Ferrari Daytona SP3: Spieltrieb & Antrieb

So ein Hot Wheel bringt Kinder sofort in Spiellaune. Nicht selten auch Erwachsene. Alles manchmal nur eine Frage des Maßstabs. Bleibt die Frage, welche Maßstäbe man hier anlegen darf.
Text Michael Köckritz
Bild Ferrari

Das Spiel beginnt mit einem Spiel mit der Vergangenheit. Schon optisch. Auf den ersten Kennerblick. Es prägt die Designästhetik legendärer Renner von Ferrari aus den Sechzigerjahren. Der neueste Supercar der Marke kommt mit dem Zusatzkürzel SP3, womit »Special Project 3« gemeint ist. Nach Monza SP1 und Monza SP2 jetzt Daytona SP3 als drittes Puzzleteil in dem fein justierten Konzeptsetting einer Icona-Serie. Beide Neuzeit-Monzas selbstverständlich ohne Windschutzscheibe, wie es sich bereits für den 860 Monza gehörte, der Daytona SP3 hiervon entspannt losgelöst mit Windschutzscheibe, dazu vor allem der Link zu den 330ern und damit die direkten Erinnerungen an die 24 Stunden von Daytona 1967, dem ersten Rennen der Sportprototypen-Weltmeisterschaft.

Gleich drei Ferraris damals sensationell auf den ersten drei Plätzen, eingebrannt ins kollektive Fan-Gedächtnis das Foto mit den drei Rennwagen, die nebeneinander die Ziellinie passieren. Nur stimmig also eine gewölbte, umlaufende Windschutzscheibe, Targadach, Flics an der Front, Außenspiegel auf den vorderen Kotflügeln. Alles bewusst gesetzte Supersportwagenexotik-Stilakzente von Chefdesigner Flavio Manzoni. So belebt man eine gute Story auf den ersten Blick. Inspiriert und inspirierend.

Für das Autoquartett dann sowieso alles, was Supersportwagenkriterien so erwarten: V12-Mittelmotor ohne Aufladung – von wegen Kompressor, von wegen Turbolader. 6.493 ccm Hubraum, 840 PS bei 9.250 U/min, ein maximales Drehmoment von 697 Nm bei 7.250 U/min, 0–100/200 km/h in 2,85/7,4 s, Spitze 340 km/h.

Noch Fragen?
Ja.
Limitiert?
Ja. 599 Exemplare.
Der Preis?
Die zwei Millionen, die der SP3 kostet, seien für die Klientel Spielgeld, erläutert »Auto Bild« nur. Trifft einen Kern der Sache ganz gut.

Auf einen anderen stimmen uns die Pädagogen ein.

Gutes Spielzeug soll die verschiedenen Sinne unserer Kinder anregen, sie unterhalten und dabei inspirieren, das Spiel selbst weiterzuentwickeln. Im Idealfall lädt es zu verschiedenen Spielen ein, fördert Fantasie und Kreativität, schult das räumliche Sehen und die Feinmotorik. Einfache Gebrauchsgegenstände wie Becher, Töpfe oder alte Kleidung können das Spielen beflügeln. Manchmal funktioniert das dann selbstverständlich auch mit etwas komplizierteren Gebrauchsgegenständen.

Der SP3 als perfektes Spielgerät.

Und jetzt?

Jetzt unterhalten wir uns erst einmal mit einem Experten. Prof. h.c. Dr. h.c. Armin Krenz ist Wissenschaftsdozent für Entwicklungspsychologie & Elementarpädagogik und Fachbuchautor. Klingt so gar nicht spielerisch leicht. Ist es aber.

Herr Krenz, Sie sind 71 Jahre alt. Spielen Sie noch?
Ja, das Spiel und das Spielen gehören immer noch zum festen Bestandteil meines privaten Lebens und meiner beruflichen Tätigkeit. So ist es üblich, dass bei Familienbesuchen nahezu immer ein Teil mit Spielen ausgefüllt wird. Wie heißt es doch in einer Aussage von Augustinus Aurelius, dem einstigen Bischof von Hippo, der auch als Philosoph ganz wundervolle Gedanken zu Papier gebracht hat, so treffend? »In dir muss brennen, was du entzünden willst.« Dieses Feuer habe ich schon als Kind spüren und in meiner Freizeit sowie im Elternhaus ausleben dürfen, wodurch sich wundervolle und aufregende Bilder in meinem Gedächtnis eingebrannt haben – mit einer nachhaltigen Wirkung.

