Text: Uli Praetor
Bild: Dominik Gigler
7 min

"Die pure Show wäre nicht mehr als l’art pour l’art."

Autos zu designen, weiß Klaus Busse, Head of Design bei Fiat Chrysler, kann eine Leistung von vielen sein. Autowaschen dagegen ist schon fast etwas Intimes. Aber wie bei allem ist es eine Frage der Perspektive. Oder, Herr Busse?

Lassen Sie uns, bevor wir Hand anlegen und die klaren Linien des Autos mit Schaum verwässern, ein gestalterisches Resümee ziehen: Wie lässt sich die optische Klasse der Alfa Romeo Giulia analysieren?

Bei der Wirkung eines Fahrzeugs spreche ich von drei Leveln. First: der Blick aus der Distanz (Fünf Meter Abstand zur Seitenlinie; Anmerkung der Redaktion). Man realisiert so primär die tragenden Proportionen: kurzer Frontüberhang – begünstigt durch den Heckantrieb –, die lange Haube, eine optimal strukturierte Zelle, markantes, aber nicht zu mächtiges Heck. In einem Satz: Das Auto sitzt richtig gut auf den Rädern. Treten wir näher heran, sieht man, dass es sauber durchskulpturiert ist.

Was heißt das?

Ich will damit ausdrücken: Kein Teil und keine »Box« fügt sich mit scharfen Kanten aneinander, alles von der Front bis zum Heck löst sich in fließenden Übergängen auf. Sehen Sie? (Busse fährt mit der Hand von der Wölbung des vorderen Radkastens bis zur Türfläche).

Und das dritte Level?

Da nähert man sich der Materie ganz unmittelbar und es treten horizontale Formen zutage, ähnlich wie Muskeln, die demmenschlichen Körper Kontur verleihen. Wer sich mit Kunst und dabei zwangsläufig mit Körperformen beschäftigt, spürt diese Nähe der beiden Metiers.

Mit den beiden Metiers meinen Sie die Verbindung zwischen Kunst und Design?

Es gibt Ansätze, die sich überschneiden, ja. Ich bin fest davon überzeugt, dass beide auf gewissen handwerklichen Fertigkeiten basieren. Die Grundausbildung zum Künstler unterscheidet sich insofern nicht wesentlich von der eines Designers.In der Kunst beginnt man mit dem Zeichnen eines Körpers oderarbeitet an einer Skulptur. Zur Vision, Form und Linien irgendwann für die Gestaltung eines Alfas einzusetzen, fehlt kein großer Schritt.

Also ist der Designer doch auch ein Künstler?

Das will ich damit nicht sagen. Gemeinsame handwerkliche Ansätze ja, aber man darf einen wirklich großen Unterschied nicht außer Acht lassen.

»Italien verkörpert in vielen Dingen, in der Genusswelt ebenso wie in der Mode, eine eigene Qualität.«

Der da wäre?

Der Künstler ist seine eigene treibende Kraft, während auf den Designer viele externe Kräfte einwirken. Er muss sie berücksichtigen und im Idealfall auch zufriedenstellen.

Die Linien des Autos sind insofern nicht Produkt Ihrer Phantasie, sondern das Ergebnis verschiedener Einflüsse?

Ja, natürlich. Heute muss der Weg hin zu gutem Design als demokratischer Prozess und als Gesamtleistung eines Teamsverstanden werden. Wir haben – vor allem in Italien – zwar viele exzellente Designer erlebt. Superstars der Branche, deren Arbeiten sich im Bewusstsein ihrer Bewunderer als Einzelleistungen eingebrannt haben. Heute sehen wir Designentwicklung anders und handeln entsprechend. Schon während meiner Zeit in den USA, aber vor allem auch hier bei der FCA Group, konnte und kann ich auf ein erstklassiges Team mit einer hervorragenden Führungscrew zurückgreifen. Insofern: Wenn ich mir einen Alfa anschaue – egal in welcher Phase der Entwicklung – geschieht dies nicht alleine, sondern zusammen mit der ganzen Führungsmannschaft quer durch die Marken. Ich empfinde mich dabei als Teil des Teams von Experten, die wissen, worüber sie reden, und die diese Teamkultur mit pflegen und unterstützen.

Stellen Sie Ihr Licht damit nicht unter den Scheffel?

Sicher würde ich Ihnen etwas vormachen, wenn ich nicht zugeben würde, selbst Visionen, begleitet von starker Überzeugungskraft zu vertreten. Aber ich versuche, sie so gut es geht zurückzuhalten und mit dem Team abzugleichen.

Empfinden das die anderen Mitglieder des Teams genauso?

Ich denke schon, da ich bereits bei der Einstellung eines jungen Designers darauf achte, dass er diese Kultur schnell verinnerlicht. Ich will niemanden haben, der mir bei einem Entwurf sagt, für wie toll er meine Idee hält, sondern er soll seine eigene Vision entwickeln und vertreten. Nur so kann Klasse aus dem Input Vieler entstehen.

Heißt das Konsens auf breiter Ebene?

Eine Übereinstimmung in der Beurteilung hilft und stelltdas Erreichte auf eine gute Basis. Dennoch herrscht bei der Frage, welches Design letztendlich an den Start geht, die Erwartung der Konzernführung vor, der ich eine Empfehlung abgebe.

Und der Vorstand wird dieser ohne Wenn und Aber folgen …?

