Die Kunst des einfachen Lebens

In seinem Roman »Tage mit Felice« schildert Fabio Andina das Leben eines 90 Jahre alten Mannes, der in einem Tessiner Bergdorf wohnt und sich jeden Morgen, meistens barfuß, auf den Weg zu einer Gumpe macht, um dort im Eiswasser zu baden. Das Buch wurde ein Überraschungserfolg und wir wurden neugierig. Also besuchten wir den Autor mit einem Suzuki Jimny und sprachen mit ihm über die Lebensart des Minimalismus und den Luxus, Dinge loszuwerden. Und natürlich über Felice, der übrigens auch einen Suzuki fuhr.
Text Michael Köckritz
Bild Marko Knab · ramp.pictures

Herr Andina, baden Sie eigentlich ab und zu wie Felice in mit Eiswasser gefüllten Felsnischen?
Immer wenn ich in Leontica bin, gehe ich in der Gumpe von Felice baden, die ich im Buch beschreibe. So bleiben wir in Verbindung. Aber auch ansonsten kühle ich mich gerne ab. Egal ob in einem Alpensee oder in einem Bach, im Sommer und im Winter. Meistens ist das Wasser dann so kalt, dass ich es nur ein paar Sekunden aushalte.

Wer ist Felice? Gibt es ihn wirklich?
Felice gab es wirklich. Allerdings hieß er nicht so. Ich habe diesen Namen gewählt, weil er seine Persönlichkeit widerspiegelt. Er war ein weiser alter Mann, der vor sechs Jahren im Alter von 93 starb. Ich kannte ihn, seit ich ein kleines Kind war. Unsere Berghäuser liegen nur hundert Meter auseinander. Jetzt steht sein Haus leer.

Was können wir Bewohner einer technisierten, komplexen, von Bedrohungen verdüsterten Gegenwartswelt von ihm lernen, wenn wir ihn einige Woche begleiten dürften?
Im Buch ist der Alltag von Felice eine Art Meditation. Jede kleine Geste wird voll ausgelebt, alles hat seinen Grund. Die Dinge geschehen in einer Routine zusammen mit dem Wechsel der Jahreszeiten. Das Leben von Felice ist das Gegenteil der sogenannten modernen Welt, in der alle herumrennen und arbeiten und Geld ausgeben, ohne das Leben wirklich zu leben. Er hat kein Fernsehen, kein Radio und kein Telefon. Seine Lebensphilosophie lautet »weniger ist mehr«. Minimalismus ist seine Religion.

»Als ich mit ihm in den Bergen spazieren ging, lernte ich, die Natur zu schätzen. Wir setzten uns hin, beobachteten einen Adler, der am Himmel flog. Wir liefen früh morgens durch die Dunkelheit eines Kiefernwaldes und lauschten der Stille. Er übertrug seine Ruhe auf mich. «

Was hat Felice Ihnen beigebracht?
Als ich mit ihm in den Bergen spazieren ging, lernte ich, die Natur zu schätzen. Wir setzten uns hin, beobachteten einen Adler, der am Himmel flog. Wir liefen früh morgens durch die Dunkelheit eines Kiefernwaldes und lauschten der Stille. Er übertrug seine Ruhe auf mich. Im Frieden mit der Welt, in der er lebte, und mit sich selbst – das war der Schlüssel zu seinem Glück.

Über Felice haben wir viel erfahren. Über den Erzähler des Buches wenig. Warum tritt er so in den Hintergrund?
In der Geschichte fungiert der Erzähler, also ich selbst, als Kamera: Er zeichnet auf, was er sieht und hört, ohne zu kommentieren. Mein Ziel war es, über das Leben von Felice – und auch über das Leben eines Dorfes, eines Tals – ohne persönliche Meinung zu berichten und diese Aufgabe dem Leser zu überlassen. Auch weil ich den Fluss der Geschichte nicht stören wollte.

Haben Sie sich nach den Tagen mit Felice verändert?
Zeit mit dem echten Felice zu verbringen und die Geschichte zu schreiben, während er noch lebte, half mir, mich besser auf einige Aspekte meines eigenen Lebens zu konzentrieren. Ich strebe nach einer minimalistischen Lebensweise, und sowohl Felice als auch diese Geschichte bestärken mich darin.

