Harley-Davidson: The Ballad of Easy Rider

Spätestens mit einem Film, der 1969 erschien, war jedem klar: Eine Harley-Davidson ist gar kein Motorrad. Es ist die manifestierte Vision von Freiheit. Für die man noch nicht mal mehr eine Straße braucht.
Text Wiebke Brauer
Bild Harley-Davidson

»All for Freedom. Freedom for All.« Der Werbeslogan von Harley-Davidson stammt aus dem Jahr 2017, wobei das Datum im Grunde genommen keine Rolle spielt. Weil die geistige Haltung hinter dem Motto bereits galt, als der Maschineningenieur William Harley zusammen mit den Brüdern William, Arthur und Walter Davidson in einem Holzschuppen in Milwaukee, Wisconsin, das erste »Motor-Bicycle« zusammenbaute. 1903 war das. Das Motto war 1969 aktuell, als Peter Fonda in »Easy Rider« seine Maschine über Amerikas Straßen lenkte, 1991, als Arnold Schwarzenegger in »Terminator 2« auf der Fat Boy durch den Entwässerungskanal des Bull Creek in North Hills jagte – und er soll es noch heute sein, wenn man auf eine brandneue Pan America 1250 steigt.

Harley-Davidson ist mehr als ein popkulturelles Phänomen, es ist ein Mythos. Der sich aus einer langen Marken-geschichte speist, aus Bildern, die wir auf der Leinwand sahen und die sich unauslöschlich einbrannten – und der sich über das Schlüsselwort Freiheit definiert, das sich wie ein roter Faden durch die Historie und ihre Erzählung zieht. Harley-Davidson bedeutet, in Freiheit Dinge neu und anders zu denken. Das gilt für die Gründer, die Firmenlenker – und es gilt für diejenigen, die auf einer Harley sitzen und einfach fahren. Auf einer Harley ist der Horizont immer etwas weiter, der Himmel ein wenig höher und die Straßen deutlich breiter. Wenn man sie denn überhaupt noch braucht.

»Get your motor runnin’
Head out on the highway
Looking for adventure
In whatever comes our way«

»Born to Be Wild« – Steppenwolf

Besagter Nonkonformismus begann mit dem Gedanken, die Mobilität verändern zu wollen. Eine Alternative zum Automobil sollte her – also ersannen Harley und die Davidsons einen Motor, den man auf ein Fahrrad montieren konnte. 1909 wurde das erste Zweirad mit zwei Brennkammern und einem Brennraumvolumen von 811 Kubik­
zentimetern konstruiert. Dabei wurden die zwei Zylinder im 45-Grad-Winkel zueinander angeordnet, damit sie in den Rahmen passten und nicht, wie bei den meisten Motorrädern, hinter einer Abdeckung versteckt. Dass man das Modell 5-D, das nur mit einer Rücktrittbremse ausgestattet war, auf 100 Stundenkilometer beschleunigen konnte, nun, nennen wir es abenteuerlich. Typisch in jedem Fall die außerordentliche Leistung und dass man bei Harley-Davidson danach ständig weitertüftelte.

»Flow river flow Let your waters wash down Take me from this road To some other town« – Ballad of Easy Rider by Roger McGuinn

Zwar ist das Grundprinzip des Antriebs – zwei Zylinder im 45-Grad-Winkel – bis heute stilbildendes Merkmal vieler Harley-Davidson-Motoren und zahlt auf die lange Tradition ein, das heißt aber nicht, dass man nicht unvermutet mit einem Elektromotorrad um die Ecke kommen könnte. Mit der LiveWire hatte keiner gerechnet. War nicht das Pöttern der Motoren heilig? Ja, war es, aber auf der anderen Seite steht die Marke (und ihre Fahrer) nicht unbedingt für das Festhalten an starren Konventionen. Und nun bringt man mal eben eine große Reise-Enduro namens Pan America 1250 auf den Markt. Angeboten wird die Pan America in zwei Modell-Varianten.

