Future in Motion

Eine Fotografin. Ein Designer. Ein Auto, das die Zukunft mit der Vergangenheit verbindet. Klingt wie Science Fiction, ist es aber nicht. Ein Gespräch mit der Star-Modefotografin Esther Haase und Eduardo Ramírez, Head of Exterior Design im Hyundai Design Center Europe, über Nachhaltigkeit, das Gefühl, zu Hause zu sein und wirklich fortschrittliche Technologie.
Text Wiebke Brauer
Bild David Goldman

Frau Haase, was haben Sie als Erstes gedacht, als Sie den IONIQ 6 gesehen haben
Esther Haase: Mein erster Gedanke war: Der ist echt schnell und hat richtig Power. Und wenn eine Frau ihn fährt, wäre das Cat Woman.

Was denken Sie überhaupt über Elektroautos?
Haase: Schon als Kind fragte ich mich immer, warum wir überall diese lauten und schmutzigen Maschinen haben. Ich war damals Fan der Serie »Die Jetsons«, dort war alles wunderbar elektrisch, geräuschlos, man konnte fliegen, alles war sauber und schön.

Und wie war es, als Sie in den IONIQ 6 eingestiegen sind?
Haase: Was mich an diesem Fahrzeug fasziniert, ist der Widerspruch zwischen Exterieur und Interieur: Von außen sieht es wie gesagt unwahrscheinlich schnell aus, man erwartet ein richtiges Sportgerät. Und dann sitzt man drin, hat unwahrscheinlich viel Platz, zum Genießen – oder wenn es sein muss, zum Arbeiten.

Eduardo Ramírez: Das ist das Besondere an Elektroautos – sie sind nicht nur geräuschlos und beschleunigen extrem dynamisch, sie ermöglichen auch neue Konzepte. Durch die Definition der Proportionen mit sehr langem Radstand steht uns ein großer Innenraum zu Verfügung, in dem wir Wohnatmosphäre geschaffen haben. Wir nennen es einen »achtsamen Kokon«. Parallel dazu haben wir im Exterieur diese eine gebogene Silhouette gesetzt, die den gesamten Raum überbrückt. Und durch die Stromlinienform mit den kürzen Überhängen, der niedrigen Front- und Heckpartie nimmt man gar nicht wahr, dass das Fahrzeug mit 1,50 Metern eigentlich sehr hoch ist.

Haase: Ein Sofa ist auf jeden Fall vorhanden. Jetzt fehlen nur noch Pflanzen.

Ramírez: Das ist kein Problem. Der größere Radstand ermöglicht einerseits eine größere Beinfreiheit, gibt aber auch Raum zum Gestalten. Wir haben Flächen, um Dinge abzulegen, wie zu Hause, wo der Schlüssel, das Smartphone oder die Handtasche ihren festen Platz haben. Oder eben eine Palme, wenn einem das gefällt. Das Handschuhfach zum Beispiel lässt sich nicht wie ein gewöhnliches Handschuhfach nach unten öffnen, sondern wie eine Schublade, und die Oberfläche kann der Fahrgast nutzen.

Haase: Das habe ich auch gleich entdeckt. Das ist fabelhaft. Es gibt eine Menge toller Erfindungen. Aber man muss den Leuten auch signalisieren, was sie damit anstellen können. Ich vergleiche das mal mit der Fotografie. Wir hatten früher große Kameras, und wenn wir ein Auto inszenierten, ging es darum, supergroße, tolle Poster zu produzieren. Heute dagegen ist alles beweglich und klein und wir produzieren Content für Instagram. Das ist eine ganz anderen Bildsprache. Und wenn man ein Elektroauto fährt, bei dem es diese ganzen Beschränkungen durch den Verbrennungsmotor nicht mehr gibt, kann man den kompletten Raum nutzen. Warum nicht ein paar Leute einladen und eine kleine Party im Auto veranstalten?

Ramírez: Das ist definitiv möglich, ja.

Haase: Und ich kann meinen Teekocher anwerfen …

Ramírez: Ja. Sie können aber auch eine Espressomaschine anschließen, es gibt ja einen Stromanschluss.

