Text: Othmar Konrad
Bild: Roman Kuhn
5 min

Falken Highperformance im Bentley Bentayga

Selbst für Bentleys privilegierte Kundschaft, nicht gerade geplagt von banalen Alltagsproblemen, ist die Frage, wohin mit dem Vogel, keine, die ihr nachts den Schlaf raubt. Doch was ein guter Luxusausstatter sein will, der plagt sich gerne mit Fragen herum, die der Klientel das Leben angenehmer machen. Ob sie’s nun will oder nicht.

Unsere Aufgabe ist es, Wünsche zu erfüllen, bevor der Kunde weiß, dass er sie hat«, erklärt ein Mitarbeiter von Mulliner, Bentleys traditionellem Coach-Veredler, der das Antizipieren von ausgefallenen Kundenwünschen seit vielen Jahrzehnten zur hohen Kunst entwickelt hat.

Coach Building galt einst als edles Handwerk. Motor Cars in Handarbeit auf ganz spezifische und persönliche Bedürfnisse hin zu bauen, war die Krönung der Automobilistik. Eine Gesinnung, die heute im Zeichen beinharten Wettbewerbs um die obersten Ränge im Super-Luxus-Segment wieder Wertung gewinnt. »If you can think it, we can build it«, war der etwas großspurig wirkende Wahlspruch der amerikanischen Coachbuilder in den 1930er- und 1940er-Jahren. Die Kollegen aus dem englischen Crewe nennen diesen besonderen Anspruch heute – schick understated – »bespoke installation«.Große Stückzahlen waren niemals notwendig im Reich automobilistischer Maßschneiderei, schnöde Serienproduktion würde dem edlen Konzept ja prinzipiell widersprechen. Weshalb der Bentley Bentayga Falconry by Mulliner, so der offizielle Titel des edlen Automobils, das in der arabischen Wüste vorgestellt wurde, ein Einzelstück ist.

Noch. Nun ja, der potenzielle Abnehmerkreis für eine Luxuslimousine der obersten Oberklasse, ausgestattet für die speziellen Bedürfnisse arabischer Falkner, zum Beispiel, erscheint recht übersichtlich. Sollte man meinen. Schließt man jedoch aus der Reaktion einiger nahöstlicher Kollegen, denen Tränen der Rührung in den Augen standen, hätte der fahrende Vogelkäfig durchaus das Zeug, mindestens ein paar Dutzend jener arabischen Potentaten glücklich zu machen, die der Falknerei huldigen. Und der Preis, obwohl nicht genannt, würde den Aufwand sicherlich rechtfertigen.

So klein sei die Zielgruppe nicht, wurde vom fachlich geschulten Personal eingeworfen, immerhin sei die Falknerei, seit über 2.000 Jahren praktiziert, nicht nur eine der ältesten Sportarten der Welt. Vielmehr gelte das Jagen mit Falken auf der arabischen Halbinsel gar als Volkssport. Das mag bei Preisen von einer Million US-Dollar für einen Falken der Marke Saker etwas optimistisch betrachtet sein. Und die Prinzen des Morgenlandes, die den Vogel fliegen lassen, legen auf übermäßige Anteilnahme der normalen Bevölkerung sicherlich keinen besonders großen Wert.Aber sie lieben ihre Vögel. Die Beziehung zwischen einem hochtrainierten Falken, egal ob Saker oder Peregrin, und dessen Besitzer ist mehr als innig. Für sie sind ihre Tiere weit mehr als nur teurer Zeitvertreib oder Statussymbol, die hochintelligenten Jäger gelten als Erweiterung der Persönlichkeit des Falkners, als sein zweites Ich. Kein Pferd, kein noch so prächtiges Renn-Kamel kann da mithalten. Und folglich ist den Emiren, den Scheichen oder einfach nur den Reichen der arabischen Halbinsel für ihre Falken nichts gut genug. Was uns wieder zurückbringt zum Bentley und der potenziellen Marktlücke.Wer wäre nicht gerne bei den Research and Development Meetings von Mulliner dabei gewesen?

Was kann man einem wohlhabenden Falkner im Nahen Osten als Sonderausstattung anbieten?

Auf welche Akzente wird Wert gelegt, welche gleichen einem Tabu?

