Fly Me to the Moon

Es hat schon einen sehr guten Grund, warum die Corvette auf eine fast siebzig Jahre währende Geschichte zurückblicken kann und inzwischen in der achten Generation vom Band läuft. Es hat etwas mit Astronauten zu tun. Aber nicht nur.
Text Wiebke Brauer
Bild Cadillac & Chevrolet

Sie war immer schon da. Nun, vielleicht nicht immer, aber zumindest an den neuralgischen Punkten im Leben eines Menschen, der sich für Autos interessiert. Die Rede ist von der Corvette. Ihre Historie erstreckt sich über fast siebzig Jahre und bislang acht Generationen – das soll ihr mal jemand nachmachen. Sachlich formuliert lässt sich festhalten, dass die Corvette eine der am längsten überlebenden Modellbezeichnungen in der Automobilindustrie ist.

Dann wäre da noch die rein subjektive Wahrnehmung: Der Moment, als man zum ersten Mal den Song »Little Red Corvette« von Prince im Radio hörte und dadurch das erste Mal auf den Musiker aufmerksam wurde. Und auf das Auto, das er besang. Anfang der 1980er muss das gewesen sein. Später war zu erfahren, dass Prince niemals eine rote Corvette besaß. Was angesichts seines eher seltsamen Autogeschmacks vielleicht auch nicht weiter verwunderlich war, er hatte unter anderem einen erstaunlich hässlichen, lilafarbenen 1999er Plymouth Prowler. Aber um auf die persönlichen Augenblicke zurückzukommen: Ein paar Jahre später war die Corvette der Grund, warum man den Fernseher einschaltete. »Sting­ray« hieß die Serie mit Nick Mancuso in der Hauptrolle, einen Namen hatte die Figur nicht wirklich, eine Vergangenheit auch nicht, aber das war auch egal. Viel wichtiger war die schwarze 1965er Corvette C2 Sting Ray, die er fuhr. Andere schauten lieber »Knight Rider«, aber dem Pontiac Firebird Trans Am mangelte es eindeutig an Anmut. Abgesehen davon war ein Auto, das redet, schlicht lächerlich. Die Corvette hingegen ließ nur ihr Design sprechen. Mit der lang gezogenen Front und den stark geschwungenen Kotflügeln war sie ernstzunehmend elegant wie aggressiv.

Andere schauten »Knight Rider«, aber ein Auto, das redet, war schlicht lächerlich. Die Corvette hingegen ließ nur ihr Design sprechen.

Aber drehen wir das Rad der Zeit noch etwas weiter zurück und befassen uns mit den Anfängen der Corvette. Wir befinden uns im September des Jahres 1951. Harley Earl, Chefdesigner des amerikanischen Automobilkonzerns General Motors, besuchte ein Autorennen in Watkins Glen. Es heißt, er hätte an diesem Tag das erste Mal den Jaguar XK 120 gesehen, der damals in den USA als Maßstab für Sportwagen galt. Ob er daraufhin wirklich beschloss, einen neuen Sportwagen zu entwickeln, sei dahingestellt. Wahr ist in jedem Fall, dass Chevrolet am 17. Januar 1953 auf der GM-Motorama im New Yorker Waldorf Astoria Hotel die erste Corvette präsentierte. Ob sie wirklich zu ihrem Namen kam, weil jemand in einem Wörterbuch geblättert hatte und auf den Begriff »Corvette« stieß, man weiß es nicht. Und wer nun genau für das Design zuständig war, auch darüber streiten sich die Geister.

Belassen wir es dabei, drei Namen zu nennen: besagter Chefdesigner Harley Earl, sein ausführender Designer Bob McLean und Carl Heinz Renner, der 1927 mit seiner Familie von Deutschland ins amerikanische Detroit ausgewandert war und zuvor als Zeichner bei Walt Disney gearbeitet hatte. Vom 30. Juni 1953 an rollte die C1 von den Bändern, allerdings waren die Stückzahlen zunächst übersichtlich: Im ersten Jahr kam nur eine Kleinserie von ungefähr 300 Exemplaren auf den Markt, vielleicht aufgrund von Montageproblemen und der geringen Kapazitäten des Werkes in Flint im US-Bundesstaat Michigan. Was von Spöttern des Modells gerne mal unterschlagen wird, ist die leichte Kunststoffkarosserie, eine echte Innovation. Was dazukommt, ist das simple wie durchschlagend erfolgreiche Rezept, das da hieß: viel Motor, zwei Sitze. Daran hat sich auch bis heute nichts geändert. In damals sagenhaften elf Sekunden sprintete die erste Corvette auf hundert.