Wie kam es zu dem Buch?
Es war ein kalter Winter in Leontica. Der echte Felice und ich verbrachten Zeit miteinander, meistens gingen wir im Schnee spazieren, genau wie im Roman. Und während wir einfach nur auf einer Bank saßen, die vorbeiziehenden Wolken und die herabfallenden Schneeflocken betrachteten, spürte ich, wie die Idee in meinem Kopf entstand, eine Geschichte über ihn zu schreiben. Eines Morgens wachte ich auf und fühlte die Inspiration – wie ein Licht, das sich einschaltet. Ich dachte an die Gumpe im Bach. Ich wusste, dass er immer in einer Gumpe badete, jeder im Dorf wusste es. Also schaltete ich den PC ein und schrieb die ersten Zeilen. Am Ende des sechsten Tages hatte ich den ersten Entwurf mit etwa 150 Seiten.

»Felice zeigt uns einen anderen Weg, glücklich zu sein. Den Weg des Minimalismus. Weniger ist besser.«

Fabio Andina

Welche Botschaft vermittelt die Geschichte?
Eine einfache, aber tiefsinnige: Wohin wollen wir in diesem frenetischen Leben gehen? Wir sind ständig hektisch unterwegs, wir arbeiten, fahren in den Urlaub, gehen einkaufen. Wir wollen einen besseren Arbeitsplatz bekommen, um mehr Geld zu verdienen. Wir wollen die besten Kleider, die besten Autos … Wofür? Ist es das, was uns glücklich macht? Felice zeigt uns einen anderen Weg, glücklich zu sein. Den Weg des Minimalismus. Weniger ist besser.

Was bedeutet Glück für Sie persönlich?
Für mich ist Glück die Kunst, das Leben so zu genießen, wie wir es als Kinder getan haben. Wenn man sich ein Kind ansieht, das spielt und vollkommen darin vertieft ist – das ist Glück. Oder auf dem Gipfel eines Berges zu liegen, die vorbeiziehenden Wolken zu betrachten, sich leicht wie ein Vogel zu fühlen, zu bemerken, dass man grundlos lächelt – auch das ist Glück. Oder wenn ich stundenlang auf einem Stuhl sitze, schreibe und von der Geschichte, an der ich arbeite, besessen bin.

»Ich werde immer mehr wie Felice: glücklich, wenn ich oben in den Bergen allein bleiben kann.«

Diese ramp trägt den Titel »5.0«. Alles dreht sich um Revolutionen, Transformationen und Veränderungen. Wie sollte sich unsere Welt Ihrer Meinung nach verändern?
Meiner Meinung nach läuft gerade alles in die falsche Richtung, und ich sehe keinen Ausweg. Ich bin pessimistisch. In den letzten Jahrzehnten sind zu viele schlimme Dinge passiert. Klar, schlimme Dinge gab es schon immer, aber in letzter Zeit sind es viel zu viele. Wir beuten den Planeten im Namen des Fortschritts aus und zerstören ihn. Und ich sehe keinen Fortschritt. Wir alle wissen das. Wahrscheinlich liegt das Problem darin, dass der Mensch ein egoistisches Wesen ist. Idealerweise sollte die Revolution von jedem von uns ausgehen. Von einem egoistischen Lebewesen zu einem empathischen Lebewesen.

Wie beeinflusst Sie dieser Wandel?
Ich werde immer mehr wie Felice: glücklich, wenn ich oben in den Bergen allein bleiben kann. Ich laufe vor all den Dingen davon, die mich irritieren, und habe daher kein gutes Verhältnis zur heutigen Welt. Auf meine kleine Art und Weise versuche ich aber, so viel wie möglich zu ändern. Ich weiß, es ist wie der Versuch, das Meer mit einem Löffel auszuschöpfen, aber wenn ich abends zu Bett gehe, möchte ich mit dem Gefühl einschlafen, etwas Positives bewirkt zu haben. Es gibt acht Milliarden Menschen auf dieser Erde. Vielleicht können wir mit acht Milliarden Löffeln das Meer wirklich ausschöpfen.

Besitzen Sie besondere Dinge?
Ich versuche, Dinge loszuwerden. Ich mag es nicht, Dinge zu besitzen, die ich nicht mehr brauche oder benutze. Wenn ich etwas kaufe, dann weil ich es wirklich brauche, nicht weil es mir gefällt. Natürlich gibt es auch ein paar Sachen, die ich nie wegwerfen würde. Wie zum Beispiel den alten, schwarzen Regenschirm von Felice. Manchmal benutze ich ihn.

