Eine Nacht im Museum

Macht doch heute Abend mal wieder etwas mit den Jungs, hatten Sabine und Tabitha gefordert. Aber bitte nicht ganz so viel Blödsinn wie sonst. Wie wäre es denn zur Abwechslung mal mit etwas Kultur, ein bisschen Bildung? Eine gute Ausstellung etwa oder ein Museumsbesuch am Tag des Museums?
Text Michael Köckritz
Bild Steffen Jahn

Mütter haben selbstverständlich eine wunderbare Rolle. Wir Väter aber auch. Wir sind nämlich etwas ganz Besonderes, was schon alleine darin begründet ist, dass wir in der Regel leider viel weniger Zeit mit unseren Kindern verbringen als die Mütter. Außerdem sind wir Männer und deshalb in vielem ganz anders als Frauen. Zum Glück. Für uns, die Kinder und die Frauen.

Nicht, dass das, was man mit Mama erlebt langweilig wäre, aber es gäbe keine größere Enttäuschung, wenn Papa dann endlich mal abends nach Hause kommt oder am Wochenende Zeit hat, und dann genau das Gleiche mit dem Nachwuchs machen würde wie Mama. Mütter stehen für Sicherheit, wir für Abenteuer. Also sind wir gefragt bei allem, was aufregend ist und ein bisschen gefährlich (oder so aussieht), und Jungs lieben es, wenn Papa sie in seine Welt, in die Welt der Männer einführt: Pfeifen, Schnitzen, Fahrradfahren inklusive. Schließlich verrät Papa ja auch – wenn Mama nicht in der Nähe ist – , dass er (fast) alles weiß.

Eigentlich kann man sich mit Papa nicht nur bedenkenlos in einen Einkaufsbummel mit Mama wagen, sondern auch in den Dschungel, mit Snowboards und Skiern steile Hänge hinabstürzen oder auch mal nachts mit ihm in ein Museum einbrechen, weil man es dann für sich alleine entdecken kann …

So viel zum pädagogischen Auftrag.

Im Prinzip ist das Mercedes-Benz Museum ein einfaches Gebäude. Alles ordnet sich hier einer Idee unter: Bewegung. Der Abschied vom Statischen als erste liebevolle Hommage an den Inhalt. Also dürfen Linien und Flächen demonstrativ und sympathisch befreit vom Ernst der Marke Dynamik atmen, alles schwingt, schwellt und windet sich, als habe ein techoides Organ fröhlich einen Turbomotor verschluckt. Große Choreografie. Beton und aluminiumsilbrige Bänder haben dann einen günstigen Augenblick abgewartet, um eine besonders gelungene Momentaufnahme der guten Mythos-Laune einzufangen, um sie fortan für die Ewigkeit und alle Automobilenthusiasten zu bewahren. Große Choreographie. Schwung brachte das Objekt auch in den Statikeralltag. Wie viele Nervenzusammenbrüche und Schreikrämpfe hier tatsächlich ursächlich mit der kühnen Konstruktion in Verbindung gebracht werden müssen, ist nicht dokumentiert, aber wir glauben gerne den überlieferten ersten Kommentar eines Statikers: Geht nie! Um den ambitionierten 150-Millionen-Euro-Silberling realisieren zu können, sagt Architekt Ben van Berkel, habe sein Team und das angeschlossene Netzwerk aus 250 Ingenieursbüros jedenfalls mehr programmieren als zeichnen müssen bis die 110 000 Tonnen Beton schließlich ideal verdreht verbaut waren. Pionierarbeit.

Zur Belohnung durften die Architekten dann auch zur Eröffnung etwas Hilfestellung in der Einordnung des Ganzen geben: Die zweifach verschränkte Betonspirale, formulierten sie, erinnere an eine „Doppelhelix“, sei eine „Metapher für die Erbanlage der Marke“. Vermutlich gab’s da vorher schon eine Runde Champagner.