Chevrolet Corvette Stingray // Motor: LT2-6,2-l-V8-Benzinmotor mit Direkteinspritzung / Hubraum: 6.162 ccm / Leistung: 482 PS (354 kW) bei 6.450 U/min / Drehmoment: 613 Nm bei 4.500 U/min / 0–100 km/h: ca. 3,5 s / Vmax: 296 km/h

Eine Wendung nahm die Geschichte des Autos, als GM im Juni 1953 den rennsportbegeisterten Zora Arkus-Duntov anheuerte. 1955 wurde der Sechszylinder durch einen Small-Block-V8 mit 4,3 Litern Hubraum und 195 PS ersetzt, als Option wurde ein Dreigang-Schaltgetriebe angeboten. Über die kommenden Jahre veränderte sich das Modell technisch wie optisch, die Heckflossen wurden gestutzt, zwei Frontscheinwerfer verwandelten sich in vier, ein Viergang-Schaltgetriebe, Sicherheitsgurte sowie ein abnehmbares Hardtop kamen hinzu. 1963 wurde die zweite Generation der Corvette eingeführt. Die heute berühmte Split-Window-Konfiguration war nur für ein Modelljahr zu haben, weil sich das geteilte Rückfenster als wenig praktikabel erwies. Nun könnte man noch auf die Einführung des großen V8-Blocks 1965 zu sprechen kommen und auf die 425 PS, auf die Chevy Corvette C3, die von 1968 bis 1982 produziert wurde, auf die nächsten vierzig Jahre und die nächsten Baureihen, aber dann müssten wir auf die schöne Szene verzichten, in der Astronauten in Corvettes um die Wette über den Strand fliegen.

Diese Episode begann mit dem Corvette-Fan und Militär-Testpiloten Alan Shepard. 1954 kaufte er von seinem Schwiegervater das erste Modell, es folgte ein 57er-Modell, von dem er herumerzählte, es würde »like a bat out of hell« fahren. Offenbar schaffte er es sogar, dass der Tower der Langley Air Force Base ihm erlaubte, mit über 100 Meilen pro Stunde über die Startbahn zu rasen, um zu zeigen, was das Auto höllenfledermausmäßig draufhatte. Shepard freundete sich mit Zora Arkus-Duntov an, und nachdem er am 5. Mai 1961 als erster Amerikaner im Weltraum war, schenkte GM ihm eine nagelneue Corvette, Baujahr 1962.

Astronaut Alan Shepard erzählte über seine Corvette herum, sie würde »like a bat out of hell« fahren.

Das allein war schon recht öffentlichkeitswirksam, einen echten Marketing-Coup landete dann aber der Ex-Indianapolis-500-Sieger und Autohändler Jim Rathmann. Er war es nämlich, der das »Car for a Dollar«-Leasingmodell für Mercury-Astronauten erfand. Für einen Dollar pro Jahr (!) bekamen die Astronauten das neueste Modell und konnten es danach zu einem günstigen Preis behalten, was aber selten der Fall war (dazu kommen wir gleich noch). Die Werbewirkung war enorm, und Rathmann hatte wenig Probleme, eine Corvette zu verkaufen, die früher einem Astronauten gehörte. Später erinnerte sich ein ehemaliger NASA-Mitarbeiter: »Der Parkplatz war voll mit Corvettes. Es sah fast aus wie bei einem Chevy-Händler.«

Vier der sieben ausgewählten Mercury-Astronauten nahmen das Angebot Rathmanns an: logischerweise Al Shepard, Gus Grissom, Gordon Cooper und Deke Slayton. Und sie veranstalteten regelmäßig an den Stränden nahe Cape Canaveral Rennen mit ihren Corvettes. Die blieben nicht immer heil, aber dafür gab es ja Jim Rathmann. Der NASA-Simulatorausbilder Francis E. Hughes erzählte einmal: »Sie bekamen alle sechs Monate ein neues Auto, und sobald die Aschenbecher voll waren, war es das, und sie gaben es wieder ab.« 1971 wurde das Leasingprogramm eingestellt, wohl auch auf Druck der Öffentlichkeit. Die Bilder der Astronauten mit den Corvettes aber sind heute fester Bestandteil der Popkultur. In dem Film »Apollo 13« mit Tom Hanks als Astronaut Jim Lovell kamen zwei Corvettes zum Einsatz, die Eröffnungsszene von »Star Trek XI« aus dem Jahr 2009 spielt im Jahr 2245 und zeigt den 12-jährigen James T. Kirk, der eine 1965er Corvette Stingray fährt – die zu dem Zeitpunkt 280 Jahre alt ist.

