Roadmovie: Fahren, um zu fahren

Nirgends ist Autofahren schöner als im Film. Und nie wieder wurde konsequenter nirgendwohin gefahren als im Road Movie. Und im Sommer.
Text Peter Lau
Bild Laurent Nivalle

Irgendwie waren immer alle unterwegs damals, lange vor jeder Zeitrechnung. Das war der Lebensstil. Später nannte man sie Jäger und Sammler, aber niemand weiß, wie sie sich selbst bezeichneten. Als Freigeister? Freaks? Easy Rider? Vor rund 10000 Jahren war dann jedenfalls Schluss: Ackerbau und feste Siedlungen waren die neuen Hauptstraßen der Evolution, Viehzucht und einige primitive Techniken kamen hinzu, und so sah es für einen kurzen Moment, für nur wenige tausend Jahre, tatsächlich so aus, als wäre das Leben ganz simpel. Die Menschen arbeiteten, vermehrten sich und saßen ansonsten stumpf rum, ein Zustand, den wir noch heute in Erinnerung an unsere Ahnen „stoned“ nennen. Doch nicht alle trauten dem Frieden. Einige Easy Rider hockten abends vor ihren Hütten und starrten auf den Horizont, hinter dem die Welt in einem Abgrund endete, und während sie an ihren Nachtmahlknochen nagten, erhob sich in ihnen das merkwürdige Gefühl, etwas ganz Wichtiges verloren zu haben. Es war, als würde ein gigantisches Gewitter aufziehen, ein Tosen lauter als viele Mammuts, das das Leben unendlich kompliziert machen würde, voller Absprachen und komplexer Regeln. Und sie hatten Recht. Das fahle Licht in der Ferne war kein Wetterleuchten. Es war die Dämmerung der Zivilisation.

Niemand hat etwas gegen den Fortschritt. Nur ist das Neue bloß stets eine wenig fragwürdig, weil man es nicht kennt. Als die ersten Eisenbahnen neue Geschwindigkeitsrekorde aufstellten, hieß es, Menschen würden sterben, bewegten sie sich schneller als mit 30 Stundenkilometern. Als die Brüder Lumière während ihrer frühen Filmvorführungen 1895 die Einfahrt eines Zuges in einen Bahnhof zeigten, stürzten die Zuschauer in Panik aus dem Saal, aus Angst, der Zug würde sie überrollen. In Hongkong bezahlte der Besitzer des ersten Kinos drei Wochen lang seine Mitbürger, damit sie sich Filme ansahen, um ihnen die Angst zu nehmen, die Schatten auf der Leinwand würden über sie herfallen. Später fanden es dann aber alle toll. Die Geschwindigkeit und das künstliche Bild waren die Sensationen der Neuzeit, unheimlich und faszinierend, erst recht zusammen. Bald rasten Männer in Flugzeugen, Zeppelinen, Zügen, Schiffen, sogar in der Wuppertaler Schwebebahn, vor allem aber in Autos über die Leinwand – was für ein Temporausch, den wollte jeder erleben. Das Kino startete als Spektakel und ist dieser Tradition bis heute treu geblieben: Immer noch leben die meisten Blockbuster von hoher Geschwindigkeit und nie gesehenen Attraktionen, von Hormonen, die in schweißnassen Armlehnen versickern, und einem Tempo, das keinen Moment die Frage nach einem Sinn aufkommen lässt.