„Wow! Sieht ja echt aus, wie ein Doppelwhopper“, ist dann Tims erster Kommentar, als wir uns unserem Zielobjekt nähern. „Ich finde, es ähnelt eher einem silbernen Wal mit Spoiler“, wirft Valentin trocken in unsere Männerabend-Runde. Sieben und zwölfjährige Jungs haben eben ihre eigenen Assoziationen. Nur gut, dass kein Architekt in der Nähe ist. Überhaupt ist niemand in der Nähe. Da, wo am Tag geballtes Automobilinteresse (860 000 Besucher im Jahr 2007, dazu 11 000 Gruppen, mehr als 2 100 Schulklassen, knapp 300 Veranstaltungen!) in kollektive Bewegung und Besucherströme umgesetzt wird und als weitere, lebendige Dynamik-Facette nachhaltig prägt, passiert heute Abend wenig. Nur wir. Gut so! Für das Publikum ist das Museum von Dienstag bis Sonntag von 9:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Jetzt ist es kurz vor 21:00 Uhr. Passt.

Auch im Innern wird alles aufgelöst, was bisher als Rahmenbedingung für Architektur galt: Der Fußboden kurvt sich zur Wand, die Wand schneidet sich als Betonwelle in die Decke, und in dem ganzen Formenstrudel verschwimmen die klassischen Etagen, und werden zu einem spannenden automobilgeschichtlichen Lehrpfad, der über neun Ebenen lockt. Alleine das Atrium! Ein Atrium von Atrium. 40 Meter hoch. Organische Betonoptik pur, kühn über Stahlschienen an die Wand geheftete Aufzüge, wie aus einem Science-Fiction-Film. Metropolis lässt grüßen! Sollte es eine Fortsetzung des Films geben, dann muss hier gedreht werden, sind Christian und ich uns spontan einig. Tim und Valentin kennen Metropolis und Fritz Lang natürlich nicht, haben aber eine andere Idee: „Das Richtige für Spiderman“, meint Valentin. „Ja, der würde hier locker paar Spinnfäden in die Wand schießen und sich dann hochschwingen“, ergänzt Tim. Wir Väter sehen nur kurz in die Höhe und plädieren dann doch lieber für eine konventionelle Lösung und damit für die Aufzugsvariante. Ist auch okay.

„Das Richtige für Spiderman“, meint Valentin. „Ja, der würde hier locker paar Spinnfäden in die Wand schießen und sich dann hochschwingen“, ergänzt Tim.

Oben beginnt die Reise in die Vergangenheit mit einem Wiehern. Ein Pferd begrüßt uns, weiß, ausgestopft. Darunter ein Zitat: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.“ Stammt vom guten Kaiser Wilhelm Nummer 2. „Hatte der auch sonst keine Ahnung?“, will Tim umgehend wissen. Meine Antwort fällt eher diplomatisch aus.

Dann geht’s auf zwei Spiralwegen hinab. 160 Exponate und 1500 Exponate warten auf uns. Wir könnten fünf Kilometer laufen, bis wir alle Ebenen bewältigt hätten. Machen wir aber nicht. Hätten gar nicht die Zeit. „Hier sollten wir mal Ferien machen, so ein, zwei Wochen“, schlagen die Jungs vor. Trifft die Sache. Also nur Automobilgeschichte im Schnelldurchgang. Angesteuert wird das, was spontan reizt, fasziniert. Im Schein der Taschenlampen blendet sich das Heute aus. Abgesehen davon: Wie lange halten eigentlich moderne Batterien?

Da ist natürlich das Große, das Besondere. Der Mercedes-Simplex 40 PS, das Uhlenhaupt-Coupé, die Silberpfeile. Aber es sind auch die vielen Überraschungen und Details die verzaubern. Die Jungs entdecken sofort den alten Strandball im Mercedes 300 TD von 1985 und das VIE-EH Nummernschild am olivgrünen Mercedes mit den Schaffellbezügen. Ein feinsinniges Feuerwerk an Ideen. Kein Besucher wird imstande sein, alle versteckten Hinweise in diesem Museum zu bemerken, hatten die Väter im Vorfeld gelesen. Nach unterhaltsamen drei Stunden sind wir sicher, dass das stimmt. Mehr verraten wir hier aber nicht. Mussten das Tim und Valentin versprechen. „Sollen die Anderen doch selbst daraufkommen“, haben sie am Ende mit einem verschmitzten Grinsen unisono gefordet. Stimmt eigentlich.

Vielleicht veranstaltet das Museum nach diesem Beitrag sogar nächtliche „Einbrecher-Führungen“. Maglite sponsert sicher.


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