Grand Tour: Der Piëch GT

Manchmal genügt ein veränderter Fokus für einen neuen Blick - so wie beim jüngst vorgestellten Piëch GT. Aus der Vision ist inzwischen ein Auto geworden, in dem gestern zahlreiche Journalisten mitfahren konnten. Wir blicken zurück und voraus.
Text Julian Kaye
Bild Steffen Jahn

Rückblick

Die greifbare Vorgeschichte ist schnell erinnert, der Genfer Autosalon 2019 hier als erste Wahrnehmungsschnittfläche gesetzt. Eine imposante schwarze Messestandbox in diesem Jahr die Abschussrampe für den markanten ersten Akzent einer neuen Automarke, die sich weder vor einem großen Eigennamen noch vor anderen großen Marken scheut. Davor weiter, neu und gleich größer zu denken offensichtlich schon gar nicht. Der Name »Piëch« überragt das Geschehen in kühlen, silbernen Buchstaben auf Schwarz, im allgemeinen Messegewimmel schon von Weitem sichtbar, mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit in dichter Nachbarschaft zu Bugatti und Porsche. Nur haben die im Unterschied zu Piëch Automotive bedauerlicherweise weder so eine coole Bar noch ein Auto, das so neugierig macht wie der Piëch Mark Zero, eine bildschöne Sportwagenstudie in Silbergrau matt mit der klaren und zugleich kraftvollen Formensprachenpräsenz eines klassischen Grand Touring. Lange Motorhaube, kurzer Rest, flach und breit für geniale Proportionen. Wie mit einem scharfen Skalpell lustvoll aus unseren Träumen geschnitzt. Die wichtigste Info zu den Features? So wenig wie möglich, lautet hier das Mantra. »Damit man das Sportwagen-Erlebnis unverfälscht auskosten kann«, sagt Toni Piëch, Co-Founder und Co-CEO. Schließlich geht es hier darum, wie man den Fahrspaß eines puristischen Sportwagens ins Elektrozeitalter transportieren kann. Damit das gelingen kann, produziert an der Vorderachse ein Synchronmotor 150 kW, an der Hinterachse sorgen zwei Synchronmotoren für je 150 kW zusätzlich. »Der Fahrer unseres Sportwagens soll sich über jede Minute freuen, die er mit unserem Auto verbringt«, bringt es Rea Stark Rajcic, Co-Founder und Creative Director von Piëch Automotive, im Gespräch auf einen bedingungslos einfachen Punkt.

Die Liebe zur Idee des puren Sportwagens. Ein moderner Klassiker, der keinen Konsumzyklen unterworfen ist. Sollte es funktionieren, darf man im Fachjargon der Kenner von einer Ikone sprechen. Ein guter Anspruch. Für eine dauerhafte Beziehung soll dann eine intelligente Modularität ebenso fortschrittlich wie zeitlos Halt geben, bei der Entwicklung arbeitet man mit innovativen Zulieferern zusammen, die Produktion soll bei externen, namhaften Partnern laufen, die sich allesamt in der Auftragsfertigung für etablierte Automobilkonzerne einen Namen gemacht haben. Alles in allem ein starkes Showcar-Statement. Die Partystimmung feiert dann bei Piëch. Unser Interesse so etwas von elektrisiert.

Das vor knapp zwei Jahren. Und dann?

Man hörte nicht viel, eher nichts.

Ruhe.

Ein schwarzes Loch als Zentrum für den Dramaturgieaufbau.

Bis jetzt.

Augenblick

Na ja, und plötzlich steht das Ding dann wieder da – und: es fährt. Nicht irgendwie, sondern richtig. Dem besorgten ersten Blick auf das Design folgt die Entwarnung. Das Design folgt ohne Unterschied der ursprünglichen Studie. Keine Realitäts-Abstriche, keine Produktions-Kompromisse. Im Gegenteil. Einem zweiten, genaueren Blick bietet sich der Sportwagen sogar noch attraktiver an. Der zarte Showcar-Babyspeck – den wir überhaupt erst jetzt im Nachhinein vergleichend erkennen – hat sich verflüchtigt. Alles noch schlüssiger, eleganter, kräftiger, austrainierter. Auch das Konzept und die technischen Details. Alles ebenfalls merklich verdichtet. So wurde etwa die in China begonnene Zellentwicklung inzwischen nach Deutschland verlagert, dazu der Bezug eines neuen Erprobungszentrums mit Teststrecke und passender Logistik bei Memmingen für eine planmäßige Entwicklung. Sitz des jungen Unternehmens bleibt nach wie vor Zürich.

