Guter Stoff

Wie viel California Dreamin’ lässt sich in einem Cabriolet im bayerischen Voralpenland finden? Eine Ausfahrt mit dem BMW M440i xDrive Cabrio liefert die Antwort.
Text Tom M. Muir
Bild Matthias Mederer · ramp.pictures

Achtzehn Sekunden dauert es, bis sich das Stoffdach des BMW M440i xDrive elektrisch öffnet. Ein völlig irrelevanter Wert, denn wenn es in diesem Auto um eines nicht geht, dann sicher um objektive, messbare Daten. Es geht um ein Gefühl. Aber dafür ist es notwendig, dass das Dach offen ist.

Was wir heute völlig nüchtern behaupten können: Wir sind das BMW M440i xDrive Cabrio viele Jahre gefahren, noch bevor es das Auto überhaupt gab (in etwa seit diesem Frühjahr). Dieses Auto fährt sich nämlich wie eine Art Ur-Cabriolet, immer wie an einem sonnigen Nachmittag in Kalifornien – egal ob es eisig kalt ist, egal ob es regnet, egal wo auf der Welt. (Dass unser Fahrzeug die Buchstaben CA, die offizielle Abkürzung für den US-Bundesstaat Kalifornien, im Kennzeichen trägt, ist zugegebenermaßen ein bisschen kitschig, aber hey, Hollywood ist jetzt auch nicht unbedingt für allzu tiefsinnige und intellektuelle Beiträge berühmt geworden …)

Dieses Auto fährt sich wie eine Art Ur-Cabriolet, immer wie an einem sonnigen Nachmittag in Kalifornien.

Zurück zur Story. Wo sind wir? Klar, Kalifornien. Gefühlt zumindest. Die Wirklichkeit zeigt deutsche Fahrbahnmarkierungen und Schilder mit Namen wie Bad Tölz oder Tegernsee. Die Landschaft könnte aber auch sehr gut im Süden Neuseelands liegen. Türkis und dunkelgrün schimmernde Seen, kräftige Nadel- und saftig-grüne Laubwälder, freie, einladende Straßen, weiße Wolken am blauen Himmel. Den Rest liefert der BMW – und die Musik: ob 2Pac, Guns N’ Roses, The Beach Boys oder eben The Mamas and the Papas. Da muss die Fantasie kaum noch etwas leisten. Das ist real gewordene Californication im bayerischen Voralpenland.

Lustige Anekdote am Rande: Im Zuge des Wahlkampfes heißt es, dass der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder sein Bundesland jetzt zum »Kalifornien Deutschlands« entwickeln möchte. Was er mit Kalifornien genau meint, präzisierte er nicht. Es dürfte ihm aber wohl vor allem um den Work-Life-Balance-Ansatz gegangen sein: ein schönes Leben genießen und trotzdem produktiv sein. Auch mehr so ein Gefühl also.

Dank Allrad verliert jede noch so steile Bergstraße jegliche respektvolle Zurückhaltung.
Forsch hinauf!

Apropos produktiv: Jede Kurve in diesem BMW ist eine große Geste, voll von Exhibitionismus, und immer, wenn sich der Turbo-Reihen-Sechszylinder mit seiner zusätzlichen 11 PS starken Mild-Hybrid-Technologie vollauf motiviert, dann hat das etwas Hedonistisches, das begeistert. Es ist absurd und erhellend gleichermaßen. Und das nicht nur, weil gerade tatsächlich die Sonne scheint. Der Motor gibt den fein abgestimmten Rhythmiker, den mittleren Drehzahlbereich durchforstet er nach verborgenen, kraftvollen Stimmen, oben raus gibt es dann keine Geheimnisse mehr. Und dank Allrad verliert hier jede noch so steile Bergstraße jegliche respektvolle Zurückhaltung. Forsch hinauf! Jetzt kann man als puristischer Cabrio-Fahrer berechtigterweise fragen: Wozu Allrad in so einem schönen Cabrio? Ganz einfach, der Tradition wegen. Die Assoziationskette steigert sich hier direkt proportional über Begriffe wie Cabrio mit Stoffdach, Platz für vier Personen, Reihen-­Sechszylinder – eine Tradition, die zurück bis in die 1980er-Jahre und den E30 reicht.

Am Ende dreht sich dann aber sowieso wieder alles um den Stoff. Natürlich um den Stoff, aus dem die Helden sind.

Und auch der Allradantrieb fällt bei BMW in diese Epoche: 1985 kam mit dem 325i Allrad ein Vierradantrieb. Bis zum ersten Cabrio mit Allrad­antrieb dauerte es dann noch etwas länger.

Am Ende dreht sich dann aber sowieso wieder alles um den Stoff. Natürlich um den Stoff, aus dem die Helden sind. Roadmovie und so. Legendäre Cabrio-Fahrten durch Kalifornien flimmern da vor dem cineastischen Auge: »Leaving Las Vegas«, »Thelma & Louise« oder »U-Turn« mit Sean Penn, auch wenn da immer so eine emotionale Zerrissenheit zwischen einem Phantomschmerz in der Hand und dem Anblick der wahrscheinlich schärfsten Jennifer Lopez in einem Film überhaupt mitschwingt. Ein bisschen Wahnsinn, ein bisschen gespielte Verletzlichkeit und ganz viel Sex-Appeal.

Eine Leichtigkeit ist da im Dach, wie sie ein solches Cabrio haben muss, weil eben alles leicht und alles möglich ist auf so einer Fahrt.

Sehr konkret beim neuen 4er-Cabrio geht es aber eben auch um den Stoff, aus dem das Dach ist. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an ein Erlebnis mit dem Vorgänger-Modell: Das Metalldach klappte sich im Heck ein und man zuckte zusammen, weil sich die ganze Karosse bewegte, als habe gerade jemand einen Wohnwagen samt Großfamilie angehängt. Das Metalldach war schlicht viel zu schwer. Ganz anders das neue. Eine Leichtigkeit ist da im Dach, wie sie ein solches Cabrio haben muss, weil eben alles leicht und alles möglich ist auf so einer Fahrt.

Für alle, die tatsächlich bis hierhin gelesen haben und sich nicht längst mit einem Cabrio losgemacht haben, denen sei noch die Information zur Farbe unseres Fahrzeugs zugeworfen: San Remo Green Metallic. Auch hier jetzt noch die Kurve zum Lebensgefühl Kalifornien zu bekommen, ist uns dann aber doch zu anstrengend und damit so überhaupt nicht Kalifornien.

Deshalb belassen wir es damit auch und verbleiben mit einem lässigen Keep Riding! In welcher Farbe auch immer.


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