1971 wurde das Leasingprogramm für Astronauten eingestellt. Die Bilder von ihnen und ihren Corvettes aber sind heute fester Bestandteil der Popkultur.

Und dann gibt es noch eine wunderbare Episode aus der Serie »The Grand Tour« von 2019, die hier nicht unerwähnt bleiben soll. Darin fährt James May die fantastisch erhaltene Corvette von 1963, die einst Neil Armstrong gehörte. May kann es kaum fassen, dass er in diesem Auto sitzen darf, das der Mann fuhr, der einst sagte: »That’s one small step for a man, one giant leap for mankind.« Es ist ein wirklich berührender Moment.

Vielleicht zum Schluss noch ein Auszug aus einem Text von Paul Frère, der 1963 in der »auto motor und sport« erschien, weil diese Sätze von der ruhmreichen Geschichte und zugleich von der Zeitlosigkeit der Corvette zeugen: »Wenn es noch Leute gab, die daran zweifelten, dass die großen amerikanischen Werke nicht wüssten, was ein richtiger Sportwagen ist, oder zumindest kein Interesse daran hätten, einen solchen zu bauen, dann sind sie jetzt eines Besseren belehrt.






Corvette Stingray Swiss Edition

Für die amerikanische Legende ist es eine Revolution: Die achte Baureihe der Corvette trägt nun erstmals einen Mittelmotor. Dabei handelt es sich um einen Chevrolet-6,2-Liter-LT2-»Small Block«-V8 neuester Generation, der einzige V8-Saugmotor seiner Klasse. In Kombination mit der Performance-Abgasanlage des »Z51«-Pakets und einem neuen Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe leistet das Triebwerk 482 PS bei 6.450 U/min und entwickelt ein maximales Drehmoment von 613 Nm bei 4.500 U/min. Den Sprint auf 100 km/h absolviert sie in 3,5 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 296 km/h.

Was auch neu ist: die limitierte Swiss Edition, die ab sofort reserviert werden kann. Interessenten haben dabei die Wahl zwischen drei Coupés und drei Cabrios sowie sechs Farb- und Interieurkombinationen. Alle Swiss Editions verfügen über eine sehr umfangreiche Ausstattung wie u. a. das »Z51«-Paket und zahlreiche Optionen von Magnetic Ride Control über Front Lift mit Memory-Funktion bis hin zu GT2-Schalensitzen ohne Aufpreis. Sollten Sie das Modell Probe fahren wollen: Am 28. August findet im Schweizer Meilenstein in Langenthal das größte Corvette-Event in Europa statt. Eine andere Möglichkeit: der Showroom von Cadillac/Chevrolet in Volketswil, jederzeit nach Absprache.

chevrolet.ch


ramp shop


Letzte Beiträge

Mission RAL 2005: Lotus Elise Cup 250 Final Edition

Chris Hrabalek hat sich die letzte gebaute Lotus Elise Cup 250 Final Edition gesichert, samt Spezialfarbe und Sonderkennzeichen. Damit ist er jetzt unterwegs – mit einem ganz eigenen Auftrag.

Massive Talent: Nicolas Cage is Nick Cage

Wie komisch es sein kann, wenn Schauspieler sich selbst darstellen, wissen wir seit »Being John Malkovich«, nun gibt es einen neuen Film: In »Massive Talent« spielt Nicolas Cage sich selbst als abgehalfterten Schauspieler. Dieses wunderbar ironische Spiel mit dem eigenen Image hat uns dann neugierig gemacht.

Ferrari Daytona SP3: Spieltrieb & Antrieb

So ein Hot Wheel bringt Kinder sofort in Spiellaune. Nicht selten auch Erwachsene. Alles manchmal nur eine Frage des Maßstabs. Bleibt die Frage, welche Maßstäbe man hier anlegen darf.

Homo Ludens: eine gedankliche Annäherung an den Menschen und das Spiel

Leben heißt Improvisation und Risiko. Es zählt die Kunst, aus allem das Beste zu machen. Die Fähigkeiten dazu kann man trainieren. Die Freude am Spiel ist hier eine wesentliche Facette. Eine gedankliche Annäherung an den Menschen und das Spiel. Von Michael Köckritz.