Die Basisversion mit einem voll einstellbaren Fahrwerk mit 191 Millimetern Federweg vorn und hinten, fünf Fahrmodi, wobei einer davon selbst programmiert werden kann, außerdem mit Kurven-ABS und schräglagensensibler Traktionskontrolle. Der Tank fasst 21,2 Liter, auf die Waage bringt sie (nur) 245 Kilo­gramm. Zwar gab es so etwas noch nie, ein Adventure-Touring-Bike im Portfolio, aber ist das nicht der beste Grund? Es gab ja auch noch nie ein Motorrad, das über eine automatische Fahrwerksabsenkung verfügt. Die Technologie ist bei der Pan America 1250 Special optional erhältlich. Beim Halten senkt sich das Motorrad ab, beim Anfahren fährt es automatisch wieder hoch.

»Wer sich für eine Harley-Davidson entscheidet, erwirbt ein Lebensgefühl – das Motorrad gibt es kostenlos dazu.« Das sagte Willie G. Davidson einmal, der Enkel des Harley-Mitbegründers William A. Davidson. Dieses Lebensgefühl auf den amerikanischen Traum zu reduzieren, wäre ein bisschen zu wenig, weil es sich nicht nur auf Weite, Größe und Großzügigkeit beschränkt, sondern auf eine gesellschaftliche Zugehörigkeit und einen grenzüberschreitenden Willen zur Individualität. Von Weitem mag es so wirken, als gäbe es den einen Harley-Fahrer. Der davon träumt, dem Establishment und der Monotonie des Alltags den Rücken zu kehren und von Alaska bis nach Südamerika zu knattern. Doch je näher man kommt, desto feiner muss man unterscheiden. Absolut hierarchiefrei ist die Gemeinschaft, das ja, aber bei jedem Fahrer steht der Individualismus an erster Stelle. Auch das Wort Freiheit bedeutet für jeden etwas anderes – selbst in der Interpretation von Freiheit ist jeder, nun ja, frei.

»Oh, I’d rather go and journey Where the diamond crest is flowing And run across the valley Beneath the sacred mountain« – Wasn’t Born to Follow by The Byrds

Aber um noch einmal kurz den Bogen zum aktuellen Modell zu schlagen: Als »die wohl außergewöhnlichste Harley bislang« wurde die Pan America beschrieben, wobei sich dieser Satz auf die Fülle der technischen Innovationen, auf die Möglichkeiten und die Leistung bezog. Wer diesen Satz liest und bereits eine Harley fährt, wird über ihn lächeln. Weil er ja eh schon das außergewöhnlichste Modell besitzt. Zumal auch keine Harley der anderen gleicht. Da verwundert es nicht, dass die Geschichte des persönlichen Customizing eng mit der Marke Harley-Davidson verwoben ist. Besagte »Captain America«, die Peter Fonda als Wyatt in »Easy Rider« fährt, basierte auf einer 1951er Harley-Davidson FL, die Fonda vermutlich aus Polizeibeständen gekauft hatte. Wie man sich dann seine eigene Harley gestaltet? Da waren und sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Ach, eins noch: »Easy Rider« war übrigens einer der ersten Filme, der auf einen eigens komponierten Soundtrack verzichtete. Crosby, Stills & Nash hatten bereits unterschrieben, dann scheiterte der Vertrag wegen einer gemeinsamen Autofahrt. »Ich glaube nicht«, so soll Dennis Hopper gesagt haben, »dass jemand, der sich in Limousinen herumkutschieren lässt, meinen Film verstehen kann.« Hopper nahm sich stattdessen die Freiheit und verwendete einfach Songs, die er beim Schneiden des Films im Radio hörte. Eben seine ganz persönliche Playlist. Und auf dieser Playlist befand sich neben »Born to Be Wild« von Steppenwolf auch der Song »Ballad of Easy Rider« von Roger McGuinn.




Harley-Davidson Pan America 1250
Motor: V2-Benziner
Hubraum: 1.252 ccm
Leistung: 152 PS (112 kW) bei 8.750 U/min
Drehmoment: 128 Nm bei 6.750 U/min

Die Modelle Pan America 1250 und Pan America 1250 Special werden vom neuen, 152 PS starken Revolution Max 1250 mit Trockensumpfschmierung, Vierventiltechnik und zwei obenliegenden Nockenwellen je Zylinder angetrieben. Um das Gesamtgewicht (Pan America 1250: 245 kg, Pan America 1250 Special: 258 kg) zu reduzieren, dient der Motor zugleich als tragendes Element des Chassis. Erstmals bei Harley verfügt das 6,8-Zoll-TFT-Display über eine dynamische Kartennavigation.

Custom? Cover! Exklusiv erhältlich bei eurem Harley-Davidson-Händler.


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