Und – ganz konkret – wo und wann haben Sie zuletzt gespielt?
Zuletzt habe ich mich im Rahmen eines Supervisionscoachings in neun Kindertageseinrichtungen in viele verschiedene Tanz-, Bewegungs- und Regelspielaktionen hineinbegeben, verbunden mit den Fragen der Kinder, als ich mich aus den Spielen herauslösen musste: »Wann kommst Du wieder?« »Spielen wir nachher weiter?« Kinder suchen immer wieder Spielerlebnisse – so wie ich auch.

Sie kennen sicherlich das Zitat »We don’t stop playing because we grow old; we grow old because we stop playing.« Was halten Sie davon?
Dem kann ich sowohl aus fachwissenschaftlicher Sicht als auch aus meiner eigenen biografischen Rückschau in vollem Maße zustimmen, denn einerseits sind es die in unserem Gehirn abgespeicherten Bilder aus der sehr frühen und frühen Kindheit, die unsere Gehirn- und damit unsere Persönlichkeitsstruktur in einer ganz entscheidenden Weise prägen, und andererseits ist es die weitere Lebensgestaltung, die uns zu dem Menschen werden lässt, der wir dann werden. Unsere gesamte Wahrnehmung, die daraus folgende Situationseinschätzung und der daraus abgeleitete Handlungsimpuls werden durch unsere Gefühlswelt beeinflusst – und spielaktive Menschen haben eine entspanntere Sichtweise auf die Welt, ohne dabei eine weniger ernsthafte Situationseinschätzung zu besitzen.

Das heißt, Spielen wirkt auf Erwachsene ausgleichend?
Als meine Frau und ich noch vor unserem Eintritt in den offiziellen Ruhestand beruflich sehr eingespannt waren, haben wir uns beispielsweise immer wieder mit guten Freunden übers Wochenende ein Ferienhaus in Dänemark angemietet, um zweieinhalb Tage ein gemeinsames Spielwochenende zu verbringen. Jedes Paar brachte ein neues Spiel mit – und so erweiterte sich für alle das Spielespektrum um ein Vielfaches.

Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit wir von einem Spiel sprechen können?
Es gibt – je nach der spezifischen Ausrichtung der Pädagogik beziehungsweise der Psychologie – nicht nur eine Definition zu »Spiel«, zumal dieses Wort zunächst kein wissenschaftlicher Begriff ist. Gleichwohl gibt es einige sich als deckungsgleich erweisende Beschreibungskriterien, die vorhanden sein müssen, um von einer Spielhandlung sprechen zu können. Erstens: Ein Spiel ist eine aktive Geschehnis-Einheit, in der es für die mitspielenden Personen einen »Handlungsfreiraum« gibt, in dem sie sich ohne Not, Sorge oder Angst sprachlich und/oder motorisch ausdrücken können.

Zweitens: Jedes Spiel beruht auf einer freiwilligen Teilnahme, in dem die mitspielenden Personen eigene Ideen und Vorhaben umsetzen können. Drittens: Ein Spiel ist nur dann ein Spiel, wenn es weitestgehend zweckfrei ist, sodass in erster Linie der Spielgedanke im Vordergrund steht und nicht ein starr vorgegebenes Ziel.

Viertens: Die Mitspieler und Mitspielerinnen müssen dem Spielgedanken, -impuls und -verlauf einen Sinn zuordnen können, von dem sie den Eindruck haben, dass sie einerseits das betreffende Spiel mit Spannung gestalten und ausfüllen, gleichzeitig in dem Spiel aber auch Entspannungsmomente erleben, sodass das sogenannte »rhythmische Prinzip« zum Tragen kommt: ein wellenförmiger Wechsel von Spannung und Entspannung.

Fünftens: Spiele müssen verschiedene Möglichkeiten zulassen, Veränderungen vornehmen zu können, die dann beispielsweise in einer gemeinsamen Absprache übernommen werden. Sechstens: Spielerische experimentelle Handlungen können sich nur dann zu einem Spiel entwickeln, wenn eine intrinsische Motivation, die ausschlaggebend für eine Spielfaszination sowie eine vertiefende Spielvertiefung ist, vorhanden ist.