Auch gibt es einen neuen Projektnamen für das Auto: Piëch GT. Die deutliche Botschaft: Jetzt wird’s ernst. Man ist unterwegs. Auf großer Fahrt.

Fortschrittsblick

Ein Pressetermin in diesem Oktober. Im Test- und Entwicklungszentrum Memmingen. Das fahrbare Auto wird präsentiert. Wir schalten direkt in unser Gespräch mit Toni Piëch:

Warum steigt Piëch Automotive jetzt tatsächlich in den schwierigen Automobilmarkt ein?
Wenn man sich die Situation vieler kleiner Hersteller, die nach kurzer Zeit wieder verschwunden sind, und die Probleme vieler etablierter Automobilfirmen betrachtet, so mag das in der Tat auf den ersten Blick eher abschreckend wirken. Die Automobilbranche ist jedoch in einem totalen Wandel – Stichwort Disruption – begriffen, das birgt für kleine und wendige Hersteller, die wie wir ohne Altlasten und Hypotheken aus der Vergangenheit starten können, enorme Chancen – und das hat uns gereizt.

Welche Voraussetzungen und wie viel Kapital sind nötig und woher kommt das Know-how, um mit den Großen der Branche in Wettbewerb zu treten?
Zunächst einmal gibt es keine Blaupause, wie man zu einem Automobilhersteller wird. Dadurch, dass wir mit einer Kernmannschaft von rund 20 Spezialisten gestartet sind, die allesamt über umfassende, langjährige Erfahrungen in der Automobilindustrie verfügen, und wir auf einen weiteren Kreis von rund 200 Mitarbeitern zurückgreifen können, haben wir das nötige Know-how dafür. Es ist gar nicht unsere Absicht, mit den Großen der Branche in Wettbewerb zu treten – das können und wollen wir auch gar nicht. Wir wollen vielmehr unsere fixen Kosten möglichst niedrig halten, erfolgreich eine Nische besetzen und dabei profitabel sein. Bei der Entwicklung arbeiten wir mit innovativen Zulieferern zusammen, die Produktion erfolgt bei externen, namhaften Partnern, die sich allesamt in der Auftragsfertigung für etablierte Automobilkonzerne einen Namen gemacht haben.

»Die Automobilbranche ist jedoch in einem totalen Wandel – Stichwort Disruption – begriffen, das birgt für kleine und wendige Hersteller, die wie wir ohne Altlasten und Hypotheken aus der Vergangenheit starten können, enorme Chancen – und das hat uns gereizt.«

Toni Piëch

Was machen Sie anders, besser als andere?
Der neue Piëch GT steht für Sportwagen-Fahrspaß pur. Dafür unterscheidet sich unser Package deutlich von herkömmlichen Elektroautos, die zumeist die Batterie im Wagenboden installiert haben. Wir haben hingegen die Batterien anders platziert: Ein Teil ist im Mitteltunnel positioniert, der Rest an der Hinterachse. Somit ist eine ähnliche Achslastverteilung und damit ein Fahrverhalten zu erwarten, wie das bislang klassischen Sportwagen vorbehalten war. Das erlaubt auch eine Sportwagen-typisch niedrige Sitzposition sowie ein präzises Handling mit unmittelbarer Rückmeldung an den Fahrer.

Die Batterie und Ladetechnologie?
Als Elektro-Sportwagen verfügt der Piëch GT über eine innovative Batterie, die über von unserem Partner TGOOD entwickelte Schnelllader in weniger als fünf Minuten bis auf 80 Prozent ihrer Kapazität geladen werden kann und rund 500 Kilometer Reichweite nach dem neuen WLTP-Standard erreicht. An jeder handelsüblichen CCS2-Schnellladesäule dauert es acht Minuten – das ist ebenso ein Top-Wert.

Warum setzt Piëch Automotive ausgerechnet auf ein Sportwagen-Konzept?
Mit »das Auto neu denken« meinen wir zum Beispiel unser modulares Konzept, das verschiedenste Antriebs- und Karosserieformen zulässt. Unser Konzept ist zukunftssicher: Sowohl die Software als auch die Hardware können upgedatet und ausgetauscht werden. Aufgrund der modularen Bauweise lässt sich auch die Hardware auswechseln, wie zum Beispiel die Blöcke der Batterie-Zellen. Gleichzeitig erlaubt die modulare Struktur, in der Wahl der Antriebsform flexibel zu sein.

