Die Kraft 
der Wirklichkeit

An manchen Abenden erscheint das Motorrad als die letzte Möglichkeit zur Flucht. Dabei geht es nicht darum, der Welt zu entkommen, ganz im Gegenteil. Es ist der direkte Weg zurück in das echte Leben. Okay, ziemlich großen Spaß macht es auch.
Text Wiebke Brauer
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Das Herz schlägt. Fühlbar. Hörbar. Wenn man ehrlich ist, sogar sichtbar. Weil sich der Abend über die Stadt senkt und vor der Tür das Motorrad wartet. Noch sind die unterschiedlichen Nuancen von Schwarz an der Maschine gut erkennbar, aber bald wird das Licht hinter den Häusern versickern – und mit ihm auch alle Kontraste. Ein Griff zum Regal, den Helm schnappen, die Handschuhe aus der Schublade kramen. Das Tuch um den Hals schlingen, nicht zu fest. Die Treppe hinunterlaufen und dabei das Atmen nicht vergessen. Jeder, der sagt, dass ihn die halbe Stunde vor einer Tour kaltlässt, lügt. Weil das Motorradfahren eine unvergleichliche Vorfreude schürt. Auf das Anspringen des Motors, die Vibration unter dem Hintern, auf den Wind und auf das Gefühl, dass verdammt noch mal alles stimmt.

»Nur schöne Dinge führen uns hinaus in die Welt unseres Kopfes.« Der Satz stammt aus dem Buch »Die Wiedergewinnung des Wirklichen« von Matthew B. Crawford, darin plädiert er für die bewusste Auseinandersetzung mit echten Menschen und konkreten Tätigkeiten. Zumal es im Zeitalter der digitalen Reizüberflutung das ist, worauf es ankommt. Auf den direkten Zugang zur Welt. Nun könnte man einwenden, dass eine Tour mit einer Low Rider S durch einen lauen Sommerabend nicht gerade das ist, was einen mit anderen Menschen zusammenbringt – weil das Motorradfahren eine einsame Angelegenheit ist und der Cruiser noch nicht einmal über eine zweite Sitzgelegenheit verfügt. Aber wer das behauptet, verwechselt Einsamkeit mit Ruhe.

Jeder, der sagt, dass ihn die halbe Stunde vor einer Tour kaltlässt, lügt.

Einsam und weltfremd ist die Zeit, die man im Digitalen verbringt, vor dem Rechner, am Smartphone, sogar die Zeit, während der man durch die Stadt wandert und Musik hört. Mit Kopfhörern, die den Menschen vom Rest der Welt isolieren. Ruhe wiederum ist das, was im Kopf passiert, wenn man Motorrad fährt. Das Denken ist erfüllt von dem Geräusch des V2-Motors, ein luftgekühlter Milwaukee-Eight 114, dessen satter Sound so viel Raum im Kopf benötigt, dass kein anderer Gedanke mehr stört. Wenn man will, kann man auf einer langen Gerade über die Historie der Marke Harley-Davidson nachdenken, aber offen gestanden kann man es auch lassen. Sicherlich heißt es, dass jede Marke etwas über den Charakter seines Besitzers verrät.

Ruhe ist das, was im Kopf passiert, wenn man Motorrad fährt.

Aber wer sich einmal genauer an einem gern frequentierten Ausflugsziel von Motorradfahrern umschaut, stellt fest, dass sich eine ganze Menge verändert hat. Niemand wundert sich darüber, wenn eine alte BMW und eine brandneue Harley nebeneinander stehen. Wenn der Fahrer und die Fahrerin miteinander fachsimpeln. Niemand geht eine Wette ein, wer zu welchem Bike gehört. Erstens könnte man dabei sehr viel Geld verlieren, zweitens gilt: Motorradfahrer sind schlicht Menschen, die für ein und dieselbe Sache brennen. Und um etwas über diese neue Wirklichkeit zu erfahren, muss man sie, nun ja, erfahren. »Wir erreichen die Wahrheit«, schreibt Matthew B. Crawford in seinem Buch, »indem wir die Maßstäbe für die Wahrheit von der Außenwelt in unsere innere Welt verlegen.«

So gesehen gibt es zwei Arten von Vollkontakt: zum einen die Realität in Form des Windes, dessen Sirren sich mit dem Grollen des Motors und dem Abrollgeräusch der Reifen vermengt. Der direkte Kontakt zum Asphalt, das Schlagloch, das umfahren werden muss. Die Kurve, die richtig genommen werden will. Aber auch der Nachtfalter, der sich im Helm verfängt, was dazu führt, dass man sehr schnell anhalten und absteigen muss, um das Vieh wieder loszuwerden.

Das Denken ist erfüllt von dem Geräusch des Milwaukee-Eight 114, dessen satter Sound soviel Raum im Kopf benötigt, dass kein anderer Gedanke mehr stört.

Zum anderen ist es der Abgleich mit dem, was man an Vorbehalten und Ansichten pflegt, genährt durch das, was man irgendwo einmal gelesen hat. Und die Erkenntnis, dass die Kombination von Mensch und Maschine oder eine abendliche Tour auf einer Harley durch eine Stadt im Süden eines Landes die Gedanken ordnet und die Sicht auf die Dinge klärt.

»Wunderbar ist es, neue Kraft aus der Wirklichkeit zu schöpfen.« Der Satz von Vincent van Gogh steht auf der ersten Seite des Buchs von Crawford. Und das ist, nun ja, echt wahr.

Mehr Informationen zur Harley-Davidson Low Rider S:

harley-davidson.com


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