Text: Wiebke Brauer
Bild: Delius Klasing
6 min

Ein Bildband über die besten Fotos, die es nie gab

Die Geburt des Silberpfeils, ein brennender Mercedes am Nürburgring, das Duell zwischen Hunt und Lauda: Der Bildband »When Motor Racing was bloody dangerous« zeigt die Fotos der Rennsport-Geschichte, die nie gemacht wurden. Dahinter stecken zwei verrückte Tschechen – und die unstillbare Liebe zum Auto.

Blut spritzt, 200 Liter Benzin gehen in Flammen auf, es regnet Champagner, Lungen verätzen, Herzen brechen – das sind die Momente, von denen der Mythos des Rennsports bis heute zehrt. Und keiner hatte damals ein Handy dabei. Zum Glück. Zum einen, weil Legenden ungestört wuchern konnten, da kein schnödes Foto das Gegenteil bewies. Zum anderen, weil das tschechische Künstler- und Computergrafiker-Kollektiv Unique + Limited sonst nie auf die Idee gekommen wäre, nicht fotografierte Augenblicke der Rennsport-Geschichte nachzubauen.

In monatelanger Kleinarbeit, jeden Regentropfen, jede Delle und jeden Luftschlitz am Rechner nachformend, mit Requisiten und Statisten für die eingearbeiteten neuen Aufnahmen. Wie irre muss man sein? Ziemlich.Jan Rambousek und Petr Milerski heißen die beiden Verrückten, die hinter dem Werk stehen. Rambousek besaß eine Werbeagentur in Prag, Petr stieg ein, beide lieben Autos und irgendwann begannen sie, Fotos von Silberpfeilen nachzustellen. Zum Spaß. Als sie die Bilder auf dem Goodwood Festival of Speed vorstellten, war der Erfolg so groß, dass sie die Agentur schlossen und sich auf die neue Arbeit konzentrierten. Heraus kam ein Bildband mit 21 Kompositionen. Begleitet von den Geschichten des Motorsport-Experten Bart Lenaerts, zeitgenössischen Fotografien und Grafiken zur Entstehungsgeschichte der technischen Kunstwerke. Unter anderem kann man einen Boxenstopp der Rennfahrerin Elisabeth Junek in ihrem Bugatti 35B bei der Targa Florio 1928 bewundern, über den Asphalt schwebende Silberpfeile, aufgenommen 1937 in Donington, Großbritannien – oder den Ford GT40-Zieleinlauf 1966 in Le Mans von Bruce McLaren und Chris Amon. Die Anekdote dazu: Chris Amon wird mit 22 Jahren der jüngste Le-Mans-Sieger aller Zeiten – und gewinnt nie wieder. „Sein Pech ist so legendär“, ist nachzulesen, »dass Mario Andretti spottete: ,Wenn Chris Bestatter geworden wäre, würden die Leute aufhören zu sterben.’«Ob die Storys alle wirklich stimmen oder nicht, wer weiß. Wurde wirklich die weiße Farbe von den Silberpfeilen abgekratzt, um ein Kilo Gewicht zu sparen? Versteckte  Richard Seaman die Preisgelder wirklich im Auspuff seines Mercedes-Rennwagens, weil er 1937 als Brite keine Devisen ins Ausland bringen durfte? Man weiß es nicht. Im Buch findet sich der Satz: »Die Wahrheit sollte niemals durch eine gute Geschichte gestört werden.« Was natürlich völlig falsch ist. Es muss heißen: Eine gute Geschichte sollte niemals durch die Wahrheit gestört werden. Und ein gutes Foto auch nicht dadurch, dass es nie geschossen wurde.

Bart Lenaerts: »When Motor Racing was bloody dangerous – Ein Bildband nie gemachter Rennsportfotos«, 252 Seiten, 164 Computergrafiken, 29 Farbfotos, 112 s/w Fotos, Delius Klasing Verlag, 59,90 Euro.

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