Herr Ramírez, der IONIQ 6 scheint wie aus einem Federschwung gezeichnet zu sein. Woher haben Sie die Inspiration für dieses Fahrzeug genommen?
Ramírez: Als wir anfingen, über die Stromlinienform zu sprechen, konnten wir auf klare Referenzen aus der Vergangenheit als Inspiration zurückgreifen. Es gibt in der Historie des Automobils Fahrzeuge, die das auf eine sehr reine Art und Weise ausdrücken. Der Ur-Saab zum Beispiel. Er wurde von Luftfahrtingenieuren entworfen, als sich der Flugzeughersteller Ende der 1940er entschloss, Autos zu bauen. Es ist eine sehr freie Interpretation des ersten U-Bootes überhaupt. Man kann hier sehr schön die Tropfen- beziehungsweise Stromlinienform erkennen und sich vorstellen, wie hier die Luft fast widerstandslos entlanggleitet.

Welche Merkmale sind für Sie beim Autodesign darüber hinaus wichtig – welche Geschichte erzählen Sie dabei?
Ramírez: Wir verknüpfen unser Design wirklich mit unseren Kunden. Denn für ein gutes Design müssen wir ihre Bedürfnisse und Ambitionen verstehen – erst dann können wir für sie entwerfen. Und in gewisser Weise erzählen wir die Geschichte unserer Kunden.

Und das sind unterschiedliche Geschichten? In der IONIQ-Familie gibt es ja sehr unterschiedliche Designs …
Ramírez: Die Wahl eines Autos ist ja auch Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Deshalb behandeln wir jedes Auto anders, je nach dem Zweck, den es erfüllen soll.

Gibt es hier Parallelen zur Fotografie?
Haase: Ja, für mich ist es ähnlich: Wenn ich ein Bild mache, muss ich es mögen. Aber es geht dabei ja oft auch um die Ideen anderer. Deshalb suche ich hier eine Verbindung zu diesen Menschen, die mir eine Aufgabe stellen, aus der ich meine eigene Inspiration ziehen kam, um daraus schließlich meine eigene künstlerische Vision zu erschaffen. Das ist vielleicht vergleichbar mit einem Schauspieler, der eine Rolle vorgegeben bekommt, sie dann aber auf seine Weise interpretiert.

Ramírez: Auch meine Arbeit hat dabei eine künstlerische Komponente. Wobei diese bei unserem Job vermutlich etwas eingeschränkter ist, weil wir viele Aspekte und technische Vorgaben beachten müssen. Aber es gibt sie in jedem Fall auch beim Autodesign, diese Möglichkeit, sich auszudrücken. In gewisser Weise gibt man der Technologie ein künstlerisches Gesicht. Und wenn das gesamte Team aus Designern und Ingenieuren harmoniert, entsteht daraus mehr als nur ein funktionales Produkt. In manchen Fällen wird es zu einem Kunstwerk. Und beim Streamlining gibt es eben diese sehr schöne Balance zwischen Ästhetik und Technologie.

»Die Wahl eines Autos ist ja auch Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Deshalb behandeln wir jedes Auto anders, je nach dem Zweck, den es erfüllen soll.«

Eduardo Ramírez

Sprechen wir über autonomes Fahren. Frau Haase, wäre das etwas für Sie?
Haase: Das braucht Vertrauen! (lacht) Mal ehrlich: Würden Sie sich zurücklehnen, die Augen schließen und sich vom Auto fahren lassen? Ich weiß nicht, ob ich das will. Es geht dabei für mich auch um Unabhängigkeit. Ist autonomes Fahren Freiheit?

Ramírez: Ich vergleiche das eher mit einem Flug. Als Passagier kann ich den Piloten ja auch nicht kontrollieren.

Haase: Ich lasse mich auch gerne von hier nach dort transportieren, ja. Aber ich mag es genauso, für meine eigene Bewegung verantwortlich zu sein. Wobei das ein schwieriges Thema ist. Einerseits geht es hier um persönliche Freiheit, andererseits erfordert es deine Aufmerksamkeit. Ich will in jedem Fall nicht völlig abhängig von Maschinen werden.

