Hans Küng: Rebell aus Überzeugung

Hans Küng war Theologe – und Rebell. Mit seinen bisweilen provokanten Thesen hatte er sich die Versöhnung der gespaltenen Kirche seit der Reformation zur Lebensaufgabe gemacht. Dann gab es da noch seine Affinität zu Autos, konkret: seine Begeisterung für die Giulia aus dem Hause Alfa Romeo. Am 6. April ist Hans Küng im Alter von 93 Jahren in Tübingen verstorben.
Text Michael Köckritz
Bild Lange Photography

Der Text in seiner Urfassung stammt aus der ramp #24 (2013)


Sie waren jung, ehrgeizig und hatten große Ziele: Joseph Ratzinger, 35, Professor in Bonn und Hans Küng, ein Jahr jünger, Professor in Tübingen. Und sie gehörten zu den Auserwählten, die zum zweiten Vatikanischen Konzil eingeladen wurden. Von Papst Johannes XXIII persönlich und das, obwohl sie keine Bischöfe waren. Sie waren die Jüngsten, die Überflieger in einer Zeit, in der sich die Kirche modernisieren wollte. Es war 1962 und sie gehörten zu den „Periti“, den Beratern des Konzils. Zwar ohne Stimmrecht, aber mit Gewicht. Sie zählten trotz ihrer Jugend zu den angesehensten Theologen der Welt.

Die Fahrt nach Rom war aufregend. Hans Küng hatte seinen Freund Ratzinger mitgenommen und sie waren in einem Käfer unterwegs. Visionäre waren sie beide, populär nur einer: Hans Küng, der mit seinem soeben erschienenen Bestseller „Das Konzil und die Wiedervereinigung“ die Hitlisten stürmte. Seine kühnen Thesen zur Versöhnung der seit der Reformation gespaltenen Kirche machten ihn zum Star – und Rebell.

Ratzinger und Küng – der eine wurde Papst, der andere blieb Rebell. Aber das wussten die beiden noch nicht, als sie sich damals auf den Weg machten. Man schätzte sich und suchte den Austausch. Auch den kritischen Diskurs. Was eignet sich dafür mehr als eine zehnstündige Autofahrt von Tübingen nach Rom?

»Ratzinger und Küng – der eine wurde Papst, der andere blieb Rebell. Aber das wussten die beiden noch nicht, als sie sich damals auf den Weg machten.«

Es ist nicht überliefert, worüber im Einzelnen gesprochen wurde. Aber es gab ein Ereignis, über das bis heute geschmunzelt wird. Es ging dabei nicht um Theologie sondern – ganz banal – um Autos! Nicht um irgendwelche. Nein, es ging um einen Alfa Romeo. Es war die Zeit, als Alfa unsere Herzen mit Ideallinien und Sportlichkeit nachhaltig eroberte.

Es war irgendwo im Norden Italiens. Auf einer der damals schon schmalen und viel befahrenen Autobahnen. Der Käfers musste sich anstrengen, um Schritt halten zu können. Italienische Autos waren zwar nicht schneller aber schicker und die Fahrer flotter unterwegs. Im Rückspiegel der jungen Gelehrten tauchten plötzlich grelle Lichtstöße auf. Sie kamen immer näher und blendeten den Käfer-Piloten Küng. Wegen des dichten Verkehrs war es nicht möglich, sofort auf die rechte Spur zu wechseln. Hans Küng ärgerte sich, doch es gab auch die Neugier, was es mit dem Drängler auf sich hatte.

»Irgendwann ließ Küng den Drängler vorbei. Und es passierte ein Auto, das bei ihm tiefe Spuren hinterließ.«

Eine Affinität zu Autos hatte Küng immer, aber er sprach nie darüber. Sie war ihm nicht wichtig und er hatte stets Sorge um sein Image als Theologe und Wissenschaftler. Er wollte als Kirchenkritiker auffallen und nicht als Autonarr.
Ratzinger bedeuteten Autos nicht viel. Er fuhr zeitweise einen unauffälligen Golf, der kürzlich für einen fünfstelligen Betrag über Ebay verkauft wurde. Wegen des Eintrags in den Papieren. Aus dem Golf war ein Papamobil geworden!

Irgendwann ließ Küng den Drängler vorbei. Und es passierte ein Auto, das bei ihm tiefe Spuren hinterließ: Eine weiße Giulia von Alfa Romeo. Kantig, charismatisch, charaktervoll. Ein Rebell im Strom der Masse. So wie Küng sich vielleicht auch damals bereits selbst sah.

Das Auto jedenfalls hatte es ihm angetan und er beschloss noch auf dieser Fahrt, sich eine Giulia zuzulegen. Wie und woher, bleibt sein Geheimnis. Auch engen Vertrauten verrät er es nicht. Doch plötzlich war sie da. Und fiel auf, in den engen Gassen der Tübinger Altstadt. Wie der Fahrer, der gut zu diesem Wagen passte. Hans Küng war ein attraktiver Mann. Im besten Alter – als katholischer Priester allerdings unerreichbar für die Frauen. Aber das machte ihn vielleicht ja noch viel interessanter.

1966, ein Jahr nach dem Ende des Konzils, kam Ratzinger als Professor nach Tübingen. Hans Küng hatte ihn abgeworben. So unterschiedlich sie als Theologen waren, so unterschiedlich bewegten sie sich fort: Küng in der Giulia, Ratzinger auf dem Fahrrad. Der Langsamere hat den Gipfel erreicht, wurde Papst. Der andere blieb Aufrührer – aber nur als Theologe. In den Tübinger Gassen fällt er mit seiner C-Klasse heute nicht mehr auf.

Langsam betritt Hans Küng am Abend des 24. Oktobers die Bühne. Behutsam setzt er sich auf den großen Sessel. Die Zuschauer begrüßen ihn herzlich mit einem warmen Applaus. Es ist ein Heimspiel. Moderatorin Bernadette Schoog beginnt das Gespräch locker, die Wellenlänge passt. Sie lässt Küng viel Raum. Und spricht natürlich auch das Thema an, das im Vorfeld für so viel Diskussionen gesorgt hat: Sterbehilfe. Ja, Küng will selbst bestimmen, wann sein Leben zu Ende geht, sagt er. So qualvoll enden wie sein enger Freund Walter Jens will er nicht. Er spricht offen über aktive und passive Sterbehilfe. Küng möchte, dass dieses Thema endlich breit diskutiert wird und aus der Tabuzone kommt. Er will noch einmal provozieren – aus Überzeugung. So kennen und schätzen wir ihn.

Später wird seine Stimme leiser. Am Schluss gibt es stehende Ovationen. Ich muss an einen großen Künstler denken, der die Bühne verlässt. Noch einmal wird sein Lebenswerk von allen gemeinsam gefeiert. Küng lächelt zum Abschied.

Am 6. April ist Hans Küng im Alter von 93 Jahren in Tübingen verstorben.


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