Text: Michael Köckritz
Bild: Matthew Jones
6 min

"Die meiste Zeit bin ich genervt, müde oder geil."

**RICHMOND, VIRGINIA, IM FEBRUAR** Wie wirklich sind unsere neuen Wirklichkeiten und wenn ja, wo bleiben wir? Wer einmal mit einem der frühen Porsche Turbo bei Regen zu lustig in die Kurve geschossen sein sollte, wird sich an eine unmittelbar erlebte Wirklichkeitserfahrung in Verbindung mit einem Auto erinnern. Überhaupt bot und bietet sich das Auto auch jenseits wilder Momente für Selbstverortungen aller Art immer wieder fein an. Aber in Zukunft? Treffen wir doch einmal einen Philosophen. In seiner Motorradwerkstatt.

Matthew Crawford Die Wiedergewinnung des Wirklichen – Eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Zerstreuung. Ullstein, 432 Seiten. 24 EuroEinen Tag in der Woche lehrt und forscht Matthew Crawford an der Universität von Virginia, vier Tage betreibt er eine Motorradwerkstatt. Nebenher schreibt er Bücher. »Ich schraube, also bin ich. Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen« hieß sein erster Bestseller. In seinem neuen Buch »Die Wiedergewinnung des Wirklichen« plädiert er für ein Recht auf Ruhe und beschreibt, weshalb der Kampf um unsere Aufmerksamkeit im Zeitalter der digitalen Reizüberflutung so ernst zu nehmen sei. Vor allem aber fordert Crawford, dass wir uns wieder einen direkten Zugang zu unserer realen Welt erschließen. Die bewusste Auseinandersetzung mit echten Menschen und konkreten Tätigkeiten, sagt er, ist das, worauf es ankommt.

Aha. Dann erzählen Sie mal, Herr Crawford …

Sie sind Philosoph und Motorradmechaniker. Die Liebe zum Schrauben trifft auf die Liebe zur Philosophie. Wie funktioniert das?

Tatsächlich sind diese beiden Welten gar nicht so verschieden, wie die Leute annehmen. Egal, ob es um Maschinen oder die Welt geht: Man versucht, Dinge zu verstehen, die nicht vollständig sichtbar sind und geklärt werden müssen. Bei beidem geht es um einen klaren Blick für die Realität. Ein Unterschied besteht in der Art und Schnelligkeit des Feedbacks. Wenn bei der Arbeit am Motorrad etwas schiefgeht, lässt es dich das normalerweise unmittelbar wissen. Entweder fährt ein Motorrad, oder es fährt nicht. Man weiß sofort, was Sache ist. Im Gegensatz dazu kann man in der Philosophie sehr leicht sehr weit auf einem falschen Weg unterwegs sein, bevor einem die Realität in den Hintern beißt – wenn man Glück hat. Denn vielleicht erfährt man sogar nie, dass man komplett falschlag. Das Ziel ist jedoch dasselbe: Etwas so zu verstehen, wie es sich tatsächlich verhält. Da kann es gut passieren, dass das neue Bild schließlich überhaupt nichts mit den Vorstellungen zu tun hat, die man ursprünglich hatte.

Ihr erstes Buch hieß »Ich schraube, also bin ich« und war ein Riesenerfolg. Warum eigentlich?

Ich glaube, den Menschen wurde damals allmählich bewusst, dass wir dabei sind, viele unserer grundlegenden Fertigkeiten zu verlieren: Dinge reparieren und bauen zu können. Die Verwendung von Werkzeugen war still und leise aus unserer allgemeinen Bildung verschwunden. Dennoch dient die Verwendung von Werkzeugen der Gestaltung der eigenen Welt gemäß der eigenen Intention. Zudem ist sie fundamental für die menschliche Existenz. Wir befinden uns auf einem Kurs in Richtung noch größerer Abhängigkeit und Passivität in der Verbraucherkultur. Bei der Arbeit hatten wir mittlerweile eine Weltanschauung, die Intelligenz mit Sauberkeit und Abstraktion assoziierte. Allerdings passte meine eigene Arbeitserfahrung nicht zu irgendeiner dieser Annahmen. Für gewöhnlich empfinde ich bei meiner Arbeit als Mechaniker größere intellektuelle Herausforderungen als bei der sogenannten »Wissensarbeit«. Das Buch wirbt für eine Arbeit, die sinnvoll ist, weil sie einen praktischen Nutzen hat. Viele Menschen konnten das einfach sofort nachvollziehen.