Und schließlich siebtens: Wenn die Beschäftigungszeit als eine erfüllte, zufriedenstellende, intensiv berührende Zeit erlebt wird, hat das Spiel seinen Wert zum Ausdruck gebracht.

Warum ist es so wichtig, dass wir spielen – auch mit Blick auf die Evolution?
Spielen ist keine angeborene Tätigkeit, die dem Menschen in die Wiege gelegt wird. Diese Tatsache ist von großer Bedeutung, wenn es darum geht, einerseits den hohen Wert des Spielens für die förderliche Entwicklung eines Menschen im Auge zu haben und andererseits nicht annehmen zu dürfen, dass das Spiel von ganz alleine entsteht.

Aber woher rührt der Spieltrieb?
Was dem Menschen angeboren ist, ist seine Neugierde, die Welt um sich herum zu entdecken und gleichzeitig den eigenen Bedeutungswert in der Welt in Erfahrung zu bringen. Dabei ist es notwendig, dass es im unmittelbaren Umfeld Personen gibt, die sich auf die Neugierde des Kindes einlassen.

Wieso ist das so relevant?
Erfolgt kein aktives, zugewandtes und durch Wertschätzung geprägtes Kommunikations- und Interaktionsverhalten, verringert sich einerseits die Neugierde im Hinblick auf das Umfeld und eigene Entwicklungsmöglichkeiten, und andererseits kann sich dadurch auch keine Spielfreude entwickeln, was wiederum gleichzeitig die Lernmotivation deckelt. Diese Tatsache ist leider vielen Erwachsenen unbekannt. Würden sie die Vernetzung kennen, würden sie dem Spiel wahrscheinlich eine größere Wertigkeit beimessen. Das Spiel ist also Nährboden für alle bedeutsamen Entwicklungsvorgänge, für den Erwerb ganz bestimmter kognitiver, motorischer, sozialer und emotionaler Fertigkeiten und besitzt damit gleichzeitig einen sehr hohen Bedeutungswert für die eigene Persönlichkeitsentwicklung.

Und wenn ein Kind nicht spielt?
Ich kann hier aufgrund der Komplexität der Untersuchungsergebnisse nur einige Defizite aufzählen. Beispielsweise zeigen spielkompetenzeingeschränkte Kinder – auch in ihrem späteren Leben – im emotionalen Bereich größere Schwierigkeiten im Verarbeiten von Enttäuschungen, eine geringere Toleranz bei Frustrationen, einen stärker ausgeprägten Pessimismus sowie weniger tief gehende Freudeerlebnisse. Im sozialen Bereich haben sie eine höhere Vorurteilsbildung, eine geringere Kooperationsbereitschaft, eine höhere Gewaltbereitschaft beziehungsweise ein eingeschränktes Selbstbewusstsein sowie eine geringer ausgeprägte Hilfsbereitschaft.

Im kognitiven Bereich ist das vernetzte Denken eingeschränkt, diesen Kindern fällt die Kontrolle eigener Handlungen deutlich schwerer und die Konzentrationsfertigkeit ist deutlich gesenkt im Vergleich zu spielkompetenten Personen. Im motorischen Bereich sind vor allem die Selbstwirksamkeitsüberzeugung, eine differenzierte Feinmotorik und die motorische Reaktionsfertigkeit gering ausgeprägt.

»Das Spiel kann und muss als ein hoch bedeutsamer Innovationsfaktor eingestuft werden, der durch nichts zu ersetzen ist.«

Prof. h.c. Dr. h.c. Armin Krenz

Können Sie noch einmal umreißen, was das Spielen mit uns als Mensch macht?
Spielen setzt frei flottierende Gedanken und damit spontan entstehende Handlungsideen in Gang. Es ermöglicht in erlebten Außenspannungen ein Gefühl von Freiheit, wodurch der Mensch aus Stresssituationen herausfinden kann und in der Lage ist, abzuschalten, die unmittelbare Vergangenheit oder vorherrschend besitzergreifende Gegenwartserlebnisse beiseite zu stellen, was wiederum zu einer emotional-kognitiven Balance führt. Vor allem eröffnet sich der Mensch dabei den Weg für eine Selbstexploration: die Auseinandersetzung mit sich selbst, seinen eigenen Gedankenwegen und Gedankenstrukturmustern, ohne die Sichtweise fokussiert auf die Außenwelt zu richten, sondern zu erkunden, was dazu beigetragen hat, dass sich Situationen so entwickelt haben, wie sie sind und wie sie auch anders gestaltet werden können.

