs. Bremsen, ausweichen, Kontrolle? Leider nein.

»Für ein paar Augenblicke vertraust du dich den Naturgewalten an, so wie Big-Wave-Surfer. Diese Erfahrung macht dich bescheiden und klein. Sie gibt dir Respekt vor der Umwelt«

Piers Solomon

5. Erfahrung: Nutze die Gelegenheit. Jetzt!

Piers Solomon und Fotograf Oskar Enander hatten diese bizarr schöne Stelle zwischen Fels und Gletscher entdeckt und für fahrbar be- funden – für den Moment. »Ein paar Tage später kollabierte ein hausgroßer Eisbrocken und verschloss die Höhle. Diese Location gibt es nicht mehr.«

6. Erfahrung: Totale Kontrolle ist eine Illusion.

Das hier ist kein gepflegter Eislaufplatz in der Schräge, das ist Wildnis aus gefrorenem Wasser. Alle Warnsignale stehen auf Rot. Du konzentrierst dich auf deine Linie und lässt los. »Rodeo mit dem Berg«, nennt Piers Solomon diese Erfahrung.


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