»Die Geschwindigkeit und das künstliche Bild waren die Sensationen der Neuzeit, unheimlich und faszinierend, erst recht zusammen.«

Schön ist es, unterwegs zu sein, aber leider kommt man irgendwann irgendwo an. Vor der Ankunft ist Platz für Hoffnung: Ein unbekannter Ort könnte eine neue Heimat werden, ein kleiner Job ein großer Sprung in der Karriere, ein fremder Mensch eine Liebe fürs Leben. Doch kaum angelangt, hält neben dem optimistisch in die Sonne blinzelnden Reisenden schon eine zweite Kutsche und ihr entsteigt… Mutter! Na ja, die Vergangenheit eben. Das Elend. Und es geht weiter wie bisher. Besser also, man bleibt unterwegs und verschiebt die Ankunft auf das nächste Leben. Ein Fall für die Traumfabrik.1934 kam „It Happened One Night“ von Frank Capra in die Kinos. Niemand erwartete von der kleinen Komödie besonders viel, die Hauptdarsteller Clark Gable und Claudette Colbert hatten, so hieß es, ihre beste Zeit bereits hinter sich, und die Story war dünn: Ein Reporter trifft im Überlandbus eine ausgerissene Millionärstochter, die von ihrem Vater landesweit gesucht wird, die beiden fliehen gemeinsam durch die USA, verlieben sich, verlieren sich und finden schließlich doch zueinander. Doch zur allgemeinen Überraschung wurde der Film ein Riesenerfolg. Er bekam mehrere Oscars und ging zudem mit seinen rasanten und pointierten Dialogen als erste Screwball-Komödie in die Filmgeschichte ein. Er war aber auch der erste Road Movie, allerdings ein sehr untypischer: Es gab ein Happy End. Und benutzt wurden vor allem öffentliche Verkehrsmittel.

Der Traum des Road Movie ist der Traum von der Flucht: schneller sein als der Alltag – und Mutter! Die große Zeit des Road Movie waren die 60er und 70er Jahre, damals wurden die Regeln und Grenzen des Genres festgelegt. Grundsätzlich geht es um Flucht und Verfolgung: Der Held wird gehetzt, weil er gegen das Gesetz verstoßen hat, manchmal weil er ein Gangster ist, meistens aber nur, weil er andere Vorstellungen vom Leben hat als die anderen. Die anderen, das sind Mutter, der Sheriff, die Regierung, die Banken, die Ex-Frau, die Bevölkerung, kurz alle, die sich zwischen den Helden und seine Freiheit stellen. Der Held könnte dagegen vieles tun, er könnte sich wehren, diskutieren, Verbündete suchen, einen eigenen Staat gründen oder in einer Talkshow auftreten, doch das fällt ihm nicht ein. Abgestoßen von einer Gesellschaft, die ihm das Leben schwer macht, indem sie zum Beispiel Geschwindigkeitsbegrenzungen einführt, springt er ins Auto und gibt Gas: Woanders ist es bestimmt besser! Mutter, der Sheriff, die Ex-Frau und all die anderen brettern hinterher, auch ihnen ist eine etwas ungesunde Fixierung auf das Auto anzumerken, und dann gibt es eigentlich nichts mehr zu sehen außer Auffahrunfälle und Statisten, die im letzten Moment zur Seite springen.

Richard Sarafians 1971 erschienener Film „Fluchtpunkt San Francisco“ ist typisch: Vietnam-Veteran Kowalski (Barry Newman) wettet, dass er ein Auto in 15 Stunden von Denver nach San Francisco bringen kann. Schnell fällt er durch sein hohes Tempo auf, bald ist die Polizei hinter ihm her, und als er trotz aller Fahrkünste nicht mehr entkommen kann, rast er mit Vollgas in eine Straßensperre, die so fett und böse die Sicht auf den Horizont versperrt, dass man sofort weiß: Das ist ein Symbol! Die PS-Tragödie erregte damals bei den jüngeren Zuschauern Empörung, sogar Abscheu, waren sie doch alle irgendwie Kowalskis, die um ihre Freiheit, sprich Jeans und lange Haare, kämpfen mussten. Hätten die Bullen bei ihnen nicht ohnehin schon verschissen gehabt, wäre spätestens nach dem Kinobesuch die Sache klar gewesen: Die Schweine haben den (den? uns!) umgelegt, und nur wegen zu schnellem Fahren!“

