Im Auge des Betrachters

»Kunst ist eine Idee«, sagt Bertrand Petyt. Er leitet das Haus »Le Beauvallon« in Saint-Tropez und unterrichtet Kunst in Monaco. Wir flogen hin – und fuhren mit dem neuen McLaren GT wieder weg.
Text Matthias Mederer
Bild Matthias Mederer & Maximilián Balázs · ramp.pictures

Bertrand Petyt steht vor einem Glaskasten und blickt den Teddybären darin an, dessen Körper aus Hunderten kleinen, goldenen Pyramiden besteht. »Das, zum Beispiel«, sagt er und kratzt sich dabei ein wenig nachdenklich am Kinn, »das verstehe ich nicht«.

Eine Idee also. Wie ein GT von McLaren vielleicht? Ich ertappe mich dabei, dass ich mit dem Gedanken spiele, den neuen McLaren GT mit dem Kunstbegriff zusammenzubringen. Dann erkenne ich, dass ich mich damit nur selbst in die passive Rolle eines Betrachters bringen würde, der staunend vor dem Kunstwerk steht und nur anerkennend feststellen darf: »Klasse! Ein Meisterwerk!« Doch das ist ja nur der erste Schritt bei einem McLaren. Schließlich besteht die Kunst bei einem Auto aus dem britischen Woking ja vor allem darin, auf dem Fahrersitz Platz nehmen zu dürfen und selbst zum Künstler zu werden. Wenn man so will.

Wir sind in Saint-Tropez, direkt an der französischen Mittelmeerküste, im Haus Le Beauvallon. Dieses Haus ist kein Hotel im klassischen Sinne, man kann hier als Privatperson nicht einfach eines der 41 individuell eingerichteten Zimmer buchen und ein paar Tage Urlaub machen. Wer hier absteigen möchte, muss das ganze Haus mieten, samt Strand-Poolhaus. Bertrand Petyt leitet das Haus, das mit Kunstwerken überwiegend nach der daoistischen Harmonielehre des Feng Shui eingerichtet ist. Nebenher unterrichtet er in Monaco Kunst. Eins gibt er allerdings vorneweg zu: »Ich sage meinen Studenten immer, dass ich ihnen nichts beibringen kann. Alles, was ich ihnen mitgeben kann, ist, dass sie mutig sein müssen, auf Risiko gehen sollen und dann ihre Erfahrungen machen werden.« Wieder ertappe ich mich dabei, wie ich versuche, diesen Ratschlag mit dem McLaren in Einklang zu bringen, behalte das aber bis auf Weiteres erst mal für mich. Schließlich steht da immer auch irgendwo ein Kaufpreis von rund 200.000 Euro im Raum.

»Ich sage meinen Studenten immer, dass ich ihnen nichts beibringen kann. Alles, was ich ihnen mitgeben kann, ist, dass sie mutig sein müssen, auf Risiko gehen sollen und dann ihre Erfahrungen machen werden.«

Als McLaren mit der Idee kam, einen GT zu bauen, war der erste spontane Impuls: »Hee, Moment mal! Macht das Ding nicht zu schwer und ja nicht zu weich.« Und, für die Erbsenzähler, auf dem Papier ist der GT mit 1.530 Kilogramm tatsächlich der schwerste McLaren. Aber diese Anmerkung ist in etwa so nützlich wie ein Austritt aus der EU. Weit mehr Sinn macht da schon der Verweis auf den zusätzlichen Kofferraum hinten. Die Heckklappe öffnet automatisch. Gesprächsprotokoll mit einem McLaren-Mitarbeiter: »Da bringt man locker einen großen Golfbag oder ein paar Ski rein.« – »Oder die Mona Lisa.« – »Was?« – »Was?« Lassen wir das. Einsteigen bitte.

Schon der Anblick des puristisch so funktional schlicht und sauber gehaltenen Lenkrads lässt mich schmunzeln. Mehr als 125 Jahre Entwicklung und kreativer Erfindergeist stecken im Automobil. Was hat sich der Mensch in dieser Zeit nicht alles ausgedacht? Und was macht McLaren? Ein Lenkrad, rund. Zumindest fast. That’s it! Ergonomisch perfekt geformt, zugegeben, aber ansonsten befreit von jeglichem Schalter oder Design-Schnickschnack. Ein Rad der Erkenntnis, wenn man so möchte. Mehr noch. Ein spöttisch-puristischer Seitenhieb gegen so ziemlich alles Überladene unserer hektischen Welt. Man sollte ein McLaren Lenkrad ins MOMA in New York hängen! Meine Meinung.

Türe zu und ab dafür. Zunächst im gemächlichen Stil, wobei der neue McLaren GT hier über eine Disziplin verfügt, die dem Fahrer fast so viel Adrenalin in den Blutkreislauf pumpt wie eine Runde in einem LT auf der Rennstrecke. Dank einer deutlich höheren Frontlippe könne man mit dem GT nämlich rücksichtslos wie mit einem Mietwagen über die tückischen französischen Bremshügel fahren (O-Ton eines McLaren-Mitarbeiters, der aus Datenschutzgründen nicht genannt werden möchte). Jeder, der einmal das markerschütternde Knarzen einer sündteuren Karbonschürze auf rauem Asphalt provozierte, hat einen untrüglichen, tiefverankerten Schutzreflex, der es ihm unmöglich macht, ungebremst mit 30 Sachen in einem McLaren auf einen dieser Bremshügel zuzusteuern und draufzufahren. Der GT kann es. Aber es braucht ein paar Bremshügel.