Was entgegnen Sie denen, die das als recht konservative Einstellung bezeichnen würden?

Ja, ich bin in manchen Bereichen konservativ. Und sehe darin auch nichts Negatives, falls wir mit diesem Begriff jemanden meinen, der das allgemeine Bewusstsein für Dinge, die eine elementare Bedeutung für uns Menschen haben, schützen und bewahren möchte. Für unabhängiges Denken, für fähiges Handeln, für Elemente von Erfahrungen, die bedeutend für die Menschheit sind, jedoch im vorherrschenden Bild vom Fortschritt keinen Platz haben.Der Philosoph Matthew Crawford kritisiert Technologien, die uns die sinnliche Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit abnehmen. Die Lösung liegt für ihn auf der Hand. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie lautet: Handwerk und Tradition.

In Ihrem neuen Buch nun dreht sich alles um die Wiedererlangung der Selbstbestimmung über das eigene Bewusstsein und das eigene Ego. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Ich habe plötzlich selbst realisiert, wie schwierig es ist, einen Moment für sich zu erkämpfen. Wir erleben eine Krise der Aufmerksamkeit. Von früh bis spät sind wir einer Flut von Reizen ausgesetzt. Die alles durchdringende, technisierte Vereinnahmung unserer Aufmerksamkeit ist dabei eine besonders intime Art des Eindringens in unser Selbst. Das sieht man besonders in öffentlichen Bereichen, vor allem in den USA. Jede Oberfläche wird an gewerbliche Interessenten versteigert, die unsere Aufmerksamkeit wollen, um uns alles Mögliche zu verkaufen. Ausgerechnet die Idee von »der Öffentlichkeit« als ein Gefilde mit einer gewissen Würde, die es zu verteidigen lohnt, wurde untergraben. Ich sehe darin ein neues Stadium, Geschäftsmodell des Kapitalismus: Ernte und Vermarktung von Aufmerksamkeit. Unsere Aufmerksamkeit wird angezogen und aufgesogen. Dauernd müssen wir uns entscheiden, wie wir dieses Überangebot ausblenden, um uns nicht darin zu verlieren. Das strengt enorm an. Dabei sind wir in Wirklichkeit Menschen aus Fleisch und Blut, mit einem uralten Sinn dafür, was rechts und links und oben und unten ist. Wir sind körperlich und wollen nach den Dingen greifen, sie spüren. Diese physische Wirklichkeit können wir wiedergewinnen, wenn wir die Erfahrung machen, gestalten zu können. So sehen wir, dass das, was man tut, Wirkung hat. Die aufmerksame, direkte Auseinandersetzung mit den Objekten und unseren Mitmenschen ist für unser Ich-Erlebnis elementar. So erschließen wir uns einen direkten Zugang zur Wirklichkeit. Verlieren wir diese Fähigkeit, verlieren wir den Bezug zu uns und zur Welt.

»Den größten Teil meines Tages bin ich genervt, müde oder geil – genau wie alle anderen.«

Also ein permanenter Angriff auf jeden Einzelnen, unser Ego und Bewusstsein?