„Ja, ey, aber er ist aufrecht gestorben, wie ein freier Mann!Geld, Schrift und andere Kulturleistungen schufen vor rund 5000 Jahren die Grundlage unserer Zivilisation, die von ihren Mitgliedern bis heute zunehmend komplexere Verhaltensweisen fordert. Dagegen gab es kaum Widerstand, vermutlich, weil der Überblick fehlte. Als endlich einigen dämmerte, was passiert war, war es zu spät: Die Zeit, als das Großhirn als Spielzeug für Schwächlinge galt, weil echte Männer mit dem Stammhirn jagen, war vorbei. Und weglaufen ging nicht, denn die Welt war rundum zivilisiert. Aber vielleicht wegfahren? Das ist der Mythos des Road Movie. Man könnte jeden dieser Filme auch mit Fußgängern erzählen, etwa „Bonnie und Clyde“ von Arthur Penn mit Faye Dunaway und Warren Beatty, eine längliche Geschichte über ein gutherziges Paar, das von der Armut in der Provinz erschüttert ist und schließlich wegen Kleinigkeiten (Banküberfälle) vom Schweinesystem niedergemacht wird. In der Steinzeit wäre Faye Dunaway zu Fuß im Fellbikini unterwegs gewesen, hinter ihr eine speerwerfende Horde auf Plattfüßen. Das funktioniert bloß nicht, weil es stets einen technologischen Vorsprung geben muss. Der Held hat immer das bessere Auto oder zumindest ist er der bessere Fahrer. Dahinter steht die Hoffnung, mit Hilfe der Technik den Folgen der Technik, der Gesellschaft, zu entkommen.

In ihrer verkehrs- und abbiegungsfreien, also reinsten Form ist eine Straße so simpel wie der Denkprozess eines Reptils: Flucht oder fressen, gehen oder bleiben – es braucht nur einen Impuls, der die Bewegung in Gang setzt, der Rest folgt einer zwingenden Linie, zum Beispiel der des Asphalts. Im menschlichen Gehirn kommen solche Impulse aus dem Stammhirn (auch Reptiliengehirn genannt). Es handelt, während das Großhirn noch hadert, und sorgt so für schnelle Reaktionen – Wettrennen werden im Stammhirn gewonnen. Meistens werden die Verhältnisse im Road Movie allerdings noch unter Reptilienniveau abgehandelt, denn eine Wahl gibt es in der Regel nicht. Jeder Highway wird zur Einbahnstraße, sobald Mutter im Rückspiegel erscheint. Und jede Straße vor dem Wagen verwandelt sich in einen Pfeil, der auf den Horizont zeigt, sobald man die Fluchtperspektive für die Realität hält. Nur wenn sich mehrere Straßen treffen, wird es für das Stammhirn zu kompliziert. Deshalb spielen fast alle Road Movies auf dem Land, bevorzugt in der Wüste, wo nichts an die Zivilisation und ihre üblen Tricks (Diskussionen, langfristige Absprachen, Verantwortung) erinnert. Die wenigen Ausnahmen machen die Genre-Regeln umso deutlicher: In „American Graffitti“ porträtierte George Lucas 1973 eine Gruppe Jugendlicher während der Nacht ihres Schulabschlussballs, in der sie bis zum Morgen durch die Stadt fahren: Das Straßennetz spiegelt das Beziehungsgeflecht, die Autos sind Ausdruck von Persönlichkeit und Medium der Begegnung. Am Schluss gibt es ein illegales Rennen, natürlich außerhalb der Stadt. Am nächsten Morgen trennen sich die Jugendlichen, sie fahren zu ihren Highschools und werden erwachsen. Nur der Sieger des illegalen Rennens, ein echter Easy Rider, bleibt in der Provinz zurück.

→ Lesen Sie die komplette Geschichte in:

CAP: Summer Vibes – a ramp Book by Michael Köckritz

Die Wärme und Leichtigkeit des Augenblicks. Sonne und Licht, dazu ein endlos blauer Himmel – so bieten sich perfekte Sommertage an. Steht ein Porsche bereit – um so besser!


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