Wie erleben Sie die Welt des Autos – ist es heute immer noch ein Freiheitstool?
Ich glaube nicht – jedenfalls nicht dort, wo ich wohne. Heute gibt es zu viele Einschränkungen, zu viel Verkehr und zu viele Polizeikontrollen. Das bereitet mir nur Kopfschmerzen …

Für welches Auto würden Sie sich entscheiden, wenn Sie die Wahl hätten?
Für eines ohne Elektronik und das man auch abseits der Straße fahren kann. Ein kleiner Jeep, wie der Suzuki Jimny hier, wäre das Richtige für mich. Diese modernen Autos, die wie Raumschiffe aussehen, machen mich wahnsinnig. Vor Kurzem wartete ein Freund von mir mit einem dieser Dinger an einer roten Ampel. Plötzlich schaltete sich das Auto aus. Er konnte es nicht starten und er konnte weder die Tür noch die Fenster öffnen. Er war darin eingesperrt und musste Hilfe rufen.

»Ein kleiner Jeep, wie der Suzuki Jimny hier, wäre das Richtige für mich. Diese modernen Autos, die wie Raumschiffe aussehen, machen mich wahnsinnig.«

Felice fuhr ja auch Suzuki.
Genau, einen grünen aus den 90er-Jahren. Felice fuhr ihn langsam und hupte bei jeder Kurve. Den Teil, wo er ihn anschieben musste, um ihn zu starten, habe ich mir ausgedacht. Ich wollte den Gedanken vermitteln, dass man auch leben kann, wenn die Dinge nicht perfekt funktionieren. Warum sollte alles perfekt sein, um leben zu können?

Das Dorf Leontica. Im Buch ein lebhafter, lärmender Mikrokosmos. Wie geht es hier wirklich zu?
Leontica ist ein friedliches, kleines Bergdorf. Wie ein alter Mann, der unter einer Kiefer ein Nickerchen macht. Im Buch beschreibe ich es als lebendig – so war es, als ich ein Kind war. Heute nicht mehr.

Wie empfinden Sie das Dorf heute?
Immer wenn ich dort bin, kann ich mich regenerieren und die moderne Welt vergessen. In meinem Haus in den Bergen habe ich keinen Fernseher, kein WLAN. Nur ein altes Radio, das drei Kanäle empfängt. Allerdings nicht mehr lange, weil sie auf digitale Übertragung umstellen. Aber das macht nichts. Ich brauche kein Radio.

»Leontica ist ein friedliches, kleines Bergdorf. Wie ein alter Mann, der unter einer Kiefer ein Nickerchen macht. Im Buch beschreibe ich es als lebendig – so war es, als ich ein Kind war. Heute nicht mehr.«

Wie haben die Menschen im Dorf auf Ihr Buch und die neue Berühmtheit des Ortes reagiert? Wie real sind die Figuren?
Felice war real. Die anderen Figuren im Buch sind eine Mischung aus Realität und Fiktion. Es bedeutet, dass sich eine Figur aus verschiedenen Personen zusammensetzt, die ich in der Realität kenne oder kannte. Manchmal fragt mich jemand in Leontica: »Bin ich mit dieser Figur gemeint?« Dann erkläre ich, was ich gerade gesagt habe. Im Dorf interessiert man sich jedoch weniger für die Figuren, sondern vielmehr für die Leser und Touristen, die vorbeikommen und sich nach Felice erkundigen. Manchmal erhalte ich E-Mails mit Fotos von Leontica. Die Leute pilgern dorthin, nachdem sie das Buch gelesen haben, und sie wollen wissen, ob sie das Foto vom richtigen Haus oder von der richtigen Gumpe gemacht haben. Diese Sache wird zu einer Geschichte innerhalb der Geschichte, und der Gedanke, dass die Erinnerung an Felice von den Lesern lebendig gehalten wird, macht mich glücklich.


Fabio Andina (*1972) stammt aus Lugano, studierte Filmwissenschaften und Drehbuch in San Francisco und lebt heute wieder im Tessin. Er liebt die Berge und den Frieden, den man auf denBerggipfeln finden kann. Er verzichtet auf Alkohol und Kaffee und ernährt sich vegan. Mit 22 Jahren begann er zu schreiben und hörte nie auf, wie er sagt. Aktuell arbeitet er an drei Romanen gleichzeitig. Im September kommt sein neuestes Buch.


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