Credit: Piëch

Haben Sie weitergehende Pläne?
Haben wir. Es sind drei Fahrzeugvarianten geplant: neben einem Zwei- auch ein Viersitzer sowie ein sportliches SUV. Andere Konzepte in Form eines Cabrios oder Pick-ups sind ebenso denkbar.

Warum setzen Sie auf eine Eigenentwicklung im Hinblick auf die Batterie?
Wir haben wie gesagt mit unserem Partner in China eine Lösung entwickelt, die das Laden in weniger als fünf Minuten ermöglicht. Im Hinblick auf die spätere Serienfertigung und die Verfügbarkeit der Lade-Stationen haben wir die Entwicklung nach Deutschland geholt. Dank der kompakt bauenden und robusten Pouch-Zellen ist nicht nur das Thermo-Management problemloser, das angepeilte Leergewicht von unter 1.800 Kilo­gramm ermöglicht dem Piëch GT mit seinen rund 450 KW (611 PS) auch eine Beschleunigung von null auf hundert in weniger als 3,0 Sekunden. Unseren Pouch-Zellen gehört ganz klar die Zukunft – vor allem auch im Hinblick auf die Schnelllade-Fähigkeit. Ganz wichtig für uns: Unsere Batterie ist eine Entwicklung basierend auf unseren Spezifikationen und ermöglicht uns eine weitere kommerzielle Nutzung.

Ist die Finanzierung gesichert und wie viele Fahrzeuge peilen Sie im ersten Jahr an?
Die bisherigen Finanzierungsrunden verliefen erfolgreich, nun können wir zuversichtlich unseren weiteren Weg Richtung Markteinführung gehen. Wir haben verschiedene Kern­aspekte der Unternehmensentwicklung in den Fokus gestellt sowie internationale »Thought Leader« wie STJ Advisors hinzugezogen, um uns für das Series-B Fundraising optimal zu positionieren. Piëch Automotive hat beim Genfer Automobilsalon 2019 ein Produktversprechen abgegeben – und wir können sagen: Wir haben geliefert! Das gesamte Fahrzeug-Konzept inklusive Antrieb und Batterie steht. Wir konnten den Investoren verdeutlichen, dass unser Konzept stimmig ist, die Meilensteine in der Produktentwicklung sauber umgesetzt werden und die Kernprozesse funktionieren. Wir setzen auf Langlebig- und Nachhaltigkeit und eröffnen uns mit der Weiterentwicklung eigener Zellen einen zusätzlichen Business Case. Die Fertigung des Piëch GT wird bei einem renommierten Auftrags-Hersteller umgesetzt, im ersten Jahr peilen wir eine Stückzahl von 1.200 Fahrzeugen an.

Mehr Informationen:

piech.com


ramp shop


Letzte Beiträge

ramp #55 - Watt? Nun.

Moin! Wir haben Freude. An den Norddeutschen. Die gelten gemeinhin als kühl und unnahbar. Überschwang ein Fremdwort. Zur Verfestigung des ersten Eindrucks trägt das Grußverhalten bei, den Norddeutschen genügt ein angedeutetes Nicken. Besonders gut gelaunte Exemplare lassen sich zu einem »Moin« hinreißen.

Express Yourself: Grason Ratowsky

Grason Ratowsky war Creative Director in Agenturen in New York und arbeitete lange als Produkt-Designer. Heute lebt der 36-Jährige die meiste Zeit auf Mallorca. Und malt. Wir wollten wissen, welche Rolle das Unterbewusstsein bei seiner Arbeit spielt und ob ein Künstler unglücklich sein muss. Wobei Ratowsky einen sehr zufriedenen Eindruck macht.

Zeit für Luxus: Bulgari eröffnet die Autostyle Live-Workshops

Nach dem Auftakt vergangene Woche steht jetzt der erste Workshop im Rahmen der Autostyle 2021 an: Fabrizio Buonamassa führt für Bulgari durch die Entwicklung der hauseigenen Luxusuhren und die Verbindung der italienischen Designkultur mit dem schweizerischen Uhrmacherhandwerk

Really Fast

Dies ist eine Geschichte voller Höhen und Tiefen, die damit beginnt, dass unser Autor fast nicht nach Italien gelassen wurde, um den Ferrari SF90 Stradale Assetto Fiorano zu fahren. Was für viel Frust und sicher viel Lärm am heutigen, internationalen Tag der Frustrationsschreie gesorgt hätte. Es ging natürlich alles gut.