Gerade der spielende Mensch eröffnet sich durch die eigene Spielfreude sowie ein weit umfassendes Spielinteresse einen lebenslangen Bildungsweg, auf dem immer wieder neue Bildungsprozesse entstehen und uns Menschen daran hindern, Lebenswege stets gleichartig, gleichförmig‚ normal und variationsfrei zu gestalten. Der Maler Vincent Willem van Gogh hat sich einmal so geäußert: »Die Normalität ist eine gepflasterte Straße. Man kann gut darauf gehen – doch es wachsen keine Bäume auf ihr.« Ohne das Spielen steckt der Mensch in seiner Entwicklung fest, lebt aus Wiederholungen, die nicht selten entwicklungshinderlich sind, weil keine neuen und damit innovativen Handlungsimpulse entstehen können.

Wann wird aus einem Spiel Ernst?
Ein Spiel ist immer eine ernste Angelegenheit. So hat Professor Hans Scheuerl, ein Pionier im Feld der Spieleforschung, schon vor einigen Jahrzehnten den Satz geprägt: »Das Spiel ist der Beruf des Kindes.« Damit umfasst das Spiel grundsätzlich alle Facetten, die auch in fast jedem Beruf zum Tragen kommen: Anstrengung an den Tag legen, Versuch, Irrtum und Belastbarkeit aushalten, Innovationsgedanken umsetzen, Zufriedenheit erleben, Konflikte mit sich und anderen austragen, Selbstdisziplin auf sich nehmen, Enttäuschungen ertragen, uneindeutige Situationen für sich oder mit anderen klären oder Aggressionen in lösungsorientierte Schritte umwandeln.

Einfache Gebrauchsgegenstände wie Becher, Töpfe oder alte Kleidung können das Spielen beflügeln. Manchmal funktioniert das dann selbstverständlich auch mit etwas komplizierteren Gebrauchsgegenständen.

Nehmen wir die Stichworte Ingenieur, Destruktor und Bricoleur. Wie wichtig ist da die Fähigkeit, sich auch spielerisch an etwas annähern zu können?
Wenn durch eine auf- und ausgebaute Spielfähigkeit, verbunden mit basalen und lebensbestimmenden Kompetenzen, angeeignet durch die frühen Kindheitsjahre und die Pflege dieser vielschichtigen Merkmale, außergewöhnliche Fertigkeiten entstehen, so kann und muss das Spiel als ein hoch bedeutsamer Innovationsfaktor eingestuft werden, der durch nichts zu ersetzen ist. Gerade in einer Zeit, in der wir alle vor sehr schwierigen, vielleicht sogar auf den ersten Blick kaum lösbaren Aufgaben stehen, ist es von großer Bedeutung, mit den im Spiel erworbenen Basiskompetenzen kreative Problemlösungsmöglichkeiten zu entdecken.

Und was ist mit der Fantasie?
Es ist gerade die Fantasie, die viele Spiele provoziert und deren Einsatz uns Menschen zwingt, Neues zu entdecken, auszu­probieren und auszuwerten, um für sich, für andere und nachfolgende Generationen ein zukünftiges Leben zu ermöglichen. Hier passt ein Zitat, das unter anderem Marie von Ebner-Eschenbach, Oliver Cromwell oder auch Philip Rosenthal zugeordnet wird: »Wer aufhört, besser sein zu wollen als er ist, hört auf, gut zu sein.«

Zurück zum SP3. Die Spielidee und das Spielziel? Wir empfehlen hier einfach ein geistreich-amüsantes Buch des Psychiaters Eric Berne: »Die Spiele der Erwachsenen« (»Games People Play«).

Mehr dazu lesen Sie in ramp #58 »Hot Wheels«.


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