Ja, und weil unsere Kraft, diesem Dauerfeuer Widerstand zu leisten, begrenzt ist, werden wir leichter beeinflussbar und kaufen mehr. Es ist ja auch viel schwieriger geworden, sich gegen das Überangebot an Unterhaltungs- und Kaufangeboten zu wehren. Wenn wir dann eigene Geräte wie etwa Kopfhörer nutzen, um dem Krach zu entfliehen und etwas zur Ruhe zu kommen, werden wir mehr und mehr in unserer eigenen persönlichen Welt isoliert. Verloren geht dabei aber die Art eines ge- meinsamen Bereichs, wo wir anderen Menschen direkt begegnen können. Es ist beispielsweise sehr schwierig geworden, in einer Wartehalle am Flughafen ein Gespräch zu beginnen. Dort gibt es dutzende lärmende Fernseher an der Wand und an jedem Sitzplatz ein iPad, das einen auffordert, doch eine Bestellung aufzugeben.

Und wie fühlt sich Ihr eigenes Ego heute? Vollkommen bewusst und zentriert?

Machen Sie Witze? Den größten Teil meines Tages bin ich genervt, müde oder geil – genau wie alle anderen. Manchmal alles gleichzeitig. Ich wäre kein guter Guru.

Was tun Sie, um Ihre Mitte zu finden?

Ich mache mir keine Gedanken über meine Mitte. Ich bin am glücklichsten, wenn ich überhaupt kein Ich-Bewusstsein habe, weil ich von irgendeiner Aktivität ganz in Anspruch genommen werde. Was die Zentrierung betrifft: Manchmal gehe ich auf den Schießstand. Das Abfeuern von ein paar Patronen aus einer 45er Automatik gibt einem das gute Gefühl, einen Effekt erzeugt zu haben. Es ist das Gegenteil von Frustration, jedoch nicht so passiv wie reine Unterhaltung.

Was empfinden Sie, wenn Sie an den Motorrädern schrauben?

Es hat nichts Mystisches an sich. Oft ist es sehr frustrierend. Die schönsten Momente sind für mich, wenn ich herausfinde, warum etwas nicht richtig funktioniert. Genau in diesen Diagnosemomenten fühle ich mich freudig erregt.

Man hätte jetzt vermuten können, dass Ihnen die Probefahrten, Fahren generell die größte Befriedigung gibt. Was fasziniert Sie am Motorradfahren? Und was generell am Fahren?

Es fühlt sich an, als würde man fliegen. Mit der Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten beginnt sich das Motorrad anzufühlen wie eine Erweiterung des eigenen Körpers. Wenn ich ein paar Wochen nicht gefahren bin, fange ich an, mich nervös und gereizt zu fühlen; fast so, als hätte ich mich für zwei Wochen überhaupt nicht körperlich betätigt. Ich glaube, es gibt von Natur aus einen Zusammenhang zwischen Bewegung und Freude. Ist jemand deprimiert, lässt er sich desinteressiert durch das Leben mitschleppen. Wie ein Beifahrer. Aristoteles hat gesagt, Lebewesen unterscheiden sich von der restlichen Natur dadurch, dass sie sich »selbst bewegen«. Beim Fahren eines Autos oder Motorrads bewegt man sich selbstbestimmt, lenkt, dirigiert. Das Fahrzeug verstärkt die eigenen Körperfähigkeiten. Fahren gibt uns ein Gefühl der Freiheit. In dem Buch über das Fahren, das ich jetzt gerade schreibe, nenne ich den Menschen deswegen übrigens Homo moto.

»Ich schreibe gerne SMS. Das ist eine lustige Art von Literatur, insbesondere wenn man betrunken ist.«

Wo wir gerade davon sprechen: Was bedeutet Freiheit für Sie?

Freiheit ist eine Kunst. Sie erfordert Übung. Fahren bedeutet, die eigene Kompetenz in Sachen Freiheit zu trainieren. Ich glaube, deshalb lieben wir das Fahren.

Was halten Sie dann vom autonomen Fahren?