Beeinflusst Farbwahl, Akustik, Optik in der Innenausstattung die hochgezüchteten Jagdvögel?

Wir wissen, was den Falkner beruhigt, aber was ist mit den Vögeln?

Ist es überhaupt erwünscht, dass das Tier ruhig ist?Herausgekommen ist ein einmaliges, auf seine Weise hochspezialisiertes Automobil von Bentleys »personal commissioning division«. Mit dem Bentayga hatte man ja schon mal einen guten Ausgangspunkt – Luxus-SUV mit allen erdenklichen Extras, einem exzellenten Fahrwerk und einem sensationellen Antriebssystem. Was fehlte, war die Erfüllung ornithologischer Sonderwünsche.

Der Falkner, zugegebenermaßen in Lohn und Brot von Bentley und deshalb nicht ganz objektiv, war voll des Lobes. Der Falke war nicht ansprechbar, nickte aber heftig mit dem Kopf. Sei dem, wie ihm wolle, im Heck des riesigen SUV, wo normale Bentley-Kunden ihre Minibar haben oder einen überdimensionierten Picknick-Korb, finden sich zwei handgearbeitete Boxen (aus feinstem Holz, versteht sich): eine sogenannte »Master Flight Station« mit Platz für die GPS-Tracking-Antennen und ein elegantes 3,5-Zoll-Buck-Messer. Dazu eine Laser-gravierte Schublade für die eigentliche GPS »tracking unit«, Feldstecher und sowohl das – natürlich handgenähte – Käppchen für den Vogel als auch Erfrischungstücher fürs Herrchen.Für das Wohlergehen des Jägers vor dem Start und nach getaner Arbeit ist gesorgt. Im Heck ruht der Falke auf einer herausnehmbaren Landestation, während er – wohlklimatisiert und stets im Schatten – auf seinen Einsatz wartet. Eine (sehr diskrete) Abdeckung schützt den Laderaum des Bentley derweil vor plebejischem Vogeldreck. Bentley entwickelte dafür ein spezielles Kork-Leder-Material, das dem Tier zudem äußersten Komfort bieten soll. Dasselbe Korkleder, krallenschonend, ziert den Thron über der Mittelkonsole zwischen den Vordersitzen, auf dem der Falke während der Fahrt zur Jagd sitzt – ohne Sicherheitsgurt, wohlgemerkt, weshalb man dem Tier bei zügiger Fahrt oder abruptem Bremsen alles Gute wünscht. (Irgendwie, man möge es mir verzeihen, erinnert der Vogel zwischen den Sitzen ein wenig an Tick, Trick und Track in Donald Ducks Auto. Aber, sei’s drum, die Ducks waren eh nie der große Hit in saudi-arabischen Kinderstuben.)Bleibt noch der Falkner selbst. Neben dem für Bentley selbstverständlichen Überangebot an bestem Leder und Edelholz gibt’s fürs Auge eine aus 430 individuellen Edelholzpartikeln gefertigte Intarsienarbeit am Armaturenbrett (»the pride of Mulliner’s men«), die einen Falken im Flug zeigt. Fürs Gemüt findet sich im Heck ein klimatisierter Getränkeschrank, für jene Söhne des Orients, die sich abseits vom Auge des Mullah schon mal einen einschenken wollen.

Das uns zu einem mehr erdgebundenen Vergnügen bringt, ein Erlebnis, das man mit einem Pub-Besuch der Jungs aus Crewe nach dem lokalen Fußballspiel vergleichen könnte – Dune Surfing. Kaum sind die Falken verstaut und – in einem der »support vehicles« – auf dem Weg ins heimische Nest, lassen es die Prinzen krachen. Stimmt das Gerücht, dass Sand-Surfen zum festen Bestandteil des Testprogramms aller Luxus-SUVs gehört, die im Nahen Osten angeboten werden, reiche ich hiermit meine Bewerbung als Testfahrer bei Bentley ein.

    Related Stories

    Spiel auf Zeit

    MAZDA CX-5 2019 – double trouble in Lapland

    Das Custom Car und sein Bedeutungswandel

    Zeitlose Sportwagen-Faszination für die Elektro-Zukunft