Dann Landstraße. Ganz andere Disziplin. Viel vertrauter. Alte Liebe. Beschleunigen. Bremsen. Beschleunigen. Bremsen. Beschleunigen … Die Bergstraßen gleich hinter Saint-Tropez geben den Rhythmus vor und der McLaren fließt über seine gewohnt gut ausbalancierte innere Achtzylinder-Mitte. Erste Erkenntnis: Harmonie ist keine Frage der Gleichmäßigkeit. Das schiere Tempobolzen war nie der wahre Wesenskern beim Fahren eines McLaren im Allgemeinen und beim Fahren des GT im Speziellen. Vielmehr geht es darum, gefasst zu sein, sich in Konzentration zu üben, ganz und ausschließlich bei sich zu sein, den Moment zu begreifen, das, was da gerade passiert, die ständig wechselnden Zustände und Kräfte zu überreißen, die auf uns wirken und fast schon Metaebene sind, viel größer als wir selbst. Das Streben nach dem Immer-Weiter, wie es der Hobby-Philosoph Oliver Kahn einst formulierte. Eben all das zu verstehen, was den Menschen, dieses kleine Irrlicht, auf dieser Erde seit Jahrhunderten antreibt und ihn durch all die Wirrungen, Richtungsänderungen, Kurven treibt, die es zu meistern gilt. Die Geraden dienen dann der Demonstration dessen, was gemeinhin als die ungeheure, alles in den Sitz nagelnde Kraft des Antritts beschrieben werden kann.

Zweite Erkenntnis: Ein Wohnmobil (Achtung: Klischeealarm! Holländer!!) ist ein absoluter Störfaktor für die Harmonie in einem McLaren. Vor allem dann, wenn es sich wie in diesem Fall nicht zügig überholen lässt. Auf der anderen Seite bleibt auf diese Art auch etwas Zeit zum Reflektieren. Bertrand Petyt hatte mich nämlich noch auf ein zweites Kunstwerk hingewiesen. Eines, das er wirklich sehr mag. Es ist eine Skulptur aus Metall von Zheng Lu, das sich wie Wassertropfen um die Säulen in der Lobby des 1911 erbauten Hauses schlingt. Das Faszinierende daran: Es handelt sich bei dem Kunstwerk mit dem Titel »Dripping – You and Me« eigentlich um eine Kalligrafie, denn die Skulptur besteht aus den Buchstaben, die der französische Poet Paul Geraldy in seiner Liebeserklärung »Toi et Moi« verwendete. Ich habe die Lettern nicht gezählt und abgeglichen, will es beim Anblick der meterhohen Skulptur aber einfach mal glauben. Das Kunstwerk will die Verflechtung der vielschichtigen Beziehungen zwischen dem Gebäude und der Skulptur darstellen: »You are still in love with me as I am still in love with you and I will always be.«

Kein Zweifel, hätte Geraldy jemals die Möglichkeit gehabt, einen McLaren zu fahren, er hätte exakt die gleichen Worte gewählt. Ich ziehe kurz zweimal an der linken Schaltwippe, das Getriebe klack-feuert in den dritten Gang, der V8-Twin-Turbo trompetet-grollt-spannt sich irgendwo bei 4.500 Umdrehungen in diese McLaren-typische Habachtstellung, dann prescht-reißt er los. Als Fahrer kann man sein Glück kaum glauben, dass man dabei sein darf. So muss sich ein Gepard fühlen, wenn er nach unzähligen erfolglosen Versuchen endlich mal wieder was Großes, Fettes gerissen hat – und ihm vor allem keiner den Festbraten streitig macht. Interessant wäre an dieser Stelle noch zu erfahren, wie sich wohl der Fahrer des holländischen Touri-Gespanns fühlt. Aber der ist bereits so weit zurückgeblieben, dass man ewig warten müsste, um ihn zu fragen.

»Er atmet die schwere Hitze über seine Öffnungen aus. Knistern. Und der starre Blick auf das Emblem am Heck: "McLaren" chromblitzt es da im Sonnenlicht an der französischen Mittelmeerküste. Sonst nix.«

Kurzer Zwischenstopp. Atempause nennen sie das beim Sport. Und genau das trifft es auch beim McLaren GT. Er atmet die schwere Hitze über seine Öffnungen aus. Knistern. Und der starre Blick auf das Emblem am Heck: »McLaren« chromblitzt es da im Sonnenlicht an der französischen Mittelmeerküste. Sonst nix. Außer der dramatische Himmel über uns. Sieht aus, als ob sich ein Inferno im Geiste von Dante anbahnt. Oder Regen. Ein Espresso wäre jetzt fein. Nur woher nehmen? Weit und breit nur Berge, Sträucher, Straße. Zwei Rennradfahrer, asketisch gestählte Waden, braungebrannte Arme, buntes TourdeFrance-Hemdchen, passender Helm. Kurz stockt der energische Strampler-Rhythmus beim Blick auf den goldenen Sportwagen am Wegesrand. Ich vernehme nur einzelne Gesprächsfetzen, die der Wind herüberweht. »Alpine? Porsche?« Oh, mon Dieu! In einem ersten Anflug von Aufregung will ich den beiden am liebsten in kratzendem Deutsch hinterherrufen: »Es ist ein McLaren, verdammt!« Dann aber besinne ich mich, denke, vielleicht ist es ja doch ein Stück weit Kunst. Und dann darf jeder in diesem Auto sehen, was er eben möchte. Selbst zwei französische Radfahrer.

McLaren GT

Motor: V8-Twin-Turbo
Hubraum: 3.994 ccm
Leistung: 620 PS (456 kW)
Max. Drehmoment: 630 Nm bei 5.500 – 6.500 U/min
0–100 km/h: 3,2 s
Vmax: 326 km/h

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