Führerlose Fahrzeuge sind ein Beispiel für eine größere Veränderung in unserer Beziehung zur materiellen Welt. Die Ansprüche an das Können weichen der Aussicht auf Sicherheit und Bequemlichkeit. Der geübte Praktiker wird zum passiven Nutznießer, und die eigenen Fähigkeiten werden bedeutungslos. Menschen sind schreckliche Fahrer – das ist der Refrain. Und es ist schwer, dem zu widersprechen. Wir sind hinter dem Steuer so abgelenkt, als würden uns unsere Autos schon von allen Aufmerksamkeits-Pflichten entlasten. Aber das tun sie nicht. Und das Ergebnis kann für jeden tödlich sein. In modernen Autos nimmt man die Straße als ein weit entferntes, vage spürbares Ding wahr, ganz so, als sei man in viertausend Pfund Plüsch gleichmütig eingepuppt. Die Windschutzscheibe kommt uns wie ein weiterer Bildschirm vor, der aber nicht mit den Dopamin-Bonbons mithalten kann, die uns auf den anderen Bildschirmen geboten werden. Nun wird also das Problem des abgelenkten Fahrens gelöst – indem wir aus dem Fahrersitz entfernt werden.

Man könnte im autonomen Fahren aber auch die Aussicht auf weniger Stau und mehr Sicherheit sehen.

Der durchschnittliche Amerikaner pendelt zur Arbeit hin und zurück in 52 Minuten. Hat sich irgendjemand mal gefragt, warum sich etwa gerade Google als das größte Werbeunternehmen der Welt so für Autos interessiert? Mit dem autonomen Fahren stehen diese 52 Minuten bald zur Versteigerung an den Meistbietenden zur Verfügung. Man muss selbstfahrende Fahrzeuge als eine weitere Stufe im Kampf um die Monetisierung jeden Lebensmoments sehen, der sonst ein wenig privaten Freiraum für den Kopf bieten könnte.

Die tatsächliche Arbeit mit Ihren Händen ist das eine,über das Sie schreiben. Das andere ist die Notwendigkeit, nicht nur mit Dingen, sondern auch mit anderen Menschen zu interagieren. Reicht es nicht aus, dies über Facebook zu tun?

Ich habe Facebook noch nicht ausprobiert. Ich fürchte, es würde zu viel Zeit kosten. Außerdem verstehe ich die Facebook-Kultur als eine Art der konkurrierenden Glückseligkeit, bei der du zeigen musst, wie großartig dein Leben ist. Ich möchte eher nicht in dieser Art und Weise durch die Augen anderer leben und nach »Likes« streben. Zumindest nicht durch die Augen anderer, zu denen ich nur eine schwache Verbindung habe. Es gibt dabei eine Wahllosigkeit. Ich neige zur Zurückhaltung gegenüber den meisten Menschen – und zur Vertraulichkeit nur gegenüber wenigen. Facebook macht jeden zu einem demokratischen Politiker: Jemand, der von jedermannge- liebt werden möchte.

Wie kommunizieren Sie mit Ihren Freunden? Überhaupt kein Social Media?

Kein Social Media, aber ich schreibe gerne SMS. Das ist eine lustige Art von Literatur, insbesondere wenn man betrunken ist.

Ihre Bücher könnte man somit auch als Kritik an unserer Euphorie für Social Media und die Digitalisierung verstehen. Sollten wir kritischer sein?

Häufig ist das, was wir mit »Digitalisierung« meinen, der Ersatz von etwas Konkretem durch eine Repräsentanz. Unser Erleben der Welt wird in hohem Maße durch Repräsentanzen vermittelt, die von Fachleuten geschaffen werden. Ein Aspekt der Repräsentanzen ist, dass sie – anders als die einfache Realität – an uns gerichtet, für uns entwickelt sind. In gewissem Sinne schmeicheln sie uns. Ich denke, ein Grund dafür, warum wir einen Fetisch für die Platzierung einer Schicht von Repräsentanzen zwischen uns selbst und konkreten Dingen haben, ist, dass sie uns die Frustrationen ersparen, die wir im direkten Umgang mit einer Welt haben. Denn der Welt sind unsere Bedürfnisse gleichgültig.

»Der durchschnittliche Amerikaner pendelt zur Arbeit hin und zurück in 52 Minuten. Mit dem autonomen Fahren stehen diese 52 Minuten bald zur Versteigerung an den Meistbietenden zur Verfügung.«

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