Es ist nicht so, dass der CEO irgendwann im Centro Stile auftaucht, sich das Ergebnis zeigen lässt und dann wieder entschwindet. Nein, es erfolgt ein ständiger und kontinuierlicher Austausch unter Berücksichtigung verschiedener Erwartungen und Blickwinkel. Für das Gelingen eines Automobils müssen viele Disziplinen an den Start gehen und gemeinsam um ein optimales Ergebnis ringen.

Aber ein guter CEO kann nicht gleichzeitig ein toller Designer sein, oder?

So wäre mir das eine zu vereinfachte Sichtweise.

Neuer Anlauf: Vor welchem Hintergrund urteilt ein Vorstand über die Qualität des Designs?

Nehmen Sie ein Restaurant; Sie bestellen ein kreatives und für Sie neues Menü. Auch wenn Sie kein Koch sind, wissen Sie doch, was gutes Essen ausmacht und werden Ihr Urteil abgeben. Ebenso wissen die Mitglieder unserer Führungsetage – allesamt Autobauer mit Leib und Seele –, was ein gutes Modell ausmacht und bringen ihre Sicht der Dinge ganz selbstverständlich mit in den Designprozess ein. Dies ist kein Metier mit Selbstzweck-Charakter. Eines darf man als Designer nie vergessen: Wir entwerfen Modelle nicht fürs Museum oder für Designpreise – die wir uns sicherlich gern ins Regal stellen. Wir gestalten ein möglichst gut verkäufliches Produkt. Die pure Show wäre nicht mehr als l’art pour l’art.

Gleichwohl wollen Sie Ihren Part des Prozesses möglichst optimal leisten. Daher die Frage: Wie entsteht gutes Design?

Indem man es vermeidet, nur hübsche Geschenkverpackungen zu entwerfen. Es geht darum, funktional zu sein. Etwas, das mich vor allem meine zehn Jahre in den USA gelehrt haben. Wenn man auf einem amerikanischen Highway vier Stunden in dieselbe Richtung unterwegs ist, macht Gestaltung nur im Sinne der guten Form wenig Sinn. Alles muss passen, alles muss stimmen, brauchbar und fahrerleichternd. Bei unseren Produkten folgen wir diesem Prinzip mit aller Konsequenz.

»Heute muss der Weg hin zu gutem Design als demokratischer Prozess und als Gesamtleistung eines Teams verstanden werden.«

Ein Alfa Romeo, eine Giulia, und dann der Zusatz:

QUADRIFOGLIO. Ein Sechszylinder mit 510 PS, Heckantrieb und wer mag, mit manuellem Handschaltergetriebe. Das lassen wir jetzt einfach mal so stehen.

Schön, dass es die Giulia gibt. Ein klassischer Sportwagen ist sie zwar nicht, aber sie bietet beste Fahrleistungen und Fahrfreude verbunden mit Alltagstauglichkeit. Das kann in dieser schönen Form sonst niemand.

Trifft das nicht primär für die Gestaltung der Innenräume zu?

Dem will ich nicht widersprechen. Ich sitze im Auto und erlebe es primär aus der Position des Fahrers. Meine Neigung, dem Innenraum alle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die er verdient, hängt sicher mit meinen Jahren als Leiter Innenraumdesign zusammen.

Und wie spricht ein Alfa zu uns? Was dürfen die Alfisti von einem Alfa Romeo Baujahr 2017 erwarten?

Seien wir ehrlich, es gibt keine wirklich schlechten Autos mehr. Eine Differenzierung von Marke zu Marke wird damit immer schwieriger. Ich bin fest davon überzeugt, dass heute mehr den je die Herkunft des Autos für seine Beurteilung eine Rolle spielt. Vor dem historischen Hintergrund entwickelt sich so etwas wie die Seele einer Marke. Zu wissen, dass wir uns in Italien bewegen und von italienischer Lebensart und hiesigem Stil profitieren, hilft dabei enorm. Italien verkörpert in vielen Dingen, in der Genusswelt ebenso wie in der Mode, eine eigene Qualität, und das spürt man. Ein starkes Potenzial an Eigenständigkeit und gestalterischer Schärfe, dazu Individualität – all das schwingt mit.

Etwas flapsig ausgedrückt: Wünschen wir uns eine Art optischen Stallgeruch?

Wenn Sie so wollen. Es geht in diese Richtung.

Lässt sich das im Falle der Giulia an einem weiteren Beispiel festmachen?

(Klaus Busse wandert einmal um das Auto, bleibt kurz vor der Front stehen, geht weiter und landet am Ende vor der Fahrertür.)

Machen wir es uns nicht zu einfach, indem wir die sehr charakteristische Front – mittlerweile wieder eine Art Signum der gesamten Modellpalette – in Augenschein nehmen. Werfen Sie einen Blick auf die Türfläche von der Unterkante des Fensters bis zum Bodenschweller (Er verweist auf die Schwellerlinie, deren Karbonleiste deutlich aus der Seitenfläche herauswächst). Sehen Sie, das ist spektakulär gestaltet: eine wahre Wellenkaskade von oben nach unten. Trotzdem ist die Fläche in sich geschlossen und bar billiger Effekthascherei. Wenn das wie hier gelingt, nimmt die optische Dynamik nochmals Fahrt auf – und das aus unterschiedlichsten Blickwinkeln.Er hat recht – bella Italia! Treiben wir die Sache auf die Spitze: Schwamm, Schaum und Wasser. Dem Meister die freie Auswahl …

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