Ferrari 296 GTB: Vom Wind gezeichnet

Salvatore Sedda arbeitet seit fünf Jahren als Aerodynamiker bei Ferrari. Wir haben mit ihm über den neuen 296 GTB gesprochen – und über die Zusammenarbeit mit Flavio Manzoni.
Text Matthias Mederer
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Salvatore, Sie arbeiten seit fünf Jahren bei Ferrari und sind zuständig für die Aerodynamik. Haben Sie mittlerweile wenigstens ein eigenes Büro?
Wie kommen Sie darauf?

Firmengründer Enzo Ferrari meinte einst ja über Aerodynamik …
… sie sei etwas für Menschen, die keine Motoren bauen können. Ja, ich kenne dieses Zitat. Wir kennen alle dieses Zitat.

Haben Sie deshalb einen besonders schweren Stand in der Firma?
Nein. Eigentlich nicht. Hin und wieder kommt mal ein frecher Journalist, gräbt das alte Zitat aus und versucht einen zu ärgern. Aber ich habe einen der besten Jobs der Welt. Da lässt einen so etwas kalt.

Touché.
Und mal im Ernst, Das, was ich von Enzo Ferrari weiß, war er vor allem ein Mann, der danach strebte, seine Autos immer weiter zu verbessern. Und zwar in allen Belangen. Ich bin mir also absolut sicher, er wäre ein großer Verfechter der Aerodynamik.

»Das, was ich von Enzo Ferrari weiß, war er vor allem ein Mann, der danach strebte, seine Autos immer weiter zu verbessern. Und zwar in allen Belangen. Ich bin mir also absolut sicher, er wäre ein großer Verfechter der Aerodynamik.«

Salvatore Sedda

Über die Bedeutung der Aerodynamik bei einem hochmodernen Sportwagen brauchen wir nicht zu diskutieren. Gleichzeitig prägt das Design maßgeblich die Identität und die Identifizierung. Wie dürfen wir uns da die Zusammenarbeit mit Flavio Manzoni und seinem Design-Team vorstellen?
Es ist eine leidenschaftliche Beziehung, würde ich sagen. Wir arbeiten stets an den emotionalsten Autos der Welt und uns ist allen klar, dass diese Autos in puncto Performance aber eben auch in ihrem Aussehen absolut einzigartig werden sollen. Da gibt es natürlich auch mal Themen, bei denen wir nicht einer Meinung sind und die dann auch mal über mehrere Runden sehr intensiv abgearbeitet werden. Das ist ganz normal.

Die Designlinie des 296 GTB zitiert zumindest in Teilen den legendären 250 LM. Wie läuft so ein Prozess in der Entstehungsphase? Wer gibt hier wem was vor? Beziehungsweise wer entwickelt auf wessen Vorgabe?
Grundsätzlich beginnen wir mit den ersten aerodynamischen Arbeiten rund ein Jahr vor dem Design. Das sind aber noch sehr grundsätzliche Dinge. Dann war es zum Beispiel beim 296 GTB so, dass wir zu einem gewissen Zeitpunkt erste Skizzen von Flavio gezeigt bekommen haben. Hierbei handelte es sich um zwei, drei Varianten, die das Design unabhängig von unserer Arbeit entwickelt hat. Schon hier war übrigens bei einer Variante sehr deutlich das Thema des 250 LM aufgegriffen worden. Anhand der Design-Entwürfe können wir dann wiederrum ablesen, wo wir vielleicht einen Kühler platzieren, wie groß die Lüfter werden können, solche Dinge … Von da an wird es dann Schritt für Schritt konkreter. Es ist wie ein Ping-Pong-Spiel. Wir werfen uns die Dinge immer wieder zu.

»Es ist wie ein Ping-Pong-Spiel. Wir werfen uns die Dinge immer wieder zu.«

Salvatore Sedda

Das bedeutet, das geflügelte Wort von der form-follows-function lässt sich so für ein Ferrari-Straßenfahrzeug nicht zu 100 Prozent anwenden.
Ich würde es eher so sagen: es gibt Gestaltungsmöglichkeiten, um eine Funktion zu erreichen. Wenn ich weiß, welche Funktion ich erreichen möchte, gibt es bisweilen mehrere Lösungen ans Ziel. Das macht die Aufgabe einen Ferrari zu Entwicklung einerseits sehr komplex, andererseits sehr spannend. Wir haben beim 296 GTB das Volumen des Fahrzeugs optimiert, was dem Design diese sehr klare und elegante Linie ermöglichte. Es wirkt beinahe, als ob sich alle leistungsorientierten Elemente mühelos in das Design integrieren. Nehmen wir den aktiven Spoiler, der in die hinteren Stoßfänger integriert ist und bei Bedarf einen Anpressdruck von maximal 360 Kilogramm bei 250 km/h in der Konfiguration mit dem Assetto Fiorano-Paket erzeugt. Im Ruhezustand ist er kaum zu erkennen und lässt so die pure Silhouette des 296 GTB für sich wirken. Stellen Sie da mal einen F40 daneben.

»Wir haben beim 296 GTB das Volumen des Fahrzeugs optimiert, was dem Design diese sehr klare und elegante Linie ermöglichte. Es wirkt beinahe, als ob sich alle leistungsorientierten Elemente mühelos in das Design integrieren.«

Salvatore Sedda

Im Rennsport heißt es bekanntermaßen: ein schnelles Autos ist ein schönes Auto. Gilt das auch für ein Straßenfahrzeug?
Da der Motorsport in jedem Straßenfahrzeug von Ferrari lebt, würde ich spontan sagen: ja. Dennoch gelten natürlich auch für ein Straßenauto immer noch ein paar andere Kriterien, gerade bei einem Ferrari. Aber nochmal: der ästhetische Anspruch, genau wie der Anspruch an die Performance eines Ferrari sind nicht zwei gegenläufige Dinge. Sehr oft entwickeln sie sich gemeinsam, das eine bedingt das andere und so weiter. Nehmen sie die Kühlung der vorderen Bremsen, die wir über die Gestaltung der vorderen Scheinwerfer erreichen. Gerade der 296 GTB ist meiner Meinung nach ein wunderschönes Auto und aerodynamisch in vielen Bereichen eine Benchmark für uns.



Ferrari 296 GTB
Antrieb: V6-Biturbo & Elektromotor an der Hinterachse
Hubraum: 2.992 ccm
Batteriekapazität: 7,45 kWh
Systemleistung: 830 PS (610 kW) bei 8.000 U/min
Drehmoment: 740 Nm bei 6.250 U/min
0–100 km/h: ca. 2,9 s
Vmax: >330 km/h

→ Wie gut Ästhetik und Performance für unseren Autoren Georg Kacher wiederum funktionieren und was er vom ersten Sechszylinder-Serien-Ferrari der Neuzeit hält? Lesen Sie jetzt in der ramp #58 »Geht's noch?«


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