Aber vorgestern haben Sie mich ja von unterwegs aus angerufen, weil Sie im Stau standen und genau an der richtigen Stelle rausfahren konnten, um in Ruhe zu telefonieren. Da hatten wir festgestellt, dass so ein autonom fahrendes Auto sehr praktisch wäre …?

Haase: Das wäre fantastisch. Das würde einem eine Menge Zeit schenken.

Ramírez: Davon sind wir gar nicht mehr so weit weg.

Haase: Ich finde das im Prinzip ja auch gut, denn ich sehe die Zukunft durchaus positiv. Aber ich stelle eben auch meine Fragen an die Zukunft.

Ramírez: Ich denke, ein zentraler Punkt für die Akzeptanz ist das Thema Kontrolle, dass der Mensch die Oberhand über die Technik behält. Wobei ich das etwas erweitert sehe: Wenn man die Kontrolle über das Fahrzeug hat, bestimmt man ja auch die Art und Weise der Fortbewegung, also ob man autonom fahren lässt oder ob man selbst lenkt.

Haase: Ja, das gefällt mir, dass man selbst entscheidet. Und manchmal überlässt man die anstrengenden Dinge der Technik, sodass man selbst nicht mehr darüber nachdenken muss. Es gibt eben nicht nur Schwarz und Weiß, sondern überall eine Menge Grau … zum Glück!

Das Verhalten der Menschen verändert sich ja bereits – vor allem auch in Bezug auf die Nachhaltigkeit. Welche Rolle spielt diese für Sie beim Autofahren?
Haase: Das Thema halte ich für superwichtig. Gerade das Recycling könnte meiner Meinung nach ein Plus für unseren Planeten sein. Wenn ich mir die Materialien anschaue, ist der IONIQ 6 eine sehr gute Wahl. Aus diesem Gesichtspunkt finde ich auch das Design bedeutsam. Die Wahl beim Autokauf fällt ja oft auf das Fahrzeug, das einem vom Design her am besten gefällt – umso besser, wenn man damit auch etwas gesellschaftlich verändern kann.

»Die Wahl beim Autokauf fällt ja oft auf das Fahrzeug, das einem vom Design her am besten gefällt – umso besser, wenn man damit auch etwas gesellschaftlich verändern kann.«

Esther Haase

Ramírez: Das ist auch für uns ein wichtiger Aspekt. Wir wollen der Gesellschaft nicht die Vorschrift machen: »Seid nachhaltig!«. Uns geht es vielmehr darum, den Menschen eine gute Option zu geben. Man muss ihnen die Möglichkeit geben, sich für ein Designprodukt zu entscheiden, das auch einen verantwortungsvollen Zweck erfüllt. Deshalb achteten wir bei den Materialien darauf, dass bei ihrer Produktion die Kohlendioxid-Emissionen maximal reduziert werden. Oder haben gleich neue Materialien organischen Ursprungs wie zum Beispiel aus Zuckerrohr verwendet. Im Ergebnis schließlich geht es bei der Ausstattung aber um Farbe und Textur: Es muss nicht nur gut aussehen. Alles, was man anfasst, muss sich auch gut anfühlen.

Haase: Ja, das ist ein bisschen wie mit veganem Essen. Wenn es nicht schmeckt, will man es nicht essen. Ich meine, es muss einfach lecker sein, einfach weil man nie etwas nur deshalb auswählt, weil es gesund ist. Man muss ein Verlangen erzeugen und es fühlen. Und ich denke, dass es im Allgemeinen wichtig ist, etwas Begehrenswertes zu schaffen, etwas, das man will. Und wenn dann noch ein guter Zweck dahintersteht, ist es ein Superprodukt.







Esther Haase wurde 1966 in Bremen geboren, ihr Vater war Professor für Fotografie und Design, ihre Mutter Gestalterin. Nach einer Ausbildung im Modernen Tanz an der Staatlichen Akademie Köln arbeite sie zwei Jahre als Tänzerin, bevor sie Grafikdesign mit Schwerpunkt Fotografie studierte. Seit 1993 arbeitet Esther Haase für internationale Kunden und Magazine, dazu veröffentlichte sie Fotobände – und gewann zahlreiche Preise.


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